(213) Sein Schmerztherapeut hatte Jörg eine Gruppentherapie empfohlen…

von Alain Fux

Sein Schmerztherapeut hatte Jörg eine Gruppentherapie empfohlen, um vorzubauen, dass er sich zu sehr als Einzelschicksal wahrnahm. An der ersten Sitzung nahmen neben Jörg noch sieben weitere Patienten teil. Jörg hatte bereits nach der ersten Vorstellungsrunde den Eindruck, dass die meisten absolute Loser waren. Nur ein Teilnehmer schien ihm ebenbürtig zu sein.

Die anderen erschienen ihm wie Leute, die sich ohne Ziel vom Leben treiben ließen und sich irgendwann wunderten, dass sie nicht weiterkamen. Insbesondere die Leiden von Matthias, einem 41-Jährigen, schienen Jörg vollständig selbstverschuldet. Matthias war Pfleger auf der Neugeborenenstation in einem Krankenhaus. Sein Krankheitsbild bestand darin, dass er bei Kindergeschrei Anfälle von Kopfschmerzen bekam. Jörg wollte sagen, dass er sich doch einfach einen anderen Job suchen solle, vielleicht in der Betreuung von stummen Patienten, verkniff sich aber die Bemerkung.

Der einzige aus Jörgs Sicht interessante Teilnehmer war Heiner. Was Jörg an Heiner gefiel, waren die klaren Worte mit denen er seine Situation beschrieb, sowie das genaue Ziel, das er mit der Therapie verfolgte. Die anderen Teilnehmer waren unentschlossen und es schien Jörg, dass ihre Therapie damit von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Heiner hingegen sagte, dass sein Therapieziel darin bestünde, sein Leben wieder so zu leben, wie er es vor der Schmerzthematik gelebt hatte. Damit würden sich auch alle anderen Probleme in seinem Leben lösen.

Jörg konnte ihm nur beipflichten: Auch er wollte seine Schmerzimpulse in den Griff bekommen. Matthias meinte, dass der Versuch, über alles Kontrolle zu haben, vielleicht der Auslöser der Schmerzen sei. Jörg schaute zu Heiner hinüber und rollte nur mit den Augen. Heiner zwinkerte ihm zu.

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