(209) Philip Dunker schloss die Tür des Restaurants ab.

von Alain Fux

Philip Dunker schloss die Tür des Restaurants ab. Er hatte die richtige Entscheidung getroffen, als er der Top-Gastronomie den Rücken kehrte und in seine Heimatstadt zurückkehrte. Im Vergleich zu seinen bisherigen Positionen als Restaurantleiter in berühmten Sternerestaurants wirkte der Job als Geschäftsführer in einem Shopping Center-Restaurant auf den ersten Blick wie ein Abstieg. Dennoch war Philip zufrieden, weil er den Eindruck hatte, endlich ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Durch die geregelten Öffnungszeiten hatte er zeitgleich mit den meisten anderen Leuten Feierabend. Und er brauchte keine Angst davor zu haben, dass hinter jedem beliebigen Gast ein heimlicher Testesser steckte.

An diesem Abend hatte er sich mit Jörg Knittel, einem Jugendfreund, zum Joggen verabredet. Sie trafen sich etwas außerhalb der Stadt auf einem Parkplatz im Grünen. Jörg war startbereit, als Philip ankam. Schnell zog sich Philip um und sie konnten lostraben.

Im Gegensatz zu seinem Freund hatte Jörg seine Heimatstadt nie verlassen. Er brachte Philip viele Dinge näher, die er nicht mehr gekannt oder vergessen hatte. Zum Beispiel auch seinen Laufparcours. Jörg fand, dass man dabei herrliche Ausblicke auf die Stadt hatte. Philip musste erst langsam wieder in Form kommen und hatte deswegen wenig Sinn für reizvolle Ausblicke.

An einer Stelle überquerten sie ein tiefes Tal über eine lange, hohe Brücke. Es war noch recht warm und Philip wollte seinen Pullover ausziehen. Er zog ihn im Laufen über das Gesicht. Gerade als er blind weiterlief, hatte er den Eindruck, dass eine Wespe im Pullover gefangen war. Eine Panikattacke erfasste ihn und er lief geradewegs auf die Brüstung zu.

Er knallte gegen das Schutzgitter, das nachgab und sich über den Rand bog. Durch den Schwung fiel Philip über die Brüstung und wäre 40 Meter in die Tiefe gestürzt, wenn sein Fuß sich nicht im Gitter verfangen und ihn aufgehalten hätte. So hing er kopfüber im Gitter, den Pullover immer noch über dem Kopf. Jörg beugte sich von oben über die Brüstung und erkannte, dass das Gitter nicht mehr lange halten würde. Er rief Philip zu, den Pullover abzustreifen. Philip tat es und sah dann erst, in welcher Lage er sich befand. Jetzt geriet er richtig in Panik.

Jörg musste ihn beruhigen, indem er ständig auf ihn einredete. Philip brauchte etwas Zeit, war dann aber wieder ansprechbar. Jörg streckte seinen Arm aus und befahl dem Freund, seine Hand zu ergreifen. Nach einer Ewigkeit tat Philip wie geheißen. Jörg fasste zu und hielt Philip fest. Er hebelte seinen Fuß gegen die Brüstung und lehnte sich mit seinem ganzen Gewicht nach hinten. Langsam zog er Philip wieder hoch in Sicherheit. Anschließend mussten sie sich erst einmal hinsetzen, sie waren beide mit den Nerven am Ende.

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