(325) Haben Sie ein Zimmer für mich?

von Alain Fux

„Haben Sie ein Zimmer für mich?“ Herbert Martens blickte von dem Taschenfernseher auf und sah die junge Frau vor seinem Tresen stehen. Er zog den Stöpsel aus dem Ohr und stand auf. „Willkommen im Hotel Admiral. Sie haben keine Reservierung?“ Die Frau schüttelte den Kopf. Sie sah aus, als ob sie geweint hatte. „Geht es Ihnen nicht gut?“ Sie atmete tief ein und aus. „Es geht.“ Dabei sah sie aus, als ob sie gleich wieder losheulen würde.

Martens war seit dreizehn Jahren Nachtportier. Nicht immer im Admiral, es waren auch schon bessere Häuser dabei gewesen. Aber er hatte ein Gespür für Leute entwickelt. Sein Instinkt sagte ihm, dass die Frau sich gerade von einem Mann getrennt hatte und etwas haltlos in der Nacht unterwegs war. Dabei sah sie ganz normal aus, nicht so kaputt, wie andere Frauen in ähnlicher Situation. Er war überzeugt, dass sie hinreißend aussah, wenn sie nur etwas lächeln würde.

Martens tat so, als ob er im Hotelregister nachschaute, ob er noch freie Zimmer habe. „Was brauchen Sie denn? Einzel- oder Doppelzimmer.“ – „Einzelzimmer, bitte. Nur für eine Nacht.“ Das war die Hoffnung von verletzten Frauen, dachte Martens. Eine Nacht und dann wird sich alles wieder einrenken. Das tat es nie. Die Wunden waren dann vielleicht etwas verschorft. Bereit für den nächsten Hieb. Eine Nacht war nie genug. „Ja, das geht. Ich kann Ihnen ein schönes Zimmer geben. 53 Euro die Nacht, ohne Frühstück. Frühstück gibt es ab sieben Uhr, kostet elf Euro extra. Kann ich einen Ausweis sehen? Für die Registrierung.“ Sie kramte in ihrer Handtasche zwischen den zerknüllten Papiertaschentüchern, und reichte ihm ihren Ausweis. Sandra Schiffner geborene Weber, 23 Jahre, verheiratet. Ein Schwein, eine solche tolle Frau zu verstoßen. Martens notierte Namen und Ausweisnummer in das Register. Vom Schlüsselbrett hinter sich nahm er Nummer 313. „Ich zeige Ihnen das Zimmer.“ Martens verriegelte den Haupteingang und geleitete Sandra zum Aufzug. Als die schwere Metalltür zufiel, standen sie ziemlich nahe nebeneinander in dem engen Raum. Martens drückte auf die 3 und die Kabine ruckte los. Er konnte den Geruch von Sandra wahrnehmen. Nicht eine mit Parfüm verfälschte Version, sondern ihren wahren Duft. Er mochte es, wie sie roch. Dann blieb die Kabine stehen und Martens schwang die Tür auf. „Nach rechts“, sagte er und ließ ihr den Vortritt. Er wuchtete den schweren Koffer aus dem Aufzug und ging an ihr vorbei den Flur hinunter. Sie folgte ihm. Hoffentlich bemerkte sie nicht, dass er eine kahle Stelle am Hinterkopf hatte. Er probierte seit Kurzem ein Mittel dagegen aus, aber es schien nicht zu wirken. Aber wichtig waren ja nicht die Äußerlichkeiten. Mit dem Schlüssel öffnete er die Tür und machte das Licht an. Eine wenig helle Deckenlampe tauchte das Zimmer in ein Licht, das die Schäbigkeit von Einrichtung und Wänden kaschierte. Er hievte den Koffer auf die Ablage. Sie stellte ihre Handtasche auf das Bett und zog den Mantel aus. Martens hatte gleich einen Kleiderbügel bei Hand und nahm ihr den Mantel ab, hängte ihn auf. „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nun, Sie wissen, wo Sie mich finden. Rufen Sie die 17 an und schon bin ich da. Auch wenn es nur zum Reden ist.“ Er platzierte den Schlüssel neben sie auf das Bett und ging hinaus.

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