Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: April, 2018

(80) Antons rechtes Knie war blau…

Antons rechtes Knie war blau und das Auftreten sehr schmerzhaft. Weil er dadurch am Morgen länger gebraucht hatte, musste er an allen Kollegen vorbeigehen, um zu seinem Schreibtisch zu gelangen. Die Kommentare waren mal mitfühlend, mal hämisch, mal sensationslüstern, entsprechend seines Beziehungsbarometers mit den Kollegen. Es half auch wenig, dass er leichenblass aussah, da er kaum geschlafen hatte.

Iris, seine Büronachbarin, schaute ihn mitfühlend an. „War es wenigstens spannend“, forschte sie. Er wiegte den Kopf hin und her. „Du brauchst eine feste Freundin, so kann das nicht weitergehen.“ Iris hatte jung geheiratet und fand, dass es das Beste war, was einem passieren konnte. Vorausgesetzt, dass der Partner einen liebte. Wenige Menschen widersprachen ihr, die meisten führten aber an, dass sie ihre Situation nicht so einfach verallgemeinern konnte.

Auch Anton hätte nichts gegen eine feste Freundin einzuwenden. Eigentlich war dies auch sein Ziel und der Grund, warum er nachts um die Häuser strich wie ein umtriebiger Kater. Das Ergebnis war allerdings sehr dürftig. Bettys Biss spürte er weiterhin, aber nach einer unruhigen Nacht und einer heilsamen Dusche war er zum Entschluss gekommen, nicht mehr in die Two Step Posse zurückzukehren.

„Hast du heute Abend schon etwas vor?“, fragte Iris. „Schlafen?“, entgegnete Anton. „Nix da, heute Abend gehen wir ins Blaue Haus. Ich kenn da jemanden, der dich gerne treffen würde.“ –“OK, ich bin dabei“, erwiderte er und griff nach dem Telefonhörer.

Mittags aß er einen Salat an seinem Schreibtisch und arbeitete sich weiter durch seine Aufgabenliste. Nach und nach fütterte ihn Iris mit weiteren Details zu der anstehenden Zufallsbekanntschaft: Sie war so alt wie er, arbeitete nicht bei der Bank, hieß Marietta, war erst vor einem Monat hergezogen, kannte sonst niemanden hier und hatte keinen Freund. Je weiter der Tag voranschritt, desto stärker freute er sich auf den Abend.

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(79) Als sie über den Zaun geklettert waren…

Als sie über den Zaun geklettert waren, schlichen sie an den Häusern entlang. Da hier mehrere Gebäude aneinander gebaut waren, musste sie weitere Male über Mauern und Zäune klettern. Die meisten Fenster waren leer und dunkel, so als ob die ganze Siedlung dem Abriss geweiht wäre und auf die Planierraupen wartete. Antons Knie schmerzte noch von Schultes Schlag. Er humpelte und fühlte sich auch sonst mitgenommen von den Abenteuern dieser Nacht. Er war sich nicht sicher, wem er davon erzählen konnte. Die allermeisten seiner Freunde waren Banker wie er, und nicht alles, was er an diesem Abend erlebt hatte, musste in sein normales Leben fließen. Er tappte Jonathan hinterher und war in Gedanken versunken. Unvermittelt flammte Licht hinter einem Fenster auf, an dem er gerade vorbeigehen wollte. Er drückte sich an die Hauswand. Jonathan war bereits auf der anderen Seite und erklomm die letzte Mauer zu einem offenen Grundstück. Anton hoffte, das Licht möge wieder ausgehen, aber das tat es nicht. Nach einem Moment wagte er sich etwas hervor und spähte in das Zimmer. In der Mitte des Zimmers befand sich ein Tisch. Davor, mit dem Rücken zum Fenster, kniete ein kleiner Junge im Schlafanzug auf einem Stuhl und stützte sich auf die Tischplatte. Darauf lagen mehrere Geschenke, eines davon hielt der Junge in der Hand. Langsam schüttelte er es, hielt es ans Ohr, als ob es eine Bombe sei. Dann legte er das Paket auf den Tisch und löste vorsichtig die Klebestreifen, die die Verpackung zusammenhielten. Anton konnte die Aufschrift Yamato entziffern, dann erkannte er, dass es sich um Tischtennisschläger mit Bällen handelte. Der Junge schien erfreut. Plötzlich hielt er inne, lauschte und huschte vom Stuhl herunter zum Lichtschalter, löschte das Licht. Anton wartete noch einen Moment. Als es dunkel blieb, wetzte er zur anderen Seite. Nachdem er über die Mauer gesprungen war, konnte er Jonathan nirgendwo mehr sehen. Er verspürte noch Bettys Biss in seine Brust und fragte sich, ob er sie wiedersehen würde. Two Step Posse, da war sie wohl zu finden.

