Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: März, 2018

(50) „Für mich sah er genauso aus wie unser Chinese“…

„Für mich sah er genauso aus wie unser Chinese“, erzählte Rolf seiner Frau Andrea am nächsten Morgen beim Frühstück. Gemeinsames Frühstück war für Rolf ein sehr wichtiges Ritual. Andrea hätte eigentlich noch gern weiter geschlafen, denn Hunger hatte sie so früh am Morgen nie und sie brauchte nicht zur Arbeit zu gehen. Sie hätte sehr gerne gearbeitet, aber Rolf war dagegen.

Bei vielen Fragen hatte Rolf fertige Antworten parat und war selten bereit, seine Meinung zu ändern. Sollten Ehefrauen arbeiten? Nein. War es erforderlich, gemeinsam zu frühstücken? Unbedingt. Sollte ein Arbeitstag eine genau bemessene Dauer haben? Natürlich. Sie sah ihm zu, wie er in sein Marmeladenbrot biss. Es würde sie nicht verwundern, wenn Rolf für alle Lebensfälle detaillierte Checklisten angelegt hätte.

Rolf und Andrea hatten sich in der Schule kennen gelernt. Er war in der Klasse recht unbeliebt gewesen, als Kriecher und Petze verschrien. Während der Ausbildung hatten sie sich aus den Augen verloren, durch Zufall wiedergetroffen und dann hatte ihr Rolf sehr konsequent den Hof gemacht. Am Ende hatte sie ihn geheiratet. Sie bauten ein Haus und je länger sie zusammen waren, desto stärker langweilte sich Andrea. Sobald Rolf zur Arbeit gefahren war, würde sie sich wieder ins Bett legen. Damit wäre wenigstens ein Teil des Vormittags vorbei. Für den Nachmittag würde sie sehen. Sie stellte sich vor, dass ein Anruf sie nachher aus dem Schlaf reißen würde. Ihr Mann sei bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen. Ein Ordner auf den Kopf gefallen? Sich einen spitzen Bleistift in den Finger gerammt und an akuter Blutvergiftung umgekommen? Nein, Arbeitsunfall war kaum denkbar. Verkehrsunfall auf dem Arbeitsweg, das war wahrscheinlicher. Sie lächelte versonnen. Rolf merkte es und lächelte zurück. Sie hörte auf zu lächeln.

Er stand endlich auf, nahm seine Butterbrote, küsste sie auf die Stirn und weg war er. Nachdem sie gehört hatte, dass der Wagen rückwärts aus der Auffahrt gefahren war, kehrte sie ins Schlafzimmer zurück und legte sich ins Bett. Betäubt von ihrer Langeweile schlief sie bald wieder ein.

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(49) Tommy Li war verwirrt.

Tommy Li war verwirrt. Die nette Sekretärin aus dem Vertrieb hatte ihn zu ihrer Geburtstagsfeier nach der Arbeit eingeladen, und er hatte gern zugesagt. Bisher hatten seine Kontakte mit den Kollegen nur aus rein geschäftlichen Begegnungen bestanden. Außerhalb des Unternehmens hatte er bisher gar keine Freundschaften geschlossen. Es war einfacher gewesen, den Abend in einem virtuellen Chatroom mit Chinesen aus Shanghai zu verbringen, als einen Menschen aus Fleisch und Blut zu treffen. Jetzt war er aber verwirrt, weil er nicht genau wusste, in welcher Kneipe die Feier stattfinden sollte. Leider hatte er auch keine Handynummer, unter der er nachfragen konnte.

