Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(64) Es war am späten Nachmittag…

Es war am späten Nachmittag und der Jahrmarkt war recht gut besucht. Antonio versuchte sich im Luftgewehrschießen, es reichte aber nur für eine Plastikrose, die er verschmähte. Auf Gipsröllchen zu schießen, war nichts für ihn. Den flehenden Blick von Giorgio übersah er. Giorgio würde wahrscheinlich viel besser treffen als er. Das musste nicht bewiesen werden.

Sie kauften sich beide ein Eis und schlenderten weiter zu dem Autodrom. Antonios Miene heiterte sich auf, als er sah, dass gerade eine Gruppe von Nonnen auf den Autoskootern unterwegs war. Er befragte einen anderen Zuschauer. Bei den Nonnen handelte es sich um Franziskanerinnen aus dem naheliegenden Kloster. Es war Tradition, dass sie an dem Tag des Kirchweihfests, das gerade gefeiert wurde, einen Ausflug auf den Jahrmarkt machten. Antonio schaute den Nonnen lächelnd zu. Wie zu erwarten, pflegten die Ordensfrauen keinen aggressiven Fahrstil, sondern versuchten, Zusammenstöße eher zu vermeiden. Die Hupe ertönte und die Skooter liefen aus. Die Nonnen kletterten aus den Fahrzeugen. Antonio war enttäuscht. Er schob Giorgio in Richtung Kasse an. „Kauf Chips“, befahl er, „viele Chips. Na los, mach schon.“ Giorgio trottete zur Kasse. Die Nonnen hatten sich freudestrahlend in einer Gruppe versammelt. Antonio schritt zu ihnen, stellte sich vor und erzählte, dass er sich sehr gefreut habe, den Schwestern beim Skooterfahren zuschauen zu dürfen. Ob sie nicht ihm zuliebe noch eine Fahrt machen wollten. Die Nonnen ließen sich überreden und setzten sich bei der nächsten Pause wieder in die Skooter, mit den Chips, die ihnen Giorgio gegeben hatte. Antonio schaute ihnen verzückt zu. Nach drei weiteren Fahrten versprach er ihnen einen neuen Altaraufbau in der Klosterkapelle, wenn sie für ihn noch drei weitere Male fahren würden. Sie berieten sich kurz und erfüllten ihm den Wunsch.

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(63) Antonio Guerra betrachtete sich im Spiegel…

Antonio Guerra betrachtete sich im Spiegel und strich seinen Schnurrbart glatt. Mit der Bartschere schnitt er zwei aus der Reihe tanzende Barthaare ab, legte sie auf den Ablauf und versenkte sie mit einem Strahl aus der Mischbatterie. Den Krawattenknoten rückte er gerade, bürstete die Haare glatt und schaute hinunter auf seine blankpolierten Schuhe mit den Einlegesohlen, die ihn größer erschienen ließen. Er seufzte und kehrte wieder in sein Arbeitszimmer zurück.

Guerra hatte sich darauf gefreut, noch ein Mal von vorn anzufangen an einem Ort, an dem ihn niemand kannte. Das hatte nicht funktioniert. Sein Ruf war ihm vorausgeeilt, ein Idiot lief sogar als Sandwichman durch die Straßen und beleidigte ihn. Zuhause wäre das kein Problem gewesen, aber er wollte es hier anders machen. Er hatte bereits für verschiedene wohltätige Zwecke große Summen gespendet, der Bürgermeister freute sich über sein nagelneues Laptop mit Touch Screen Panel und im nächsten Monat standen die Einweihung der neuen Tore des Fußballvereins sowie die Weihe der neuen Fahne des Gesangschors an. Das würde sich alles einrenken. Er nestelte an seinen Manschettenknöpfen.

