Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Juli, 2018

(172) Gerhard Oppermann trank einen Schluck Wodka aus der Feldflasche…

Gerhard Oppermann trank einen Schluck Wodka aus der Feldflasche und starrte in das Lagerfeuer. Seit Jahren war es sein Traum gewesen, nach dem Abschied aus dem Polizeidienst nach Kamtschatka zu fliegen, um dort einen Braunbären zu schießen. Die Reise hatte ihn 7.000 Euro gekosten. Was für ihn ein Batzen Geld war. Und dann hatte er gepatzt.

Der Reiseveranstalter hatte alles perfekt organisiert. Nachdem man ihn in Petropawlowsk am Flughafen abgeholt hatte, verbrachte er zuerst einen Tag in der Stadt. Am nächsten Morgen wurde er mit einem alten Armeehelikopter zu den Jagdgründen geflogen. Gestern waren sie zuerst auf die Pirsch gegangen, aber außer ein paar Spuren und Losung hatten sie nichts gefunden.

Heute hatte es eine traumhafte Situation gegeben. Einer der Treiber machte eine frische Spur aus, der sie folgten. Es war perfekt, sie kamen gegen den Wind zu einer Stelle, an der eine Bärin mit einem Jungen saß. Oppermann und die Treiber lagen bäuchlings auf einer Anhöhe und hatten die beste Einsicht. Das Bärenjunge tollte sorglos umher und die Mutter schien sehr entspannt. Er schaute fragend auf den Treiber, denn er fand es nicht in Ordnung, die Mutter des Kleinen abzuknallen. Aber der Treiber machte ihm Zeichen, dass das in Ordnung sei, er solle jetzt schießen.

Oppermann legte das Gewehr an und setzte das Zielfernrohr an sein Auge. Als er die Bärin voll im Visier hatte und gerade die Luft anhalten wollte für einen sicheren Schuss, erblickte er plötzlich vor seinem inneren Auge das Bild des kleinen Jungen und daneben den amerikanischen Soldaten, der Oppermann die Tasche mit den Zigaretten umhängte. Das Bild überlagerte die Bärin. Er setzte ab. Der Treiber sah ihn verwundert an.

Oppermann legte erneut an. Und wieder, als er die Bärin anvisierte, kam ihm das Bild des Jungen in den Sinn, wie er dalag, als Oppermann sich über ihn beugte. Jetzt öffnete der Junge seine Augen und starrte ihn klagend an. Oppermanns angespannter Zeigefinger verkrampfte und der Schuss löste sich. Die Treiber fluchten. Die Bärin und ihr Junges verschwanden im Handumdrehen hinter einem Felsblock.

Advertisements

(171) Herb Bishop hatte wirklich einen Hang dazu, haarsträubende Geschichten zu erzählen.

Herb Bishop hatte wirklich einen Hang dazu, haarsträubende Geschichten zu erzählen. Jedes Mal, wenn einer in seiner Anwesenheit eine besondere Erfahrung zum Besten gab, konnte man sicher sein, dass Herb selbst auch schon so etwas Ähnliches erlebt hatte, aber in noch bemerkenswerterer Form. Er konnte immer noch einen drauflegen. Nur eine Geschichte hatte er noch nie erzählt. Er hoffte, dass sie niemals wieder zum Vorschein käme.

Es geschah in Deutschland, kurz nach dem Krieg. Der Schwarzmarkt blühte und Herb gehörte zu einer Einheit, die das Treiben in Schach halten sollte. Allerdings war er selbst gleichzeitig als Händler tätig und tauschte rege seine Zigaretten- und Schokoladenrationen gegen Schmuck, Uhren und anderes Kleinzeug.

