Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(178) Frau Lachmann machte sich Sorgen wegen Kullmann.

Frau Lachmann machte sich Sorgen wegen Kullmann. Er war ein guter Nachbar und wer weiß, wer das Haus sonst übernehmen würde. Außerdem war er immer so einfühlsam, wenn sie mit ihm redete. Das war natürlich bevor die Sache mit dem Verkehrsunfall passierte, durch die er arbeitsunfähig wurde. Sie wünschte sich, dass es wieder so sein würde wie früher, wenn Herr Kullmann von seinen Vertreterreisen nach Hause kam und dann mit Frau Lachmann einen Kaffee trank. Sie berichtete ihm, was alles in seiner Abwesenheit in der Straße vorgefallen war. Er fuhr mit ihr öfters zum Einkaufszentrum, wo sie, jeder für sich, einkauften und sich dann auf eine Pizza trafen, bevor er sie wieder nach Hause fuhr. Frau Lachmann fand, dass sie sich gegenseitig stützten.

Sie überlegte, was sie für Herrn Kullmann machen konnte. Sie ging für ihn mit dem Bus einkaufen, besuchte ihn jeden zweiten Tag, nur um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung war und er sich nicht etwa auf dem Speicher erhängt hatte. In Frau Lachmanns Vorstellung gingen Menschen immer auf den Speicher, um sich zu erhängen. Immer fand sie Herrn Kullmann im Wohnzimmer auf seinem Kanapee, angestarrt von den Todesengeln, die er vorher an Friedhofsfloristen verkauft hatte. Mit diesen Engeln im Blick, dachte sie, würde auch sie depressiv werden. Sie konnte ihm die Skulpturen aber auch nicht wegnehmen.

Dann hatte sie eine Idee. Eines Tages fuhr sie mit dem Bus zum Tierheim und holte von dort einen Hund für Herrn Kullmann: einen sehr jungen Dackelrüden namens Xaver. Sie ging zu ihrem Nachbarn ins Wohnzimmer mit dem Kurzhaardackel auf dem Arm und legte ihn Herrn Kullmann auf den Schoß. Der Dackel schaute sein neues Herrchen interessiert an und bevor Kullmann sich versah, kuschelte sich der Hund an ihn. Reflexartig legte Kullmann seine Hand um den Hinterlauf des Tieres. Mit der anderen Hand streichelte er ihm über den Kopf. „Sein Name ist Xaver“, sagte Frau Lachmann. „Er ist für Sie. Die Mutter wurde…“ Frau Lachmann zögerte, weiter zu reden. Sie hatte nicht daran gedacht, was es bei Herrn Kullmann auslösen könnte. Die Wahrheit ist immer richtig, dachte sie. „Xavers Mutter wurde überfahren und sein Herrchen sah sich nicht imstande, den kleinen Kerl zu übernehmen. Stubenrein und etwas stur.“ Kullmann hatte wahrscheinlich zugehört, streichelte aber weiter den Hund und schaute ihn dabei an. Xaver schloss die Augen.

„Ich komme nachher wieder“, sagte Frau Lachmann. Als sie keine Antwort bekam, ging sie nach Hause. Sie hatte ein gutes Gefühl. Jemand, der für einen kleinen traumatisierten Hund sorgen musste, würde sich nicht aufknüpfen. Sie fühlte, dass sie jetzt einen starken Verbündeten hatte, der mit ihr nach Herrn Kullmann schaute.

(177) Der Tod war für Volker Kullmann kein abstrakter Begriff…

Der Tod war für Volker Kullmann kein abstrakter Begriff, denn er war Handelsvertreter für Trauerzubehör. Er besuchte Floristen und Bestatter und versorgte sie mit allem, was man zum Grabschmuck brauchte: von grauen Kunststeinengeln, die ein Trauerbuch offenhielten (Art. 257) bis zur Rolle Trauerflor, zwei Meter Gitterband mit eingewebter Blattranke (Art. 283). Aber an seiner gefühlten Schuld an Rocholz‘ Tod zerbrach er.

Kullmann war auf dem Weg nach Hause gewesen und freute sich auf sein eigenes Bett, nach drei Nächten in Hotels. Von Rocholz hatte er zuerst nur einen Schatten am Straßenrand gesehen, der aussah, als ob er ihm aus dem Dunkeln zuwinkte. Seltsamerweise war Rocholz dem herannahenden Wagen nicht ausgewichen, sondern hatte sich genau einen Schritt zu weit nach vorne gewagt. Er knallte an die Seite der Windschutzscheibe, Kullmann trat auf die Bremse. Im roten Schein der Rücklichter sah er eine dunkle Unebenheit hinter seinem Wagen liegen. Er brauchte etwas Zeit, um sich zu sammeln, dann stieg er aus. Rocholz hatte eine Abschürfung an der Wange. Es sah eigentlich ganz harmlos aus, wenn er Kullmann nicht aus weit aufgerissenen Augen angestarrt hätte. Noch nie hatte Kullmann so kalte Augen gesehen. Der Mund stand etwas offen, Kullmann sah die Zähne, aber die Lippen lächelten nicht.

