(151) Das Gör war weg.

von Alain Fux

Das Gör war weg. Der morgendliche Wirbelsturm, während dessen sie Mann und Kind füttern, ermahnen und im richtigen Augenblick aus dem Haus scheuchen musste, war vorbeigezogen. Marieluise setzte sich mit einer Tasse Kaffee an den Küchentisch und schlug die Zeitung auf. An der Gartentür hörte sie ein Klopfen. Es war Dörte, Haushälterin und Kindermädchen von Frau Uhlmann, ihrer Nachbarin. „Kommen Sie herein, Dörte, wollen Sie einen Kaffee?“ – „Gerne, Frau Fendler, da sag‘ ich nicht Nein“, antwortete Dörte.

Frau Uhlmann war wohl wieder unterwegs, sonst hätte Dörte nicht die Zeit und den Mut für einen Besuch gehabt. Marieluise hatte Frau Uhlmann nur wenige Male privat getroffen, sonst grüßte man sich sporadisch auf der Straße. Die Nachbarin lebte getrennt von Herrn Uhlmann und genoss die schönen Seiten des Lebens. So wie sie ihre Existenz gestaltete, musste Herr Uhlmann sie mit einer hohen Apanage ausgestattet haben. Eine Haushälterin, die im Hause wohnte, zwei teure Autos, Wohnungen in Kitzbühel, Key West und wer weiß wo noch – das alles kostete einen Haufen Geld.

Marieluise war etwas neidisch, hätte aber auch nicht mit Frau Uhlmann tauschen wollen. Ihr eigenes Leben schien ihr im Vergleich wärmer und herzlicher zu sein. Dörte tat ihr Leid, denn Frau Uhlmann war sehr herrisch und behandelte Dörte eher wie eine Leibeigene als wie eine Angestellte, der sie ihr bequemes Leben verdankte. Dörte schien den ganzen Stress aber gut wegzustecken und da Frau Uhlmann eigentlich ständig unterwegs war, war ihr Leben nicht viel anderes als das von Marieluise. Abgesehen davon, dass sie keinen Mann zu versorgen hatte und in einem größeren und komfortableren Haus wohnte.

Die beiden Frauen setzten sich an den Küchentisch und tranken gemeinsam Kaffee. Wie Marieluise vermutet hatte, war Frau Uhlmann unterwegs, diesmal beim Gletscherschifahren in Zermatt. Dörte hatte schon von der Polizeiaktion bei Marieluises Schwiegereltern gehört. Marieluise hatte den Verdacht, dass dies der Grund des Besuchs war. Sie erzählte Dörte, was sie wusste und beide stellten Mutmaßungen hinsichtlich Erwins Motivation an und überlegten, was er als nächstes tun würde.

Schließlich bat Dörte Marieluise um Rat, was man einem Kind in die Schultüte tun sollte. Maximilian, der Sohn von Frau Uhlmann, würde nächste Woche zum ersten Mal die Schule besuchen.

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