(78) Anton hielt Jonathan die Räuberleiter.

Anton hielt Jonathan die Räuberleiter. Gerade, als Jonathan sein Bein über den Zaun schwang, traf Anton ein dumpfer Schmerz am Knie, er sackte zusammen, Jonathan hing mit dem Unterschenkel am Zaun wie eine Fliege am Klebeband. „Ihr dreckigen perversen Schweine“, zischte Lothar Schulte, der Kassengestellträger, der ihnen aus dem Haus gefolgt war. Jetzt hob er seinen Stock über Anton, als wolle er ihm mit einem Schlag den Garaus machen.

Anton gab sich einen Ruck und wälzte sich in Schultes Richtung. Damit brachte er den Greis aus dem Gleichgewicht. Er rollte über Anton hinweg gegen den Zaun. In der Zwischenzeit hatte Jonathan sein Bein lösen können und ließ sich auf den Aggressor plumpsen, dem durch das Gewicht hörbar die Puste ausging. Jonathan erhob sich von Schultes Rumpf und betrachtete im Mondlicht den nunmehr wehrlosen Feind. Schultes Haare fielen wirr in die Stirn, die Brille war verrutscht und der Mund stand offen. Man konnte seine schiefen Zähne sehen.

Jonathan zog ihm die Brille von der Nase und brach das Gestell am Steg entzwei. „Was du nicht siehst, wird dir keine schlaflosen Nächte mehr bereiten“, murmelte er und warf die Bruchstücke von sich. Schulte stöhnte und rieb sich die Schulter. Aus seiner Lederjacke zog Jonathan die halbleere Flasche Gin, die er trotz der Eile noch ergriffen hatte. Er öffnete den Verschluss, nahm einen kleinen Schluck und schüttete den Rest Schulte ins Gesicht. „Das wird dein Gespräch mit der Polizei erleichtern“, feixte er, bevor er auch die Flasche weit von sich warf.

„Sancho Pansa“, befahl er Anton, „in Position, wir machen einen Abgang. Hier geht nichts mehr.“

(77) „Ihr perversen Schweine“, rief der schwächlichste der Bürger…

Plötzlich setzte die Musik aus. „Das geht so nicht… wir haben die Polizei gerufen… Ihr verdammten Mistkerle…“ Dazwischen kontrapunktmäßiges Gemurmel von dem bekifften Typ am Eingang. Jonathan griff Anton und schob ihn vor sich her. „Das erhitzt sich“, erklärte er. Als sie aus dem ausgeschlachteten Wohnzimmer in den Hausflur kamen, sahen sie drei Bürger mit Stöcken in der Hand am Eingang stehen. „Fehlen nur noch die Mistgabeln und die Fackeln“, murmelte Jonathan. Die Bürger waren unsicher, mit wie viel Gegenwehr sie rechnen mussten. Die Polizei war unterwegs.

„Ihr perversen Schweine“, rief der schwächlichste der Bürger, der sich etwas im Windschatten seiner Kumpane aufhielt. Er war auch der älteste, trug ein Kassengestell und hatte schütteres Haar. Sein hasserfüllter Blick war auf Jonathan gerichtet, dessen Schwanz aus der zerrissenen Unterhose heraus baumelte. Anton neben ihm sah aus wie ein im Scheinwerferkegel geblendetes Bambi mit Wampe.

Jonathans erste Priorität war eine Hose. Seine eigene fand er nicht in dem Klamottenhaufen und puhlte aufs Geratewohl eine Jeans heraus, die er sich anzog. Sie war ihm zu weit und mit dem enggezurrten Gürtel ähnelte er einer Vogelscheuche. Für Anton zog er ein rotverwaschenes Poloshirt aus dem Haufen und warf es ihm ins Gesicht. Mit dem Shirt sah Anton aus wie eine Qualle.