Dann kamen zwei Männer die Straße entlang. Einer beugte sich über den Verunglückten und sagte, dass er tot sei. Er verschloss die Augenlider und jetzt sah es wirklich aus, als ob Rocholz schliefe.

Dann war Kullmann zusammengebrochen und als er wieder zu sich kam, lag er auf einer Krankenbahre, die auf der Straße vor seinem Wagen stand. Da er wieder zu sich kam, ließen ihn die Sanitäter absteigen. Ein Polizist sprach mit ihm und er konnte alle Fragen beantworten. Dann fuhr ihn jemand nach Hause. Am nächsten Tag ließ sich Kullmann krankschreiben. Er wollte mit dem Wagen Einkaufen fahren, aber er schaffte es nicht, den Motor anzulassen. Er saß bestimmt eine Stunde im Auto, das Garagentor stand offen und er war angeschnallt. Aber er brachte es nicht fertig, den Schlüssel umzudrehen.

Frau Lachmann, seine 70jährige Nachbarin, schaute vorbei und half ihm zurück ins Haus. Als er es auch am dritten Tag nicht schaffte, den Wagen zu starten, fand er sich damit ab.

Sein Chef sprach ihm auf die Voicemail, aber Kullmann hörte sie nicht ab. Nach einer Woche kam sein Chef selbst vorbei. Sie setzten sich ins Wohnzimmer. Kullmann machte Kaffee. Sein Chef fragte, wie der Unfall abgelaufen sei und Kullmann konnte alles sehr sachlich erzählen. Als sein Chef fragte, wann er denn wieder seine Vertretertätigkeit aufnehmen würde, brach Kullmann in Tränen aus. Sein Chef trank schnell seinen Kaffee aus und verabschiedete sich.

Irgendwann kam die Kündigung. Man bat ihn um Rücksendung der Warenmuster, die er noch im Wagen hatte. Kullmann öffnete die Koffer und stellte die Engelsfiguren aus grauem Kunststein im Wohnzimmer auf. Mit ernstem Gesicht schauten sie ihn an, während er einfach nur da saß.

(176) Zuerst brachten sie Bürgermeister Kurt zu Norma Becker, seiner Geliebten.

Zuerst brachten sie Bürgermeister Kurt zu Norma Becker, seiner Geliebten. Kurt drückte Harms einen dicken Umschlag in die Hand und bedankte sich für jahrelange mehr oder weniger treue Dienste. Harms war gerührt. Dann, so war das Verständnis, sollte Harms Peters nach Hause fahren und dann den Wagen am Rathaus abgeben. Zuerst fuhren die beiden bei nächster Gelegenheit in den Wald, löschten die Scheinwerfer und konferierten, was sie mit Rocholz‘ Leiche tun sollten.

„Am Flughafen wird für die neue Landebahn heute Nacht sehr viel Beton verarbeitet“, sagte Harms. „Das fällt auf, wenn wir da aufkreuzen. Was ist mit im Wald vergraben?“ – „In nächster Zeit sind viele Drückjagden. Die Hunde finden ihn dann. Am besten, wir sorgen dafür, dass die Leiche nie wieder auftaucht.“

