(357) Als Matt Turner wieder zu sich kam, war alles um ihn herum weiß und warm.

von Alain Fux

Als Matt Turner wieder zu sich kam, war alles um ihn herum weiß und warm. Jemand beugte sich über ihn. Das Gesicht war zuerst verschwommen, dann erkannte Matt, dass es ein unbekannter Mann war. „Wo bin ich? Im Krankenhaus?“ – „Nein, einen Schritt weiter. Sie haben tolle Muskeln.“ – „Danke. Bin ich in der Reha?“ – „Äh nein. Falsche Richtung.“ Matt dachte darüber nach. „Wer sind Sie?“ – „Ich bin Schaffner 71. Ja, ich weiß, auf deutsch klingt das etwas blöd. Sie können 71 zu mir sagen. So nennen mich alle.“ – „Ich bin Matt.“ – „Ich weiß, Matt. Sie können aufstehen, wenn Sie möchten.“

Matt bewegte seine Arme zum Testen und setzte sich dann auf. „Ich kann mich nur noch erinnern, dass mir schwarz wurde vor Augen und dann habe ich mir noch gesagt, gut dass die Spotter da stehen. Schönes Zimmer.“ – „Danke, Matt. Ja, die Spotter… In Wirklichkeit war einer von ihnen nicht ganz bei der Sache.“ – „Das war bestimmt Heath. Der Junge hat den Kopf oft in den Wolken. Aber warten Sie… Wenn Heath nicht… Ich meine, das waren 180 Kilo… Bin ich… Bin ich… tot?“ – „Ich fürchte, so ist es, Matt.“ – „Und Sie sind…?“ – Ich bin 71, stets zu Diensten.“ – „Ein Engel? Bin ich hier im Himmel?“ Turner setzte sich auf. „Matt, Richard Feynman, ein guter Freund von mir, sagte einmal, dass er früh den Unterschied gelernt hatte, zwischen etwas wissen und den Namen von etwas wissen…“ – „Ich verstehe das alles nicht. Wo bin ich und was mache ich hier?“

„Nun, Matt, das ist der richtige Moment, um dir ein paar Dinge zu erzählen.“ Schaffner 71 setzte sich zu Matt Turner auf die Liegebank. „Du bist jetzt tot. Aber das ist kein Grund traurig zu sein, denn das ist eigentlich etwas ganz Schönes. Alles, was dich früher genervt hat und dein Leben vergiftet hat – das alles gibt es nicht mehr. Du wirst niemals mehr Schmerzen, Hunger, Durst, Einsamkeit oder Verzweiflung spüren. Deine Tage werden so rein sein wie eine geschlossene Schneedecke in den Bergen, auf die eine aufgehende Sonne ihre glitzernden Strahlen verteilt. Du hast dir früher vielleicht einmal gesagt, alles wird gut. Nun, hier ist der Ort, an dem alles gut geworden ist. Es wird niemals besser werden als hier.“

„Dann ist das also das Paradies hier?“, fragte Matt. „Ob du es Himmel nennst oder Paradies – das ist einerlei. Es ist der schönste Ort, an dem du je sein wirst.“ – „Gibt es denn hier einen Kraftraum?“ – „Kraftraum? Zur spirituellen Erbauung?“ – „Nein, einen Raum mit Geräten… Hantelbank, Beinpresse, Butterfly…?“ 71 musste lachen. „So etwas brauchst du nicht mehr. Hier ist alles Kraft. Du wirst sehen.“     – „Aber, was ist mit dem Masseverlust? Bei mir geht das sehr schnell. Ich muss da dran bleiben! Das ist wie ein Gummiballon, einmal reingepiekst und schon geht langsam die Luft raus.“

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