Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Mai, 2018

(111) Die Reise war beschwerlich.

Die Reise war beschwerlich. Über seine Nichte hatte Fumiaki Richard Anweisungen gegeben, wie er ihn finden konnte. Zuerst mit dem Flugzeug nach Tokio. Dort übernachtete Richard ein Mal in einem Kapselhotel am Busbahnhof. Früh am nächsten Morgen nahm er den Bus, der ihn nach Mutsu brachte, an der Nordspitze der Honshu Insel. Es war eine schier endlose Fahrt von 769 Kilometern. Mutsu war eine schreckliche kleine Stadt, übersät mit grauen Betonhäusern unter verrosteten Wellblechdächern. Dort verbrachte er die zweite Nacht. Mit einem weiteren Bus fuhr er zunächst sehr früh nach Ohata und dann mit einem zweiten Bus nach Yagen Onsen, einem kleinen Dorf, das für seine heißen Quellen bekannt war. Gegen Mittag stieg er dort aus.

An der Bushaltestelle wartete ein Mädchen auf ihn, Fumiakis Nichte. Ihr gesprochenes Englisch verstand Richard überhaupt nicht und sein Englisch schien für sie genauso unverständlich zu sein. Beide empfanden es aber unhöflich, mit geschriebenen Zetteln zu kommunizieren. So blieb vieles im Ungefähren. Richard war erschöpft von der langen Reise, auf der er jede einzelne Nacht schlecht geschlafen hatte. Yagen Onsen mit seinen kleinen niedlichen Häusern schien ihm wie im Traum.

Endlich stand er Fumiaki gegenüber, mit dem er seit fast fünf Jahren Briefe ausgetauscht hatte. Fumiaki war alt, grau und seine Augen schienen Richard nicht wahrzunehmen. Erst als die Nichte die beiden zu den Shamo führte, kam Licht in die Augen des Greises. Richard war tief bewegt, als er endlich vor dem Gehege stand. Vor Erschöpfung und vor Aufregung entfuhr ihm ein Schluchzen und er fing an zu weinen. Er sank auf die Knie. Fumiaki sah zu ihm nieder und legte ihm tröstend seinen Arm um die Schulter. Er begann zu erzählen. Die Nichte schien erstaunt, so als ob der Alte sonst nie redete. Sie übersetzte, aber Richard konnte ihre Übersetzung natürlich genau so wenig verstehen wie die Originalaussagen von Fumiaki. Trotzdem fühlte er eine große Zugehörigkeit zu Fumiaki, seiner Nichte und den Shamo.

Richard blieb drei Tage und drei Nächte in Yagen Onsen. Er verbrachte die meiste Zeit neben Fumiaki auf der Bank neben dem Gehege. Sie erzählten sich abwechselnd, was ihnen durch den Kopf ging und keiner verstand die Worte des anderen. Aber sie fühlten, dass es etwas Größeres gab, das sie verband. Als Richard wieder abreiste, schenkte ihm der Alte vier junge Shamo, drei Hennen und einen Hahn. Richard bedankte sich überschwänglich und war, wie bereits bei seiner Ankunft, tief berührt.

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(110) Richard Heinzelmann hatte ein Hobby…

Richard Heinzelmann hatte ein Hobby, das dem Metzgerberuf etwas näher schien: Er züchtete Kampfhähne. Es hatte mit zwei Küken begonnen, die seine Mutter ihm als Kind mitgebracht hatte, als er wegen Krankheit ein paar Tage nicht aus dem Haus durfte. Er hatte die beiden Küken allein aufziehen wollen. Eines davon war zwar nach ein paar Tagen gestorben, das andere aber überlebte in einem Karton neben dem Ofen, zugedeckt mit einem alten Geschirrtuch.

Danach hatte Richard einen Kraienkopp geschenkt bekommen, der ursprünglich für den Kampf gezüchtet worden war. Bereits damals, und heute noch mehr, sah Richard keine Veranlassung, seine Hähne kämpfen zu lassen. Ihm war vor allem das Züchten und der Austausch mit den Züchterkollegen wichtig.

Nach den Kraienköppen kamen Hint Horoz dazu und Richard wurde in dem Verein Zuchtwart für diese Rasse türkischer Kampfhühner. Seine Eltern fanden sein Hobby sinnlos, da die Tiere so wenig Fleisch auf den Rippen hatten, dass sie wirtschaftlich uninteressant waren.