Sie schwiegen und starrten in das Unterholz, das vom Mond schwach erleuchtet wurde. „Mein Schwager arbeitet im Bergwerk Ibbenbüren. Da gibt es in Dickenberg eine Abraumdeponie, die Rudolfhalde. Da könnten wir ihn unterscharren. Ist recht zugänglich und der Abraum rieselt nach, da sieht man nicht, dass gegraben wurde.“ Peters musste zugeben, dass er keine bessere Idee hatte. Sie beschlossen aber noch etwas zu warten, um das Risiko möglicher Zeugen gering zu halten. Sie stiegen aus und gingen ein paar Meter weiter, um zu rauchen. Als sie sich danach wieder dem Wagen näherten, glaubte Peters etwas zu hören. „Da hat was geknackt.“ Sie hielten inne. „Ich höre nichts“, sagte Harms. „Vielleicht kam es vom Kofferraum?“ Harms brummte skeptisch. „Ich höre nichts. Da war nichts.“ – „Könnten wir zur Sicherheit nicht doch nachschauen?“, fragte Peters. „Da war nichts. Wenn Sie schauen wollen, nur zu, es ist offen.“ Entschlossen presste der Journalist die Lippen zusammen und ging zum Kofferraum. Mit einem Ruck öffnete er den Deckel, das Licht im Kofferraum ging an und er war kurz geblendet. Dann tastete er frenetisch im Kofferraum. „Er ist weg…!“ Harms eilte herzu und musste feststellen, dass die Rolle mit dem Kunstrasen leer war. „Was zum Teufel ist hier los?“, murmelte er. Peters zeigte auf den phosphoreszierenden Hebel am Kofferraumdeckel. Er war nicht tot, hat sich befreit und ist weggelaufen.“ – „Scheiße!“, Harms knallte den Deckel zu. „Er kann noch nicht weit sind. Wir fahren ihm hinterher.“ Sie schwangen sich ins Auto, Harms startete den Motor und legte eine rasante Wende zwischen den Bäumen hin. Er schaltete das Fernlicht ein und sie schauten angestrengt nach rechts und links. Dann erreichten sie die Landstraße wieder. „Links!“, sagten sie gleichzeitig. Nach der nächsten Kurve sahen sie einen schwarzen Wagen mit Warnblinker am Straßenrand stehen. Der Fahrer stand dahinter und beugte sich über ein dunkles Bündel. Sie hielten an und stiegen aus. „Er ist mir einfach vor den Wagen gelaufen. Ich konnte nichts machen“, sagte der Fahrer, ein Mittvierziger mit Bauchansatz und Vollbart. Harms beugte sich über Rocholz und fühlte dessen Schlagader. „Jetzt ist er tot“, stellte er fest. Dann mit Blick auf den Fahrer wiederholte er: „Er ist tot.“

(175) Peters hatte nicht damit gerechnet, Rocholz bei der Landwirtschaftsmesse zu treffen.

Peters hatte nicht damit gerechnet, Rocholz bei der Landwirtschaftsmesse zu treffen. Für die Region war es ein wichtiger Event, und deshalb war auch der Bürgermeister da, aber es war nicht zu erwarten, dass der Leiter der Lokalredaktion selbst davon berichten würde.

Kurt stand gerade am Rednerpult, um die Bedeutung der Landwirtschaft für die Stadt und das Umland herauszustreichen. Peters hielt sich alleine hinter der Bühne auf. Er wollte hören, wie das Publikum reagierte, wenn der Bürgermeister vorschlug, dass jede Schulklasse künftig ein Schwein adoptieren und für ein Jahr im Klassenzimmer großziehen würde. Damit sollte die Verbundenheit der Stadtbevölkerung mit der Landbevölkerung ausgedrückt werden. Eigentlich war Kurts Idee zuerst gewesen, alle Schüler für eine Woche im Jahr zum Ernteeinsatz zu verpflichten, aber Peters hatte ihm diese Idee als wiederwahlschädlich austreiben können. Jetzt wollte er hören, wie seine Alternative ankam.

Plötzlich spürte Peters einen Schlag im Rücken. Bevor er sich umdrehen konnte, noch einen in die Nieren. „Du Verräterschwein“, zischte Rocholz, als Peters ihn ansah. Peters konnte sich gerade noch ducken, als sein Ex-Chef ihm die Faust ins Gesicht schlagen wollte. Peters probierte einen Aufwärtshaken, aber Rocholz blockte den Schlag und rammte Peters das Knie vor die Brust. Peters ging zu Boden. Rocholz wollte ihm gerade in die Rippen treten, als ihm die Arme nach hinten gezogen wurde. Er konnte nicht erkennen, wer ihn hielt und musste mit ansehen, wie Peters sich wieder aufraffte und ihm dann mit dem Fuß volley zwischen die Beine trat.

Rocholz schrie so laut, dass er zuerst sogar die Lautsprecher übertönte, die Kurts Rede wiedergaben. Dann hielt Harms Rocholz den Mund zu. Es war der letzte Arbeitstag des Fahrers und er war wütend, weil Rocholz ihm keine Zusatzprämie gezahlt hatte, nachdem er aufgeflogen war. Peters kickte Rocholz, der in Harms‘ Würgegriff strampelte, noch ein zweites Mal in die Eier. Als Rocholz zu strampeln aufhörte, ließ Harms ihn wieder frei. Allerdings fiel Rocholz zu Boden wie ein nasser Sack. Peters fühlte seinen Puls: Rocholz war tot.

Während Kurts Rede ins letzte Drittel überging und sein Vorschlag mit der Schweineadoption auf große Zustimmung der anwesenden Landbevölkerung stieß, konferierten Harms und Peters, was zu tun sei. Als Unfall würde man den Tod des Journalisten nicht darstellen können. „Das sieht dann nach Totschlag aus“, fand Peters. Harms sagte vage, dass er sich keine Probleme leisten konnte, da er bereits vorbestraft sei. Der Tod musste also vertuscht werden und sie mussten zusammen arbeiten.

