Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

(242) Marius Renner hatte zwar Unrecht, aber Bastian Steiger konnte ihn nicht ignorieren.

Marius Renner hatte zwar Unrecht, aber Bastian Steiger konnte ihn nicht ignorieren. Immerhin war Marius der Einzige, der Bastians Artikel druckte. Steiger saß in seinem chaotischen Einzimmerapartment vor seinem Schreibtisch. Da es keinen Platz gab, nutzte er sein Bett als Schreibtischstuhl. Um ihn herum auf dem Bett lagen Ausdrucke, Notizen und Fotos, die sich alle mit dem Thema Analstimulation durch Tiere auseinandersetzten. Steiger hatte das Sujet per Zufall entdeckt und war anfänglich selbst angeekelt gewesen. Dann sah er die Möglichkeit, ein Buch darüber zu schreiben, da es bisher so etwas noch nicht gab. Solch eine Gelegenheit bot sich selten – meistens gab es zu allem tonnenweise Literatur. Die Artikel im ‚Außenposten‘ dienten zur Finanzierung des eigentlichen Projekts, zum anderen als Lockvogel, um bei Verlagen besser anzukommen. Vielleicht sollte er wirklich mal wegfahren. Sein Zimmer, in dem er fast den ganzen Tag wie ein Bekloppter arbeitete, sah aus wie die gute Stube eines Messies.

Ein verlängertes Wochenende ans Meer fahren, am Strand entlang laufen, mit den nackten Füßen die Gischt spüren… Alleine klang das langweilig. Er sollte jemand mitnehmen. Es musste jemand sein, der keine eigenen Pläne hatte und im Handumdrehen zur Verfügung stand. Da fiel ihm nur ein Name ein: Bob Kempe.

Bastian hatte ihn kennengelernt, als er eine Reportage über die Metal-Szene schrieb. Bob hatte ihm den Unterschied zwischen Death Metal (Nihilismus) und Black Metal (Satanismus) erklärt. Bob war selbst Power-Metal-Fan, arbeitslos und ein sehr angenehmer Gesprächspartner. Bastian rief ihn an. Bob war froh, von Bastian zu hören. „Es ist unheimlich viel in der Szene passiert. Willst Du ein Update machen? Kommt bestimmt gut rüber. Viele neue Tendenzen… Hast du schon von Melodic Metalcore gehört?“ Bastian verneinte. „Ich rufe einfach nur so an, nicht wegen Metal.“ – „Nicht wegen Metal? Was gibt es denn sonst? Du kennst doch den Spruch: ‚Ein Leben ohne Metal ist möglich, aber sinnlos!'“ Das brachte Bastian zum Lachen und das war auch der Grund, warum er Bob angerufen hatte. Jemand der Metal mit Loriot verbinden konnte, war auch für einen Zwangsurlaub der richtige Begleiter. Bastian erklärte Bob seinen Plan. Bob schaute in seinem Konzertkalender nach und da in den nächsten Tagen keine angesagte Band aufspielte, war er bereit, mit Bastian ein paar Tage wegzufahren. „Ich zahle das Benzin, aber wir hören keine laute Metalmusik im Auto. OK?“ – „Das ist jetzt nicht dein Ernst“, meinte Bob. „Ich habe Urlaub, aber du kannst gerne deinen MP3-Player mitbringen.“ Bob sagte zu.

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(241) Wir werden diesen Artikel nicht abdrucken.

„Wir werden diesen Artikel nicht abdrucken. Auf keinen Fall.“ Marius Renner gab sich Mühe, in seine Stimme eine Aura von Endgültigkeit zu legen. Er war der Chefredakteur und das sollte Bastian Steiger anerkennen. Er war nur ein Schreiber, der froh sein sollte, dass man seine Artikel überhaupt abdruckte in der kleinen aber angesehenen Kulturzeitschrift ‚Außenposten‘. Da er nichts mehr aus der Leitung hörte, fragte er nach: „Bist du noch dran, Bastian?“ – „Ja, ich höre dir zu.“ Wenigstens schien Bastian einsichtig. Marius nahm den Artikel, den Bastian geschickt hatte noch einmal zur Hand. „Das ist doch alles supereklig. Kein Erkenntnisgewinn, es wird einem nur schlecht beim Lesen. Die Verwendung von Aalen… Ich muss fast brechen, wenn ich es lese. Todesfälle in China, OPs in Neuseeland. Dann diese Röntgenaufnahme mit dem Aalskelett im Darm. Fürchterlich…“ – „Ich dachte, dass die Leute so etwas noch nicht kennen und sie wissen wollen, was so passiert in der Welt.“ – „In der Welt, ja. Im Darm anderer Leute, nein.“ Marius wollte nicht schon wieder Ärger wegen Bastian haben. Erst vor Kurzem hatte der Verleger gefragt, ob es nicht anstößig sei, wenn der Journalist Steiger seine Artikel mit –bsteiger signierte. Nach den Aalen im Anus würden Köpfe rollen.