Ein paar Slummer waren durch den Tumult aus ihrer Erstarrung gelöst worden und standen jetzt auch im Flur. Einer hatte ein Brett mit Nägeln in der Hand, sah aber eher aus, als ob er sich gleich übergeben wollte. Hinter den drei Bürgern trat ein weiterer herein, bewaffnet mit einer starken Stablampe, die er einschaltete und in dessen Kegel die Slummer aussahen wie Zombies, egal, ob ohne Hemd oder ohne Hose. Ein Knistern lag in der Luft.

Als draußen die Nachtschwärze durch Blaulichtstaccato durchschnitten wurde, schienen sich die Gesichter zu entspannen. Mit der Ankunft der Streifenpolizisten war das Kräftemessen entschieden. Jonathan zog Anton mit sich nach hinten, durch die nagelverminte Küche und die glassplitterstrotzende Terrassentür hinaus in den Garten. Dort blieben sie erst einmal stehen, um sich in der Dunkelheit zu orientieren. Sie mussten den Gartenzaun übersteigen, um auf das Nachbargrundstück zu gelangen.

(76) „Los, besorg‘ uns mal ein Taxi“

„Los, besorg‘ uns mal ein Taxi“, befahl Jonathan und Anton machte sich auf die Suche. Jonathan gluckste und flüsterte halbleise zu Betty und Letty, „jede Wette, das ist ein Banker.“ Anton kam mit dem Taxi an. Jonathan nannte dem Fahrer eine Adresse in den südlichen Vororten („Magnolienstraße 173“) und dann fuhren die vier los. Anton auf dem Beifahrersitz, Jonathan hinten in der Mitte, Betty links und Letty rechts.

Sie fuhren zu einem Haus, das in der folgenden Woche abgerissen werden sollte. Heute fand darin die letzte Party statt. Wenn Abriss, dann wenigstens aus gutem Grund, war das Motto des Abends. Es gab auch ein Thema: ‚Hemd oder Hose‘. Jeder Teilnehmer musste sich entscheiden, ob er lieber mit nacktem Oberkörper oder ohne Hose hinein wollte. Das galt aber nur für Männer, Frauen durften auch so hinein. Jonathan hatte seine Hose ausgezogen, seine zerrissenen Y-Briefs behielt er an. Anton hatte unter den spöttischen Blicken von Jonathan und den Mädels etwas gezögert. Dann legte er kurz entschlossen seinen speckig-weißen Oberkörper frei. Betty biss ihm in die Brust und er jaulte auf. Im Orbit seiner Brustwarze erkannte er den Abdruck ihrer Zähne.

Die Musik war ok, vor allem war sie zum Schneiden laut. Frauentechnisch war wenig los, es waren hauptsächlich Slummer unterwegs. Dafür gab es Alkohol in Mengen und in allen Varianten. Jonathan schnappte sich eine Flasche Gin, trank einen Schluck und bedeutete Anton, den Kopf mit offenem Mund nach hinten zu lehnen. Mit einem schmutzigen Finger am Flaschenhals dosierte er die Ginabgabe in Antons Mund. Anton verschluckte sich und musste husten.

Alle lagen herum auf Matratzen und Decken. Die Tapeten rollten sich in den meisten Räumen von den Wänden. In der holzgetäfelten Küche hatten ein paar Idioten mit dem Abbruch angefangen und rissen die Bretter von den Wänden. Einer hatte sich einen Nagel in den Fuß gejagt, saß auf der Erde und schüttete Wodka auf die blutende Wunde. Ein Ledermantelträger mit gepiercten Nippeln verkündete, dass hier nichts mehr gehe. Er fahre zurück zur Bar der Herzen. Betty und Letty hakten sich bei ihm ein, denn er hatte ein Auto und schien noch fahrtüchtig zu sein. Jonathan schickten sie Luftküsse durch den Raum, aber der saß in der Ecke und rauchte stoisch seine Kippe weg, Anton erwartungsvoll an seiner Seite. „Wie heißt du eigentlich, du Banker?“, fragte Jonathan eine halbe Flasche Gin später. „Anton“, lallte Anton. „Bescheuerter Name, ich nenn dich An…thrax“, nuschelte Jonathan zurück und pennte ein. Als er aufwachte, merkte er, dass Anton neben ihm lag und schlief, sein Kopf lag auf Jonathans Oberschenkel. Er weckte Anton mit einem derben Wisch der Hand über den Kopf. „Hey“, muckte Anton auf. „Verzieh dich von meinem Knie.“ Anton erkannte die Lage und ruckte hoch. Es schien leerer als vorhin, vielleicht auch, weil die meisten Slummer in der Horizontalen waren. Die Musik war immer noch gleich laut. Durch die Beatpausen flogen fetzenartig Geräusche einer Auseinandersetzung am Eingang herüber.

