Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Juni, 2018

(141) Dietmar Ringelmann lag am Pool.

Dietmar Ringelmann lag am Pool. Seine Mannschaft hatte alle drei Züge gewonnen, sie waren jetzt Tauziehmeister. Vor fünf Jahren noch hätten sie nie mit diesem Erfolg gerechnet. Es waren harte Trainingseinheiten gewesen und ihr Trainer hatte sie nach allen Regeln der Kunst getriezt. Aber jetzt hatte sich die Anstrengung gelohnt.

Am Vortag hatten sie sehr lange gemeinsam gefeiert und er wusste nicht, was mehr schmerzte, sein Kopf vom Kater oder sein Körper von den Stößen und Tritten seiner Kameraden, die mehrere Male auf ihn gefallen waren.

Er freute sich, einen weiteren freien Tag hier im Hotel zu genießen, morgen musste er wieder arbeiten. Die anderen waren am frühen Morgen abgereist.

Bianca war mit ihrer Schwester Alexandra noch einmal am Strand spazieren gegangen. Wo war eigentlich Daniela? Gerade als er sich fragte, wo die jüngere Schwester seiner Frau war, kam sie in einem weißen Bademantel aus dem Hotel und lächelte ihm zu. Er winkte zurück. Daniela war das verrückte Huhn unter den drei Schwestern, ständig für Eskapaden gut. Wenn sie nicht gerade irgendwo in der Welt unterwegs war, besuchte sie recht häufig Bianca. Dietmar freute sich jedes Mal darauf, weil es einen frischen Wind in ihr Haus brachte.

„Hallo Dietmar“, rief sie, als sie bei ihm ankam. Sie streifte den Bademantel ab. Darunter trug sie einen gelben Badeanzug. Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und legte sich dann auf die Liege neben ihm. „Hast du dich wieder erholt von den unmenschlichen Anstrengungen gestern?“, fragte sie. „Klar“, antwortete er, „wir sind doch nicht aus Pappe.“

Sie bat ihn, ihr den Rücken mit Sonnenmilch einzucremen, was er bereitwillig tat. Dann schlug sie ihr Buch auf und vertiefte sich darin. Dietmar betrachtete die Wellen des Pools, in denen sich die Kachelfugen des Bodens schaukelnd in Wellenform reflektierten.

„Sag mal, hast du noch das Catwoman-Kostüm vom Fasching?“, erkundigte er sich. „Nein, das war nur geliehen, warum?“ – „Ach nur so, ich hatte letztens die Fotos in der Hand und es fiel mir gerade wieder ein.“

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(140) Sein Körper zuckte mehrmals und verkrampfte sich.

Sein Körper zuckte mehrmals und verkrampfte sich. Dietmar Ringelmann wachte auf. Wieder ein Albtraum. Er atmete schwer. Seine Arme und Beine taten ihm weh, als ob er wirklich zertrampelt worden wäre. Hatte er geschrien? Er horchte in den dunklen Raum, es war still. Man hatte ihn nicht gehört.

Seit Wochen plagten ihn ähnliche Albträume, aus denen er wie gefoltert aufwachte, oft schreiend. Deshalb hatten Bianca und er getrennte Zimmer im Hotel genommen. Er konnte es ihr nicht zumuten.

Ringelmann lag noch eine weitere Stunde wach im Bett und hatte Angst davor, wieder einzuschlafen. Heute war ein wichtiger Tag: Es ging um den nationalen Titel im Tauziehen. Er hoffte, dass er ausreichend fit sein würde, er wollte die anderen sieben Mitglieder der Mannschaft nicht enttäuschen. Sie waren seit sechs Jahren ein Team und hatten dieses Jahr die Chance, in ihrer Gewichtsklasse (720 kg) Meister zu werden. Allerdings wurde er den ganzen Tag über die Erinnerung an den wiederkehrenden Albtraum nicht los.