„Das heißt, du willst meine Geschichte über Richard Gere und den Hamster auch wieder rausnehmen…“ – „Was? Die kenn ich nicht… Hast Du die etwa ins Magazin geschmuggelt?“ Renner war entsetzt. „Nein. Jetzt reg‘ dich nicht auf. Die Geschichte habe ich erst gestern Nacht geschickt. Das kam raus, als ich nach den Aalen recherchierte. Es geht darum, dass Richard Gere vielleicht in ein Krankenhaus…“ – „Hör auf. Ich will die Geschichte gar nicht hören. Hamster, Aale… Ich habe die Schnauze voll davon.“ – „Dann pass mal auf, dass sie nicht in die Tiefe steigen…“ Bastian verstummte. Er merkte selbst, dass es jetzt genug war. „Entschuldige. Ich konnte nicht widerstehen…“

Marius sammelte sich kurz und sagte dann: „Warum machst du nicht ein bisschen Urlaub? Kommst ein bisschen unter die Leute, fährst rum, setzt dich vielleicht an den Strand, lernst eine Frau kennen, so was. Und dann kommst du mit vielen neuen Ideen zurück und wir heben ein paar ganz tolle Stories ins Heft.“ – „Heißt das, du schmeißt mich raus?“

Nein“, antwortete Marius. „Es ist nur… Du bist mit diesen ganzen Geschichten in einer Einbahnstraße. Du hast Dich da reinverbissen und es geht jetzt nicht mehr weiter. Zumindest nicht so, dass dich jemand bezahlen möchte für deine Arbeit.“ – „Du meinst, ich bin so wie der Aal, der tief im Darm drinsteckt und einen Ausweg finden muss.“ – „Seltsames Bild, aber es kommt wahrscheinlich hin.“ – „Und du meinst, ich soll mich durchbeißen, neue Wege finden?“ – „Hör mal auf mit den Aalen. Ich will nur, dass du eine Auszeit nimmst. Und wenn du danach mit einer vernünftigen Geschichte kommst, verspreche ich, dass ich sie abdrucken werde. Überleg‘ dir das, Bastian. Und keine Tiere im Verdauungstrakt!“

(240) Liebe Kolleginnen und Kollegen, nachdem ich Sie mit Erkenntnissen aus der wunderbaren Welt der Kolektomie unterhalten durfte…

„Liebe Kolleginnen und Kollegen, nachdem ich Sie mit Erkenntnissen aus der wunderbaren Welt der Kolektomie unterhalten durfte, wollte ich meinen Vortrag mit einem anderen denkwürdigen Eingriff abschließen.“ Dr. Konstantin Paulsen, der renommierte Darmchirurg, legte eine Folie mit einer Röntgenaufnahme auf den Projektor. „Patient ist männlich, 40 Jahre, keine Vorerkrankungen, Nichtraucher, kein Alkohol, leicht übergewichtig. Kam ins Krankenhaus zu einem Kollegen und sagte, dass er sich einen Aal ins Rektum eingeführt habe. Bei der Palpation des Abdomens fiel eine interne Bewegung im Dünndarm auf. Was Sie hier sehen, liebe Kolleginnen und Kollegen, ist das Röntgenbild, das daraufhin angefertigt wurde. Ich möchte betonen, dass das keine Fotomontage ist. Diese ‚Perlenkette‘ sind die Wirbel des Aals, die in dieser Richtung dicker werden und dann in diesem schlangenähnlichen Kopf endeten. Das war auch das Bild, das ich erhielt, als der Patient bei mir auf dem OP-Tisch lag. Die Herausforderung war, herauszufinden, wo ich schneiden musste. Ich bin kein Biologe, habe aber nachher recherchiert, dass diese Aale eine Zeit lang ohne Sauerstoff auskommen können und sich bei Gefahr oder Stress in den schlammigen Untergrund wühlen. Auch zur Aalpsychologie kann ich wenig beitragen, allerdings erscheint es mir für einen Aal bestimmt ein Stressfaktor zu sein, in ein zwar faszinierendes, aber dennoch so enges Umfeld wie einen menschlichen Darm eingeführt zu werden. Der Aal wühlte sich also durch den ‚Schlamm‘ weiter in den Dickdarm hinein und endete im Dünndarm. Der Aal hat eine Vielzahl spitzer Zähne und als das natürliche Fortkommen durch die Palpationen unterbrochen war, bohrte er sich mithilfe seiner spitzen Zähne durch den Dünndarm.