Gemeinsam rollten sie Rocholz‘ Leiche in ein Stück Kunstrasen, das von der Bühnendekoration übrig geblieben war. Sie trugen die Rolle zum Wagen des Bürgermeisters, der direkt am Bühneneingang abgestellt war.

(174) Es war paradox, dass es gerade Rocholz war, der Peters auf die Affäre aufmerksam machte.

Es war paradox, dass es gerade Rocholz war, der Peters auf die Affäre aufmerksam machte. In den vier Monaten seit Peters die Wiederwahl von Johann F. Kurt managte, war er dem Bürgermeister sehr nahe gekommen. Aber Peters hatte nie in den Privatangelegenheiten seines Chefs geschnüffelt, obwohl das genau das Ziel von Rocholz gewesen war.

„Warum hast du nicht gemerkt, dass er etwas am Laufen hat?“, fragte Rocholz angefressen. Den Tipp hatte er von einem anderen Informanten bekommen, den er auch vor Peters geheim hielt. „Ich werde mich darum kümmern“, sagte Peters.

In der Tat wäre es nicht schwierig gewesen, herauszufinden, dass Kurt zweimal in der Woche, Montag und Donnerstag, nach seinem Essen bei Marcello, zu einer Frau ging. Peters folgte ihm heimlich zu dem alleinstehenden Haus im Grünen, draußen vor der Stadt. Kurt hatte einen Schlüssel und ließ sich selbst ins Haus. Peters wartete im Auto und recherchierte über seine Kontakte, dass das Haus von einer Norma Becker gemietet wurde. Eigentümer war Kurt selbst. Es war unwahrscheinlich, dass Kurt zu dieser Uhrzeit rückständige Mieten eintreiben wollte. Peters stieg aus und schlug einen Bogen durch den Wald, um die Rückseite des Hauses zu beobachten. Durch die offenen Terrassentüren sah er, wie Kurt auf einem Sofa saß und hinter ihm stand eine Frau, die ihm den Nacken massierte. Sie war nackt und blond. Durch den Sucher seiner Spiegelreflexkamera sah Peters, dass Kurt die Augen geschlossen hatte und die Massage sichtbar genoss. Das war verständlich, denn der Tag war hart gewesen. Ein Foto dieser Szene in der Tecklenburger Souveränen Presse und die Wiederwahl wäre gelaufen. Peters machte aber kein Foto, sondern ging zurück zum Wagen. Auf der Heimfahrt überlegte er, wer Rocholz‘ Informant sein könnte. Es musste jemand aus dem unmittelbaren Umfeld von Kurt sein, denn er hatte gewusst, dass Kurt einen Wahlkampfmanager suchte. Peters fiel nur Reinhold Harms, Kurts Fahrer ein. Er kannte Kurts Aktivitäten ganz genau und bekam viele Telefongespräche seines Chefs unmittelbar mit.

Gleich am nächsten Tag überprüfte Peters Harms‘ Spind in der Fahrerbereitschaft des Rathauses. Unter einer getragenen Unterhose fand er dort Kopien von Observationslisten und eine Mappe mit Kontoauszügen. Der Trick mit den Unterhosen kannte er von Rocholz, der ihm einmal gesagt hatte, dass es kein besseres Versteck gebe, als unter einer ekligen Unterhose. Der letzte Beweis waren die Bankunterlagen. Harms musste ein Konto eröffnet haben für die Belohnungen für seinen Verrat. Regelmäßige monatliche Zahlungen von der Zeitung gingen vier Jahre zurück. Rocholz war verbissen, wenn er ein Ziel verfolgte.

Peters zeigte Kurt die Unterlagen. Er gab vor, dass er Harms im Verdacht hatte, weil der Fahrer zu viel Initiative gezeigt habe. Kurt war erschüttert. Er stellte Harms zur Rede. Der gestand und ließ sich anstandslos in den Vorruhestand befördern. Kurt bedankte sich bei Peters. Der sagte nur: „Dafür nicht.“

(173) An den meisten Abenden der Woche war Bürgermeister Kurt bei Marcello anzutreffen.

An den meisten Abenden der Woche war Bürgermeister Kurt bei Marcello anzutreffen. Ein Tisch im hinteren Bereich war für ihn reserviert. Hier speiste er, traf sich mit Freunden und Bittstellern. Peters hatte Kurt angerufen und gesagt, dass er auf der Suche nach einer neuen Aufgabe sei. Wie erwartet hatte Kurt ihn zum späten Souper bei Marcello eingeladen.