Die Bürgerschänke schien ihm naheliegend, denn sie war nicht weit von der Firma entfernt und er kam öfter daran vorbei. Er drückte die Tür auf. Warme, feuchtgemütliche Luft empfing ihn. Das Licht war gedämpft, alle Tische schienen besetzt. Zögernd betrat er das Lokal und versuchte, sich zu orientieren. Kneipen waren nicht seine Welt. Nicht in China und hier schon gar nicht. Eine Kellnerin steuerte auf ihn zu: „Suchen Sie jemanden?“ – „Ja“, meinte er, „die Geburtstagsfeier…“ – „Gehen Sie nach hinten durch, da finden Sie Ihre Kollegen.“ Erleichtert folgte Tommy dem Fingerzeig der Kellnerin und gelangte in ein Hinterzimmer, wo ein Dutzend Männer und Frauen bei Bier und anderen Getränken saßen. „Hallo“, rief er freundlich und klopfte auf den Tisch, wie er es mal gesehen hatte. Die anderen begrüßten ihn und machten ihm einen Platz frei.

Sein Nachbar stellte sich vor, es war Rolf Happel aus der Buchhaltung. Er befragte Tommy, wie es ihm in der fremden Stadt ginge, ob er zurechtkäme, schon Freundschaften geschlossen habe, verheiratet sei, usw. Tommy antwortete bereitwillig und stieß jedes Mal mit den anderen an, wenn es erforderlich war. Die ganze Zeit über versuchte er vergeblich, die Kollegin ausfindig zu machen, die ihn zu ihrem Geburtstag eingeladen hatte. Er wollte ihr noch einmal gratulieren und ihr sein Geschenk, eine CD, überreichen. Plötzlich trat ein weiterer Chinese in den Raum und sah ebenfalls etwas verwirrt aus. Es stellte sich heraus, dass Tommy Li bei der falschen Geburtstagsfeier gelandet war, bei der aber auch ein chinesischer Kollege erwartet worden war. Tommy konnte sich europäische Gesichter nur schwer merken und es ging den Europäern wohl nicht anders mit chinesischen.

(48) Jasper starrte auf den Monatsbericht…

Jasper starrte auf den Monatsbericht, den ihm seine Buchhalterin auf den Schreibtisch gelegt hatte. Die billigen Asienimporte würden ihn noch umbringen. Wieder ein Kunde, der seine Bestellungen eingestellt hatte, weil er günstigere Perücken aus Fernost beziehen konnte. Zwar kein großer Kunde, aber ein weiterer Beweis, dass sich der Trend verstärkte. Bei seinen wichtigsten Kunden konnte Jasper den Preisnachteil noch durch besondere Anstrengungen bei Entwicklung und Service wettmachen. Bei Standardware musste er passen und auf den Umsatz verzichten. Leider, denn dadurch drückten ihn die Fixkosten und er musste in anderen Segmenten wachsen. Hinzu kamen die ständig steigenden Lohnkosten, die sich in der Abrechnung immer weiter ausbreiteten. Kein Vergleich zu dem, was er bei der Unternehmensgründung vorgefunden hatte. Von einem einfachen Zweithaar-Salon hatte er den Sprung in die industrielle Fertigung geschafft und beschäftigte jetzt 127 Mitarbeiter. Wahrscheinlich würde er sich verkleinern müssen und künftig verstärkt auf Vertrieb statt auf Produktion setzen. Die Margen würden sinken, der Druck auf Vertriebserfolge nochmals steigen und er würde Mitarbeiter entlassen müssen. Im Hinblick auf die kommenden Verhandlungen mit chinesischen Produzenten hatte Jasper bereits vor sechs Monaten Tommy Li, einen beflissenen chinesischstämmigen Studienabgänger, als Assistenten eingestellt.

Jasper fuhr mit dem Finger unter seine Perücke und kratzte sich am Kopf. Anfangs war es ein Jux gewesen, um einem Kunden zu beweisen, dass Jasper seine Perücken für das Beste hielt, das es auf dem Markt gab. Er hatte sich sein volles Haar von Greta wegscheren lassen und zu einem wichtigen Termin sein eigenes Spitzenmodell getragen. Das war zu seinem Markenzeichen geworden und er konnte es sich nicht mehr leisten, seine Haare wachsen zu lassen. Bei Verkaufsgesprächen führt er manchmal die Perücken für seine Kunden selbst vor. Greta war anfangs wenig begeistert gewesen, hatte dann aber einen erotischen Kick in seiner Glatze gefunden und wollte seitdem nur noch mit ihm schlafen, wenn er seine Perücke abgenommen hatte.

