Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: August, 2018

(203) Vor den einarmigen Banditen an der Lobbybar…

Vor den einarmigen Banditen an der Lobbybar beobachtete Zander ein altes, sehr auffällig gekleidetes Paar, das nebeneinander auf Barhockern saß. Er trug ein orangefarbenes Cowboy-Outfit mit passendem Stetson, sie trug einen fuchsiafarbenen Freizeitanzug. Beide rauchten eine Zigarette nach der anderen und fütterten routiniert die Automaten aus einem Plastikeimer mit Chips. Gleichzeitig redete die Frau aufgeregt auf den Mann ein, während dieser kaum zu antworten schien.

„Ich kann es nicht glauben, dass du unseren Thrift Savings Plan aufgelöst hast und dir alles hast auszahlen lassen. Es war doch sicher angelegt. Was sollen wir jetzt mit dem Geld machen?“ May beobachtete die rotierenden Scheiben des Automaten, als ob sie ihr die Antwort anzeigen würden. Rick grummelte nur. „Haben wir Schulden?“, fragte sie. „Nein“, Rick schaute starr auf die Scheiben seines Automaten. May hatte für einen Moment aufgehört, ihr Gerät zu füttern und blickte Rick von der Seite an. „Rick, hast du das Geld ausgegeben?“ – „Nein, liegt auf dem Konto.“ – „Alles?“ – „Bis auf ein wenig für die Reise hierher.“ – „Wie viel?“, hakte May atemlos nach. „Fünf.“ – „Wie, fünf? Fünftausend?“, May war entsetzt. Rick sagte nichts. „Und wo ist das Geld? Du hast es doch nicht etwa hier bei dir?“ – „Nein, ich bin doch nicht blöd.“ – „Also, wo ist es?“ – „Im Hotel.“ May hielt sich sichtbar zurück, um Rick nicht anzubrüllen. „Du hast das Geld im Hotelzimmer gelassen? Fünftausend Dollar? In Vegas?“

May rang nach Worten. Sie wusste, dass Rick noch verstockter reagierte, wenn man ihn für dumm hielt, aber ihr fiel keine andere Bezeichnung ein für sein Verhalten. Nachdem sie zwei Mal ein- und ausgeatmet hatte, sagte sie: „Wir gehen jetzt auf der Stelle ins Hotel, holen das Geld und bringen es auf die Bank. Sofort, hörst du!“

An den Bewegungen seiner Zigarette erkannte May, dass Rick mit sich rang. „Sofort“, wiederholte sie, um seine Widerrede im Kein zu ersticken. Die Spitze der Zigarette senkte sich, sie hatte gewonnen. Sie nahm die beiden Eimer und marschierte mit Rick im Schlepptau zur Kasse, um die verbliebenen Chips einzulösen.

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(202) Ottmar Zander konnte es nicht fassen…

Ottmar Zander konnte es nicht fassen, als sein Vermieter ihn anrief und ihm sagte, dass sein Laden in Brand stünde.

Kurze Zeit später stand er auf der anderen Straßenseite vor dem Geschäft. Er sah, dass die Flammen aus dem zerbrochenen Schaufenster züngelten und das Leuchtschild bis zu „Zand… Briefm…“ weggeschmolzen hatten. Er hätte tanzen können.

Seit Wochen hatte er mit dem Plan gespielt, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen und zu verkaufen. Allerdings würde er für die angesammelten Briefmarken bei einem Komplettverkauf keinen besonders hohen Preis erzielen. Er hatte sich damit abgefunden, noch mehrere Jahre so weiter zu machen und nach und nach seine Bestände abzubauen.

Der Brand öffnete ihm jetzt neue Perspektiven, denn die Versicherung würde die Marken zum Marktwert ersetzen und zwar in bar, denn eine Wiederbeschaffung war in der Form nicht möglich. Glücklicherweise geschah es auch noch in der Frist, die ihm die Versicherung gesetzt hatte, seine Holzschränke durch feuerresistente Stahlschränke zu ersetzen.

