(148) Endlich war Rosalie eingeschlafen.

von Alain Fux

Endlich war Rosalie eingeschlafen. Theo kam ins Wohnzimmer und schloss die Tür hinter sich. Marieluise lag auf dem Sofa, ihren Blick auf den Fernseher gerichtet. „Was schaust du?“, fragte er. „Irgendwas, hat schon begonnen. Komm, setz dich zu mir, mein Geliebter, ich bin erschlagen.“ – „Das trifft sich gut“, antwortete er und trank aus ihrem Rotweinglas, „ich bin erschossen.“

Der Fernsehschirm zeigte ein dunkles Zimmer. Die Tür öffnete sich und ein schwarzer Junge von vielleicht 16 Jahren trat herein. Er machte Licht. Man erkannte, dass der Raum schäbig eingerichtet war. Möbel vom Sperrmüll standen herum, aufgestapelte Kartons auf einem verschlissenen Linoleumboden. Der Junge setzte sich auf einen Stuhl, den er zu der kleinen Stehlampe heranzog. Aus einer Sporttasche nahm er eine Glasbong, die er auf seine Knie stellte. Er beschaute sie gegen das Licht von allen Seiten. Er rieb eine Seite mit seinem Ärmel ab. Daraufhin strömte Rauch aus dem Inneren der Pfeife und verdichtete sich zu einer Säule neben ihm. Er erschrak, sah wie gelähmt zu, wie sich die Säule langsam weiter veränderte und daraus ein Leprechaun entstand. Der Gnom sah grimmig aus. Er reichte dem Jungen im Sitzen bis an die Brust. Er war auch sehr hässlich. Seine Behaarung war nur spärlich, dafür hatte er im Gesicht und an den Armen tiefe Runzeln. Eine dicke Nase mit einer Warze komplettierte die Erscheinung. „Meister, was befiehlst du mir?“, fragte er. Dabei stand er mit gekreuzten Armen da.

Der Junge brauchte einen Moment, um sich zu fassen, und sagte dann: „Wer auch immer du bist, sag mir, gibt es einen Gott?“ Der Leprechaun legte einen Zeigefinger an den Lippen und dachte nach. Dann warf in einer weiten Bewegung seine Arme hoch und in einem Bildsprung verschwanden der Raum und die beiden Figuren darin.

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