(328) Mit der Zeit entdeckte Kim Jong-il einen weiteren Zeitvertreib, der ihm Vergnügen bereitete.

von Alain Fux

Mit der Zeit entdeckte Kim Jong-il einen weiteren Zeitvertreib, der ihm Vergnügen bereitete. Auf Zimmer 313 wohnte im Hotel Admiral eine junge Frau. Sie hieß Sandra Schiffner, wie er im Meldebuch nachlesen konnte, wenn der Nachtportier zwischen 4:30 Uhr und 6:30 Uhr auf dem Feldbett im Büro schlief. Der General sah Sandra öfters, weil sie an dem Tag immer um 9:17 Uhr in den Frühstücksraum kam und dort ganz traurig in eine Tasse Kaffee hineinstarrte. Er hatte versucht, mit ihr ins Gespräch zu kommen, aber was immer er ihr sagte, sie beachtete ihn nicht.

Aber Kim Jong-il nannte man nicht umsonst Generalissimus. Es war ihm ein leichtes, seine Strategie bei Bedarf zu verändern. Bevor die junge Frau ihr Zimmer verließ, entführte er sie und verbrachte den Tag mit ihr. Bei der Entführung selbst variierte er sein Vorgehen und hielt Buch über Erfolge und Misserfolge. Blumengeschenke halfen nicht. Ebenso wenig Geld, Bonbons und Champagner. Ein hervorgehaltener Revolver zeigte sich als das probateste Mittel, die Entführung umzusetzen. Der Nachteil war, dass es die Stimmung der jungen Frau für den Rest des Tages vermieste. Eine Maschinenpistole, die er testweise einsetzte, hatte den gleichen Effekt. Das irritierte Kim Jong-il. Dass es Einschränkungen gab wegen der Singularität im Raum-Zeit Kontinuum, damit musste er sich abfinden, das sah er ein. Dass aber seine Wünsche von anderen Menschen derart missachtet wurden, war ihm fremd. Während einiger Zyklen mied er Sandra und beschäftigte sich damit, seinen Golfschwung zu verbessern. Nachdem er den Resident Pro aufgrund von Respektlosigkeit mehrmals erschießen musste, wandte sich Kim Jong-il wieder dem Sandra-Problem zu. Und dann hatte er einen Plan.

Er beschaffte sich ein Pferd und ritt damit am frühen Morgen in ihr Zimmer. Sie war so verblüfft, dass sie bei ihm aufstieg und dann sprang er mit ihr aus dem Zimmer heraus wieder auf die Straße. Passieren konnte ja nichts, das hatte er in all den wiederholten Tagen gelernt. Schlimmstenfalls endete der Tag vorzeitig und er wachte einfach gleich am nächsten Tag wieder auf, um den Tag wieder neu anzugehen.

Mit der Zeit konnte er die junge Frau sogar zum Lachen bringen. Eigentlich wurden die Tage mit ihr immer besser. Aber er musste jedes Mal wieder von vorne beginnen und sie erinnerte sich nie daran, was sie am Vortag unternommen hatten. Sein Ziel war es, dass sie sich in ihn verliebte. Das war eine echte Herausforderung, denn obwohl sie aufgeschlossen war, hatte sie ein völlig falsches Bild von ihm. Die verdammte westliche Propaganda. Nicht umsonst hatte er immer davor gewarnt. Eine teuflische Machtmaschine, mit der man Unwahrheiten über ihn erzählte. Zum Beispiel sagte man von ihm, dass er nur 1,57 Meter maß und Spezialschuhe trug, um größer zu wirken. Dabei war er 1,63 Meter hoch und liebte es einfach, auf hohen Absätzen zu gehen. Besonders beim Reiten waren sie zudem sehr praktisch.

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