(75) Sie pflanzten sich auf eines der Sofas

Sie pflanzten sich auf eines der Sofas, die nach unten durchhingen und scheinbar nur noch aus kompostierten Kissen bestanden. Ein Beamer warf Skateboard-Videos an die Wand gegenüber und auf die Typen, die davor standen, sich aber von den Bildern nicht beeindrucken ließen. Der Kleidung nach zu urteilen waren die Skateboarder aus einer anderen Zeit. Jonathan blieb an den Stunts hängen. Bewegte Bilder forderten seine ganze Aufmerksamkeit. Ein Skater nahm Anlauf und fuhr mit seinem Board eine abschüssige Straße hinunter, auf einen Sportwagen zu, der quer über die Straße geparkt war. Kurz davor sprang er ab, über den Wagen. Das Skateboard fuhr unter dem Wagen durch. Auf der anderen Seite landete der Skater wieder darauf und fuhr weiter. Fade to Black, dann nochmal das Ganze in Zeitlupe. Anschließend ein Bündel von 360°-Drehungen, die sehr clever ineinander geschnitten waren. Jonathan hatte Lust, mal etwas über Skateboarder zu schreiben. Sein letztes Stück über die Schachheinis war lahm. Er hatte über sie geschrieben, weil er sie jeden Tag sehen konnte, wenn er auf der Suche nach Inspiration aus dem Fenster schaute. Irgendwie war es auch egal. Zu Ende gedacht, war alles langweilig.

Betty war von einem Ghetto-Touri angequatscht worden. Er sagte ihr, dass der Mann neben ihr (also Jonathan) ihm irgendwie bekannt vorkam. Wer das denn sei? Betty lächelte nur blöd zurück und kuschelte sich wieder an Jonathan. Letty brachte noch Biere, die sie auf seine Rechnung gekauft hatte. „Im Ernst“, der Touri machte noch einen Anlauf, „wer ist das?“ Betty drehte sich zu Jonathan: „Wer bist du? Der Typ hier will wissen, wer du bist. Und ich will es verdammt noch mal auch wissen.“ Jonathan wandte sich kurz weg von den flimmernden Bildern zu dem Touri. „Bist du von der Polizei?“, fragte er zurück. Der Banker schüttelte den Kopf. „Dann is‘ ja gut“, entgegnete Jonathan. „Wenn du willst, kannst du mitkommen, wir gehen gleich noch mal woanders hin. Hier geht heute nix mehr.“ Anton, der Banker und Teilzeit-Ghetto-Tourist, sagte nur: „OK, gute Sache.“

(74) Jonathan sicherte und schloss die Datei.

Jonathan sicherte und schloss die Datei. Es reichte für heute. Jetzt wollte er sich amüsieren. Ein paar Tausend seiner Gehirnzellen hatten ihren Lebenswillen verloren und warteten nur darauf, einen Abgang zu machen. Er klappte den Laptop zu. Am liebsten schrieb er nur mit einer Unterhose bekleidet. Er roch, zuerst unter seiner rechten, dann seiner linken Achsel, dann an dem T-Shirt, das er sich überzog. Das T-Shirt trug das Logo der Rolling Stones. „Warum nicht“, hätte Jonathan auf Anfrage geantwortet, „solange ich mir die Musik nicht anhören muss.“ Er stieg in seine Skinny Jeans und zog den Gürtel mit den Pyramidennieten fest. Dann verließ er die Wohnung, eierte auf seinen ausgelatschten Chuckies die Treppe hinunter und stand schließlich auf dem kleinen Platz mit den Bäumen und dem mittlerweile verwaisten Betontisch. Er tat, als ob sich überlegte, wohin er gehen wollte. Aber die Wahl war natürlich schon längst gefallen, weil er jeden Abend im ‚Two Step Posse‘ abhing.