Die Radioskopie, die ich also vor mir hatte, war nur eine Momentaufnahme von vorher. Der Aal konnte mittlerweile woanders sein. Ich musste mich auf meinen Instinkt und Tastgefühl verlassen. Ich will Ihnen die Details der OP ersparen, aber lassen Sie es mich so sagen: Es war eine Schnitzeljagd quer durch den Verdauungstrakt des Patienten. Wenn Aale Chirurgie studieren könnten, gäbe es für uns Menschen bald nichts mehr zu tun. Am Ende hatte ich den Racker erwischt, bevor der Blutverlust des Patienten zu groß wurde. Allerdings dauerte das Zusammenflicken nachher länger als alles andere.

Für die Tierfreunde unter Ihnen: Der Aal lebte zwar noch, als wir ihn herauszogen, verstarb aber kurz darauf. Der Patient konnte nach vier Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden. Keine weiteren Komplikationen. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“

(239) Dr. Heppner hat einen Patienten.

„Dr. Heppner hat einen Patienten. Es kann länger dauern. Sie hätten einen Termin anfragen sollen.“ Die geschminkte Empfangsdame im Kreiskrankenhaus klimperte Johnny mit langen Augenwimpern an. Johnny schaute zu seiner Mutter, die er im Wartebereich hingesetzt hatte. Sie war im Sitzen eingeschlafen. „Wir warten“, sagte Johnny. Die Frau zuckte mit den Schultern.

Währenddessen wartete auch Dr. Heppner ungeduldig auf das Ergebnis der Röntgenaufnahme. Er hoffte immer noch, dass sein Patient ihn verschaukeln wollte. In der Konsultation hatte Jobst Knauer nicht still sitzen können. Er hatte zuerst erzählt, dass es sich in ihm bewegte. Dr. Heppner hatte gefragt, ob er Blähungen habe. Der Patient verneinte und druckste rum, dass er glaube, ein Tier sei in ihm. Auf Heppners Frage antwortete er, dass er glaube, dass es ein Aal sei. Heppners logischer Schluss war, dass jemand, der vermutete, dass ein Aal in ihm steckte, auch wusste, wie der Aal reingekommen sei. Er fragte Knauer danach.

Schließlich sah Knauer ein, dass er reden musste, um Hilfe zu bekommen. Er erzählte dem Arzt folgende Geschichte. Im Internet hatte er einen japanischen Pornofilm gesehen, in dem das gemacht wurde und dann hatte er es selbst probieren wollen. Auf dem Fischmarkt hatte er sich einen Aal besorgt und zuhause damit rumgemacht. Leider sei der Aal sehr glitschig gewesen und der Fisch war ihm aus den Händen geglitten. „Wann war das?“, fragte Dr. Heppner. „Vor zwei Stunden.“ – „Wie groß war der Aal?“ Knauer hielt die Hände etwa 30 Zentimeter voneinander entfernt.

Heppner glaubte Knauer nicht. Er hatte schon vieles erlebt, was Männer aus sexuellem Frust mit sich anstellten, aber Aale im Rektum gehörten bisher nicht dazu. Er sagte zu Knauer, er solle sich freimachen und auf die Untersuchungsliege legen. „Ganz nackt?“, fragte Knauer?“ – „Hemd hoch, Hose runter“, sagte Heppner knapp.

Mit den Händen strich der Arzt über den Bauch des Patienten. Als er unterhalb des Querdickdarms war, spürte er, dass sich etwas unter der Bauchdecke bewegte. Erschrocken zog er die Hand weg. Ihm war gerade die Szene aus Alien durch den Kopf geschossen, in der das heranwachsende Alien durch den Brustkorb von John Hurt herausplatzte. Dr. Heppner legte die Hand wieder auf die Stelle und drückte einmal beherzt darauf. In dem Moment schrie Knauer auf und Heppner verspürte wieder eine Bewegung in Heppners Bauch. Jetzt begann er, der Geschichte seines Patienten zu glauben. Der Arzt schlug Alarm und ließ Knauer in die Röntgenabteilung bringen. Das OP stand bereit, ihn aufzuschneiden, sobald man wusste, wo das Tier genau war. Heppner hoffte, dass es nicht gerade dabei war, sich quer durch seinen Patienten durchzubeißen.