„Das war ja ein Ding“, sagte Kurt, nachdem er Peters begrüßt hatte und ihm ein Glas Pinot Grigio eingeschenkt hatte. „Wegen dieses bizarren Sexmuseums einen so verdienten Mann wie Sie rauszuschmeißen – das hätte ich nicht erwartet.“ – „Wobei ‚bizarr‘ in diesem Zusammenhang sehr irreführend wäre…“ bestätigte Peters und Kurt musste lachen. Er war Mitte Fünfzig und sein Körper kündete von den vielen Abenden bei Marcello. Ihm schien immer heiß zu sein, was aber vielleicht auch nur ein Zeichen seiner überbordenden Energie war. „Ein seltsamer Vogel dieser Schröder. Er hatte mich zur Einladung eingeladen und dann redet dort ein Bettenfabrikant. Aber was soll’s, immerhin verschafft er unsere Stadt Aufmerksamkeit. Aber, was ist mit Ihnen? Was wollen Sie machen?“ Peters erklärte, dass er momentan keine Lust mehr verspürte, als Journalist zu arbeiten. Wenn er schon nicht unabhängig arbeiten konnte, dann wollte er lieber seine Erfahrungen offen und uneingeschränkt in den Dienst einer Sache stellen.

„Kurzum, Herr Kurt, ich biete Ihnen an, alle Erfahrungen die ich in vielen Jahren der Pressearbeit erworben habe, Ihnen zur Verfügung zu stellen, wenn es für sie von Nutzen ist.“ Kurt schaute ihn über den Rand des Weinglases an, als ob er ihn taxieren wollte. „Ich habe Sie immer für einen unpolitischen Menschen gehalten. Sie sind brisanten Themen immer ausgewichen. Ich wüsste nicht einmal, wie Ihre politische Gesinnung ist.“ Peters erklärte, dass er Kurt immer bewundert hatte, aber von der Redaktion, die Kurt ja bekanntlich nicht wohlgesonnen war, immer davon abgehalten wurde, das zu schreiben. Als Folge hatte sich Peters auf wenig brisante Themen konzentriert. „Das heißt nicht, dass ich keine Meinung habe. Und wenn ich hier mit Ihnen rede, dann fassen Sie das bitte auch als Zeichen meiner Gesinnung auf.“ Das schien Kurt zu gefallen. Er fragte den Ex-Journalisten, wie er ihn denn in dem bevorstehenden Wahlkampf positionieren würde.

„Ich glaube, dass Sie in den vergangenen Jahren viel zu sachlich präsentiert wurden, Herr Bürgermeister. Jede Kampagne hatte zum einzigen Inhalt, was Sie alles getan haben, damit es dieser Stadt gut geht. Man kann das auch übertreiben. Die Wähler werden damit wie rationale Wesen behandelt und das sind sie nicht. Genauso wenig wie Zeitungsleser das sind, da gibt es enorme Parallelen und es sind ja auch die gleichen Leute. Auf jeden Fall würde ich mehr Gefühle in eine Wahlkampagne legen. Der Mensch Johann Kurt hinter dem Bild des erfolgreichen Machers und Bürgermeisters. Ich habe auch schon eine konkrete Idee.“ – „Was denn?“, fragte Kurt. Er war angefixt. „Ihr zweiter Vorname ist, wenn ich mich nicht täusche, Friedrich. Richtig?“ – „Ja, nach meinem Großvater. Warum?“ – Weil: Johann Friedrich Kurt. JFK, Jay-Eff-Kay!“ – „Ach das. Ja, ich weiß das natürlich. War aber nie ein Thema, weil es doch zu dick aufgetragen wäre.“ – „Herr Kurt, man kann nicht dick genug auftragen. Sie müssen wie ein Kennedy wahrgenommen werden. Das sollte unser Ziel sein.“ Auf einen Wink von Kurt brachte Marcello eine neue Flasche Pinot Grigio. In der weiteren Diskussion einigten sich Peters und Kurt, künftig von ‚Johann F. Kurt‘ zu sprechen. Und Kurt bot Peters an, seinen Wahlkampf zu managen. Sie reichten sich die Hände und tranken einen Grappa drauf.

(172) Peters wusste nicht recht, was er über das vermeintliche Sex-Museum schreiben sollte.