Von dem Vermieter, der ihn gesehen hatte und auf ihn zugekommen war, erfuhr er, dass niemand zu Schaden gekommen war. Beide stimmten überein, dass der Besitzer des Nachbarladens großes Glück hatte, weil sich das Feuer nicht dorthin ausgedehnt hatte. Besonders da man wusste, dass Herr Menzel chronisch in wirtschaftlichen Schwierigkeiten war.

Ottmar Zander konnte sein Glück kaum fassen.

Es gab eine Untersuchung der Versicherung und innerhalb von zwei Monaten wurde ihm der Wert des Briefmarkenbestands auf sein Konto ausgezahlt. Zwei Tage später erfüllte Herr Zander sich einen Lebenstraum und flog nach Las Vegas. In einem Taxi ließ er sich zuerst den Strip hinauf und hinunter fahren und schaute staunend wie ein Kind aus dem Autofenster. Er wies den Fahrer an, ihn ins Luxor zu fahren, dem pyramidenförmigen Hotel, dessen Scheinwerfer in der Spitze kilometerweit in den Nachthimmel leuchtete.

Als Zander eingecheckt hatte, lud ihn die Dame vom Empfang zu einem Cocktail in der Lobbybar ein. „Gerne“, sagte Zander. Er war zwar etwas enttäuscht, dass die junge Frau nicht bei ihm sitzen blieb, aber es trübte seine Gesamtfreude kaum. In dem tiefen Clubsessel lehnte er sich zurück, schaute empor bis zur Spitze der inneren Pyramide und fühlte sich befreit.

(201) Helmut Menzel saß nach Ladenschluss hinten in dem kleinen Büro…

Helmut Menzel saß nach Ladenschluss hinten in dem kleinen Büro und hatte mehrere Ordner offen auf der Erde neben seinem Stuhl liegen. Er berechnete gerade den Einkaufspreis aller Waren, die in seinem Geschäft und dem angehängten Lager enthalten waren. Er kam auf € 169.423,50. Davon würde er ca. € 100.000 herausnehmen können und separat verkaufen für ca. € 75.000. Bei dem anschließenden Brand würde der Rest der Waren vernichtet werden. Leere Kartons, die mit verbrennen würden, sollten vortäuschen, dass alle Stofftiere von der Lagerliste auch wirklich verbrannt waren. Er würde aus der Aktion einen Wert von € 75.000 zurückbehalten. Genug, um die kosmetische Chirurgie für seinen Sohn Leon zu bezahlen.

Bei dem unglücklichen Sturz auf der Operntreppe war Leon mit dem Gesicht über den Quarzsandaufstrich geschürft, der zur Rutschhemmung auf den Stufen aufgetragen war. Es war so, als ob sein Gesicht ausradiert worden wäre. Noch jetzt verzerrte sich Menzels Gesicht schmerzhaft, wenn er daran dachte. Als er und seine Frau im Krankenhaus ankamen, war Leon bereits vollständig bandagiert. Der Arzt hatte die Eltern behutsam darauf vorbereitet, dass ein kosmetischer Eingriff erforderlich sein würde, um das Gesicht von Leon wiederherzustellen. Es bestand zwar eine Chance, dass die Gemeindeverwaltung für den Unfall eintreten würde. Allerdings würde Menzel klagen müssen, da keiner von allein die Verantwortung übernahm. Für eine Klage fehlte ihm das Geld und eine Krankenversicherung hatte er nicht abgeschlossen. Menzel musste das Geld erst einmal selbst aufbringen. Leider liefen seine Geschäfte nicht sonderlich gut und Menzel hatte, in der Hoffnung ständig wachsenden Verkaufs über das Internet sein Lager mit Stofftieren stark vergrößert.

Es blieb ihm nur noch der Versicherungsbetrug. Er hatte die Police der Feuerversicherung durchgesehen, die ihm ein windiger Vertreter aufgeschwatzt hatte. Zum ersten Mal war er froh, dass die Versicherungssumme relativ hoch war. Sogar der Betriebsausfall war mit abgedeckt. Menzel hatte keine andere Wahl.