Die Endrunde wurde am frühen Nachmittag am Strand ausgetragen. Das war einerseits gut, weil man in dem feuchten Sand guten Halt bekam. Den hatte die andere Mannschaft aber auch, und deshalb würde die Kraftanstrengung in Summe gleich sein.

Die Sonne stand hoch, war aber jetzt im September nicht mehr so stark. Dietmar war der Ankermann in der Mannschaft. Seine Kollegen standen vor ihm aufgereiht neben dem Tau. Auf der anderen Seite konnte er die Silhouetten der Gegner sehen. Seitlich von der Mitte befand sich der Kampfrichter. Die Zuschauer, darunter Bianca und ihre beiden Schwestern, standen weiter hinten. „Seil auf!“, rief der Kampfrichter und hob dann seine Arme in die Horizontale. Dietmar schlang das Tau um die Schultern und nahm es fest in beide Hände. „Spannen!“ Er schlug den Absatz eines Schuhs in den feuchten Sand und zog das Tau straff. „Fertig!“ Dietmar registrierte die Spannung in den Muskeln seines Vordermanns. „Pull!“ Mit einem Ruck waren seine Arme und Beine von dem Kraftaufwand erstarrt. Sein Atem hatte kurz gestockt, nach einem Moment hatte er sich den Befehl gegeben, ruhig zu atmen. Der Zug was sehr stark und sie wurden zuerst zentimeterweise nach vorn gezogen. Dann setzte die Bewegung in die Gegenrichtung ein und er spürte das Momentum, mit dem seine Mannschaft sich einen Vorteil erarbeitete. Sie konnten mehrere Schritte in Folge zurückgehen. Plötzlich passierte es sehr schnell. Das Tau verlor die Spannung und Dietmar fiel nach hinten. Durch den Schwung konnten drei seiner Mannschaftskameraden nicht stoppen und traten ihm auf Arme und Beine.

(139) Unter der Pinguinmaske war Ringelmann sehr heiß…

Unter der Pinguinmaske war Ringelmann sehr heiß, er spürte den Schweiß an der Innenseite herunter in den Hals rinnen. In dem Frack fühlte er sich zudem sehr eingeengt. Auch die laute Musik, die auf ihn einprasselte, setzte ihm zu. Überall neben ihm standen große Menschen, teilweise mit zerrissenen Kleidern, teilweise mit Blutspritzern oder gar offenen Wunden.

In der Enge zwischen den Zombies fühlte er sich wie eine gestrandete Muschel in der Brandung. Ständig wurde er von einer Seite zur anderen geschoben, Ellbogen trafen ihn am Kopf und Füße trampelten auf seinen herum. Er hielt sich am Bein der Frau fest, um nicht umzufallen. Er wusste, dass es ihr nicht recht war, denn immer wieder löste sie seinen Griff, wie man es mit Kindern machte, um ihnen etwas aus der Hand zu nehmen, was noch nicht für sie bestimmt war.

Ringelmann war schwindlig vor Hitze. Er hätte sich gern hingesetzt. Allerdings gab es keine freien Sitzgelegenheiten und wenn er versuchte, in eine Richtung zu gehen, um wenigstens eine Wand zum Anlehnen zu finden, wurde er von der Menschenmenge zurückgedrängt. Oder die Frau hielt ihn am Kragen fest und zog ihn wieder zu sich zurück. Es war wie in einem Gefängnis.

Die Tränen traten ihm in die Augen, als ihm ein Knie in den Rücken gestoßen wurde. Er geriet ins Straucheln und ging nieder auf ein Knie, um sich wieder zu fangen. Von vorn bekam er noch einen Schlag an den Kopf, der ihn nach hinten taumeln ließ. Er stürzte und blieb auf dem Rücken liegen. Ein Schuh trat ihm auf die rechte Hand. Mit der linken versuchte er sich zu befreien, aber dann kam ein Tritt von der Seite in die Niere, der ihn aufschreien ließ.