(47) „Ich habe über deine Darbietung…

„Ich habe über deine Darbietung in der U-Bahn gelesen. Verdient man damit eigentlich Geld?“, erkundigte sich Buttface. Buttface hieß eigentlich Jasper, aber Michael hatte ihn Buttface genannt, als er bereits Englisch sprach und Jasper noch nicht. „Es war eine Performance“, antwortete Michael, „und ja, man verdient damit Geld.“

Die beiden Halbbrüder sahen sich selten. Aber auch das schien noch zu oft. In Interviews gab Michael an, als Einzelkind aufgewachsen zu sein, was auch der Wirklichkeit entsprach. Michaels Vater hatte Jaspers Mutter geschwängert und sich danach nur sporadisch um seinen zweiten Sohn gekümmert.

Jasper war bei seiner Mutter aufgewachsen, hatte einen vernünftigen Beruf erlernt (Perückenmacher) und eine Frisörin namens Greta geheiratet. Michael fand, dass Jaspers Leben ein einziges Klischee war. Er wohnte am gleichen Ort, an dem er gezeugt, geboren und zur Schule gegangen war. Greta kannte er aus seiner Ausbildung und die beiden hatten sich sofort füreinander bestimmt gefühlt. Nach der Hochzeit hatte Greta aufgehört zu arbeiten, denn so war es üblich in der Kleinstadt, in der sie lebten. Jaspers Tage waren organisiert. Mittwoch im Schützenverein, Donnerstag Gemeinderatssitzung. Greta war im Komitee der katholischen Landfrauen und aktiv bei anderen mildtätigen Vereinen. Alle respektierten die beiden. Sie hatten zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, Geige und Klavier, Fußball und Ballett. Jedes Jahr ein Mal Sommer- und ein Mal Winterurlaub.

Michaels Leben hingegen war Chaos und Mangelwirtschaft. Er hatte schon seit Jahren das Gefühl, stets nur dieselben Ideen zu recyceln. Er war Performance-Künstler geworden, weil er nicht das Talent hatte, etwas Kreatives mit seinen Händen anzufangen. Die Rezensionen seiner Werke durch Kritiker blieben ihm rätselhaft, aber er nahm sie als Ausgangspunkt, um neue Performances aus ihnen abzuleiten. Wenn ein Kritiker schrieb, dass es ‚polymorph-soziopathische Zugänge‘ zu seinem Werk gab, dann würde Michael in seiner nächsten Performance versuchen, diese Zugänge, oder was er darunter verstand, umzusetzen. Er selbst führte das, was er tat, nur fort, weil ihm die Fantasie ausgegangen war, etwas anderes zu tun.

Das Gekabbel mit seinem Halbbruder war so etwas wie die letzte Scholle Heimat, die ihm geblieben war.

(46) Stevie und Crystal saßen an einem Ende…

Stevie und Crystal saßen an einem Ende des U-Bahn-Wagens, die Kamera war getarnt in einem Koffer eingebaut, nur das Objektiv hätte man erkennen können. Michael hatte sich auf einen der Plätze in der Mitte des Wagens gesetzt. Er trug das Graskostüm, eine Art Tarnbekleidung für Soldaten, die aber in der U-Bahn ihren ursprünglichen Zweck nicht erfüllte. Die Idee war es, von einer Endstation zur anderen zu fahren und dabei die Reaktionen der Mitreisenden zu filmen. Michael sollte sich dabei nur minimal bewegen, gerade genug, dass man ihn für ein lebendiges Wesen halten würde. Er selbst nahm seine Umgebung durch das Kostüm nur sehr schemenhaft wahr.