Allerdings hatte er sich verkalkuliert. Das Feuer brannte nicht, wie er es erwartet hatte. In Menzels Lager verkohlten lediglich einige Rollen Plastikfolie. Der Kunststoff verstreute sich überall als Ruß und setzte sich an den Stofftieren fest. Dadurch wurden sie nahezu unverkäuflich. Der Brand hatte sich hingegen über einen Lüftungsschacht in den Briefmarkenladen nebenan verlagert. Dort war alles ausgebrannt.

Damit die fehlenden Stofftiere dem Versicherungsinspektor nicht auffallen würden, hatte Menzel sie zurückbringen und ebenfalls berußen müssen. Wenigstens war es der Feuerwehr nicht aufgefallen, während sie im Nachbarladen gegen die Flammen kämpfte. Menzel hoffte, dass seine Haftpflichtversicherung in Ordnung war.

(200) Korbel traf sich mit Herk Pitzer, einem Sozialarbeiter…

Korbel traf sich mit Herk Pitzer, einem Sozialarbeiter, den er bei einem Einsatz kennen gelernt hatte. Er erkundigte sich, wie er helfen könne. Herk sagte ihm, dass er eine Gruppe von Jugendlichen betreue, die sich sehr für das Skateboardfahren interessierten – das wäre vielleicht ein guter Start. „Was kann ich dabei genau tun?“, fragte Georg Korbel.

Herk nahm ihn eines Abends mit, als er die Gruppe besuchte. Es waren Jungs zwischen zwölf und 15 Jahren, die meisten Kinder von Einwanderern. Als Korbel zum ersten Mal dabei war, drehten ihre Runden auf einem Platz mit Bänken, Mauern und Treppenstufen als Hindernisse. Insgesamt waren sie zu zwölft. Die Annäherung war nicht so einfach, denn eigentlich wollten die Skateboarder nichts mit einem Polizisten zu tun haben.

Korbel fragte sie, ob er denn etwas für sie tun könnte, etwas, das sie schon immer mal machen wollten. Irgendwann erzählten sie im Gespräch, dass sie gern auf der großen Freitreppe vor der Oper skaten wollten. Dort waren die Treppenabsätze für bestimmte Kunststücke in der richtigen Tiefe und es gab eine Rampe, die in der Verlängerung des Geländers für Skateboarder eine magische Anziehung ausübte. Allerdings war es nicht möglich, diesen Spot zu nutzen: An allen strategischen Stellen waren Metallstangen und Ketten platziert. Alle Blicke richteten sich auf Korbel. Er dachte kurz nach und sagte, dass er ja mal ein paar Anrufe machen könnte.

Am nächsten Tag redete er mit einem Verantwortlichen in der Oper, der ihn an andere Personen bei der Gemeindeverwaltung verwies. Dort kam er nicht weiter und deshalb wendete er sich an einen Stadtrat. Korbel erklärte ihm das Projekt und versuchte, den Politiker dadurch zu gewinnen, dass ein Erfolg der Aktion bestimmt auch in der Presse Erwähnung fände. Am Ende des Gesprächs hatte er nicht den Eindruck, dass sein Anliegen auf Sympathie stieß.

Doch kurze Zeit später bekam er einen Anruf von der Sekretärin des Stadtrats. Sie teilte ihm mit, dass die Aktion zunächst einmalig und nicht-offiziell stattfinden könne. Abhängig vom Ergebnis würde man dann weitersehen. Beim nächsten Treffen berichtete Korbel von seinem Erfolg, aber die Skateboarder waren weiterhin skeptisch.

Als sich aber alle am verabredeten Tag vor der Oper trafen, waren Arbeiter der Stadtverwaltung gerade dabei, die letzten Stangen und Ketten zu entfernen. Korbel spürte, wie er plötzlich zum Held der Jungs geworden war. Angeregt von Herk applaudierten ihm alle. Korbel setzte sich mit Herk auf eine Bank und beobachtete die Skater, wie sie das neue Terrain erkundeten.