Peters wusste nicht recht, was er über das vermeintliche Sex-Museum schreiben sollte. Schröder war wahrscheinlich ein Freak. Auf jeden Fall jemand mit einem übergroßen Interesse an Betten. Nach seiner Rückkehr zur Tecklenburger Souveränen Presse, ging er zu seinem Chef, Rudi Rocholz, der Leiter der Lokalredaktion. Er erzählte ihm von seinem Besuch im „Sex“-Museum. Rocholz hörte aufmerksam zu. „Und er hatte wirklich ein römisches Bettgestell aus Bronze?“, fragte Rocholz nach. „Das ist bemerkenswert. Das werde ich mir bestimmt ansehen. Danke für den Hinweis.“

Peters kratzte sich am Kopf. „Was mache ich mit dem Artikel?“ – „Nichts, das wird kein Artikel. Dieser Schweinekram ist nichts für uns. Tut mir leid, dass du dich dahin bemüht hast, Konrad. Aber, ich werde mich revanchieren und ich habe auch schon eine Idee.“

Rocholz erinnerte Peters daran, dass in einem halben Jahr Bürgermeisterwahlen stattfinden würden. Er wolle das Thema dieses Mal anders angehen. Der amtierende Bürgermeister, Johann Kurt, würde sich der Wiederwahl stellen und Rocholz sah es als Bürgerpflicht, ein weiteres Mandat von Kurt zu verhindern. „Kurt hat der Stadt nicht gutgetan. Alles was er macht, ist im Interesse seiner Freunde zu handeln. Für ihn ist die Stadt ein Selbstbedienungsladen.“ Peters war etwas differenzierter in seiner Einschätzung, aber grundsätzlich der gleichen Meinung wie Rocholz.

Dann machte der Ressortleiter Peters einen Vorschlag. „Ich will, dass du kündigst und dich dann von Kurt als Wahlkampfmanager anheuern lässt.“ – „Das meinst du nicht ernst, Rudi, oder?“ Aber Rudi meinte es sehr ernst. Er wollte, dass Peters nach außen angab, dass sie sich wegen einem Artikel und wegen der Bezahlung gestritten hatten und Peters aus Wut, den Job hingeschmissen habe. „Meinetwegen wegen dem Sexmuseums-Artikel, das klingt glaubwürdig“, fügte Rocholz hinzu. Dann würde Peters Kurt ansprechen und anbieten, die Organisation des Wahlkampfs für Kurt zu übernehmen. „Und was ist, wenn er mich nicht nimmt?“ – „Er wird dich nehmen! Ich weiß, dass er sich gerade das Gehirn zermartert, wer verfügbar ist.“ – „Wenn du so einen guten Zugriff auf ihn hast, warum brauchst du mich dann, Rudi?“ – „Menschenskind Konrad, weil du schreiben kannst. Du bist keine Petze! Du kannst das in Form gießen, es zum Leben erwecken. Du bist eine Edelfeder! Das ist so was wie die Unbestechlichen und du bist Carl Bernstein und Bob Woodward in einer Person.“ – „Die sind aber nicht Undercover gegangen…“ – „Weil sie es nicht konnten! Wir schon. Wir sind besser!“

Am Ende setzte Rudi Rocholz seinen Willen durch. Die Sache war bereits mit dem Chefredakteur und dem Herausgeber besprochen. Peters hatte keine andere Wahl. Wenn er nicht kündigte, würde Rudi ihn rausgeschmissen. Jetzt musste sich Peters auf Rudi verlassen, dass er ihn später wieder einstellen würde. Das hieße aber auch, dass Peters Stories liefern musste, sonst konnte er den Job für immer an den Nagel hängen. Eine schriftliche Rückfahrkarte hatte er nicht. Es wurde zu sehr in der Redaktion getratscht. Die Existenz eines solchen Dokuments wäre von zu vielen Leuten weiter kolportiert worden.

(171) Sie können mir glauben, dass ich viel Herzblut in dieses Sex-Museum gesteckt habe!

„Sie können mir glauben, dass ich viel Herzblut in dieses Sex-Museum gesteckt habe!“ Kilian Schröder erwartete Konrad Peters vor dem Museum, das in zwei Tagen eröffnen sollte. Die Tecklenburger Souveräne Presse, die Zeitung, für die Peters schrieb, sollte vorab etwas über das neue kulturelle Highlight in der Region bringen. Schröder war vor einem Jahr in die Stadt gezogen und hatte sich seitdem nur um dieses Projekt gekümmert. Er hatte alles aus eigener Tasche finanziert, wobei man nicht genau wusste, womit Schröder sein Geld verdiente. Aufgrund des Themas des Museums vermutete man, dass er aus der Rotlichtbranche stammen musste. Schröder hielt sich dazu bedeckt und verkehrte wenig mit anderen Einwohnern der Stadt.

Das Museum war eine ehemalige Fabrikantenvilla in einem weitläufigen Park. Schröder wohnte selbst auch in diesem Haus. Das Logo des Museums war ein kleines rosafarbenes Quadrat mit dem Buchstaben X in der Mitte. Es war in dezenter Ausführung an dem Balkon angebracht, der die Auffahrt des Hauses überdachte.