An einer Station stieg ein Mann ein und setzte sich neben ihn. Michael hörte, wie der Mitfahrer eine Zeitung entfaltete. Nach kurzer Zeit drang das Aftershave des Mannes durch das Graskostüm zu Michael durch. Es setzte sich in seiner Nase fest und augenblicklich fühlte er sich viele Jahre in die Vergangenheit versetzt.

Es erinnerte ihn an seinen Vater. Michael verfolgte auch damals schon eine Mission: er versuchte herauszufinden, wer seine Mutter war. Aufgewachsen war er in einem Haushalt, der für Außenstehende schwer durchschaubar war. Michael hatte nämlich zwei Mütter, die beide mit seinem Vater unter einem Dach lebten. Beide kümmerten sich zu gleichen Teilen um Michael. Lange Zeit war es ihm nicht gelungen, zu klären, welche von ihnen seine Mutter war. Alle Erwachsenen zuckten die Schultern und meinten, das sei nicht wichtig, schließlich liebten sie einander alle. Erst als eine der beiden Frauen starb, kam in der allgemeinen Trauer heraus, dass die überlebende Frau seine Mutter war. Michael hatte aber bereits gemerkt, dass er die verstorbene Frau lieber mochte und unbewusst gehofft hatte, dass sie es sei. Das Verhältnis zu seinen leiblichen Eltern kühlte danach sehr schnell ab.

Als er jetzt den Duft seines Vaters wahrnahm, fühlte er sich mit einem Mal völlig isoliert in seiner Verkleidung in dem U-Bahn-Wagen. Panik stieg in ihm hoch. Er dachte daran die Performance zu unterbrechen. Aber natürlich machte er weiter. Es waren genau diese Gefühlsregungen, die er bei seinen Performances erleben wollte.

(45) „Edgar ist schwul?“

„Edgar ist schwul?“ Adele war perplex. „So einfach ist es nicht“, antwortete Rita. „Ich bin verwirrt“, gestand Adele, „warum seid Ihr zusammen geblieben? Wie konntest du ihm das verzeihen? Wie konnte er dir danach noch in die Augen blicken?“

Rita war aus der Honeymoon Suite ausgezogen und da sie auf die Schnelle nichts Besseres fand, nahm sie ein Zimmer im Hotel gegenüber. Edgar war zerknirscht. Er versuchte, mit ihr zu reden, aber sie ließ ihn nicht an sich heran. Sie erlaubte ihm nicht einmal, in ihr Hotel zu kommen.

Rita dachte nach und spielte alle möglichen Szenarien durch. Sie war natürlich gekränkt und fühlte sich in mehrfacher Hinsicht betrogen. Ihre Arbeit als Krankenschwester hatte sie aufgegeben und ihre skeptischen Eltern hatte sie vor der Hochzeit beschwichtigt. Es gab für sie kein Zurück.

Nach drei Tagen und sieben Stunden ließ sie Edgar rufen und nahm ihn ins Verhör. Anfangs war er zögerlich, gab ihr dann aber bereitwillig Auskunft über seine sexuellen Präferenzen (er war bi), seine Haltung ihr gegenüber (er liebte sie, wollte ihr aber nicht treu sein), seine wirtschaftliche Situation (vorher hatte sie es nur geahnt, jetzt erklärte er ihr, welche Besitztümer seine Familie hatte, welche Einkünfte er daraus bezog und dass er der Haupterbe des Familienvermögens sein würde). Dann schickte sie ihn wieder weg und fügte hinzu, er solle am nächsten Tag wiederkommen.

Am Tag darauf diktierte sie ihm ihre Bedingungen. Sie wollte lebenslänglich ein jährliches Budget, das der Hälfte seines derzeitigen Einkommens entsprach. Das Geld sollte zu ihrer freien Verfügung sein und sie wollte die Freiheit, ihr Leben zu gestalten, wie sie es wollte. Sie wollte keine Kinder. Sie und Edgar würden eine offene Beziehung führen, aber nach außen äußerste Diskretion wahren.