Einmal war Herb allein unterwegs, als ihm ein Junge über den Weg lief. Er folgte ihm in ein Hinterhaus und stellte ihn. Der Junge hatte eine schwere Goldkette mit Kreuzanhänger dabei, die er verkaufen wollte. Herb prüfte die Kette und bot dem Jungen fünf Päckchen Zigaretten an. Der Junge wollte zehn. Die Kette war mehr wert, aber Herb hatte nur sieben Päckchen bei sich. Er bot dem Jungen alle sieben Päckchen an. Der Junge sagte, das könne er nicht, er müsse für die ganze Familie sorgen. Er forderte die Kette zurück. Herb hielt sie in der Hand und der Junge mühte sich an ihm ab, kratzte und biss ihn. Irgendwann war bei Herb eine Sicherung durchgebrannt und er hatte den Jungen am Hals gepackt und ihm mit einer Hand die Luft abgedrückt. Der Junge war dünn und schwach, es war nicht einmal schwer. Als er den toten Jungen losgelassen hatte, bemerkte er in der Tür einen jungen deutschen Polizist, der ihn beobachtete.

Herb überlegte schnell. Der Deutsche war zwar nicht bewaffnet, aber es konnte sein, dass draußen amerikanische Polizisten waren, zu deren Gruppe der Deutsche gehörte. Der junge Mann schien auch nicht zu wissen, was er tun sollte. Beide waren wie gelähmt. Dann öffnete Herb seine Umhängetasche und zeigte dem Polizisten die sieben Päckchen Zigaretten darin. Er schritt auf den Deutschen zu, hängte ihm die Tasche um und ging an ihm vorbei durch den Durchlass zwischen den Häusern wieder auf die Straße. Nichts geschah um ihn herum. In seiner Jackentasche umschloss seine Hand die Kette mit dem Kruzifix.

(170) Herr Binder, schön, Sie wieder zu sehen.

„Herr Binder, schön, Sie wieder zu sehen.“ Der Butler nahm Eugene Binder den Mantel ab. „Guten Tag, Simpson“, antwortete Eugene und ließ sich von dem Bediensteten in das Wohnzimmer führen. „Eugene“, rief ein alter, weißhaariger Herr, „gut dass du kommst, du musst hier etwas klären.“ Archy Summer, bis zu seinem Ruhestand einer der besten Anwälte für Gesellschaftsrecht, stand auf und bot Eugene seinen Platz an. Binder begrüßte auch die anderen beiden Anwesenden, die er seit vielen Jahren kannte: Herb Bishop und George Weston.

George erklärte: „Herb hat uns erzählt, dass die Mona Lisa im Louvre eine Kopie ist, weil die Nazis das Gemälde verschleppt hatten. Gegen Ende des Weltkriegs hätten die Nazis das Gemälde zum Schutz in einem österreichischen Salzbergwerk versteckt. Dort sei es 1945 von alliierten Soldaten gefunden worden, zusammen mit einer großen Menge anderer Gemälde. Die meisten der Kunstwerke kamen wieder zurück an ihre Plätze, die Mona Lisa sei allerdings wieder verschwunden. Einer der Soldaten habe sie gestohlen. Die Franzosen hätten im Louvre eine Kopie aus dem 16. Jahrhundert aufgehängt und hätten kein Interesse daran, dass die Wahrheit herauskommt.“

„Herb hat eine blühende Fantasie. Das klingt fast so wie seine Golfgeschichten“, meinte Archy. „Vielleicht hast du die Mona Lisa ja selbst gestohlen“, frotzelte Eugene, „du warst doch 1945 als Soldat drüben.“ – „Genau“, fügte George hinzu, „die wahre Mona Lisa hängt bei dir Zuhause in einem Geheimzimmer im Keller und abends vor dem Schlafengehen gehst du zu ihr und drückst ihr einen Schmatz auf die Lippen.“

Herb seufzte: „Warum nenne ich diese Bande von Schwachsinnigen eigentlich Freunde?“ – „Weil niemand sonst deine Räuberpistolen anhören würde“, antwortete Eugene, „aber dafür hat man ja Freunde.“ – „Auf die Mona Lisa“, toastete Archy und hob sein Glas. „Auf die Mona Lisa“, antworteten die anderen drei.