Niemand schien den Schrei zu hören und in Zeitlupe sah er, wie ein großer Fuß sich von oben auf sein Gesicht niedersenkte, zuerst die Nasenspitze erreichte, sie eindrückte, den Knorpel brach und sich weiter auf ihn senkte.

Er schloss die Augen und spürte, wie er anfing zu fallen. Es war ein endloser Fall. Alle Schmerzen, die er jemals verspürt hatte, quälten ihn jetzt noch einmal. Kein Ton kam mehr über seine Lippen. Um ihn herum Schall und Wahn, aber ohne Bedeutung für ihn. Er fiel unaufhaltsam ins dunkle Nichts.

(138) Orangefarbene Zentaianzüge waren zwar nicht Zombie-Canon…

Orangefarbene Zentaianzüge waren zwar nicht Zombie-Canon, sahen aber sehr spektakulär aus. Konstantin und Volker waren nicht die Einzigen, die dem Thema der Party nicht vollständig entsprachen. Die Kostümierung eines Bankers, der im Straßenanzug aufkreuzte, erschloss sich erst nach einigem Überlegen. Dann gab es eine große, als Catwoman verkleidete Frau, die von einem Kleinwüchsigen im Pinguin-Kostüm begleitet wurde. Ansonsten gab es viel Blut, Hirn und Gedärme, wie es Volker ausdrückte. Manche Verkleidungen sahen sehr professionell aus, als ob ein Maskenbildner stundenlang daran geschuftet hätte. Volker stürzte sich auf den Tisch mit den Getränken, in dessen Mitte eine Bowle aus schäumendem Blut stand.

Auf einer Couch im mittleren Zimmer erblickte Konstantin zwei Mädchen, die ihn anzogen. Beide hatten je ein Auge mit Gaze verbunden, das andere war Hämatom-rot angemalt. Im Gesicht und auf der Kleidung hatten sie Blutspritzer. Beide trugen weiße T-Shirts, aber mit unterschiedlichen Aufschriften: ‚I kill everything I fuck‘ und ‚I fuck everything I kill‘.

„Hey“, sagte er zu den beiden, „wie gefährlich ist es, hier bei euch zu sitzen?“ – „So lange wir nur hier sitzen, ist alles im grünen Bereich“, meinte I-Fuck ernst. I-Kill musste lachen. Er setzte sich dazu. „Tolles Outfit“, meinte I-Kill, „Mann oder Frau? Und warum die Kamera?“ Jetzt musste Konstantin lachen. „Mann, hört man doch wohl. Und ich bin Fotograf.“ – „Stimmen sind bei Zombies nie eindeutig. Wir zum Beispiel sind Männer.“ Jetzt war es an I-Fuck zu kichern. „OK, Männer, klasse Shirts. Gefällt mir.“ – „Haben wir von einem Foto aus dem Internet“, erklärte I-Kill. „Wo hast du deine Klamotten her?“ – „Ich muss das jeden Tag tragen, damit ich alle Körperteile beieinander halte. Sonst verliere ich hier einen Arm, da ein Bein und die Hirnmasse tropft runter. Außerdem ist es sauberer.“ – „Ich verstehe“, sagte I-Kill und rückte näher, „hast du Lust zu ficken?“

(137) Hey Konstantin!

„Hey Konstantin!“ Konstantin erkannte die Stimme sofort und drehte sich um. „Hi, Volker!“ Er stellte das Glas ab und ergriff die Schultern des Ankömmlings, der dasselbe bei ihm tat. In der Grundschule waren sie die besten Freunde gewesen. Volker hatte damals die Ambition, Schriftsteller zu werden und schrieb ständig Geschichten. Konstantin hatte es ihm gleichtun wollen, aber seine Ergüsse waren nur ein schwacher Abklatsch. Volkers Eltern waren dann weggezogen und Volker musste auf ein anderes Gymnasium.