Richards Traum waren allerdings die Shamo, eine sehr alte japanische Rasse mit einer sehr markanten, fast eckigen Körperform. Sie standen fast komplett aufrecht, mit einem langen Hals und einem ganz geraden Rücken. Andreas, dem Richard die Fotos gezeigt hatte, nannte sie „kleine Federgodzillas“, worauf ihm Richard erklärte, dass alle Hühner von den Dinosauriern abstammten.

Richard studierte Bücher über Shamo, die er sich für teures Geld aus dem Ausland schicken ließ. Er sammelte Bilder und konnte auch auf einem schlechten Schwarz-Weiß-Foto auf Anhieb noch den Unterschied zwischen einem O-Shamo und einem Chu-Shamo ausmachen.

Während mehrerer Jahre sparte er für eine Reise nach Japan. Dort, in der Heimat der Shamo, wollte er ein reines Paar erwerben und es für Zuchtzwecke nach Hause bringen. Jahrelang pflegte er einen Briefwechsel mit Fumiaki Taguchi, dem führenden japanischen Züchter. Die Kommunikation wurde allerdings erschwert, da Richards Englisch sehr schlecht war und Fumiaki gar kein Englisch verstand. So konnte Richard nur durch die Übersetzungskünste von Taguchis Nichte mit dem Züchter kommunizieren.

Eines Tages war es soweit: Richard hatte genügend Geld gespart und kaufte ein Flugticket nach Japan, zu Fumiaki Taguchi und seinen Shamos.

(109) Gernot Heinzelmann war der dritte Sohn in einer Metzgerfamilie…

Gernot Heinzelmann war der dritte Sohn in einer Metzgerfamilie in fünfter Generation. Sein Vater war vor fünf Jahren gestorben und seitdem führte offiziell Andreas, der Älteste und ein gelernter Metzgermeister, das Unternehmen. Der zweitälteste Sohn Richard war nach dem Tod des Vaters ebenfalls in die Firma zurück gekehrt und seitdem trug der Lieferwagen die Aufschrift ‚Heinzelmann und Söhne‘, darüber die Zeichnung eines rosigen grinsenden Metzgerschweins mit gezücktem Messer. Die Harakiri-Sau, wie Andreas das Bild nannte. In Wirklichkeit wurden die Geschicke des Unternehmens, und auch der Familie, weiterhin von der Mutter, Frau Heinzelmann, bestimmt.

Gernot fühlte sich von der Familie ausgeschlossen. Einem Schulfreund hatte er mal gestanden, dass er nicht einmal als Vegetarier einen schwereren Stand haben könnte. Die Idee mit dem Sportstudium war von dem Schulpsychologen gekommen. Nach Auswertung der Berufseignungstests orakelte er, dass das Sportlehrertum Gernots Bestimmung im Leben sei. Auch um sich aus der Umklammerung der Familie zu lösen, hatte er sich mit der Idee angefreundet. Der Schulpsychologe wertete dies als Erfolg seiner umfangreichen Testreihen.

Zuhause verspotteten Andreas und Richard ihn wahlweise als ‚Doktor Sport‘ oder als ‚Turnlehrer‘. „Jetzt lasst den Jungen doch in Frieden“, verteidigte ihn seine Mutter dann. „Gernot wird seinen Weg gehen. Ich liebe alle meine Söhne.“

Andreas war unter den drei Brüdern anfangs stets der Rebell gewesen. Dann, mit seiner Ausbildung im städtischen Schlachthof, hatte er sich zu einem arbeitsamen, aber engstirnigen Spießer gewandelt. Beruflich war er allerdings offen für neue Ideen. Sehr früh führte er zum Beispiel Produkte aus texturierten Soja-Proteinen ein, was ihm Gernot nicht zugetraut hätte.

(108) Herr Prof. Schreiner wird jeden Augenblick hier sein.

„Herr Prof. Schreiner wird jeden Augenblick hier sein. Nehmen Sie Platz.“ Gernot bedankte sich bei der Sekretärin und setzte sich auf den Stuhl in dem schmucklosen Besprechungsraum. Die Tür fiel zu.

Gegenüber von Gernot hing ein etwas eingerissenes Poster der letzten Olympischen Spiele an der fleckigen Wand. Durch das offene Fenster hörte er das Aufdotzen eines Basketballs, das manchmal aussetzte, bevor man ihn gegen das Brett donnern oder durch das Netz rauschen hörte.