(169) Es ist alles in Ordnung, Jacky.

„Es ist alles in Ordnung, Jacky. Du musst nicht mehr weinen. Opa geht es wieder gut. Das war ja ein Schreck, oder? Hast du auch geglaubt, der Wagen kann nicht rechtzeitig anhalten?“ Jacky hatte sich unter den Arm seines Großvaters gebohrt und war jetzt ganz ruhig.

Aus dem Haus gegenüber trat Eugene Binder heraus, ein sehr nobel aussehender Mann mit grauen Haaren und Sonnenbrille. Er überquerte die Straße zu ihnen herüber. Seine Füße steckten in Slippern aus dünnem Leder und er hatte seinen Übergangsmantel nur über die Schultern drapiert.

„Mann“, sagte er schroff zum Großvater, „das war ja hochgradigst fahrlässig, wie Sie die Straße überquert haben. Und dann auch noch mit einem Kind. Da ist man doch verantwortungsbewusster.“ – „Ja, mein Herr“, antwortete der Großvater, „Sie haben recht, das war sehr unüberlegt von mir. Ich hätte es nicht überlebt, wenn dem Kleinen etwas zugestoßen wäre.“

Binder baute sich jetzt vor der Bank auf und stieß die Hände in den Hosentaschen nach vorn, während er den Rücken für den nächsten Angriff nach hinten legte. „Wenn der Fahrer des Wagens nur einen Tick unachtsamer gewesen wäre, dann…“ Er suchte nach der geeigneten Schreckensalternative, ließ dann aber den Satz ausklingen.

„Wir haben echtes Glück gehabt“, meinte der Großvater und strich Jacky über den Kopf. „Sie haben Ihren Enkel sehenden Auges in Gefahr gebracht“, hakte Binder noch ein. „Jetzt ist es gut“, warnte der Großvater und wollte aufstehen. Sein Gehstock, der durch den Schlag auf die Motorhaube angeknackst war, brach entzwei und der Großvater sank wieder auf die Bank.

„Wie konnten die Eltern Sie bloß mit dem Kind alleine lassen“, hob Binder nochmals an. Jetzt riss dem Großvater die Geduld. „Hauen Sie ab, machen Sie sich vom Acker!“ Der kleine Junge hatte wieder angefangen zu weinen und sein Großvater tätschelte ihm die Wangen. „Da“, sagte er, „nicht mehr weinen. Du musst nach Hause laufen, dein Vater muss mich hier abholen. Ohne Stock kann dein Großvater nicht gehen.“ Der kleine Junge lief los.

„Alleine ist er auf jeden Fall sicherer als mit Ihnen“, stänkerte der noble Herr und überquerte die Straße zurück zu seinem Haus. Der Großvater schleuderte ihm zuerst eine Hälfte des gebrochenen Spazierstocks nach, und dann die andere. Binder winkte ab, setzte sich in seinen Wagen und fuhr weg.

(168) Der kleine Junge hatte zuerst mit großen Augen und aufgerissenem Mund…

Der kleine Junge hatte zuerst mit großen Augen und aufgerissenem Mund das Auto auf sich und seinen Großvater zurasen sehen. Auch als es gestoppt hatte, konnte er seinen Gesichtsausdruck nicht so schnell entkrampfen. Mit den Augen folgte er dem Stock seines Großvaters, hörte den scheppernden Knall. Dann stürzte sein Großvater. Erst dann löste sich seine Spannung und er fing hemmungslos an zu weinen. Carry stieg aus dem Wagen und ging neben dem Jungen in die Hocke. Sie redete tröstend auf ihn ein. Scott war auch ausgestiegen und beugte sich über den Großvater, der nicht verletzt war und bereits wieder auf der Straße saß. Scott schickte sich an, ihm unter die Arme zu greifen, um ihm aufzuhelfen.