Während des Studiums hatten sie sich wiedergetroffen – Konstantin war an der Kunsthochschule und Volker studierte Volkswirtschaft. Danach wurde Konstantin Werbefotograf, später mit eigenem Studio. Volker hatte sein Studium abgebrochen und war wieder zum Schreiben zurückgekehrt, allerdings für eine Werbeagentur. Beide fanden es sehr lustig, dass sich ihre Wege so doch wieder kreuzten. Bisher hatten sie allerdings noch an keinem Auftrag zusammengearbeitet.

„Bis du auf Casting-Suche hier?“, fragte Volker. „Das bin ich doch immer. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, die Essenz der Schönheit zu finden.“ – „Manchmal hilft es auch, das Gegenteil zu finden. Erst durch wahre Hässlichkeit erschließt sich einem die Schönheit“, dozierte Volker. „Du bist immer noch der gleiche Knallkopf“, lachte Konstantin, „aber als Werbetexter hast du dein Traummedium gefunden.“ – „Ich gebe es zu“, erwiderte Volker, „für alles andere wäre meine Aufmerksamkeitsspanne auch zu kurz, nur ein Schatten, der vorüber streicht. Außer vielleicht zum Werbefotografen. Hast du Lust, noch mit zu einer anderen Party zu fahren? Du hast doch bestimmt ein Auto, oder?“ – „Klar. Wo geht es hin?“ – „Zu einem Ort zelebrierter Hässlichkeit: Eine Zombie-Party.“ – „Klingt gut. Als Werber kann man uns glücklicherweise das Hirn ja nicht wegfressen. Aber wir brauchen das entsprechende Outfit.“ – „Wir könnten uns die Nasen blutig hauen…“ – Ich habe eine bessere Idee“, entschied Konstantin.

(136) Der Gastgeber der Party war Heiko Frings…

Der Gastgeber der Party war Heiko Frings, der Freund eines Bekannten von Konstantin. Genauso gut hätte man auch sagen können, der Bekannte eines Freundes oder der Bekannte eines Bekannten… Konstantin machte hier keinen großen Unterschied. Seine Aufträge bekam er fast ausschließlich aus dem Kreise seiner tausend besten Freunde, pflegte er zu sagen.

Heiko war Architekt und nutzte seine Wohnung als Showcase seines Könnens. Entsprechend minimalistisch eingerichtet, karg und unbequem schien Konstantin die Behausung. Er stellte sich vor, dass es in einem verborgenen Teil des Hauses noch eine Kammer geben müsse mit Teppichen, Tierfellen, Ölschinken an der Wand und Zinntellern auf Eichenholz-Anrichten.

Er war froh, dass Heiko ihn gleich an der Tür empfing, sonst hätte er ihn bestimmt nicht wiedererkannt. Heiko schien sich wirklich zu freuen, vielleicht dachte er auch nur, dass Konstantin Fotos für eine Einrichtungszeitschrift schießen würde. Zumindest war er an seiner Spiegelreflex gleich als Fotograf erkennbar. Die Party war schon sehr gut im Gange. Die Chillout-Musik war eher leise, denn Heiko war es wichtig, mit seinen Gästen zu reden. Ab und zu drehte einer der Eingeladenen den Lautstärkeregler an der Anlage hoch, bis es Heiko merkte und die Lautstärke wieder drosselte.

Konstantin durchquerte die Wohnung, um ein Gefühl für die Räumlichkeiten zu bekommen. Hinten heraus war eine Dachterrasse, von der man einen weitläufigen Blick über die beleuchtete Stadt hatte. Am Horizont war es sehr hell, dort lag der Hafen. Die Wohnung würde er sich merken. Als Location für eine Margarinewerbung könnte sie passen.