Keiner wusste, warum das ‚Two Step Posse‘ ‚Two Step Posse‘ hieß. Als man auf die Kneipe aufmerksam geworden war, hieß sie bereits so und vorher hatte es niemand bemerkt. „Posse ex machina“, nannte Jonathan die Kneipe. ‚Posse‘ klang bei ihm wie ‚Pussy‘, es war wahrscheinlich gewollt.

Als er zur Tür hereinkam, stürzten sich gleich seine zwei Groupies auf ihn, Letty und Betty. Letty, eine zierliche, beidarmig tätowierte blondierte Japanerin, heute in tigergemusterten Satinbelltops mit gematchtem Muskelshirt. Betty, ein spitznasiges Gothgirl mit einladendem Hintern und vollem Kussmund. Er hatte beide vor ein paar Tagen kennen gelernt und irgendwie waren die beiden an ihm kleben geblieben. Jonathan legte seine Arme um die beiden, pflückte seine Zigarette aus dem Mund, atmete den Rauch aus, um ihn gleich wieder durch die Nase zu inhalieren. Sein T-Shirt rutschte hoch und Betty spielte an den Haaren, die von seinem Nabel südwärts wuchsen. „Ey, was geht’n hier?“, nuschelte Jonathan. Letty antwortete: „Ey, hier geht doch nichts.“ Betty lachte und schob ihre Finger eine Etage tiefer.

(73) Jonathan las den Text noch einmal, den er eben geschrieben hatte.

Jonathan las den Text noch einmal, den er eben geschrieben hatte.

‚Die drei alten Männer saßen im Schatten der Bäume, abseits des großen Treibens, und spielten Schach, wie an jedem Nachmittag. Jedes Jahr brachte einer von ihnen die Frage auf, ob man es am Tag der Schwulenparade nicht besser lassen sollte. Der Fragesteller war nicht jedes Mal derselbe und es gab auch kein System dafür, wer die Frage stellte. Auf jeden Fall antworteten die jeweils anderen, dass man natürlich Schach spielen würde, auch an dem Tag. Und so kam es, dass sie auch an diesem Tag an einem kleinen runden Betontisch saßen, auf dem ein Schachspiel aufgestellt war. Jeder brachte seinen eigenen Klappstuhl mit. Zwei von ihnen hatten einen roten Klappstuhl, einer einen blauen. Das Schachspiel hingegen benutzten sie schon so lange, dass es nicht mehr klar war, wem es gehörte. An jedem Tag nahm es ein anderer mit zum Aufbewahren. Manchmal nahm derselbe Spieler das Schachspiel an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mit nach Hause. Aber auch darin war keine Systematik zu erkennen. Sie saßen in Drittelstellung um den Tisch herum und wenn die Spieler wechselten, wurde nur das Spiel etwas gedreht. Zwei von ihnen spielten jeweils und einer schaute zu. Jeder Spieler saß an seinem Platz und kehrte am nächsten Tag auch wieder an diesen Platz zurück. Für einen flüchtigen Passanten sah es wie vom Zufall geordnet aus, wie die drei Männer an ihrem schmucklosen Betontisch saßen. Vielleicht war es anfangs auch Zufall gewesen, der sich aber über die Jahre so oft wiederholt hatte, dass ihre Handlungen zu einem festen Ritual geworden waren.

Der Mann, der gerade am Zug war, schob seinen Strohhut in den Nacken. Er trug jeden Tag einen Strohhut. Sein Gegenspieler trug wie üblich eine Schiebermütze und der Zuschauer war barhäuptig. Dafür war er der einzige der drei, der rauchte.‘

(72) Die Silikonbänder verhinderten, dass die halterlosen Strümpfe rutschten.

Die Silikonbänder verhinderten, dass die halterlosen Strümpfe rutschten. Edgar machte zur Probe ein paar Kniebeugen. Ja, sie hielten. Dann zog er die Inline-Skates an, setzte den Hut auf und betrachtete sich im Spiegel. Mit dem rosa Cowboyhut und den großen verspiegelten Brillengläsern würde man ihn nicht so schnell erkennen. Sonst trug er nur noch eine Fliege um den Hals und einen luftigen Minirock. Es war nicht seine erste Teilnahme am Christopher Street Day, allerdings sein erster ohne Unterwäsche. Die letzten Wochen hatte er sich im Sportstudio sehr bemüht, um seinem ohnehin straffen Körper den letzten Schliff zu geben.