Im Wagen hatte Lobo, nach dem ersten Augenblick des Schocks, versucht, weiter mit Maddy zu knutschen. Sie stieß ihn von sich und sagte, er sei krank. Sal stieg aus dem Auto und half Scott, den alten Mann aufzurichten. Als er stand, stürzte Scott zurück zum Wagen und schrie Lobo und Maddy an, darauf zu achten, dass kein Blut an die Sitzpolster käme. Maddy stieg auch aus und jetzt saß nur noch Lobo breitbeinig und mit verschmiertem Mund auf der Mitte der Sitzbank. Er schien völlig unbeteiligt zu sein.

Der Großvater redete mit dem Jungen und beruhigte ihn allmählich. Carry ermahnte alle, doch bitte endlich weiter zu fahren, es sei ja jetzt alles in Ordnung. Sal bemerkte, dass er sich bei dem Bremsmanöver die Hand am Deckel des Aschenbechers aufgerissen hatte und selbst blutete. Als er seine Wunde aussaugte, schmeckte er den metallischen Blutgeschmack,

Scott geleitete Großvater und Enkel auf den Bürgersteig und half dem alten Mann, sich zum Ausruhen auf eine Bank zu setzen. Maddy hatte vorn auf dem Beifahrersitz Platz genommen und würdigte Lobo keines Blickes mehr. Carry stieg daher hinten ein und bedrohte Lobo mit dem Verlust wichtiger Körperteile, falls er auch nur daran dachte, sie anzufassen. Sal setzte sich auf Lobos andere Seite und Scott startete den Motor, würgte ihn aber gleich wieder ab, als er losfahren wollte. Carry beschimpfte ihn und schlug ihn mit der Faust auf den Oberarm. Der Motor startete wieder und der Wagen rollte los.

(167) Es hämmerte an der Tür.

Es hämmerte an der Tür. „Hey Sal, mach auf, ich weiß, dass du da drin bist!“ Salvatore öffnete die Haustür und ließ Scott herein. „Jetzt mach keinen Lärm, du hast Glück, dass meine Mutter nicht da ist, sie hätte Salami aus dir gemacht“, sagte Salvatore vorwurfsvoll. „Ich hab‘ gehupt, warum kommst du nicht raus?“ – „Ich habe einen Brief vom Kapitän erhalten, sehr seltsam.“ – „Zeig mal“, Scott riss ihm die Karte aus der Hand. „Das ist ja Al Pacino. Dein Vater ist mit Al Pacino befreundet? Cool!“ – „Was hab‘ ich mit Al Pacino zu tun? Der hat wahrscheinlich auf dem Kahn Urlaub gemacht und meinem Vater ein Trinkgeld gegeben. Wahrer Freund, von wegen.“ – „Jetzt fang nicht wieder an, über die christliche Seefahrt zu klagen. Komm mit, im Auto sind Maddy, Carry und Lobo. Und wenn wir noch lange zögern, hat Lobo beide geschwängert.“

In der Tat hatte Lobo seine Zunge bereits tief in Maddys Rachen gesteckt. Carry lehnte genervt an dem Wagen und rauchte. „Wo wart ihr? Habt ihr noch das Klo geputzt oder was?“ – „Hi Carry“, sagte Sal, „tut mir leid, meine Schuld.“ Nach kurzer Diskussion setzte sich Sal in den Fond. „Was ist das für eine Musik?“, fragte er. „Das ist ‚Zero‘ von den Smashing Pumpkins“, erklärte Scott, „könnt ich stundenlang hören.“ – „Ich nicht“, sagte Carry und drehte das Autoradio aus. „Jetzt fahr doch, ich will auch mal ankommen.“

Scott ließ den Motor an und rollte auf die Straße zurück. Dann legte er den Hebel auf D und drückte aufs Gaspedal. Der Wagen machte einen Satz nach vorn und Sal schaute angeekelt zu, wie Lobos Zunge noch tiefer in Maddy hineinzurutschen schien. Lobo schien das Schaukeln in den Kurven zu genießen und seine linke Hand streichelte über Maddys Oberkörper.

