(63) Antonio Guerra betrachtete sich im Spiegel…

von Alain Fux

Antonio Guerra betrachtete sich im Spiegel und strich seinen Schnurrbart glatt. Mit der Bartschere schnitt er zwei aus der Reihe tanzende Barthaare ab, legte sie auf den Ablauf und versenkte sie mit einem Strahl aus der Mischbatterie. Den Krawattenknoten rückte er gerade, bürstete die Haare glatt und schaute hinunter auf seine blankpolierten Schuhe mit den Einlegesohlen, die ihn größer erschienen ließen. Er seufzte und kehrte wieder in sein Arbeitszimmer zurück.

Guerra hatte sich darauf gefreut, noch ein Mal von vorn anzufangen an einem Ort, an dem ihn niemand kannte. Das hatte nicht funktioniert. Sein Ruf war ihm vorausgeeilt, ein Idiot lief sogar als Sandwichman durch die Straßen und beleidigte ihn. Zuhause wäre das kein Problem gewesen, aber er wollte es hier anders machen. Er hatte bereits für verschiedene wohltätige Zwecke große Summen gespendet, der Bürgermeister freute sich über sein nagelneues Laptop mit Touch Screen Panel und im nächsten Monat standen die Einweihung der neuen Tore des Fußballvereins sowie die Weihe der neuen Fahne des Gesangschors an. Das würde sich alles einrenken. Er nestelte an seinen Manschettenknöpfen.

Ihm war langweilig, doch er wollte es sich nicht eingestehen. Der Umzug war eine unausgegorene Idee gewesen, die er bereuen musste. Antonio Guerra war ein Mann der Tat – wenn es darauf ankam, war er stets in vorderster Front dabei und drückte allem und jedem seinen Stempel auf. Als Privatier in respektabler Umgebung war er fehl am Platz. „Giorgio!“, rief er mit heiserer Stimme. Sofort öffnete sich die Tür und sein Leibwächter füllte den Türrahmen aus. „Bring mir mal die Tageszeitung.“ Giorgio kehrte schnell damit zurück. Antonio breitete sie auf dem Schreibtisch aus und überflog den Lokalteil. Sein Blick blieb an einem Jahrmarkt hängen. Besser als nichts. „Wir machen einen Ausflug“, verkündete er Giorgio. „Nur du und ich, nur zum Spaß, kein Geschäft. Leider.“

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