Vor dem Termin hatte sich Gernot informiert. Prof. Schreiner war eine Koryphäe in seinem Spezialgebiet, der Sportpsychologie. Eigentlich konnte sich Gernot darunter wenig vorstellen, er wollte nur Sportlehrer werden. Aber das Urteil von Prof. Schreiner würde darüber entscheiden, ob Gernot an der Sportschule angenommen wurde oder nicht.

Die Tür öffnete sich und ein älterer Herr mit rotem Gesicht trat ein. Erst als er auf dem Stuhl hinter dem Tisch saß und ein weißes Blatt Papier sowie einen Kugelschreiber vor sich hingelegt hatte, schaute er Gernot an.

„Schreiner. Sie sind…?“ – „Gernot Heinzelmann“, antwortete Gernot. „Ja, gut. Nennen Sie mir drei Gründe, warum wir jemanden wie Sie aufnehmen sollten?“

Diese Eröffnung hatte Gernot nicht erwartet und er war einen Augenblick sprachlos. „Fällt Ihnen auch nichts ein?“, hakte Prof. Schreiner nach. Das brachte Gernot in noch größere Bedrängnis. Er hatte sich zwar auf fiese Fragen vorbereitet, aber jetzt fielen ihm gerade die Antworten nicht ein.

Je länger Prof. Schreiner ihn stumm anschaute, desto blasser wurde Gernot. „Herr Heinzelmann? Jetzt kippen Sie mir nicht vom Stuhl. Wollen Sie ein Glas Wasser?“ Gernot nickte matt. Prof. Schreiner ging hinaus und kehrte mit einem Glas Wasser zurück, stellte es vor Gernot. „Jetzt trinken Sie mal einen Schluck. Und dann erzählen Sie mir mal, was Sie bisher so gemacht haben in Ihrem Leben.“

Gernot war verwirrt, aber das Gespräch verlief jetzt so, wie er es sich eigentlich vorgestellt hatte. Wahrscheinlich hatte der Professor in auf eine psychologische Probe stellen wollen. Gernot begann zu erzählen.

(107) Prof. Schreiner schien etwas verwirrt…

Prof. Schreiner schien etwas verwirrt, als er Manuel begrüßte. Er war auf dem Weg, um Bettina zu treffen, die wissenschaftliche Assistentin seines Kollegen Neumann. Prof. Schreiner hatte seit zwei Monaten ein Verhältnis mit ihr und da er verheiratet war, gab es nicht so viele Möglichkeiten, um sich mit Bettina zu treffen. Er konnte ja schlecht zu Prof. Neumanns Sprechstunden gehen. So hatte es sich ergeben, dass ihre Treffen an Prof. Schreiners und Prof. Neumanns jeweilige Terminkalender angepasst waren und sie sich im obersten Stockwerk in einem ungenutzten Lagerraum für Turngeräte trafen.

„Herr Grosch“, sagte Prof. Schreiner, „was kann ich für Sie tun? Ich bin aber sehr in Eile. Warum lassen Sie sich nicht einen Termin bei meiner Sekretärin geben?“ Manuel war verblüfft. Der Professor für Sportpsychologie war sonst immer sehr aufgeschlossen und nie einem Gespräch abgeneigt. In letzter Zeit war er nur sehr kurz angebunden, wenn Manuel ihn auf dem Flur traf. Manuel fragte sich, ob es mit ihm zusammenhing und Schreiner speziell ihm aus dem Weg ging. Sportpsychologie war zwar nicht sein Lieblingsfach, aber er war sich sicher, dass er wesentlich besser war als der Durchschnitt von Prof. Schreiners Studenten. Er konnte dem Professor nur ein „Ja danke, mach ich“ hinterherrufen, da war dieser schon ins Treppenhaus abgebogen.

Prof. Schreiner drehte sich schnell um. Niemand in Sicht. Er hastete die Stufen der Treppe hoch. Durch das Halbdunkel des Flurs schlich er mit angehaltenem Atem und horchte auf Geräusche. Es war still. An der vorletzten Tür wartete er kurz und öffnete dann die Tür behutsam. „Ich bin es, nicht erschrecken“, flüsterte er ins Dunkel.

In der Ecke leuchtete eine Taschenlampe auf. Bettina hatte sie auf sich selbst gerichtet. Ein wohlig-warmer Druck umfasste Schreiners Brustkorb, als er erkannte, dass sie ihre Bluse für ihn geöffnet hatte und nichts darunter trug. Der Professor atmete die verstaubte Luft des Lagerraums ein. Bettina saß rittlings auf einem Pauschenpferd und erwartete ihn.