Plötzlich kreischten die Bremsen auf. Es war, als ob der Wagen sich hinten aufbäumte. Sal erkannte, wie der Wagen auf einen alten Mann mit Stock und einen kleinen Jungen zufuhr. Die Fahrt verlangsamte sich zwar, aber es war unklar, ob das Bremsen reichen würde. Scott war im Handumdrehen kreidebleich geworden. Der alte Mann und der Junge drehten sich wie in Zeitlupe um. Beide öffneten den Mund zum Schreien. Scott sah noch, dass sie die gleiche Zahnlücke in den oberen Schneidezähnen vorwiesen.

Der Wagen kam schließlich zum Stehen, ohne Mann und Kind zu berühren. Reflexartig hob der alte Mann seinen Stock und ließ ihn auf die Motorhaube des Autos herunter krachen.

„Du hast mich gebissen, du Sau!“, schrie Maddy. Sal warf seinen Kopf herum. Maddy und Lobo starrten sich mit blutverschmierten Mündern an. Wieder schepperte es an der Motorhaube, der alte Mann hatte das Gleichgewicht nicht mehr halten können und war gestürzt.

„Na klasse“, schimpfte Carry.

(166) Für jeden, der ihn kannte, war der Kapitän der ‚Sea Empire‘ ungewöhnlich nervös.

Für jeden, der ihn kannte, war der Kapitän der ‚Sea Empire‘ ungewöhnlich nervös. Giambattista Vico blieb nicht wie sonst im Kapitänssessel sitzen, sondern war ständig in Bewegung, schlenderte vom 2. Offizier zum Leitenden Ingenieur, stellte eigentlich unnötige Fragen, schaute sich die Routenplanung an oder stand auf der Brückennock und starrte am Schiffskörper hinunter in die Wellen. Kurze Zeit darauf erfuhr die Brückencrew die Erklärung: VIP-Besuch war angesagt.

Sandy Newman, die Pressefrau der ‚Sea Empire‘, geleitete Al Pacino in den Brückenraum. Kapitän Vico versuchte seine Erregung zu verstecken, was ihm aber vor den anderen Besatzungsmitgliedern nicht gelang. Sandy stellte den Kapitän vor. Pacino sagte: „I am Al Pacino. How are you?“ Er streckte Vico die Hand entgegen. Nachdem der Kapitän sich gefangen hatte, stellte er seine Kollegen vor. Und bei jedem sagte Al Pacino seinen Namen klar und deutlich, so als ob man ihn keinesfalls kennen musste. Der Schauspieler war sehr freundlich und jovial im Umgang. Pacino ließ sich die verschiedenen Geräte auf der Brücke erklären, erkundigte sich nach der Größe der Mannschaft (1.213), wunderte sich über die unglaubliche Kraft der Schiffsmotoren (89 MW) und durfte auf Geheiß des Kapitäns das Schiffshorn betätigen.

Al Pacino drückte einmal nur ganz kurz auf den Knopf, war über den satten Sound verblüfft und wollte es gleich nochmal versuchen. Beim zweiten Mal drückte er länger und musste dabei lachen wie ein kleiner Junge.