Auf den ersten Blick waren ihm bei seinem Durchgang keine neuen Gesichter aufgefallen. Die Männer schienen alle Kunden oder mögliche Kunden von Heiko zu sein. Es waren Leute, die es sich leisten konnten, einen Architekten zu beschäftigen und denen es wichtig war, wie die Welt sie einschätzte.

Bei den meisten Frauen vermied es Heiko, genau hinzusehen. Harte, verbrauchte Gesichter mit zerrupften Augenbrauen, bunt bemalten Lippenkissen und traurigen Piercings. Bei den Körpern gab es nur Extreme: entweder ausgemergelte KZ-Leiber oder obszön gespannte Whales. Bei den Männern registrierte er eine ähnliche Tendenz. Wahrscheinlich würde irgendwann der letzte optisch annehmbare Mensch ausgestorben sein und alle Werbebilder würden vollständig am Computer erstellt werden.

Konstantin schenkte sich ein Mineralwasser ein und blickte auf die Uhr. Wenn innerhalb der nächsten fünf Minuten niemand auftauchen würde, der entweder so schön oder so hässlich war, dass er seinen Blick anzog, würde er wieder gehen.

(135) Konstantin Pohl legte das Mautgeld mit der linken Hand auf den Metallteller.

Konstantin Pohl legte das Mautgeld mit der linken Hand auf den Metallteller. Mit der rechten Hand nahm er die Kamera vom Beifahrersitz, hielt sie an sein Auge und fragte: „Darf ich Sie fotografieren?“

Verblüfft schaute ihn die Kassiererin an. Dann dämmerte es ihr: „Sie sind das, dieser Verrückte…“ Sie musste lachen. „Ich habe schon von Ihnen gehört.“ Konstantin drückte ab, das Blitzlicht feuerte. „Vielen Dank, Sie sind ein Schatz“, rief er, drückte den Fuß auf das Gaspedal und brauste los auf die Brücke, für deren Überquerung er gerade gezahlt hatte.

Wenn Konstantin guter Laune war, machte er Fotos von Mautstellenkassiererinnen und –kassierern. Er ordnete diese Fotos in ein Album ein und mittlerweile war es halb gefüllt mit verdutzt aussehenden oder lachenden Frauen und Männern in Mautkassen.

Konstantin war gerade bester Laune, denn er hatte die Testaufnahmen für das Mobilfunkunternehmen abgeschlossen. Er hatte den Eindruck, dass die Idee mit den orangefarbenen Zentai-Anzügen gut ankommen würde. Mal sehen, was sein Assistent Helge daraus machen würde. Übermorgen würde Konstantin der Agentur die Abzüge präsentieren und er erhoffte sich damit das OK, die Fotos noch einmal mit großem Budget zu wiederholen. Seiner Meinung nach würden die ersten Abzüge, quick und dirty, besser sein als das geleckte Endprodukt. Aber der Kunde sollte bekommen, was er verlangte und Konstantin verdiente auch besser an großen Aufträgen als an kleinen.

Die Darsteller müssten auf jeden Fall ausgetauscht werden. Konstantin hatte Sportstudenten genommen wegen der athletischen Körper, fand aber ihre Bewegungsabläufe zu fade. Für die eigentlichen Aufnahmen würde er Schauspieler nehmen. Die wussten sich besser zu bewegen und waren dankbar für jeden Job.

Jetzt war der anstrengende Teil seines Tages zu Ende und er war unterwegs zu einer Party, wo hoffentlich ein paar unentdeckte Schönheiten auf ihn warteten. Manchmal ergab sich daraus auch mehr. Als er am höchsten Punkt der Brücke angekommen war, streckte Konstantin seinen Arm aus dem Cabrio gegen Himmel und spürte den frischen Wind auf seiner Hand.

(134) Der Verkauf des Altersheims an Ernst Koch war für Siegfried Pabst ein freudiges Ereignis gewesen.

