(208) Zwei lange Jahre hatte Kuno Haller den Schmutz und den Lärm ertragen müssen.

von Alain Fux

Zwei lange Jahre hatte Kuno Haller den Schmutz und den Lärm ertragen müssen. Zuerst waren es der Abbruch der alten Fabrik, danach die unendlichen Ausschachtungsarbeiten gewesen. Es folgten die Fundamente, die Wände und Decken – und ständig der Lärm der Betonpumpen.

Jetzt war das Shopping-Center fertig und Kuno Haller wollte sich ein Bild davon machen. Vom Bau verstand er etwas, denn er war Kranführer gewesen, bevor ihn die Krankheit in den Vorruhestand getrieben hatte. Die Krankheit war sein Alkoholismus, von dem er sich trotz zweier Entzugskuren nicht lösen konnte.

Die jungen Frauen, die Gutscheinheftchen am Eingang des Einkaufszentrums verteilten, ignorierte er verächtlich. Der Bau selbst sah sehr ordentlich aus, gute Ausführung. Aber mit den neuen Baumaterialien war das auch keine Kunst mehr. Die Musik im Hintergrund war ihm zu laut. Die Läden waren nur etwas für Reiche. Sogar wenn ihn etwas interessiert hätte, er hätte es sich nicht leisten können.

Früher war das ganz anderes gewesen. Natürlich hatte er sich als Kranführer keine großen Sprünge erlauben können. Aber, Haller besaß großes Talent für das Wasserskifahren. Und irgendwann hatte er ein paar andere Verrückte in einem Club zusammengebracht und sie probten Showeinlagen. Sie wurden zu Hafengeburtstagen, Regatten, sogar zu Weinfesten am Rhein eingeladen. Dabei führten sie ihre Kunststücke vor. Das Kranfahren war nur mehr ein Zubrot für ihn gewesen. Das größte aber war der Auftritt bei ‚Wetten, dass…‘ gewesen, wo sie sich als Sechserpyramide von einem Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes ziehen ließen. Irgendwann fanden die Kameraden, dass Haller unzuverlässig geworden war. Danach ging es nur mehr bergab mit ihm. Als ob sich alle gegen ihn verschworen hätten.

Sein Blick verklärte sich, als er das Schild ‚Freibier‘ erkannte. Die Fußnote darunter schränkte ein: ‚Nur 1 0,3l-Glas pro Person‘. Aber es war besser als nichts. Er setzte sich hin und als der Kellner nach seinem Wunsch fragte, bestellte er ein Bier. Das Bier kam, er trank einen Schluck und zog dann, wie es seine Gewohnheit war, die Zigaretten heraus und zündete eine davon an.

Augenblicklich kehrte der Kellner zurück und wies ihn auf das Rauchverbot hin. Haller reagierte nicht und tat so, als ob er angestrengt in die Ferne schaute. Der Kellner verschwand und dann folgte der Geschäftsführer des Restaurants. Er stellte sich breitbeinig vor Haller und sagte ihm, dass er seine Zigarette ausmachen sollte. Dazu hatte er eigens einen Aschenbecher mitgebracht, den er vor Haller hinstellte.

Haller sah ihn verständnislos an und sagte, dass Zigaretten und Bier nun mal zusammengehörten. Der Geschäftsführer erklärte, dass er den Sicherheitsdienst rufe, wenn Haller nicht augenblicklich ginge. Haller sprang so abrupt auf, dass der Geschäftsführer einen Satz nach hinten machte. Dann hob Haller das Glas und leerte es in einem Zug. Er wartete einen Moment und rülpste laut, bevor er das Glas wieder hinstellte. Dann ging er.

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