(106) Wir dürfen nicht vergessen, die Feuerlöscher zu verteilen.

„Wir dürfen nicht vergessen, die Feuerlöscher zu verteilen. Letztes Jahr gab es deswegen im allerletzten Moment einen Riesenaufstand.“ Manuel hakte den letzten Punkt auf der Wandtafel ab. „Damit sind wir ganz gut in der Zeit, aber ich brauche euch nicht daran zu erinnern, dass es bis zum Samstag noch mördermäßig zu tun gibt. Nächstes Update in diesem Hörsaal morgen Vormittag um neun Uhr.“ Das Projektteam des Frühlingsfestes der Sporthochschule zerstreute sich.

„Anna, kannst du noch eine Minute hier bleiben?“, bat Manuel. Anna kam nach vorn. „Wir haben noch ein Problem mit der Band. Die wollen erst ab zehn Uhr spielen, das passt aber überhaupt nicht ins Programm. Kannst du mit denen reden, damit sie nicht zicken und bereits um halb neun Uhr loslegen?“ – „Mach‘ ich“, antwortete sie. „Hast du noch was von Armin gehört?“, fügte sie hinzu. „Bleib mir bloß weg mit Armin“, winkte Manuel ab. Er schwang seinen Rucksack auf die Schulter und verließ mit Anna den Hörsaal. „Er hat mich komplett enttäuscht. Erst war er Feuer und Flamme. Dann hieß es, dass er am Samstag nicht dabei sein könne. Und jetzt macht er sogar bei den ganzen Vorbereitungen nicht mit. Er geht auf Weltreise mit seiner Großmutter. Es ist unfassbar. Mitten im Semester. Ich wollte ihn gestern Abend zur Rede stellen und auch mit ihm über die Band sprechen, denn es war ja seine Idee. Er war nicht in seiner Wohnung. Seine Nachbarin meinte, dass sie ihn vor vier Tagen zuletzt gesehen habe. Aber wir werden klarkommen, auch ohne ihn. Entschuldige mich, ich sehe gerade Prof. Schreiner. Ich muss ihn etwas fragen.“

Anna schaute ihm nach, wie er schon aus zehn Metern Entfernung grüßte und auf Prof. Schreiner zuging. Manuel war ein klasse Typ, fand Anna. Leider hatte er Mundgeruch.

(105) Vor einem Jahr hatte Larsen eine ältere Frau angerufen…

Vor einem Jahr hatte Larsen eine ältere Frau angerufen und ihn dann besucht. Sie war 79 Jahre alt, ihr Mann 83 Jahre. Larsen war verblüfft gewesen, als die alte Dame mutmaßte, dass ihr Mann sie betrog. Sein Erstaunen steigerte sich noch, als sie ihm stolz erzählte, dass sie selbst eine Affäre mit ihrem Yoga-Lehrer habe. Das schien für sie selbstverständlich zu sein und die offensichtlich unterschiedlichen moralischen Standards waren kein Thema. Larsen wollte die Details auch nicht so genau wissen und hoffte insgeheim, dass er nicht bei der Auswertung des Videomaterials helfen musste.

An einem Tag, an dem der Ehemann für eine ambulante Behandlung im Krankenhaus war, installierte er in der Wohnung fünf Kameras (1x Schlafzimmer, 2x Wohnzimmer, 1x Arbeitszimmer, 1x Flur) sowie eine Speichereinheit. Normalerweise hätte er auch eine Kamera in der Küche installiert, aber die Dame fand, das sei unnötig, denn ihr Mann wüsste wahrscheinlich nicht einmal, wo sich die Küche befände.

Ein paar Tage später rief die Frau an und hatte ein paar Fragen dazu, wie sie sich die aufgezeichneten Bilder ansehen konnte. Im Hintergrund hörte er eine Stimme, die auf die Kommandos der Dame antwortete. Er nahm an, dass es der Yoga-Lehrer war. Larsen war froh, als die Wiedergabe klappte und er nicht hinzufahren brauchte.

Drei Wochen später ein weiterer Anruf der alten Dame. Sie bat ihn, die Leihgeräte wieder abzubauen. Als er ankam, war sie ganz in schwarz gekleidet, schien aber bester Laune. Der Yoga-Lehrer, so stellte sich heraus, war ein junger, gutaussehender Sportstudent namens Armin, der an ihrer Seite stand und sie tröstete. Ihr Mann sei am Vortag verstorben, erklärte sie. Larsen stockte der Atem. Es fielen ihm gleich viele Fragen ein, aber er stellte sie nicht.