Peters glaubte nicht, dass seine Zeitung einen Artikel über das Museum veröffentlich würde. Sex mochte zwar verkaufen helfen, allerdings nicht im redaktionellen Teil einer Regionalzeitung. Und da Peters nur für veröffentlichte Zeilen bezahlt wurde, war er wahrscheinlich gerade dabei, Geld zu verlieren.

Sie gingen hinein. „Wir haben in einer ersten Phase nur sieben Räume des Museums fertiggestellt. Wir wollen die Neugier des Publikums wecken und nach und nach weitere Zimmer fertigstellen. Dadurch haben die Besucher immer wieder einen neuen Grund zu kommen. Hier entlang, Herr Peters.“

Kilian Schröder ging voraus. In dem Raum stand eine Liege aus Holz, die mit Riemen bespannt war und auf der ein paar Felle lagen. Schröder wartete auf Peters‘ Reaktion. Als er keine sah, erklärte er: „So trieben es die alten Griechen“. Dabei zog er eine Augenbraue hoch. Peters war ratlos, nickte nur. Sie gingen in den zweiten Raum. Darin war ein Gestell aus Metall, auf dem eine etwas unförmige Matratze lag. „Und so die alten Römer!“ Schröder zeigte mit dem Finger auf das Gestell und fügte hinzu: „Bronze!“ Um dritten Raum stand ein Himmelbett, das Schröder mit den Worten kommentierte, so trieben es die Ritter. Danach ein Paradebett in vergoldetem Holz vor golddurchwirkten Wandbespannungen.

„Aber, Herr Schröder“, warf jetzt Peters entnervt ein, „das hat doch alles wenig mit Sex zu tun.“ Schröder schaute ihn entgeistert an. „Finden Sie nicht? Was haben Sie sich denn vorgestellt?“ – „Ehrlich gesagt, hatte ich mir die Frage nicht gestellt. Aber ich hätte Bilder mit Geschlechtsteilen erwartet, Skulpturen von Menschen, die es miteinander treiben. Sexspielzeug, Reizwäsche… Ich habe keine Ahnung, was in einem Sexmuseum so ausgestellt wird.“ Schröder wurde ganz bleich und setzte sich auf das Paradebett.

„So ein Schmuddelkram“, sagte er, „kommt nicht in mein Museum! Es sollen ja schließlich Familien hier reinkommen können. Wo denken Sie hin?“

(170) Joseph hatte das Tretboot gemietet und wartete auf Maria.

Joseph hatte das Tretboot gemietet und wartete auf Maria. Als er sie von Weitem sah, zog er das Tretboot ganz nahe an die Anlegestelle heran. Sie küsste ihn auf die Wange und setzte sich hinein. Joseph schwang sich auf den Sitz daneben und gab dem Steg einen Schubs mit dem ausgestreckten Fuß. Zuerst trieben sie etwas auf dem See und dann traten sie so kräftig in die Pedalen, dass das Wasser hinter ihnen nur so spritzte.

Als sie mitten auf dem See waren, hielt Joseph inne und griff nach Marias Hand. Sie entzog ihm die Hand. Er griff wieder danach und sie zog sie wieder zurück. „Was ist los, Maria?“, fragte Joseph. Erst als er die Frage zweimal wiederholt hatte, fasste sich Maria ein Herz und redete zu ihm.

„Ich muss dir etwas sagen, Joseph.“ – „Aha, und was denn?“ – Erst musst du versprechen, dass du nicht böse sein wirst, wenn ich es dir sage.“ – „Aber das kann ich doch nicht wissen, Maria. Du musst erst sprechen und dann sag ich, ob ich böse bin, oder nicht.“ – „Nein Joseph, du musst es sofort sagen, vorher.“ Joseph überlegte und sagte dann: „Na gut, ich werde nicht böse sein.“ Das Tretboot schaukelte im leichten Wellengang. Maria schaute Joseph zehn Sekunden an, bevor sie weitersprach.