Einer der Jungs hatte es sich in den Kopf gesetzt, oben auf der Treppe Anlauf zu nehmen, dann auf das Geländer der großen Treppe zu springen und 20 Stufen hinunterzurutschen. Beim dritten Versuch schaffte er es auf das Geländer, verlor aber nach der siebten Stufe das Gleichgewicht und landete mit dem Gesicht nach vorn auf dem Treppenabsatz.

(199) Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ – „Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und Seiner Barmherzigkeit“, antwortete der Priester.

Korbel atmete schwer: „Ich habe gesündigt.“ – „Erzähle mir, mein Sohn.“

Korbel erzählte von dem Nachmittag vor zwei Tagen, als er den Bankräuber erschossen hatte. Er haderte mit sich, weil es möglich gewesen wäre, den Flüchtigen festzunehmen, ohne die Schusswaffe einzusetzen. Er hatte die Pistole aus dem Holster gezogen, weil er zuerst dachte, der Räuber sei bewaffnet. Als er zielte und abdrückte, war er aber sicher gewesen, dass der andere nicht bewaffnet war. Allerdings war Korbel physisch am Ende und er glaubte nicht, dass er eine Fortsetzung der Verfolgung durchgehalten hätte. Deshalb war der Schuss, so interpretierte er es, ein Ausdruck seiner Bequemlichkeit gewesen. Gleichzeitig auch ein Zeichen seiner Eitelkeit, denn wäre der Räuber entwischt, hätten ihn andere Polizisten wahrscheinlich schnell gefunden. Es war auch nicht anzunehmen, dass der Räuber eine Gefahr für andere darstellte.

Korbel hatte also den Schuss abgegeben, ohne dass er im Kern einen triftigen Grund dafür hatte. Die letzten beiden Tage hatte er sich mit diesen Gedanken beschäftigt und gemartert. Am Ende drängte es ihn nach einer Beichte.

Der Priester warf ein, dass es eine Entscheidung gewesen war, die er in Sekundenbruchteilen hatte treffen müssen und dass er auch Verantwortung für die Sicherheit anderer Menschen hatte. „Ich fühle mich schuldig“, widersprach Korbel, „er war jung, er hätte sich bessern können.“

„Was würdest du selbst als gerechte Buße empfinden?“, fragte der Priester nach einer Pause. „Mit benachteiligten Jugendlichen arbeiten. Versuchen, ihnen dieses Schicksal zu ersparen“, entgegnete Korbel. „Das ist eine gute Idee“, fand der Priester. „Ich glaube nicht, dass du Schuld hast, mein Sohn, aber es wird dich erleichtern“, fügte er hinzu.

„So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Korbel bekreuzigte sich, stand auf und verließ den Beichtstuhl. Er fühlte sich gestärkt.

(198) Ein Passant wies die Polizisten auf den flüchtigen Bankräuber hin.

Ein Passant wies die Polizisten auf den flüchtigen Bankräuber hin. Einer der Polizisten, Georg Korbel, lief in die angegebene Richtung. Korbel war ein guter Läufer, drei Mal in der Woche trainierte er 10-Kilometer-Strecken und jedes Jahr machte er bei dem Stadtmarathon mit. In Uniform lief er nicht gern, besonders nicht wegen der Waffe, die in seinem Hüftholster hin und her pendelte. Nach kurzer Zeit lief er an Kraushaar vorbei, der ihn neu orientierte.

Von weitem konnte Korbel den Flüchtenden erkennen. Es sollte dem Fahrer eigentlich klar sein, dass er keine Chance hatte. Der Polizist versuchte auszumachen, ob der Mann bewaffnet war oder nicht. Er konnte nur die Plastiktüte in der einen Hand erkennen, die andere hatte der Räuber an der Lenkstange. Korbel war jetzt bis auf zehn Meter heran gekommen. Er schwitzte stark, Sprints waren nicht seine Stärke. „Bleiben Sie stehen. Polizei!“, schrie er dem Flüchtigen hinterher. Der machte aber keine Anstalten zu stoppen.