Ihm war langweilig, doch er wollte es sich nicht eingestehen. Der Umzug war eine unausgegorene Idee gewesen, die er bereuen musste. Antonio Guerra war ein Mann der Tat – wenn es darauf ankam, war er stets in vorderster Front dabei und drückte allem und jedem seinen Stempel auf. Als Privatier in respektabler Umgebung war er fehl am Platz. „Giorgio!“, rief er mit heiserer Stimme. Sofort öffnete sich die Tür und sein Leibwächter füllte den Türrahmen aus. „Bring mir mal die Tageszeitung.“ Giorgio kehrte schnell damit zurück. Antonio breitete sie auf dem Schreibtisch aus und überflog den Lokalteil. Sein Blick blieb an einem Jahrmarkt hängen. Besser als nichts. „Wir machen einen Ausflug“, verkündete er Giorgio. „Nur du und ich, nur zum Spaß, kein Geschäft. Leider.“

(62) Feldmann trank einen großen Schluck Bier.

Feldmann trank einen großen Schluck Bier. „Es fing vor sechs Monaten an. Die große Industriellenvilla am Hang sollte verkauft werden und es gab Gerüchte, dass reiche Ausländer sie sich unter den Nagel reißen wollten. An sich ist dagegen nichts einzuwenden. Der Makler wollte aber nicht herausrücken, wer der Käufer war. Das war seltsam. Als erster war wohl der Bürgermeister eingeweiht, der aber auch jetzt noch alles abstreitet. Eine Verschwörung.“ Bisher eher ruhig, redete sich Feldmann nach und nach in Rage. Die Fakten, die er Rombach präsentierte, waren folgende: Die Villa war an einen ausländischen Millionär namens Antonio Guerra verkauft worden. Gerüchte besagten, dass es sich dabei um den Chef eines Verbrechersyndikats handelte, der sein Geld mit Drogenhandel und Prostitution verdiente. Feldmann und seine Mitstreiter hatten alles versucht, um den Verkauf an Guerra zu verhindern, waren aber auf der ganzen Linie gescheitert. Guerra hatte die Villa bezogen und seitdem ging, Feldmann zufolge, Bad Buchtal vor die Hunde. Inzwischen hatten die Mitstreiter von Feldmann aufgegeben und sich mit der Situation abgefunden. Nur Feldmann nicht, er wollte weiter kämpfen.

Rombach dachte nach und erzählte Feldmann dann seine Geschichte. Er zeigte ihm das Foto noch einmal, berichtete von Eva und von ihrem Tod nach monatelanger Krankheit. Er beschrieb, wie er das Foto gefunden hatte und was er in den letzten Tagen unternommen hatte. Auch er war nicht erfolgreich gewesen. Er wusste jetzt genauso viel wie am Anfang.

„Es bringt nichts“, Rombach schüttelte den Kopf. „Ich werde es nicht herausfinden und es ist es nicht wert, dass ich mich damit bis ans Ende meiner Tage befasse. Ich hatte eine sehr schöne Zeit mit Eva, die kann mir keiner nehmen, auch der nicht.“ Er deutete auf das Foto, nahm es in beide Hände und zerriss es in viele kleine Schnipsel, die er zu einem Häufchen aufschichtete. „Und Sie sollten es vielleicht auch so machen. Wenn Señor Guerra hier Mist baut, wird man ihn einsperren. Lassen Sie sich nicht von anderen beeinflussen. Leben Sie Ihr eigenes Leben.“

(61) Als Hans Rombach zum Auto zurückging…

Als Hans Rombach zum Auto zurückging, begegnete er einem Mann in schwarzem Anzug und Hut. Vorn und hinten trug er an Seilen befestigte Werbetafeln. Hans hatte solche Tafeln bisher nur im Film oder auf Fotos gesehen. Vorn auf der Tafel stand: ‚Das Ende ist nahe.‘ Der Mann bewegte sich geradewegs auf Hans zu. Irgendetwas an dem langsamen, bestimmten Gang des Fremden interessierte Hans und er stoppte. Als Jobst Feldmann auf gleicher Höhe wie Hans Rombach war, blieb auch er stehen. Beide sahen einander erwartungsvoll an.