Er öffnete die Tür und rollte in den Hauptraum der Kneipe zurück, wo er mit großem Hallo begrüßt wurde. Einige fühlten nach, wie es denn unterwäschetechnisch bei ihm aussah. Er ließ es geschehen und genoss es.

Später skatete er im Tross des Umzugs durch die Straßen. Wenn er schnell wendete, flog sein Minirock etwas hoch und am Gesichtsausdruck der Zuschauer konnte er erkennen, ob sie etwas gesehen hatten.

Er fühlte sich glücklich. Alles in seinem Leben hatte sich früher oder später zum Besten gewendet. Das Familienvermögen, die Ehe mit Rita, ihre zugegebenermaßen teure Übereinkunft… Es gab nichts, was er hätte ändern wollen. Außer seiner eigenen Sterblichkeit. Aber wer hatte diesen Wermutstropfen nicht in seinem Glas?

Er hatte sich Gedanken über sein Ableben und sein Erbe gemacht. Natürlich würde er dafür sorgen, dass Rita noch viele Jahre ihre Shopping-Expeditionen durchführen konnte. Für den Rest seines Vermögens suchte er noch nach Möglichkeiten, wie er etwas Bleibendes und gleichzeitig Sinnvolles hinterlassen konnte. Er hatte sich bereits viele Alternativen überlegt, war aber bisher stets zu der Erkenntnis gelangt, dass nichts wirklich bleibend war. Gerade wenn etwas nützlich war, wurde es schnell verbessert, überholt und geriet in Vergessenheit. Genau wie sein Auftritt bei der Parade. Für ihn würde es auf ewig ein Lebenshighlight bleiben, aber alle anderen würden es in Kürze vergessen haben.

(71) Als jungem Bürgermeister war Rossbach…

Als jungem Bürgermeister war Rossbach vor vielen Jahren ein grober Schnitzer unterlaufen. Es hatte ihn den Bürgermeisterposten gekostet, wenn auch nur für eine Legislaturperiode. Rossbach hatte damals eine Spende akquiriert, mit der ein Freibad gebaut werden konnte. Als Dank für die Spende hatte er im Gemeinderat durchgesetzt, dass die Anlage nach dem Vater des Spenders benannt werden sollte. Das Freibad wurde gebaut und eingeweiht. Am fünften Tag verunglückte der siebzehnjährige Sohn des Spenders tödlich auf der großen Wasserrutsche. Er war sehr fett gewesen und in der Halbröhre stecken geblieben. Um wieder in Schwung zu kommen, hatte er sich an den Streben über ihm hochgezogen. Leider war im gleichen Augenblick eine weitere Person die Rutsche heruntergekommen und hatte ihn angestoßen. Der Spendersohn blieb mit dem Hals zwischen zwei Streben hängen und erstickte, bevor man ihn befreien konnte. Zwar war er auch vollkommen betrunken gewesen, aber das interessierte später niemanden. Der Architekt der Rutsche wurde vom Spender zur Rechenschaft gezogen und der Bürgermeister auch. Die Gemeinde musste hohen Schadensersatz zahlen. Zudem fanden später viele Wähler, dass die Benennung des Freibads von schlechtem Geschmack zeugte und der Bürgermeister sich habe instrumentalisieren lassen. Die Vorwürfe waren einer abstruser als der andere.

Seitdem war Rossbach bei allen Schenkungen, Erbschaften und dergleichen sehr vorsichtig, vor allem wenn Bedingungen daran geknüpft waren.

„Wie verbleiben wir?“, fragte Edgar und stand auf. Der Bürgermeister erhob sich ebenfalls: „Wäre es Ihnen recht, wenn ich Ihnen einen Mitarbeiter schicke, der in kulturellen Dingen sehr bewandert ist? Er könnte sich die Artefakte einmal genau anschauen.“ – „Das scheint mir eine gute Vorgehensweise“, antwortete Edgar und verabschiedete den Bürgermeister an der Tür. Als er wieder allein war, grinste er in sich hinein. Er war gespannt, welche Klimmzüge die Gemeinde machen würde, wenn sie bemerkte, dass ein Teil der Artefakte die Geschichte der Schwulenbewegung in Deutschland seit 1945 reflektierte.