Schnell montierte er die versteckten Kameras ab und entnahm das Speichergerät aus dem Versteck, in dem es installiert war. Die Dame bedankte sich bei ihm und bat ihn, die Rechnung recht bald zu schicken, da sie in Kürze eine längere Reise unternehmen wollte.

Als Larsen wieder in der Werkstatt war, schloss er das Speichergerät an seinen PC an und löschte den Inhalt über einen mehrgängigen Algorithmus.

(104) Ja, Frau Uhlig, ich komme heute Nachmittag bei Ihnen vorbei…

„Ja, Frau Uhlig, ich komme heute Nachmittag bei Ihnen vorbei und schaue mir die Räume an. So wie Sie die Situation schildern, dürfte das gar kein Problem sein. Unsere Kameras sind so klein, dass sie überall versteckt werden können. Die Daten werden per Funk an eine Speichereinheit übertragen und die können wir irgendwo bei Ihnen verstecken. Ich bringe das ganze Material mit und dann können wir alles Weitere heute Nachmittag besprechen.“

Wilfried Larsen legte das schnurlose Telefon nieder. Eigentlich hatte er seine Firma gegründet, um ‚Überwachungslösungen für den öffentlichen Raum‘ zu verkaufen, wie es in seinem Geschäftsplan hieß, den er der Bank vorgelegt hatte. Das war auch sein wichtigster Geschäftsbereich. Er hätte aber nicht erwartet, dass Untreue sein zweitstärkstes Segment sein würde. Vor allem Männer baten ihn um Hilfe, um ihre Ehefrauen besser überwachen zu können. Larsen hatte allerdings den Verdacht, dass viele Kunden, die eine Anlage bei ihm kauften, noch andere Motive verfolgten, besonders, wenn sie Überwachungskameras im Schlafzimmer installierten. Mit den Mietanlagen hingegen sollte wahrscheinlich in den meisten Fällen Untreue nachgewiesen werden.

Egal, Geschäft war Geschäft und die Margen waren besser als im Industriegeschäft.

Larsen war nicht verheiratet und wenn man ihn danach befragte, erklärte er, dass er mit Frau Elektronica eng verbandelt sei. Er verbrachte wahrscheinlich mehr Abende beim Tüfteln in seiner Werkstatt als die meisten Männer mit ihrer Familie.

Es war die absolute Logik, die ihn an der Elektronik faszinierte. Wenn die Umstände gleich waren, dann würde der gleiche Input auch unweigerlich zu dem gleichen Ergebnis führen. Frauen waren ihm einfach zu kompliziert. In seiner Werkstatt hatte er eine Doppelseite aus einem Magazin aufgehängt. Auf der linken Seite ein Gehäuse mit vielen Drucktastern, Kippschaltern, Drehreglern und Leuchtdioden. Darauf stand ‚Woman‘. Auf der rechten Seite, das gleiche Gehäuse, aber nur mit einem Aus/Ein-Schalter und einer Leuchtdiode. Darauf stand ‚Man‘. Er hatte daran gedacht, solche Gehäuse in Wirklichkeit zu bauen, aber bisher noch keine Zeit dafür gehabt.

(103) Diane Uhligs Gesicht sah matschig aus.

Diane Uhligs Gesicht sah matschig aus. Ihre Augen waren rot verheult, die Mascara verwischt, ihre Haut fahl und ihre Haare strähnig. Sie klammerte sich an Dorothea und wollte nicht mehr loslassen. Heulend schluchzte sie Dorothea ins Ohr, wie sehr sie sich freue, dass Dorothea sie nicht im Stich gelassen habe. Dorothea versuchte, sie zu beruhigen.

„Ich habe dieses Bild hier gefunden“, brach es aus Diane heraus und sie reichte Dorothea ein Foto. Darauf war ein Mann zu sehen, der eine weiße Hasenmaske aus Plüsch trug und bequem auf einem Liegestuhl ruhte. Neben ihm saß eine blonde Frau in einem knappen schwarzen Bikini, lächelte in die Kamera und streichelte mit ihrer rechten Hand den Mann am Hasenkinn.

Dorothea schaute Diane etwas ratlos an. „Es ist Nick, unter der Maske. Ich erkenne ihn am Ring und an seiner Blinddarmnarbe. Das Foto wurde hier hinter dem Haus aufgenommen.“ Sie fing wieder an zu schluchzen. Dorothea legte ihre Hand um sie und betrachtete das Bild genauer.