Kapitän Vico reichte Sandy eine Fotokamera und sie musste ihn mit Al Pacino knipsen. Für die zweite Aufnahme setzte sich Pacino die Mütze des Kapitäns auf. Schließlich bat Vico noch um ein Autogramm für seinen Sohn Salvatore, der ein großer Fan von Al Pacino sei. Pacino erklärte, dass sein Vater auch Salvatore hieß und beglückwünschte Vico zu der guten Namenswahl. „Woher kommen Sie?“, fragte er. Vico antwortete: „Meine Familie stammt aus Neapel“. Pacino nahm ihn kurz in die Arme und klopfte ihm auf die Schultern. „Wir sind aus einem Holz“, sagte er. Dann nahm er eine Autogrammkarte aus seiner Jackentasche und bat um einen Stift. Auf die Karte schrieb er ‚Für Salvatore, den Sohn eines wahren Freundes‘ und reichte sie Vico, der Mühe hatte, seine Tränen zurück zu halten.

(165) Ein schwacher Wind wehte aus Westen, so als ob die untergehende Sonne pusten würde…

Ein schwacher Wind wehte aus Westen, so als ob die untergehende Sonne pusten würde, um die Wellen doch noch etwas aufzukräuseln. Elfriede König nippte an ihrem Champagnercocktail und ließ ihren Blick über die Reling von Deck 12 der ‚Sea Empire‘ auf das glatte Meer schweifen.

Nach seiner wundersamen Errettung aus der gekenterten Nordmark hatte Hein König auf Bitten Elfriedes die aktive Seefahrt an den Nagel gehängt und bei einer Schiffswerft angefangen. Langsam, mit Fleiß und guten Ideen, hatte er sich hochgearbeitet, zuerst zum Projektchef, dann zum Gesamtproduktionsleiter. Als einer der ersten setzte er das weitestmögliche Outsourcing von Bauarbeiten um und steigerte dadurch die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens enorm. So war es keine Überraschung, dass er die Unternehmensleitung übernahm, als der Besitzer sich zur Ruhe setzte.

Da Kreuzfahrtschiffe die Spezialität der Werft waren, kam Elfriede in den Genuss, an allen Jungfernfahrten dieser Schiffe teilzunehmen, und das auch noch meistens in der Owner’s Suite. Sie hatte auch viel Zeit dazu. Kinder hatten sie keine, da Hein bei dem Schiffsuntergang eingeklemmt und dadurch zeugungsunfähig geworden war.

In drei Tagen würde das Schiff wieder in Miami anlegen und Elfriede würde zurück nach Hause fliegen. Und dann würde man sehen. Es war ja nicht so, als ob sie große Verpflichtungen hätte. Manchmal überlegte sie sich, was aus ihr geworden wäre, wenn Hein damals umgekommen wäre. Sie hätte viel mehr kämpfen müssen in ihrem Leben und vielleicht wäre es ein größeres Abenteuer geworden.

Elfriede blickte auf die Uhr. Sie musste los zu ihrem Friseurtermin auf Deck 10. Sie reichte dem Barmann ihre Bordkarte und verstaute das ungelesene Buch in ihrer Strandtasche.

(164) Elfriede Eisermann saß auf dem Rand ihrer Badewanne…

Elfriede Eisermann saß auf dem Rand ihrer Badewanne und drehte sich die Lockenwickler aus den Haaren. Francine war ihr sympathisch, sie hatte ein so warmes, erdiges Lachen. Es war bei Björn aber nie klar, welche Absichten er bei Frauen verfolgte und sie hatte es aufgegeben, darüber zu spekulieren. Aber schön wäre es, noch einmal jung zu sein. Als sie so alt war wie Björn, hatte sie eine heiße Affäre mit Hein König. Auch jetzt noch, wenn sie an ihn dachte, erinnerte er sie an Hans Albers.

Elfriede war damals nicht zu bändigen gewesen, sogar nachts war sie aus dem Schlafzimmer geflohen und hatte sich mit Hein auf der Tenne getroffen. Natürlich war damals nicht alles perfekt gewesen, aber die Zeit mit Hein schien ihr die beste Zeit ihres Lebens gewesen zu sein. Ihretwegen hätte es ewig so weitergehen können.