„Bleiben Sie stehen, oder ich schieße!“ Korbel nestelte an dem Holster, öffnete es und zog die Pistole. Im Laufen entsicherte er sie und schoss in die Luft. Es knallte und der Flüchtige hörte es. Er zuckte zusammen und fuhr sofort langsamer, fast im Schritttempo. Er ließ eine Hand sinken, Korbel konnte nicht erkennen warum. „Hände hoch!“, schrie der Polizist, jetzt nur noch drei Meter entfernt. Der Räuber nahm jetzt beide Hände hoch, von der einen baumelte die Tüte. Er schien noch nicht loslassen zu können.

Durch das Hochreißen der Arme verlagerte der Räuber sein Gewicht wieder nach vorn und der Roller fuhr gleich wieder los. Korbel blieb stehen, legte mit zwei Händen an, zielte und drückte ab. Er musste getroffen haben, denn der Körper des Bankräubers sackte über dem Lenker zusammen. Der Roller fuhr weiter, hielt sich nach links, gelenkt durch das Gewicht des Räubers und fuhr auf einen Blumenladen los. Der Segway durchbrach das Schaufenster und wurde erst von der Theke gestoppt. Die Floristin hinter der Theke blieb wie versteinert stehen. Korbel forderte einen Krankenwagen über Funk an. Seine Hände zitterten und er hatte Mühe, seine Pistole wieder in den Holster zu stecken.

(197) Passanten blieben stehen und schauten dem Segway-Fahrer nach.

Passanten blieben stehen und schauten dem Segway-Fahrer nach. Mit einem kecken Hüftschwung leitete Kraushaar eine scharfe Wendung in eine Nebenstraße ein.

Gerade in diesem Augenblick stürmten zehn Meter vor ihm drei schwarz gekleidete Männer mit Skimasken aus einer Bank heraus und sprangen in das Auto, das davor auf der Straße parkte. Sie hatten eben die Filiale überfallen und trugen Plastiktüten mit Geld in der einen Hand und Pistolen in der anderen. Der Fahrer, der im Wagen geblieben war, drehte den Zündschlüssel.

Der Segway-Fahrer erkannte sofort, was passierte und versuchte, so schnell wie möglich weiterzufahren. Der Motor des Fluchtwagens ächzte und keuchte, sprang aber nicht an. Der Fahrer versuchte es noch einmal. Wieder nichts. In der Ferne hörte man Sirenen. Einer der Bankräuber schnellte aus dem Wagen, die Plastiktasche noch in der Hand, und sprintete hinter dem Segway her.

Kraushaar hörte die Laufschritte und versuchte, schneller zu fahren. Aber er war schon am Maximum. Der Bankräuber griff mit der freien Hand nach Kraushaars Mantel, rutschte aber ab und geriet ins Straucheln. Der Segway-Fahrer konnte wieder etwas Distanz gewinnen. Der Räuber war aber wieder auf den Beinen und hastete ihm hinterher. Diesmal klappte es und er zog Kraushaar vom Segway. Der Roller blieb sofort stehen, Kraushaar stürzte zu Boden. Der Bankräuber sprang auf die Standfläche des Gefährtes und drückte die Lenkstange nach vorn. Der Roller fuhr wieder los.

Mittlerweile war der Streifenwagen in die Nebenstraße eingebogen und keilte das Auto der Bankräuber ein. Ein zweiter Streifenwagen kam dazu, die drei Täter aus dem Wagen wurden sofort festgenommen.

(196) Die erste halbe Stunde nach dem Aufwachen war für Eberhard Kraushaar etwas schmerzhaft gewesen.