Das Foto schien an einem Swimming-Pool aufgenommen zu sein. Dahinter eine Mauer mit Efeubewuchs, die ihr bekannt vorkam. Die Frau im Bikini war ungefähr gleich alt wie Nick und sah attraktiv aus. Dorothea fiel auf, dass ihr Bikini etwas zu stramm saß und dass die Trägerin entweder ein paar Pfunde verlieren oder sich einen größeren Badeanzug zulegen sollte. Sie registrierte die Körperhaltung der beiden Personen und musste sich eingestehen, dass es zwischen ihnen mit großer Sicherheit Intimität geben musste. Es war offensichtlich, unabhängig davon, ob der Mann hinter der Hasenmaske Nick war oder nicht. Das war mehr als ein Spaßschnappschuss bei einem Betriebsausflug. „Kennst du die Frau?“, fragte sie Diane.

Sie schüttelte den Kopf. „Auf dem Foto ist hinten ein Datum aufgedruckt. Zwei Monate her. Kurz davor war ich bei meiner Mutter und musste Nick für eine Woche hier alleine zurück lassen. Kannst du dir das vorstellen? Er hat diese Frau zu uns nach Hause geholt!“ – „Hast du ihn nach dem Foto gefragt?“ – „Nein, ich habe es erst heute gefunden. Ich konnte ihn nicht anrufen. Er ist nicht da, musste zu einem Kongress in die Toskana. Wenigstens das stimmt, denn ich habe im Krankenhaus angerufen. Aber wer weiß, was er da sonst noch treibt. Ich habe heute mein gesamtes Vertrauen in ihn verloren.“

Dorothea hielt ihre Hand und suchte nach Worten, um sie zu trösten. Auch sie war enttäuscht und fühlte sich von Nick betrogen. Sie wünschte, dass Diane sich geirrt hatte, ahnte aber insgeheim, dass dem nicht so war.

(102) Dorothea hatte Mitleid mit Ben.

Dorothea hatte Mitleid mit Ben. In den letzten Wochen war er stets für sie dagewesen und jetzt kam sie sich schäbig vor, weil sie ihn wegen Diane versetzte. Aber dafür musste er Verständnis haben. Sie kannte Diane schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit. Selbstverständlich war Dorothea bei Dianes Hochzeit auch ihre Trauzeugin gewesen.

Als sie im Auto saß und auf den dunklen Straßen zu Diane fuhr, dachte Dorothea zurück an die Trauung und wie perfekt ihr alles damals erschienen war. Sie hatte sich gewünscht, dass auch ihre Feier einmal so sein sollte wie die von Nick und Diane. Nach der Zeremonie hatte sie ein paar Fotos des Brautpaars geschossen und diese Bilder mit dem synchron strahlenden Lächeln symbolisierten für sie das absolute Glück.

Eines hatte Dorothea keinem Menschen erzählt. Als Diane ihr Nick vorgestellt hatte, war es ihr, als ob ihr eine Offenbarung begegnete. Sie hatte sich im gleichen Augenblick in Nick verliebt. So etwas war ihr vorher und seither nie passiert. Natürlich hatte sie diesen Gedanken sogleich wieder von sich geworfen. Nick war der Mann ihrer besten Freundin, quasi ihr Schwager. Allerdings hatte er alles, was sie sich von einem Mann erhoffte: Er sah gut aus, schien zuverlässig, intelligent, konnte gut zuhören. Aus den Erzählungen Dianes erahnte sie, dass er außerdem sehr zärtlich zu ihr war. Außerdem war Nick in der Lage, eine Autobatterie auszuwechseln und ein verstopftes Abflussrohr wieder zu öffnen. Sie musste sich eingestehen, dass Nick im Vergleich zu Ben viel besser abschnitt. Ben sah selbstverständlich sehr gut aus, aber er konnte auch sehr arrogant und verletzend sein. Das hatte bestimmt etwas mit dem  Job zu tun. Nick war Kinderarzt und daher sehr angenehm und verbindlich im Umgang.

Während sie ihren Gedanken nachhing, hätte sie fast das Haus von Diane und Nick verpasst. Allerdings konnte man es nicht übersehen. Alle Fenster waren hell erleuchtet und auch draußen schienen alle Lampen zu brennen. Dorothea brachte den Wagen vor dem Haus zum Stehen.