Hein hatte dann bei einem Küstenmotorschiff angeheuert und sie sahen sich nicht mehr so oft. Doch das schadete ihrer Liebe nicht. Eine Heirat war geplant gewesen, aber Elfriedes Vater war dagegen, weil sie noch zu jung war. 1964 geriet Heins Schiff, die Nordmark, in einen schweren Sturm und sank vor Borkum. Alle Seeleute an Bord kamen um, und mit ihnen auch ihr Hein. Es musste alles sehr schnell gegangen sein. Zunächst dachte sie nur ans Sterben, sie war untröstlich, und heulte nur noch.

Eisermann, einen jungen Kollegen ihres Vaters, lernte sie ein Jahr später kennen. Er bemühte sich um sie und sie willigte irgendwann ein, ihn zu heiraten. Zehn Jahre später war Eisermann tot und noch weitere 25 Jahre später saß sie im Bad und drehte die Lockenwickler aus den Haaren. Wo war die Zeit geblieben? Und wie wäre es gewesen, wenn das Meer um Borkum am 15. April 1964 ruhiger gewesen wäre oder die Ladeluken der Nordmark den Wellen Stand gehalten hätten…

(163) Du darfst dir keine Gedanken machen, Francine.

„Du darfst dir keine Gedanken machen, Francine. Manche Leute hier sind so. Wenn die Afrika hören, dann ist das für die so groß wie Klein-Kleckersdorf. Alles nebeneinander.“ Björn half ihr vom Motorrad und nahm ihr den Helm ab. Er hatte Francine zu sich nach Hause eingeladen, weil er bei ihr Anzeichen von Lagerkoller erkannte. Sie musste im Lager leben, während ihr Asylantrag bearbeitet wurde, obwohl sie im Kongo sehr gut Deutsch gelernt hatte. Aber auch die Sprache hatte sie nicht auf das Leben in Deutschland vorbereitet. Wenigstens war es für Francine kein Problem gewesen, als er ihr erzählte, dass er noch bei seiner Mutter lebte. Bei deutschen Frauen war das ein heikler Punkt, meistens sogar ein Beziehungskiller. Dabei war es bei ihm nur reine Bequemlichkeit.

Er klingelte kurz an der Wohnungstür und öffnete dann mit dem Schlüssel. „Hallo Mutter, wir sind hier.“ Er hörte es im Bad rumoren. Er zeigte Francine das Wohnzimmer und ging in die Küche, um Getränke zu holen. Als er zurückkam, stand seine Mutter im Flur und starrte ihn an. Sie war im Bademantel und hatte eingedrehte Lockenwickler im Haar. „Jetzt schon?“, stammelte sie. „Sechs Uhr, wie gesagt. Hallo Mutter.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Komm hallo sagen. Doch, doch, sie beißt nicht. Francine, meine Mutter. Mutter, das ist Francine Bemba.“ Die beiden Frauen begrüßten sich. Frau Eisermann genierte sich wegen ihrer Aufmachung und kehrte erst einmal ins Bad zurück, um sich fein zu machen, wie sie sagte.

Bevor sie das Zimmer verließ, gab sie Francine ein Fotoalbum und sagte verschwörerisch: „Erklärungen nachher.“ Als sie hinausgegangen war, fragte Francine: „Was ist das?“. Jetzt war Björn an der Reihe, geniert zu sein. „Es ist ein Fotoalbum mit meinen Kinderfotos. Das musst du dir nicht ansehen…“ – „Aber sehr gerne“, antwortete Francine und schlug das Album auf. Es begann mit einem Foto von Björn als Baby nackt in einer Plastikwanne. Später Björn mit seinem Lieblingsschubkarren. Dann Björn, der dem Weihnachtsmann ein Gedicht aufsagte. Irgendwann Björn bei der Erstkommunion. Francine deutete auf die Kerze und fragte ganz ernst: „Ist das ein Fruchtbarkeitssymbol?“ Erst als Björn keine Antwort darauf einfiel, lachte sie ihn aus.