„Und, welche Informationen haben Sie für mich“, fragte Rombach. Feldmann hob das Schild an und antwortete: „Das Ende ist nahe.“ – “ Es ist wahrscheinlich nicht originell, aber Sie wissen ja, dass alles ein Ende hat, nur die Wurst nicht, denn die hat zwei.“ – „Das hat mir noch niemand gesagt“, entgegnete Feldmann. „Im Ernst?“ – „Nein, das war ein Scherz.“ Feldmann verzog den schmalen Mund zu einem Lächeln dabei. „Um welches Ende geht es denn?“ Feldmann drehte sich um. Die Aufschrift auf dem rückwärtigen Schild war ‚Bad Buchtal geht vor die Hunde‘. „Aha“, bemerkte Rombach, „einen Augenblick hatte ich Angst. Aber was soll denn an diesem schönen Ort passieren. Hat man vor, ein Atommülllager hier anzulegen? Oder soll eine Talsperre den Ort fluten?“ – „Nein, das Böse ist hierhergekommen.“

Rombach zog das Foto aus der Innentasche seiner Windjacke und hielt es Feldmann hin. Mit dem Daumen hielt er Eva abgedeckt. „Sieht es so aus?“, fragte er. „Nein“, antwortete Feldmann, „mein Böses sieht anders aus.“ – „Ich mache Ihnen einen Vorschlag“, sprach Rombach. „Wir gehen einen trinken und Sie erzählen mir von Ihrem Bösen und ich erzähle Ihnen von meinem.“ Feldmann nickte, „Einverstanden, guter Vorschlag. Gehen wir doch an die Hotelbar.“ – „Das“, Rombach wiegte seinen Kopf hin und her, „möchte ich nicht. Gehen wir in das Wirtshaus da vorne. Wenn Sie wollen, können Sie die Schilder in meinen Kofferraum legen.“ – „Das ist nicht nötig, man kennt mich hier“, erwiderte Feldmann stolz und machte den ersten Schritt in Richtung Bürgerschänke.

(60) Es war unzweifelhaft das richtige Hotel.

Es war unzweifelhaft das richtige Hotel. Das Foto war direkt vor dem Haupteingang aufgenommen worden. Wahrscheinlich hatte der Fotograf dabei etwas auf der Straße gestanden. Auch wenn er das Foto in den letzten Tagen intensiv betrachtet hatte, fühlte Hans Rombach jedes Mal wieder einen Stich im Herzen, wenn er es sich anschaute. Das Bild war ihm ein Rätsel. Er hatte das Foto unter den Sachen von Eva gefunden, in einer Holzkiste, zusammen mit allen Erinnerungen, die ihr am Wichtigsten gewesen waren.

Das Bild zeigte sie mit einem Mann vor dem Hotel und die beiden küssten sich auf den Mund. Hans erkannte Evas Kleid und wusste daher, dass das Foto vor weniger als fünf Jahren aufgenommen worden war. Den Mann kannte er nicht. Er war etwa so alt wie Eva, schlank, gutaussehend. Hans spürte, wie Eifersucht an ihm nagte.

Wie war das möglich? Hatte Eva einen geheimen Liebhaber gehabt, mit dem sie sich hier, in diesem Hotel, zu Schäferstündchen traf? Er und Eva hatten sich die letzten dreiundzwanzig Jahre ständig gesehen, hatten keine Nacht getrennt voneinander verbracht. Mit Ausnahme des Zeitraums, als Hans im Krankenhaus gewesen war (Nierenstein, schmerzhaft, aber erfolgreich zertrümmert). Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihn ausgerechnet da betrogen hatte. Außerdem war das über fünf Jahre her. Das Foto war neuer. Er hatte im Hotel nachgefragt und das Bild der Empfangsdame vorgelegt. Sie hatte sofort das Hotel erkannt, aber weder Eva noch der Mann waren ihr bekannt. Sie arbeitete seit drei Jahren in dem Hotel. Wer davor am Empfang gearbeitet hatte, wusste sie nicht. Der Besitzer und Geschäftsführer war nicht da, sie bat Hans, am nächsten Tag noch einmal nachzufragen. Hans hatte den Verdacht, dass sie ihm auch dann nicht weitergeholfen hätte, wenn sie die Personen auf dem Foto erkannt hatte. Immerhin könnte daraus ein Skandal für das Hotel entstehen.