(238) Jedes Mal wenn Frau Nebel ihren Sohn sah, fragte sie ihn, wer er denn sei.

Jedes Mal wenn Frau Nebel ihren Sohn sah, fragte sie ihn, wer er denn sei. Manche Tätigkeiten erledigte sie noch aus Automatismus, aber vieles schaffte sie nicht mehr. Sogar die Hühner waren völlig panisch und nicht mehr in der Lage, Eier zu legen.

Der Grund für den Zustand seiner Mutter und den der Hühner war das Tiefflugtestgebiet für Kampfhubschrauber, das die Luftwaffe direkt an das Dorf heran angelegt hatte. An jedem Tag der Woche übten dort Piloten ihre Flugkünste und es war ein Wettbewerb zwischen ihnen, wer am tiefsten über die Bauernhöfe und Straßen fliegen konnte. Nicht nur war der Lärm unerträglich, es war auch der ständige Druck, dass plötzlich ein Kampfhubschrauber direkt hinter einem auftauchen konnte, der Mensch und Vieh zutiefst verstörte. Das hatte dazu geführt, dass alle, die es irgendwie arrangieren konnten, das Dorf verließen und nur noch die Alten und Gebrechlichen zurückblieben. Viele der restlichen Einwohner der Stadt waren in einem ähnlich katatonischen Zustand wie Frau Nebel. Das Dorf war in Auflösung begriffen. Einmal in der Woche kam eine Sozialarbeiterin vorbei, um zu sehen, wer zwischenzeitlich gestorben war und um die Feuerwehr zu rufen, damit sie Häuser öffneten und Leichen offiziell auffinden konnten. Sie konnte Johnny nur sagen, dass sie keine Ahnung hatte, an wen er sich wenden konnte. Für sie war es nur ein Job, ließ sie ihn wissen. Sie fügte hinzu, dass sie nur einen befristeten Arbeitsvertrag erhalten hatte. Anscheinen dachte man, das Problem innerhalb der nächsten elf Monate zu lösen.

Johnny telefonierte mit einem alten Schulfreund, der schon längst weggezogen war. „Du musst ins Kreiskrankenhaus zu Dr. Heppner gehen. Dr. Heppner ist Internist und stellt Atteste aus, die den Zustand deiner Mutter beschreiben. Damit kannst du gegen die Luftwaffe klagen und dann werden sie dir Geld für die Umsiedlung geben. Es ist der einzige Ausweg, Johnny. Du musst deine Mutter da rausholen, weil sonst…“. Dann war die Leitung tot, denn ein Huhn hatte das Kabel durchgepickt.

Johnny erklärte seiner Mutter, was er vorhatte. Sie schaute ihn nur verständnislos an und dabei klappte ihr der Mund offen. Johnny schob ihn wieder zu.

In der Scheune stand der Trecker. Es war immer noch das gleiche Gefährt, mit dem sein Vater sich in einem Hang beim Heumähen überschlagen hatte. Es gab immer noch keinen Überrollschutz, aber Johnny hatte auch keine Absicht, in einen Hang zu fahren. Er machte den Trecker startklar und half seiner Mutter auf einen der Seitensitze auf den Kotflügeln des Treckers. Er band sie mit einem Strohballenseil fest an den Sitz. Beim Herausfahren vom Hof überfuhr er ein Huhn, das planlos herumgelaufen war. Johnny blieb kurz stehen und starrte zurück auf das rotgefärbte Bündel, der sich neben der schon längst ausgetrockneten Mistgrube befand. Er fuhr schnell weiter, bevor seine Mutter etwas von dem Unfall mitbekam. Sein Ziel war das Kreiskrankenhaus und dort ganz speziell Dr. Heppner, der Mann, der alle erlösen konnte.

(237) So was muss man selbst erlebt haben.