„Ich erwarte ein Kind, Joseph.“ – „Häh?“, machte Joseph. Maria war sich nicht sicher, ob er sie nur akustisch nicht verstanden hatte. Sie wiederholte ihren Satz und Joseph sagte noch einmal „Häh?“. Er hatte sie akustisch verstanden, aber er war von dem Inhalt überfordert. „Das kann nicht sein, Maria!“ – „Doch Joseph, so ist es und es sollte so sein.“ – „Aber wir haben doch noch gar nicht… Du weißt schon…“ – „Natürlich weiß ich das, Joseph.“ – „Das heißt, du hast mit einem anderen…?“ – „Nein, Joseph, für mich gibt es nur dich.“ – „Dann kannst du gar nicht schwanger sein, Maria.“ Als sie wieder ansetzen wollte, sagte Joseph nur „Schluss jetzt mit dem Quatsch!“ und trat wieder in die Pedalen. Maria blieb regungslos da sitzen und so trat Joseph für zwei in die Pedalen. Aber sie kamen nicht so schnell vorwärts wie zuvor. „Also gut“, sagte Joseph, „meinetwegen bist du schwanger.“ – „Nein, Joseph, nicht deinetwegen…“ – „Das meinte ich nicht, Maria und das weißt du. Du drehst einem die Worte im Munde um. Ich habe verstanden, dass du schwanger bist. So recht?“ – „Ja, mein liebster Joseph, so ist es richtig. Ich bin schwanger.“ Maria trat wieder mit in die Pedalen. Jetzt kamen sie wieder schneller voran. Nur in Joseph rumorte es immer noch. Schweigsam zogen sie ihre Runden über den See, bis die Mietdauer abgelaufen war. Als Joseph das Tretboot wieder am Steg befestigte, brach es aus ihm heraus. „Du kannst doch gar nicht schwanger sein, wenn du noch Jungfrau bist!“

(169) Ich selbst war als Henry Jackson Hunt verkleidet.

„Ich selbst war als Henry Jackson Hunt verkleidet. Sie wissen, das ist der Nordstaatengeneral, der die Artillerie reformiert hat.“ Samuel Fuller erkannte durch das Gitter des Beichtstuhls, wie der Priester nickte. „Sie sahen bestimmt fantastisch aus in der Uniform.“ Fuller musste fast lächeln, aber gestattete es sich nicht. „Aber das war es nicht, was ich Ihnen erzählen wollte. Wir waren alle dabei, alle Seniorpartner. 19 Männer und eine Frau. Henry, der einzige noch lebende Gründungspartner der Kanzlei und damit unser Chef, war immer dagegen, eine Frau zur Senior-Partnerin zu machen. Bei Claire Brewster war uns aber keine andere Wahl geblieben, denn wir hatten mal eine Durststrecke, sie brachte Geschäft und wäre sonst woanders hingegangen. Wir hatten sie hinter Henrys Rücken aufstellen lassen. Das war vielleicht der eigentliche Sündenfall. Entschuldigung, Vater, ich sollte diese Worte nicht so leichtfertig benutzen.“ Fuller bekreuzigte sich und fuhr fort. „Claire hatte sich große Mühe gegeben mit ihrer Uniform. Sie hatte sie nach einem Foto von David Glasgow Farragut speziell für sich anfertigen lassen. Und dann hat er sie so behandelt. Schmählich war es. Aber das Allerschlimmste war, dass keiner von uns anderen Seniorpartnern ihr zur Hilfe kam. Wir standen nur da wie seine Handpuppen und haben zugehört. Das ist doch nicht in Ordnung. Gott kann das doch nicht gewollt haben, oder, Vater?“

Der Priester dachte nach. „Nun, immerhin handelte Mr Samson nach seinen bekannten Grundsätzen und die anderen Seniorpartner sind in gewisser Weise alle von seinem Wohlwollen abhängig, ist es nicht so?“ Fuller wand sich etwas bei der Antwort, aber er sagte schließlich „Ja.“ Der Priester fügte hinzu: „Und, lassen Sie uns nicht um den heißen Brei reden, Frau Brewster ist eine Frau.“ – „Ja aber, das ist doch auch ein wichtiger Grund, warum ich ein Problem damit habe, Vater. Gott hat doch auch Maria nicht diskriminiert, sondern er hat ihr seinen Sohn anvertraut.“ Der Priester räusperte sich. „Oh, das sind jetzt theologische Fragen. Ich glaube, da begeben wir uns auf schwieriges Terrain.“ – „Mag sein, Vater, aber es geht auch um Mitgefühl.“ – Mr Fuller: Gott musste seinen Sohn einer Frau anvertrauen, weil es biologisch keine Möglichkeit gab.“ – „Aber Gott hätte doch andere Möglichkeiten schaffen können…“ – „Oh je, Mr Fuller, das will ich gar nicht gehört haben.“ – „Aber warum hat Gott Maria zu sich in den Himmel erhoben?“ – „Er hat ihr eine besondere Gnade erwiesen. Und wenn ich Sie daran erinnern kann, Maria wollte nicht Papst werden und sie wollte auch nicht Gott vom Thron stoßen…“ – „Sie meinen, Claire Brewster hat ihr Los selbst zu verantworten, weil sie zu ambitioniert war?“ Der Priester nickte. „Genauso ist es, Mr Fuller. Genauso. Wir dürfen die Wege des Herrn nicht infrage stellen, mein Sohn.“