Die erste halbe Stunde nach dem Aufwachen war für Eberhard Kraushaar etwas schmerzhaft gewesen. Erst nach zwei Aspirin Effekt und einem Doppio macchiato wurde ihm klarer im Kopf. Er hatte den Fehler gemacht, nach der Vernissage Dodo zu einem Nightcap mitzunehmen. Am Ende waren er und Dodo allein gewesen und die Künstlerleber war einfach besser im  Training. Aber es war sehr informativ gewesen. Jetzt kannte Eberhard die neuesten Tratschgeschichten zu den wichtigsten Galeristen. Er würde die Kenntnisse bei anstehenden Verhandlungen bestimmt nutzen. Vor allem war es sehr lustig gewesen und trotz des Chaos im Kopf fühlte sich Eberhard beschwingt.

Er checkte seinen Terminkalender auf dem Touchscreenpanel und war erfreut, dass er bis 15 Uhr keine Termine hatte. Somit war er erst einmal frei, zu tun, was er mochte. Er beschloss, dass es ein guter Tag war, um eine Spritztour mit dem Segway zu unternehmen. Wann immer es seine Zeit erlaubte, benutzte Kraushaar den Roller. Es war ihm wichtig, stets an der Spitze der Entwicklung zu stehen, deshalb war er auch Venture Capitalist geworden. Als Business Angel half er jungen Technologieunternehmen, ihren Markt zu finden und verdiente mit an den steigenden Unternehmenswerten. Auch bei Kunstfragen wollte er an der vordersten Front dabei sein. Und so auch bei Fortbewegungsmitteln.

Als er die Straße entlang rollte, genoss er die Aufmerksamkeit seines Publikums. Dass er mit seinem Fahrradhelm auf dem Roller lächerlich wirkte, war ihm nicht bewusst und auch dann wäre es ihm egal gewesen. Sein Ziel war, wie bei den meisten seiner Segway-Ausflüge, ein Pavillon im Stadtpark, wo er sich mit einer Zeitung in die Sonne setzte und ausgiebig den Wirtschaftsteil studierte. Mittlerweile war er sehr wendig auf dem Roller. Beim ersten Mal hatte ihn ein Hund verfolgt und versucht, nach seinem Mantel zu schnappen. Kraushaar hatte seinen Hintern angezogen, um dem Hund keine Angriffsfläche zu bieten. Dadurch hatte er aber sein Gewicht nach hinten verlagert und den Segway zum Stehen gebracht. Der Hund hatte seinen Haltungsfehler ausgenutzt und ihm in den Hintern gebissen.

Längere Zeit hatte Kraushaar diese Anekdote verwendet, um zu erklären, warum  man sich im Leben und im Geschäft in den Wind lehnen musste.

(195) Ärzte, Versicherungsvertreter, Anwälte… Vorvernissagepublikum vom Feinsten.

‚Ärzte, Versicherungsvertreter, Anwälte… Vorvernissagepublikum vom Feinsten‘, dachte Carly, als sie in einem Zug alle Räume der Ausstellung durchschritt. Künstler waren hier nicht zu finden, nur Leute, die selbst schon museal waren und nur als Alternative zu Oper oder Lions-Club hierherkamen. Um eine noch feinere Abstufung der gesellschaftlichen Strahlkraft zu erreichen, würde es bald auch die Vor-vor-Vernissage geben. Sie holte ihren Mantel wieder an der Garderobe ab und zog ihn über ihr schwarzes Kleidchen. Der Besuch war kurz und ohne Vergnügen gewesen.

Auf der Straße sah sie gerade, wie Domenik Schrader, genannt ‚Dodo‘, in ein Taxi stieg. Sie schubste seinen Hintern in hellbraunen Cordhosen hinein und drängte sich hinter ihm in den Wagen. Erstaunt blickte er sie an und sagte dann: „Carly, wie schön. Fährst du auch zu Schönberg?“ – „Hallo Dodo“, antwortete sie, „natürlich, lass mich dir Gesellschaft leisten.“

Dodo war eine Legende, ein gescheiterter Alkoholiker mit Kunstproblem, wie er der Klischeekiste eines Boulevard-Journalisten hätte entstiegen sein könnte. Immer noch eine spitze Zunge und keine Angst vor niemandem. ‚In der Gosse liegen und die Sterne gucken‘, war sein Motto. Sie stiegen bei der Galerie Schönberg aus und waren gleich im Vernissage-Getümmel.

