(88) Emma lief den beiden voraus die Düne hoch.

von Alain Fux

Emma lief den beiden voraus die Düne hoch. Auf halber Höhe drehte sie sich um, hob die Kamera und drückte ab. Louis war bepackt mit den Liegestühlen und der Kühltasche, unter dem Arm seine Zeitung. Jimmy trug den Sonnenschirm, seine Taucherbrille und die Flossen. „Ihr müsst euch unbedingt eincremen, sonst wird das heute eine schmerzhafte Erfahrung für euch“, warnte sie. Louis grunzte, etwas außer Atem. „Mama, gehen wir nachher ein Eis essen?“, drängte Jimmy. „Ja, nachher gehen wir alle Eis essen. Aber erst einmal legen wir uns ganz gemütlich in den Liegestuhl ans Meer. Wenn du es schaffst, eine Stunde Ruhe zu geben, gehen wir ein Eis essen.“ – „Wie viel Uhr ist es jetzt?“, bohrte Jimmy ungeduldig. Sie fischte die Uhr aus ihrer Handtasche. „Jetzt ist es halb drei Uhr. Um viertel vor vier gehen wir Eis essen. Und frag‘ jetzt nicht alle fünf Minuten, wie spät es ist.“ – „Was ist das für eine Uhr?“, fragte Louis. „Ach, die hat mir meine Kollegin gestern geschenkt. Sie braucht sie nicht mehr.“

Oben auf der Düne blieb Emma stehen und bewunderte den freien Blick auf das Meer. Sie schloss die Augen und ließ den Wind an sich heran. Louis stapfte an ihr vorbei den Sandhang hinunter, zu ihrem Lieblingsplatz. Er stellte die Liegestühle auf, pflanzte den Sonnenschirm ein, rückte die Kühltasche in den Schatten, holte ein Bier heraus, öffnete es und saß zeitungslesend im Liegestuhl, bevor sie unten angekommen war. Jimmy hatte die Schuhe abgestreift und stand zwanzig Meter von ihnen entfernt im Wasser. Sie legte sich in den Schatten auf ihren Liegestuhl und legte den Sonnenhut daneben.

Louis äugte hin und her zwischen ihr und seiner Zeitung. Irgendetwas hatte er auf dem Herzen. „Was ist?“, fragte sie. „Sag mal, wie lange willst du noch diese Nachtschichten im Call Center machen? Wäre es nicht besser, wenn du mehr Zeit Zuhause mit uns verbringen würdest?“ Sie seufzte, „Ja, würde ich ja gerne, aber tagsüber sind alle Stellen belegt. Und abends ist es ja auch am besten bezahlt, davon haben wir doch mehr.“ – „Ja schon… Soll ich mal mit deiner Chefin sprechen?“ – „Nee, das lass mal sein. Das kann ich selber“, fuhr sie ihn an.

„Wie sieht es denn aus mit deiner Arbeitssuche?“, hakte sie nach. Louis hob die Zeitung hoch zum Umblättern und sein Kopf verschwand zwischen den Seiten. „Es gibt nichts für einen halbgelernten Schlosser…“ Emma hatte ihre Illustrierte aufgeschlagen und antwortete nur mit „Ja, ja“.

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