(92) Oban setzte sich an den Schreibtisch vor dem Fenster.

von Alain Fux

Oban setzte sich an den Schreibtisch vor dem Fenster. Von dort aus konnte er einen weiten Teil der Stadt überblicken. Er klappte seinen Laptop auf und schaltete ihn damit wieder ein. Er öffnete die Datei ‚memoiren.docx‘. Die ersten Worte waren: ‚Und wir sind doch nicht allein… von John Oban‘. Er blätterte zu Seite 109 und las den letzten Absatz.

‚Es war eine Arbeitersiedlung aus den Anfangszeiten der Industrierevolution, in die wir einzogen. In der Nähe waren neue Häuserblocks gebaut worden und die Einwohner hatte man nach dort umgesiedelt. Zu sechst besetzten wir eines der leer stehenden Häuser und arbeiteten daran, es wieder instand zu setzen. Das war harte Arbeit. Wir versuchten, aus den anderen Häusern das Beste von allem zu organisieren und es bei uns einzubauen, zum Beispiel eine Badewanne oder Klosettschüsseln. Wir hatten ja kein Geld, um etwas Neues zu kaufen.

Wir waren sechs junge Leute: vier Jungs, darunter Ted, und zwei Mädchen, darunter Peggy. Ted kannte ich noch aus der Grundschule, er hatte mich in die Gruppe geholt. Alle kannten jeweils einen oder maximal zwei der anderen, es war mehr wie eine Kette. Damals war auch die Zeit der freien Liebe und wir haben diese Freiheit genossen. Genauso wie es für uns kein Eigentum gab und unser Haus für alle offenstand, so gab es auch keine feste Beziehung. Wir teilten alles.‘

Oban schlug ein Notizbuch auf und las in seinen Notizen. Dann schrieb er weiter.

‚Einmal kehrte ich mit Ted von einer Tour zu anderen Häusern zurück und wir trugen einen schweren Eisenofen auf zwei Holzbalken. Als wir uns unserem Haus näherten, bemerkten wir einen Streifenwagen davor. Wir hatten schon vorher Kontakt mit der Polizei gehabt, aber da die Stadt noch nicht entschlossen hatte, was mit dem Gelände passieren sollte, waren wir zunächst geduldet, wenn auch nicht erwünscht.

Wir stellten den Ofen ab und schlichen von der Seite ans Haus, um herauszufinden, worum es ging.

Ted zischte mir zu und winkte mich zu sich hinüber. Vorsichtig schauten wir über das Fensterbrett hinein in unseren Gemeinschaftsraum. Auf dem Esstisch lag Peggy. Rechts und links davon zwei Polizisten. Ihr Kleid war hochgeschoben, einer hatte seine Hand zwischen ihren Beinen. Bei dem anderen hatte sie die Hand im Hosenschlitz. Ted feixte.

Mich machte es betroffen, denn ich mochte Peggy sehr gern und, freie Liebe hin oder her, mit ihr hätte ich mr eine feste Beziehung gewünscht. Wir warteten, bis die Polizisten wieder wegfuhren und gingen dann hinein. Peggy erzählte uns, dass die beiden sehr freundlich gewesen seien und in der Siedlung nach dem Rechten schauten – sie wollten verhindern, dass sich dort Kleinkriminelle niederließen. Peggy meinte, sie habe die beiden scharf gefunden in ihren Uniformen und so habe das eine das andere ergeben. In diesem Augenblick war mir Peggy schlagartig fremd geworden. Nach ein paar Tagen merkte ich, dass das Gemeinschaftsgefühl mir ebenfalls abhanden gekommen war. Bei einem Vorsprechen lernte ich einen anderen Schauspieler kennen und zog mit ihm zusammen. So war ich indirekt von der Polizei zwangsgeräumt worden. Peggy und Ted haben später geheiratet und wir sind weiterhin in gutem Kontakt.‘

Advertisements