Edgar war zuerst erleichtert, dann erfreut über die Wendung. Er versprach, ihre Bedingungen zu erfüllen.

„Das war der Anfang einer wunderbaren Ehe“, lachte Rita, „ich bin dem Poolboy zu großem Dank verpflichtet. Er hat auch ein großes Trinkgeld von mir bekommen.“

Plötzlich warf sich ein knäueliges Etwas in ihren Weg. Rita und Adele sprangen auseinander. Aus dem grünbraunen Wollbündel schob sich ein schmutziger Arm mit einem Messingteller und eine Stimme krächzte „Hunger. Ich habe Hunger!“

Rita nahm alle Einkaufstaschen in die knäuelferne Hand und schritt erhobenen Hauptes weiter. Adele schaute hinunter, dann verschämt weg und folgte Rita. Ein paar Schritte weiter drehte sie sich um und blickte zurück. Das Wollknäuel hatte sich aufgerichtet und nahm das Oberteil ab. Darunter kam der Kopf eines gutaussehenden Mannes zum Vorschein, der überhaupt nicht verwahrlost oder schmutzig schien. Aus einem Hauseingang kamen zwei Figuren auf ihn zu, die eine trug eine Kamera.

‚Michael Spilt ist es innerhalb kürzester Zeit gelungen, mit spektakulären Performances und intensiv erfahrbaren Installationen zum viel beachteten Gesamtkunstwerk zu werden. Wie kein anderer versteht es der Künstler, Einflüsse aus dem Postminimalismus und der Body-Art der Siebzigerjahre in einen eigenen Kosmos zu überführen, in dem Selbstaufgabe und gezielte Überschreitung regieren.

Michael Spilt generiert in seinen Arbeiten Momente der Angst, des Verdrängens und der Abscheu. Sie stehen exemplarisch für die Strategie, polymorph soziopathische Zugänge in die künstlerische Produktion einfließen zu lassen. Die Signifikanz seiner Performances ist angebunden an private Narration und ein weites Spektrum subkultureller Assoziationsfelder. Dabei verwendet Spilt oft triviale Materialien, die durch seinen transformativen Umgang in eine nahezu klassische Ästhetik wieder eingeschrieben werden. Sie haben ihm auch den Spitznamen der „Moosmann“ eingebracht.

Seine Arbeiten kreisen um die Topoi Liebe, Hass und Tod. Moral unterliegt in seinen Arbeiten keiner Vereinnahmung durch wirtschaftliche, ideologische oder restriktive Zwänge, sondern ist vielmehr eine Verlockung, die Bedrängnis und Zerrissenheit im Dasein zu vergessen. Es ist weniger ein autobiografischer Reigen, denn ein Versuch, das Ephemere eines einzelnen Lebens zu vergegenwärtigen, wo der Tod als einzige Sicherheit und gleichzeitig größte Unbekannte ständig anwesend ist.

Michael Spilt illustriert die Gespaltenheit menschlichen Seins, einerseits die Begierde, die Welt obsessiv zu erleben, sich zu teilen, der Sehnsucht, einen Platz außerhalb seiner selbst zu geben, andererseits die unendliche Einsamkeit, die jeder Mensch kennt und immer wieder erlebt.‘

(44) Es war an ihrem fünften Tag…

Es war an ihrem fünften Tag in Acapulco gewesen. Am Abend zuvor waren Edgar und Rita tanzen gewesen und erst weit nach Mitternacht ins Hotel zurückgekehrt. Beide waren ziemlich verkatert. Rita wollte zu den berühmten Klippenspringern von La Quebrada fahren. Sie hatte Fotos davon in einer Illustrierten gesehen und war von dem Mut der Springer fasziniert. Am Tag vorher hatten sie sich mit einem anderen Touristenpaar verabredet, um gemeinsam mit einem Mietwagen dorthin zu fahren und von da aus noch etwas weiter an der Küste entlang.