Der Verkauf des Altersheims an Ernst Koch war für Siegfried Pabst ein freudiges Ereignis gewesen. Er hatte in Koch einen neuen Freund gefunden, dem er sich sehr verbunden fühlte. In einem der vielen Gespräche an dem Abend hatte Pabst für einen großen Lacher gesorgt, als er sagte: „Ich habe leider fast nur noch falsche Freunde – sie sind alle tot.“

Danach war Pabst sehr müde. Erika, die junge Pflegerin, brachte ihn auf sein Zimmer und half ihm, sich fürs Bett zurechtzumachen. Als sie gehen wollte, umklammerte er ihren Arm und flüsterte: „Danke, danke, danke…“ Sie hatte ihm die Hand gedrückt und sich dann verabschiedet.

Erika war spät dran. Die Arbeit im Altersheim war nur ein Broterwerb für sie. Eigentlich war sie selbst Schauspielerin, aber bisher hatte sie es nicht geschafft, davon auch leben zu können. Zurzeit arbeitete sie in einer Experimentalproduktion, zu deren Generalprobe sie gerade etwas zu spät dran war. Das Stück war so wirr, dass auch sie es nicht ganz verstand. Erika hoffte, dadurch zumindest Kontakte zu bekommen, die ihr später weiterhelfen würden. Bisher war das allerdings nicht passiert und sie rechnete damit, dass es maximal noch drei Vorstellungen des Stücks geben würde. Auch deshalb war sie froh über die Arbeit in dem Altersheim.

Allerdings hatte der Pflegejob Erika auch künstlerische Zweifel beschert. Sie verbrachte den ganzen Tag mit Künstlern, die zumeist verbittert waren und deren Leben sich in diesem Stadium nicht wesentlich von dem von Erikas Großeltern unterschied. Bisher hatte sie angenommen, dass die Kunst etwas Erhabenes sei, das alle Lebensabschnitte zum Besseren veränderte, wenn man nur lange genug dran bliebe. Jetzt war sie sich dessen nicht mehr so sicher.

Sie war in Gedanken versunken, als sie zu der Theaterprobe unterwegs war.

Plötzlich tauchten aus einer Nebenstraße vor ihr fünf Gestalten in orangefarbenen Lycra-Anzügen auf. Die Anzüge verhüllten nicht nur den ganzen Körper, sondern auch den Kopf, die Hände und die Füße. Dann bemerkte sie den Fotografen auf der Leiter, daneben einen Assistent, der einen Reflektor hochhielt. Es mussten Werbeaufnahmen sein. Durch die engen Anzüge konnte man die Körperformen ausmachen, drei Männer und zwei Frauen, alle eher jung und athletisch gebaut.

Wahrscheinlich Schauspieler, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie schluckte, möglicherweise würde auch sie ihr Geld irgendwann so verdienen müssen. Es konnte so nicht weitergehen. Sie stoppte und drehte sich zu den anonymen Figuren um. Sie begaben sich gerade wieder auf ihre Ausgangsposition zurück, um von da aus noch einmal unbekümmert um die Ecke zu kommen.

(133) Siegfried Pabst konnte sich noch sehr gut an sein erstes Auslandsengagement erinnern.

Siegfried Pabst konnte sich noch sehr gut an sein erstes Auslandsengagement erinnern. In den 1930ern war er als 16-Jähriger von zu Hause weggelaufen. Er arbeitete als Pianist auf einem Dampfer nach Asien und bezahlte so die Überfahrt.

In Shanghai fand er ein Engagement im mondänen Shanghai-Club, einem berüchtigten Treffpunkt der Unterwelt. Besitzer und Geschäftsführer des Nachtklubs war Yu Sheng Ho, inoffiziell der Pate von Shanghai, der ihn selbst eingestellt hatte. Ausschlaggebend für Ho war gewesen, dass Pabst den Star des Clubs, die bildhübsche Singh-Sung, am Flügel begleiten konnte. Singh-Sung war die Geliebte des Paten und von Pabsts Spielweise sehr angetan.