Hans war unsicher. Wahrscheinlich würde er in den nächsten Tagen noch einmal vorbeikommen. Die Trauer, die er nach Evas Tod verspürt hatte, war nach der Entdeckung des Fotos wie weggewischt. Er würde nicht ruhen, bevor er eine Erklärung hatte.

(59) Bernd lehnte sich an den Kamin…

Bernd lehnte sich an den Kamin und feixte: „Die Geschichte war so, wie er erzählt hat. Aber er hat den Schluss weggelassen.“ – „Wie ging es denn weiter?“, drängte Monika neugierig.

Horst hatte sehr schnell herausgefunden, dass Bartels der Rädelsführer der Intrige gewesen war. Er fühlte sich verletzt und sann auf Rache. Die Filmcrew war gespalten. Einige meinten, es wäre ein sehr guter Gag gewesen und das müsse man als Hauptdarsteller vertragen. Andere fanden, dass Bartels zu weit gegangen war.

„Und was glaubst du?“, fragte Monika. Bernd schüttelte den Kopf: „Auf mich kommt es nicht an, ich bin hier bloß der Dackel für alle.“

Bernd fuhr fort zu erzählen. Die Wege zwischen den Drehorten waren zu Fuß zu weit und für ein Auto zu umständlich. Bartels fuhr deshalb mit einem Mountainbike zwischen den verschiedenen Sets hin und her. Horst hatte eines frühen Morgens ein paar Muttern an dem Fahrrad gelöst. Später am Tag, als Bartels gerade einen kleinen Bach überquerte, löste sich das Vorderrad und er schlug der Länge nach ins Bachbett hin. Daher hat er diese Narbe am Kinn. Die Produktion musste an dem Tag ausfallen und der Produzent war auf beide sauer.

„Seitdem herrscht frostiges Nebeneinander zwischen Horst und Olaf“, endete Bernd, „aber sonst sind wir hier beim Film eine große Familie.“ Er schaute aus dem Fenster. „Die Autogrammjäger haben uns gefunden“, bemerkte er und zeigte auf einen Mann vor dem Hotel, der mit einem Foto in der Hand herüberschaute.

(58) Monika war sich nicht sicher…

Monika war sich nicht sicher, ob sie im Gespräch richtig reagiert hatte. Sie hatte den Eindruck, dass Meinholt vor ihr geflüchtet war. Sie grübelte noch, als Olaf Bartels sich auf Meinholts verwaisten Sessel setzte. „Ich darf doch?“, fragte er. „Klar, gerne“, antwortete sie. „Und wie gefällt es dir beim Film? Ich hoffe, der Herr Burgschauspieler törnt dich nicht zu sehr ab.“ Monika hatte bereits gemerkt, dass es ständig Reibereien zwischen Meinholt und Bartels, dem Kameramann, gab. Meinholt fand meistens, dass er sehr unvorteilhaft ausgeleuchtet sei und legte sich mit Bartels an, der aber auch nicht nachgab. „Ein Cola-Rum“, bestellte Bartels beim Bartender. Dann erzählte er von sich, seiner wunderbaren Karriere und seinem absoluten Auge. „Hattest du vorher schon mit Horst gedreht?“, warf sie in einer Gesprächspause ein. Bartels nickte mit schwerem Kopf. „Vor einem Jahr. Irgendeine Sülzgeschichte in Irland. Ich war alt und brauchte das Geld. Eines Abends hat eine Kollegin Horst beiläufig gefragt, ob er sich mal um ihre Muschi kümmern könne. Dann gab sie ihm ihren Zimmerschlüssel. Du hättest Horsts Gesichtsausdruck sehen müssen. Es war spät und wir gingen nacheinander gähnend hoch. Als es ruhiger geworden war, sah Horst seine Zeit gekommen. Er öffnete die Tür von Zimmer 103, das werde ich nie vergessen. Es war dunkel und er machte kein Licht. Er zog sich aus, legte sich ins Bett. Er tastete etwas unter der Decke herum. Dann suchte er plötzlich hastig nach dem Lichtschalter, fegte fast die Stehlampe vom Nachttisch. Als das Licht endlich brannte, nahm er ganz verstört die Katze wahr, die neben ihm im Bett lag und ihn mit großen Augen fixierte. Da konnten wir das Lachen nicht mehr unterdrücken und brachen brüllend hinter dem Vorhang hervor.“ – „Alle?“ – „Die halbe Crew, inklusive der Kollegin, unserem Lockvogel. Es war ein Bild für die Götter. Unter uns: Er hat einen sehr kleinen Schniedel.“ Bartels trank seinen zweiten Cuba Libre aus und erhob sich. „Manchmal ist es beim Film etwas rauer“, erklärte er, „aber immer nur für die, die es verdienen. Also keine Bange. Ich freue mich, dass du im Team bist.“ Er klopfte dem Best Boy, Bernd Funke, der kurz vorher ins Kaminzimmer gekommen war, auf die Schulter und trat in die Lobby hinaus.