So was muss man selbst erlebt haben. Das war das Motto von Johnny Nebel, dem er die ganzen Jahre seiner Seemannskarriere treu blieb. Wenn er an Bord arbeitete, gab es nichts, das ihn ablenkte konnte. Aber wenn er freihatte oder bei Landgängen, ließ er nichts aus. Nein zu sagen entsprach nicht seiner Natur. Auch wenn er Unfug anstellte – es ging immer gut.

Er überstand unzählige Schlägereien in Hafenkneipen und bei einigen war er der Auslöser gewesen. Manche davon hatte er sogar absichtlich angezettelt. Elf Mal musste er infolge dieser Ereignisse in Krankenhäusern versorgt werden, sieben Mal verbrachte er die Nacht in Arrestzellen. Er hatte Diskussionen mit Prostituierten wegen der Bezahlung, manchmal auch mit ihren Zuhältern. Zweimal wurde er von Zuhältern zusammengeschlagen, einmal mit einem fiesen Totschläger. Mehrmals ging er mit Frauen nach Hause, die von einem Matrosen auf Landgang angeregt wurden. Einmal war der Ehemann dabei und schaute zu. Er hatte Männer getroffen, die einem Matrosen gerne einen Drink und mehr spendierten. Nächte hatte er in dreckigen Ecken unter Brücken verbracht und hatte sich schmutziges Hafenwasser über den Kopf gegossen, um wieder klar zu werden. Ein Rikschafahrer hatte ihn im Streit in einen Kanal gekippt, aus dem er mit Dutzenden Blutegeln am Körper wieder entstieg. Mehrmals wurde ihm in Bordellen die Brieftasche mit der letzten Heuer geklaut. Die Polizei hatte ihn verwarnt, weil er unter dem Fenster einer jungen Frau mit einem anderen Matrosen Shantys sang. In mehreren Häfen hatte er Frauen geschwängert und nie auf ihre Briefe geantwortet.

All das gehörte zu seinem Seemannsleben und es hätte noch lange so weiter gehen können. Aber dann kam eine Nacht, in der Johnny Wache hatte. Das Schiff lag im Hafen von Durban und sollte am nächsten Tag fertig beladen werden. Johnny ging an Deck umher und glaubte plötzlich hinter einer Ladeluke einen Schatten gesehen zu haben. Er trat näher und leuchtete mit seiner Taschenlampe. Da war aber niemand. Allerdings stand die Ladeluke einen Spalt weit offen. Es war nicht ausgeschlossen, dass sich ein blinder Passagier darin versteckt hatte. Das war schon mehrmals passiert. Er beugte sich über die offene Luke und leuchtete mit seiner Lampe hinunter. Dabei verlor er das Gleichgewicht und fiel ausgerechnet in den Teil des Laderaums, den die Schauerleute noch nicht befüllt hatten. Acht Meter tief fiel er. Er kam zwar umgehend ins Krankenhaus, aber seine Wirbelsäulenverletzung beendete die Matrosenkarriere. Er kehrte zu seiner Mutter zurück, die in einem kleinen Bauerndorf fünfzig Kilometer entfernt von der Küste wohnte. Es war Johnnys Heimatort und für ihn war die Rückkehr die höchste aller Strafen. Als er nach Hause kam, saß seine alte Mutter in der Küche und fütterte die Hühner, die ihr überall hin folgten. Sie erkannte ihren Sohn nicht.

(236) Trotz oder gerade wegen der Pleite mit dem Boot wurde es doch ein unvergesslicher Abend für Felix.

Trotz oder gerade wegen der Pleite mit dem Boot wurde es doch ein unvergesslicher Abend für Felix. Der Großvater schoss in der Abenddämmerung noch eine Ente, die er ausnahm und am Lagerfeuer briet. Noch nie hatte eine Ente so gut geschmeckt. Nach dem Essen saßen sie weiter am Feuer und erzählten sich Geschichten. Vor allem Großvater Max, denn er hatte natürlich viel mehr erlebt als Felix.

Als junger Mann war Max Klinger zur See gefahren. Als Matrose auf Frachtschiffen kam er viel herum auf allen Weltmeeren. Er sagte immer, dass es das Leben auf See war, das ihn dazu gemacht hatte, was er war.

„Aber es war nicht immer alles toll. Viele Erfahrungen, die du machst, sind erst mal schmerzhaft und erst später weißt du, dass du etwas daraus gelernt hast. Das wird dir auch so gehen, Felix. Aber man kann natürlich auch aus den Fehlern von anderen lernen. Soll ich dir mal eine solche Geschichte erzählen?“ Felix sagte ja, das würde er sehr gerne hören.