Edgar fühlte sich aber nicht wohl. Er saß mit Rita auf ihrem Privatbalkon beim Frühstück und machte ein gequältes Gesicht. Ob sie sich vorstellen könne, die Klippenspringer ohne ihn anzuschauen? Rita war enttäuscht, weil sie die Show am liebsten mit Edgar gemeinsam erlebt hätte. Andererseits hatten sie sich mit dem anderen Paar verabredet, und es wäre unfreundlich gewesen, so kurzfristig abzusagen. „Heute Nachmittag geht es mir bestimmt wieder besser und wir gehen abends sehr fein essen“, versuchte Edgar sie zu trösten. Rita machte sich fertig, verabschiedete sich von Edgar und fuhr mit dem Aufzug in die Lobby, wo sie das andere Paar traf.

Zuerst fuhren die drei mit dem Mietwagen an der Bucht entlang nach Westen. Als sie gerade am Hafen vorbeikamen, machte das Auto einen Ruck und der Motor verendete mit einem langgezogenen Röcheln. Startversuche brachten nichts. Kräftige Hände halfen, den Wagen in eine Parkbucht zu bugsieren. Die beiden Frauen beschlossen, mit einem Taxi ins Hotel zurückzufahren, während der Mann sich um einen Ersatzwagen kümmern wollte.

An der Hotelzimmertür hing noch das „Do not disturb“-Schild. Rita öffnete die Tür, trat ein und blieb abrupt stehen. Edgar lag auf dem Bett und blickte sie entgeistert an. Zwischen seinen Beinen hockte der Poolboy mit Edgars Glied in der Hand. Einen langen Moment lang rührte sich keiner der drei. Dann lief Rita aus dem Zimmer, Edgar sprang aus dem Bett, um ihr nachzulaufen, verhedderte sich aber im Laken und schlug auf den Boden. Der Poolboy verharrte auf dem Bett.

(43) Die beiden Damen gingen über einen Platz…

Die beiden Damen gingen über einen Platz mit einem Rasenfleck in der Mitte. Darauf lag ein Paar, das heftig miteinander knutschte. Das Mädchen trug einen Bikini und der Junge hatte einen nackten Oberkörper. Es war nicht klar, bis wohin die beiden gehen würden. Adele kicherte und meinte: „Das ist nun wirklich ein Zeichen des Alters, wenn ich sage, dass es das zu unserer Zeit nicht gegeben hätte.“ – „Ich bitte dich, natürlich gab es das, halt nur nicht in der Öffentlichkeit.“ – „Da hat die Menschheit damals nichts Wesentliches versäumt.“ – „Das stimmt“, pflichtete Rita ihr bei. Nach einer Pause fuhr sie fort: „Es gibt etwas, das ich dir, das ich noch keinem bisher erzählt habe. Als Edgar auf meiner Station war… im Krankenhaus… während der Nachtwache… Na du weißt schon…“ Adele blieb stehen. „Rita, aber natürlich wusste ich das. Das machte die Runde bei den Kolleginnen, es war einfach nicht zu übersehen. Und alle haben ihren Spaß daran gehabt. Aber alle haben sich mit dir gefreut, als mehr daraus wurde.“ – „Alle wussten davon?“ Rita war verblüfft und empört zugleich. „Und du hast mir nie etwas davon gesagt!“- „Ich war deine beste Freundin, und du hast mir auch nie etwas davon erzählt. Jetzt erzählst du und ich erzähle. Ich schätze, damit sind wir quitt.“

Rita lachte. „Ja, du hast Recht. Das ist alles Schnee von gestern. Aber von meiner Hochzeitsreise mit Edgar weißt du auch nicht alles.“ – „Du hattest mir erzählt, dass es traumhaft schön war, die Sonne, die Palmen und der Strand…“ – „Von dem dunklen Kapitel hatte ich dir nicht erzählt.“