Der Club war sehr glamourös, die High Society ging dort ein und aus. In der Stadt gab es durch die französischen und englischen Handelsniederlassungen einen immensen Reichtum. Gleichzeitig war die Stadt auch ein gefährliches Pflaster wegen des Glücksspiels und des Opiumhandels. Die Polizei war notorisch korrupt und es galt das Gesetz des Stärkeren. Siegfried Pabst verlor in dem Club seine Unschuld, und zwar an Mai-Ling, die Schwester von Yu Sheng. Mittlerweile waren ihm von dieser Zeit besonders die positiven Aspekte in seinen Erinnerungen geblieben. Allerdings war es damals sehr gefährlich für ihn geworden.

Plötzlich brach ein Bandenkrieg aus und Singh-Sung wurde im Club ermordet. Die ganze Scheinwelt brach in sich zusammen. Siegfried Pabst bekam Angst um sein Leben und verließ Shanghai auf dem Seeweg zurück nach Deutschland.

Kurz nach seiner Ankunft musste er erneut die Flucht ergreifen, diesmal vor den Nazis. Er wanderte schließlich nach New York aus. Dort arbeitete er viel am Broadway und machte sich vor allem als Arrangeur einen guten Namen. Im Alter kehrte er nach Deutschland zurück, schrieb Filmmusik und setzte sich schließlich in dem Altersheim zur Ruhe.

(132) Eines Tages eröffnete Ernst Koch Rüdiger…

Eines Tages eröffnete Ernst Koch Rüdiger, dass er nach langem Nachdenken eine Lösung für das Erbschaftsthema gefunden habe. Koch glaubte an Vorahnungen. Seine Vorahnung bedeutete ihm, dass er bald sterben werde. Er spüre es.

Seit seinem schweren Unfall und des darauffolgenden langen Krankenhausaufenthaltes war Koch nicht mehr bei einem Arzt gewesen. Er meinte, er habe die Gesamtsumme aller Arztkontakte, die einem Menschen vergönnt seien, bereits mehrfach überschritten. Deshalb war es auch schwierig, seine körperliche Verfassung überprüfen zu lassen und gegebenenfalls Maßnahmen gegen seinen Tod zu ergreifen.

Auf jeden Fall wollte er vermeiden, dass das Erbe seinem Sohn Karl und dessen Nazisekte in die Hände fiel.

Koch hatte eine Stiftung für notleidende Künstler eingerichtet und beabsichtigte, sein gesamtes Vermögen dorthin zu übertragen. Sein Interesse an Künstlern rührte daher, dass Ernst Koch selbst gern Schauspieler geworden wäre. Der Höhepunkt seines Lebens war für ihn eine kleine Produktion, die er selbst finanziert hatte, und bei der er den Geist von Hamlets Vater spielen durfte.

Mit Rüdigers Hilfe hatte Koch ein Altersheim für Künstler ausfindig gemacht, dass er für die Stiftung kaufen wollte. Er hatte mit Bewohnern des Heims gesprochen und sie nach ihren Erfahrungen befragt, besonders nach ihren Erfahrungen mit Markus Ludwig, dem Leiter der Institution. Alle Erkundigungen ergaben ein sehr positives Bild und bestärkten Koch in seinem Entschluss.

Bei seinen Gesprächen hatte Koch auch den ältesten Bewohner des Heims, Siegfried Pabst, einen ehemaligen Musiker und Komponisten, kennen und schätzen gelernt. Die beiden Herren fanden sofort einen innigen Draht zueinander.

Der Kaufakt fand in dem Altersheim selbst statt. Nachdem der Notar wieder gegangen war, saßen Ludwig, Koch, Pabst und Rüdiger, zusammen mit ein paar weiteren rüstigen Bewohnern, bei einem Glas Wein zusammen. Ernst Koch fühlte sich in dem Umfeld sehr wohl. Er dachte daran, selbst dort einzuziehen.