Großvater Max fuhr dann fort: „Einmal legten wir in Veracruz, Mexiko, an. Damals hatte man als Matrose noch Zeit, die Stadt anzuschauen. Heute geht das nicht mehr, weil die Schiffe ruckzuck be- und entladen werden. Damals wurde jeder Sack, jede Kiste noch einzeln getragen und dafür brauchten die Schauerleute ein paar Tage. Ich machte mich also auf, um mit Johnny Nebel, einem anderen Matrosen, die Stadt zu erkunden. Johnny war ein guter Kerl, aber nicht besonders hell in der Birne. Ohne mich wäre er wahrscheinlich gar nicht aus dem Hafenbezirk rausgekommen. Er wäre am liebsten in irgendein Sündenlokal hineingegangen und hätte die Heuer verprasst, aber ich wollte nicht.“

Großvater Max legte noch einen Ast in die Glut des Lagerfeuers und fuhr fort: „Als wir so daherkamen, sah ich ein Plakat für ein Baseballspiel der Roten Adler von Veracruz gegen die Tiger von Mexiko City. Baseball war für uns damals ja fast völlig unbekannt – da wollte ich hin. Johnny war natürlich einverstanden. Als wir in den Rängen saßen und versuchten, das Spiel zu verstehen, saß neben uns ein freundlicher US-Amerikaner, der uns alles erklärte. Nach dem Spiel wollte er uns zum Essen einladen und gerade als wir mit dem Taxi vor dem Restaurant vorfuhren, fiel ihm ein, dass er sein Geld vergessen hatte. Dann lud er uns zu sich nach Hause ein. Ich war schon skeptisch, aber Johnny fand das alles Klasse. Der Mann hatte auch ein sehr schönes Apartment. Die Adresse weiß ich heute noch, Boulevard Camacho 347. Aber er wollte nicht mit uns essen, sondern Dinge machen, die Männer nicht tun sollten. Du bist noch zu jung für so etwas, Felix. Aber es gibt Männer, die versuchen, Dinge mit Männern zu tun, die Männer nicht mit anderen Männern tun dürfen. Das ist eine große Sünde. Sei auf der Hut vor solchen Männern!“ Felix versprach, dass er sich die Worte von Großvater Max merken würde.

(235) Sero war bestimmt der dümmste Jagdhund, den es gab.

Sero war bestimmt der dümmste Jagdhund, den es gab. Max Klinger hatte keine Idee, mit welchem Rüden Minna sich gepaart hatte, aber das väterliche Erbgut musste jämmerlich gewesen sein. Sero war klein, hatte einen markanten Überbiss und schien ausschließlich von seiner Fressgier geleitet zu werden. Klinger hatte schon gedacht, Sero einfach zu erschießen, aber solange Minna noch lebte, wollte er ihr das nicht antun. So nahm er immer beide Hunde mit auf die Entenjagd. Minna holte die abgeschossenen Tiere und Sero lag rum und döste solange, bis ihm die Schüsse Angst machten.

Klinger war froh, dass sein Enkel Felix die Entenjagd mochte. Anders als sein Vater, der zwar ein Restaurant betrieb, aber nichts davon wissen wollte, wo das Fleisch denn herkam. In Klingers Augen ein Weichei. Felix sollte anders werden. Zupackend und bereit, den Problemen in die Augen zu sehen.

„Hast Du das Boot schon vorbereitet?“, fragte Klinger seinen Enkel, als sie Abendbrot aßen. „Alles bereit, wir können morgen gleich los.“ Und das taten sie auch. Bevor es hell wurde, standen sie auf und ruderten mit dem Boot am Ufer entlang. Da der See von einem Fluss durchzogen wurde, gab es starke Strömungen und man musste genau aufpassen, wie man fuhr. Mit im Boot Minna, die wachsam am Bug stand wie eine Galionsfigur und Sero, der auf einer Decke pennte.

Großvater und Enkel erreichten eine gute Entenstelle auf einer Insel im Strom und gingen an Land. Das Boot vertäuten sie und dann legten sie sich in die schilfgepolsterte Grube, um auf die Enten zu warten. Minna hielt sich sprungbereit, Sero pennte weiter. Zufrieden beobachtete Klinger, wie Felix fachmännisch sein eigenes, kleines Gewehr überprüfte, lud und auf den Grubenrand legte.