Schönberg war gerade beim letzten Absatz seiner Künstlerlobhudelei angekommen, denn er hielt nur noch eine seiner blauen Karteikarten in der Hand.

„Neugier und Ehrgeiz sind zwei der wichtigsten Werkzeuge seines Schaffens. Sein Ziel ist es nicht, Ordnung zu formen, sondern es ist seine Absicht, dem Chaos und seiner sich verändernden Energie Gesta1t zu geben.“

Dodo trat auf Schönberg zu, packte seine Hand, näherte seinen Mund Schönbergs Ohr und schrie, dass es jeder im Raum hörte: „Höschenschnüffler! Du bist der Höschenschnüffler der Kunst!“ Schönberg hielt sich schmerzverzerrt das Ohr zu und stieß Dodo kopfschüttelnd weg. Einige andere alte Recken schlugen Dodo lachend auf die Schulter, worauf er sich zu ihnen wandte und schrie „Ihr seid auch nicht besser! Ihr habt kein Geld und malen könnt ihr auch nicht.“

Carly hatte schon während Schönbergs Rede Augenkontakt mit dem Künstler aufgenommen. Sie stand jetzt neben ihm und teilte eine Zigarette mit ihm. Er könnte, so dachte sie, ein weiteres Stück in ihrer persönlichen Sammlung werden.

(194) Achim zog Heike an der Hand hinter sich her durch die Menschenmenge.

Achim zog Heike an der Hand hinter sich her durch die Menschenmenge. Sie hatte Mühe, ihm stöckelnd zu folgen. Achim war Regionalleiter im Vertrieb eines Versicherungsunternehmens. Sein Talent, neue Kunden zu gewinnen, hatte sich in der Versicherung bereits bis auf Vorstandsebene herumgesprochen und er hatte eine glanzvolle Karriere vor sich. An diesem Abend wollte er unbedingt einen potenziellen Kunden treffen, wegen dem er überhaupt erst dem Freundeskreis des Museums beigetreten war. „Wenn das klappt“, hatte er ihr gesagt, „das ist unsere Rente.“

Endlich hatte Achim Dr. Langheinrich entdeckt. Heike konnte aufatmen, die wilde Jagd hatte ein Ende. Sie schüttelte dem älteren Herrn die Hand. Achim nahm das Gespräch an sich und da Dr. Langheinrich ohne Gattin gekommen war, hatte Heike Gelegenheit, sich das Gemälde, das hinter ihr hing, anzuschauen.

Es kam ihr bekannt vor: ein älteres Bauernpaar vor einer Scheune. Er hielt eine Mistgabel in der Hand und schaute etwas sauertöpfisch drein. Sie trug eine Schürze, das Haar in einem Dutt und schien Angst vor der Zukunft zu haben. Heike fragte sich, wie sie und Achim irgendwann mal aussehen würden. Sie konnte ihn sich nicht so zurückgezogen vorstellen, dafür war er viel zu aktiv und extrovertiert. Er würde wahrscheinlich eher mit einer Harley Davidson aus der Scheune gebraust kommen und dabei winken. Wie würde sie später einmal sein? Manchmal ertappte sie sich dabei, dass sie sich überlegte, was ihr noch alles zustoßen könnte. Wäre es möglich, dass auch sie einmal verbittert dreinschauen würde? Oder würde sie bei Achim hinten auf dem Motorrad sitzen? Oder allein vor der Scheune stehen, weil Achim mit einer anderen Frau auf dem Sozius durchgebrannt war?

„American Gothic“, unterbrach Achim ihre Gedanken. Dr. Langheinrich war von einer fetten Frau mit Diamantencollier entführt worden. „Das ist der Titel des Bildes“, fügte Achim erklärend hinzu. „Es ist von Grant Wood. Interessanterweise ist die Frau die Schwester des Malers und der Mann ist sein Zahnarzt. Das wäre ja auch ein seltsames Paar.“