(42) Rita und Adele kannten sich…

Rita und Adele kannten sich seit über 30 Jahren. Damals waren sie beide Krankenschwestern in einem Provinzkrankenhaus im Norden gewesen. Rita stammte aus einer Arbeiterfamilie, Adeles Vater war Notar. Durch die Zusammenarbeit lernten sie sich schätzen und waren, trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe und Charaktere die besten Freundinnen geworden. Rita war in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem materielles Eigentum sowohl ein Ziel war als auch eine Anzeigetafel für den aktuell erreichten Spielstand. Am Besitz konnte man sich mit anderen messen. Ganz anders bei Adele. Wohlstand war in der Familie vorhanden, die geistige Fortbildung stand im Vordergrund. Während Rita ihr Gehalt in Windeseile in Kleidung und Makeup anlegte, hegte Adele keine besonderen Wünsche und sammelte einen Gutteil ihres Gehalts bei der Bank an. Später hatte Adele sich in Abendkursen zur Physiotherapeutin ausbilden lassen und betrieb, nachdem sie das Krankenhaus verlassen hatte, eine kleine Praxis für Krankengymnastik. Rita hatte sich im Krankenhaus in den reichen Edgar verliebt. Während der zwei Wochen, in denen Edgar im Krankenhaus bleiben musste, war er den Anwerbungsversuchen von Rita schutzlos ausgeliefert. Auch als er bereits entlassen war, war sie es, die am Ball blieb und Edgars Herz immer stärker für sich in Besitz nahm. Kurze Zeit später war Rita am Ziel ihrer Kampagne: Edgar machte ihr eines Nachmittags einen Heiratsantrag unter der großen Eiche im Krankenhauspark. Kurz darauf heirateten sie, trotz der großen Widerstände in Edgars Familie und er führte sie in den internationalen Jetset ein.

(41) Beschwingt spazierte Adele weiter.

Beschwingt spazierte Adele weiter. An einem Schuhladen erblickte sie sich im Schaufenster in der verspiegelten Säule. Sie lächelte sich an. Diesem alten Chauvinisten hatte sie es gezeigt. Sie stutzte und drehte sich um. Genau, das war Rita, die gerade mit mehreren Einkaufstüten bepackt hinter ihr vorbeiging. „Wohin des Weges, Frau Leitner?“, rief sie ihr nach. Rita blieb stehen. „Adele!“, freute sie sich und breitete die mit Einkaufstaschen behängten Arme aus, so als ob sie wegfliegen wollte. „Werden die Waren knapp oder hast du Angst vor der Inflation?“, meinte Adele, als sie Rita auf die straffen Wangen küsste. „Eine Haut wie ein Kinderpopo“, fügte sie hinzu. „Aber fünf Mal teurer“, gluckste Rita. „Du siehst aber auch ganz zufrieden aus.“ – “ „Man tut, was man kann und schaut nicht, wie die Jahre fliegen. Aber mal ehrlich, für wen kaufst du so viel Zeug ein?“ – „Ich liebe Shopping! Wenn es mir schlechtgeht, hebt es meine Laune ungemein. Wenn es mir gutgeht, dann wird’s noch besser. Ich weiß, wir sind da anders, du und ich.“ – „In der Tat. Wie geht es Edgar?“ – „Edgar geht es blendend. Er ist seit einer Woche in London und wenn er zurückkommt, bin ich schon bei den Frühjahr-Sommer-Défilés in Paris. Letztes Jahr wollten wir zusammen Urlaub machen. Es war eine Katastrophe. Wir waren beide am Ende und mussten uns erst einmal voneinander erholen.“

Rita machte eine kurze Pause und fragte Adele: „Und du? Hat sich bei dir irgendwas ergeben? “ – „Wenn du, wie ich vermute, Männergeschichten meinst, muss ich dich enttäuschen. Es hat sich bei mir nichts geändert, ich komme immer noch sehr gut ohne sie zurecht. Diese haarigen Biester!“