(57) „Letztes Jahr hatte ich eine Produktion…

„Letztes Jahr hatte ich eine Produktion an der Côte d’Azur“, erzählte Meinholt. „Ich spielte einen Sonnyboy, einen Mann, dem das Glück immer hold ist. So eine Art Gustav Gans. In einer Szene war es vorgesehen, dass ich mit einem Sportwagen an einer Küstenstraße entlang fahre. Da sehe ich an der Strandpromenade die Frau meiner Träume. Sie stellt alles dar, was mir noch zum absoluten Glück fehlt. Ich bin dermaßen gepackt von diesem Anblick, dass ich nicht auf die Straße achte und mit dem Wagen gegen die Brüstung an der Strandpromenade donnere.“ Monika war wie gebannt. „Das klingt gefährlich“, meinte sie. „Alles nur Film“, antwortete Meinholt lachend. „Ich wollte selbst fahren, aber die Versicherung war dagegen. Deshalb mussten wir einen Stuntman engagieren. Auf jeden Fall: Es ist Abend, die Sonne steht perfekt, alles ist in goldenes Licht getaucht. Die Einstellungen von mir im Wagen, ein 911er Porsche, hatten wir bereits am Vortag gedreht. Die Kollegin war in Position auf der Strandpromenade. Tolles Kleid, unheimlich sexy. Zu sexy, wie sich leider herausstellte. Die Security hatte die Straße noch nicht abgesperrt, die Franzosen sind ja bei so etwas unglaublich nachlässig. Auf jeden Fall kommt ein Typ mit seinem Peugeot 107 die Straße entlang gebrettert, sieht die Schauspielerin und ist komplett verwirrt. Genau wie im Drehbuch, er brettert gegen die Brüstung. Alle laufen hin, glauben, der Typ ist tot. Aber nein, wie im Film, er steigt aus dem Auto, zwar benommen, aber sonst ganz ok.“

„Unglaublich, lief die Kamera?“ – „Leider nicht, der Typ hätte sich eine tolle Gage verdienen können. Es war spektakulärer als der Stunt am nächsten Tag. Aber natürlich brauchten wir den Crash auch mit dem Porsche. Der Peugeot hätte nicht gereicht. Der Typ hatte auf jeden Fall fast so viel Glück wie ich in dem Film.“

Meinholt schaute auf die Uhr. „Ich muss jetzt meinen Agenten anrufen. Sehen wir uns später noch?“

(56) „Es fühlt sich an, als ob ich…

„Es fühlt sich an, als ob ich auf einem abgenagten Hähnchengerippe säße“, beklagte sich Monika. Horst Meinholt nickte verständnisvoll.

Die Medien dichteten Meinholt einen Ruf an, nicht unähnlich dem von Maxwell: ein Macho mit einem ungeheuren Frauenverschleiß. Ständig auf der Suche, allzeit bereit. Diesem Image entsprach Meinholt auch, so lange Journalisten zugegen waren. Im kleinen Kreis, so Monikas bisherige Erfahrung, war er freundlich, unaufdringlich und sehr angenehm. Monika konnte sich ohne weiteres vorstellen, dass das Heißeste in Meinholts Bett eine Wärmflasche war. Drehte er aber auf und setzte seine Charmeur-Stimme ein, konnte man sicher sein, dass Publikum oder Journalisten in der Nähe waren.