Als sie wieder aufbrachen, sagte sich Klinger, dass es ein guter Tag gewesen war. Er selbst hatte 6 Enten geschossen, Felix fünf. Eine davon hatte Minna nicht gefunden. Felix legte die zehn Enten sorgfältig in das Boot und kam zurück, um die Decken einzusammeln. Klinger stand daneben und beobachtete ihn mit Vergnügen. Dann ging Felix noch einmal zurück, um die Flinten zu holen. Klinger löste das Tau und warf es in das Ruderboot. In dem Augenblick kam Sero aus der Grube geschossen, denn nichts war ihm lieber, als nach Hause zu fahren. Er sprang in das Boot, das dadurch in Bewegung geriet und vom Land abstieß. Klinger bemerkte es nicht sofort, weil er zu Felix schaute und als er es sah, trieb das Boot bereits in der Strömung. Minna sprang ins Wasser, aber es war aussichtslos – Klinger rief sie zurück. Auf der Bank im Boot stand Sero und heulte erschrocken. Schnell wurde das Boot abgetrieben und verschwand hinter einem Schilfgürtel. „Das ist jetzt blöd“, meinte Klinger. „Wir werden die Nacht hier verbringen müssen.“

(234) Klinger entschuldigt sich bei Sonja.

Klinger entschuldigt sich bei Sonja. „Mir sind in letzter Zeit so viele Fehler passiert. Es tut mir leid, dass Sie auch darunter gelitten haben. Die Kosten für das Restaurant waren immer sehr hoch gewesen. Das war auch so geplant, denn ich wollte die beste Qualität bieten. Aber irgendwann, es muss zu der Zeit gewesen sein, als dieser Klee anfing, stiegen die Kosten immer weiter in die Höhe. Das Restaurant machte Verluste. Ich sprach mit Niemann darüber, aber er war aufbrausend und sagte nur, dass Qualität seinen Preis habe. Mir war nicht bewusst, dass er sich gar nicht um die Einkäufe und die Kosten kümmerte, sondern das seinem Sous Chef überließ. Niemann war wie besessen darauf, die Rezepte immer weiter zu verfeinern. Alles andere war ihm egal. Und dann ist mir der Kragen geplatzt. Ich habe Sie ansprechen lassen, weil ich eine andere Führung der Küche haben wollte. Jemand, der es gewohnt ist, gut zu kochen, aber dabei auch immer die Kosten im Auge hatte. Niemann habe ich feuern lassen, aber den eigentlichen Missetäter hatte ich nicht einmal identifiziert. Und ich habe Sie alleine in diese Räuberhöhle gelassen. Es tut mir leid.“

Sonja hatte nicht damit gerechnet, dass jemand wie Klinger so einfach seine Fehler zugab. „Es ist alles in Ordnung. Seit Klee weg ist, hat sich das Klima in der Küche deutlich verbessert. Und die Kosten haben wir unglaublich reduziert. Beppo bedankt sich bei Ihnen für die großzügige Prämie.“ Klinger wehrte ab. „Wie geht es Ihrem Sohn?“, fragte sie vorsichtig. Klinger atmete einmal tief durch. „Noch ein Bereich, wo ich nur Fehler gemacht habe. Ich weiß nicht genau, was ich falsch gemacht habe, aber irgendetwas ist bei der Erziehung von Felix schief gelaufen. Es ist auch ein Armutszeugnis für mich, dass ich jetzt mehr Zeit als vorher mit ihm verbringe, seit er auf Kaution draußen ist und sich auf den Prozess vorbereitet. Wenn er nicht mein Sohn wäre, würde ich ihn verabscheuen.“ Sonja tat es leid, dass sie das Thema angeschnitten hatte. Sie wollte Klinger nicht in einem Moment der Schwäche erleben. Sie spürte, wie sie den Respekt vor ihm verlor. Aber sie konnte Klinger nicht stoppen. „Er wuchs ja im Wesentlichen bei den Großeltern auf. Ging mit dem Großvater viel zur Jagd. Hatte schon als Kind ein Gewehr. Vielleicht ist das der Ursprung dieser Gewalt. Ich weiß es nicht. Eigentlich dachte ich, dass er weltoffen und tolerant sei. Das war aber nur meine Sichtweise, weil ich in ihm das sehen wollte, was mir selbst wichtig ist. In Wirklichkeit ist er zu einem bornierten, dummen Spießer herangewachsen. Ich weiß nicht, wo das herkommt. Und wie man es wieder wegbekommt. Im schlimmsten Fall kommt er mit einer Bewährungsstrafe davon. Wahrscheinlich nicht einmal das, der Anwalt ist sehr gut. Aber was dann? Was kann ich machen, damit er so wird, wie ich mir das vorstelle? Vielleicht sollte ich Beppo als Erzieher einstellen, der ihm jedes Mal eins mit dem Plattiereisen überzieht, wenn er davor ist, Blödsinn zu machen.

(233) In den nächsten Tagen schaute Sonja sich die Fleischrechnungen genau an.

In den nächsten Tagen schaute Sonja sich die Fleischrechnungen genau an. Beppo hatte recht, es war unmöglich, dass derart viel Fleisch im Restaurant verbraucht wurde. Beim nächsten Mal überprüfte sie den Lieferschein mit der angelieferten Menge. Der Lieferschein erhielt doppelt so viel Filet wie tatsächlich angekommen. Zur Sicherheit wollte sie auch noch die nächste Lieferung abwarten. Gleichzeitig rechnete sie anhand der Bons der letzten drei Monate hoch, wie viel Fleisch an die Gäste verkauft worden war und verglich mit den eingekauften Mengen. Auch diese Zahlen zeigten, dass Beppo richtig lag.

An einem frühen Morgen durchsuchte sie Viktors Spind und fand darin einen aufgefalteten Origami-Zettel, in dessen Falzen noch weiße Pulverreste hingen. Darin stand auch eine angebrochene und zwei volle Flaschen Wodka. Dem Stempel nach stammten sie aus dem Bestand des Restaurants.

Nach der nächsten Fleischlieferung, die ähnlich ablief wie die davor, hatte Sonja genügend Fakten. Sie überlegte, ob sie zuerst mit Klinger sprechen sollte, entschied sich aber dagegen. Der Eigentümer kam kaum mehr ins Restaurant und kümmerte sich fast ausschließlich um den Mordprozess gegen seinen Sohn. Sie würde es alleine durchziehen müssen.

Sie bestellte Viktor in ihr Büro. Zur Sicherheit hatte sie Beppo gebeten, draußen vor der Tür zu warten, für den Fall, dass Viktor gewalttätig werden würde.

Viktor fläzte sich vor sie hin in den Besucherstuhl. „Haben Sie noch ein paar Verbesserungsvorschläge für den Arbeitsablauf?“, fragte er höhnisch. Sonja hielt den in ihr aufsteigenden Zorn zurück und sagte nur: „Ich habe ein paar Fragen, Herr Klee.“ Sie nahm einen Stapel Papier und bereitete die ersten Blätter vor sich auf dem Schreibtisch aus. „Es betrifft die Fleischlieferungen.“

Viktor schaute gelangweilt auf die Papiere und sagte nur: „Das brauchen Sie nicht zu tun. Das ist mein Job. Es ist alles in Ordnung.“ – „Den Eindruck habe ich nicht, Herr Klee. Ich habe den Fleischverbrauch der letzten Wochen überprüft und gesehen, dass wir mehr einkaufen, als wir verbrauchen.“ Klee sagte nichts, schob nur seinen Unterkiefer noch vorne und zurück. „Außerdem scheinen die Lieferscheine für die Fleischlieferungen falsch zu sein.“ – „Was wollen Sie damit sagen?“ – „Auf den Lieferscheinen ist Ihre Unterschrift, Herr Klee. Das wirft Fragen auf.“

Klee setzte sich aufrecht in den Sessel und legte seine großen Hände zusammen. „Jetzt hören Sie mal gut zu, Chefin. Die Küche führe ich. Um die Lieferungen kümmere ich mich. Das geht Sie alles nichts an. Wenn Ihnen das nicht passt, dann gehen Sie doch wieder.“ – „Irrtum, Herr Klee. Ich werde Herrn Klinger über diese Betrügereien berichten, die Sie anstellen, um Ihren Kokainkonsum zu finanzieren. Dann werden wir ja sehen, was dann kommt.“ Mit einem Schrei sprang Klee auf und lief um den Schreibtisch herum. Bevor Sonja um Hilfe rufen konnte, hatte er sie an der Gurgel gepackt und drückte zu. Mit zusammengepressten Zähnen zischte er „Du machst mich nicht fertig, du Imbissschlampe!“.

Doch dann kam Beppo ins Büro und schlug Klee mit einem Plattiereisen nieder. „So mag ich mein Schnitzel“, sagte Beppo zufrieden.