„Und einen Straußenhals zwischen den Brüsten zu haben… Nun, ja, ich weiß nicht, was der Autor dabei geraucht hat…“ Sie war aufgeregt, Meinholt hatte ihr an Erfahrung so viel voraus. Jetzt saß sie mit ihm im Kaminzimmer dieses Hotels in einem denkmalgeschützten Fachwerkhaus, das ihr als Kind so imponiert hatte. Sie wollte aber nicht wie eine blasierte Nörglerin klingen. „Vor fünf Monaten habe ich an einer interessanten Theaterproduktion teilgenommen. Wir gaben ‚Wer hat Angst vor Virginia Woolfe‘ von Albee. Ich spielte Honey, die naive Ehefrau. Das Besondere an der Produktion war, dass es in einem Pflegeheim spielte und die beiden Paare im Greisenalter waren.“ – „Sehr beachtlich“, meinte Meinholt, „da ergeben sich ja ganz neue Möglichkeiten für das Stück.“ Er schien wirklich interessiert, stellte sie erleichtert fest. Eigentlich war die Produktion erbärmlich gewesen und der Regisseur hatte alle Darsteller mit seinen klamaukigen Gebissscherzen in die Verzweiflung getrieben. Die Inszenierung war zwei Mal aufgeführt und dann vom Intendanten beerdigt worden. Danach hatte sie erst einmal wieder von der Stütze gelebt, bis ihr Agent sie zum Vorsprechen für „eine Art Remake von Freaks“ schickte.

(55) Monikas wichtigste Szenen entstanden…

Monikas wichtigste Szenen entstanden, als Wanja gestorben war und Maxwells ungeduldige Gläubiger ihm gefährlich auf die Pelle rückten. Er musste eine neue Einnahmequelle finden. Lola war zu diesem Zeitpunkt seine Geliebte. Sie inspirierte Maxwell zu einer Idee für eine neue Attraktion: „Lalo, halb Frau, halb Vogel“.

Die beiden stahlen dazu einen ausgewachsenen Strauß aus dem Antwerpener Zoo, in dem gerade Bauarbeiten stattfanden. Lola taufte den Strauß auf den Namen „Mr Magic“. Maxwell ließ ein Kleid von Wanja umnähen und auf Lola samt Mr Magic anpassen. Die Nummer funktionierte wie folgt: Maxwell kündigte dem Publikum ein noch nie dagewesenes Geschöpf an. Eine Frau wie aus der griechischen Mythologie: halb Frau und ab der Taille (dabei zwinkerte er) die Beine eines Vogels. Dann zog er an einer Goldkordel und ein roter Samtvorhang öffnete sich. Dahinter war Mr. Magic und auf ihm saß Lola. Lolas Kleid endete dort, wo die Beine von Mr. Magic aus seinem Rumpf ragten. Der Hals von Mr. Magic führte unter dem Kleid an Lola hoch, der Kopf verschwand unter einem Sonnenschirm, den Lola in der Hand trug und kokett drehte. An strategischen Stellen hatte Maxwell das Kleid unterfüttern lassen, damit es aussah, als ob Lola Riesenbrüste hätte und ihre Nippel erigiert seien – er meinte, dass dies das hauptsächlich männliche Publikum sehr ablenken würde. Mr. Magic stand still, sobald man ihm einen engen Sack über den Kopf gezogen hatte. Aus der richtigen Perspektive und mit der richtigen Beleuchtung schien es wirklich so, als ob Lola die Beine eines Straußes hatte.

Am Ende von weiteren Verwicklungen wurde Maxwell in einem rosaroten Happyend von seinen Tricks geläutert und hatte sich richtig in Lola verliebt. Mr. Magic kehrte in den Zoo zurück und fand ebenfalls die große Liebe. Zumindest hatte es der Drehbuchautor so vorgesehen.