Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Januar, 2018

(351) Kai wachte auf. Da musste ein Geräusch gewesen sein…

Kai wachte auf. Da musste ein Geräusch gewesen sein… Normalerweise war die Pension, in der er wohnte, zwar schäbig, aber ruhig in der Nacht. Dann spürte er, dass etwas oder jemand auf seinem Bett saß! Er tastete panisch nach dem Lichtschalter und fand ihn schließlich. Die plötzliche Helligkeit ließ ihn blinzeln. Dann erkannte er, dass Andy Warhol bei ihm auf dem Bett saß. Er hatte eine Sonnenbrille auf und trug eine silberfarbene Perücke.

„Mr Warhol… ich dachte, Sie seien tot“, war das Erste, was Kai sich sagen hörte. „Äh… ich glaube ja.“ Etwas wie ein leichtes Lächeln umspielte Warhols Lippen, aber es konnte genauso gut ein Lichteffekt sein. „Wie kommen Sie hierher?“ – „Äh… darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“ – „Wollen Sie mir etwas sagen? Ist das der Grund, warum Sie hier sind? Einen Ratschlag geben, als Künstler?“ – „Äh… Nein.“ – „Glauben Sie, dass ich es lassen und nach Deutschland zurückkehren sollte?“ Warhol schien die Frage zu überlegen. Seine Lippen bewegten sich, aber er sagte zuerst nichts. Dann kam es stockend: „Ob Sie es lassen und nach Deutschland zurückkehren…“ – „Ja? Soll ich? Was meinen Sie?“ – „Äh… ich glaube… Sag mir doch einfach, was ich sagen soll.“ – „Sie glauben, dass ich kämpfen soll? Um es in New York zu schaffen?“ – „Was?“

Kai fragte sich, ob Warhol ihn auf den Arm nahm. Er konnte wegen der Sonnenbrille nicht erkennen, ob Warhol ihn überhaupt ansah, während sie redeten. Er unternahm einen letzten Vorstoß. „Lohnt es sich, Kunst zu machen?“ – „Äh ja, das ist eine super Idee. Glaube ich. Irgendwie. Warum nicht?“

Kai hatte unterdessen heimlich nach seiner Kamera gegriffen und sie unter die Bettdecke gezogen. Während er weiter mit Warhol redete, entfernte er die Objektivkappe und schaltete die Kamera ein. Dann zog er sie blitzschnell hervor, richtete sie auf Warhol und drückte ab. Der Blitz überstrahlte alles im Zimmer und als Kai wieder sehen konnte, war Warhol weg. Schnell drückte er auf die Play-back-Taste der Kamera. Das letzte Bild zeigte nur eine Großaufnahme der Tapete hinter Warhol. Dabei hatte alles so echt ausgesehen. Er legte enttäuscht die Kamera beiseite, löschte das Licht und versuchte, wieder einzuschlafen.

Am nächsten Morgen schaute er sich das Foto noch einmal an und fand, dass es sehr interessant aussah. Er untersuchte die Tapete in seinem Zimmer. Sie hatte ein organisch anmutendes Muster, die man immer wieder anders interpretieren konnte, je länger man darauf starrte. Kai suchte sich weitere interessante Stellen auf der Tapete aus und machte Bilder davon in Großaufnahme. Vielleicht hatte der Besuch von Warhols Geist doch etwas bewirkt.

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(350) Wenn Kai Wunderlich es in New York schaffte, dann würde ihm die Welt offen stehen.

Wenn Kai Wunderlich es in New York schaffte, dann würde ihm die Welt offen stehen. Das hatte der Professor an der Kunsthochschule mal gesagt. Der Professor war aus seiner persönlichen Mittelmäßigkeit nie herausgekommen und war immer noch froh, wenn irgendein Sparkassenverband ihn buchte, um eine triste Schalterhalle aufzuwerten. Kai Wunderlich hatte andere Ambitionen. Er wollte es wirklich in New York schaffen. Nach dem Studium hatte er sich bei Verwandten Geld geliehen und war nach New York geflogen. Einen Monat lang pilgerte er mit seinen mitgebrachten Fotoarbeiten von einer Galerie zur nächsten. Er hatte bei den wichtigsten angefangen, aber erst als er bei Nummer 37 seiner Prioritätenliste angelangt war, wollte überhaupt jemand sich mal Teile seines Portfolios ansehen. Trotzdem war niemand an den Arbeiten oder an ihm interessiert. Ein paar Mal gab es eindeutig zweideutige Annäherungsversuche, aber Kai wollte seine Kunst und nicht seinen Körper verkaufen. Wenigstens bekam er Gründe für die Absagen genannt. Seine Arbeiten seien in den USA unverkäuflich; sie seien nicht frisch; man habe alles schon mehrmals vorher gesehen, und zwar besser.

Kai machte Kassensturz und gab sich drei Monate Zeit, es zu schaffen oder wieder nach Deutschland zurückzukehren und sich und der Welt einzugestehen, dass er versagt hatte.

Er musste sich in der Zeit praktisch neu erfinden. Deshalb wollte er aus New York heraus, um sich nicht unbewusst den dort vorherrschenden Ideen anzuschließen. Er fuhr mit der Bahn die Ostküste hinauf und landete in Newport, Rhode Island. Der etwas morbide Glanz der goldenen Zeit, berührte ihn. Er fühlte sich gehetzt und einsam. Es kam ihm die Idee, diesen Zustand in einer Reihe von Selbstporträts zu dokumentieren.

Für ein Bild hatte er die Idee, sich ins Meer zu stellen, zuerst bis zum Nabel einzutauchen und sich dann mit Selbstauslöser so zu fotografieren, dass die Wasserlinie auf dem Hemd mit dem Horizont auf gleicher Ebene lag. Mit dem hellblauen Hemd wollte er sich oben mit dem Himmel verbinden und unten, durch das nasse Dunkelblau des Hemdes, mit dem Meer. Eigentlich eine Selbstmörderpose, und genau das hatte er auch im Sinn.

Es muss sehr authentisch ausgesehen haben, denn es kam sogar ein Typ angelaufen, der ihn retten wollte. Als das Missverständnis aufgeklärt war, mussten beide lachen. Der Typ, er stellte sich als Cliff vor, war mit einem alten behinderten Mann unterwegs, vielleicht war es sein Vater. Kai machte ein paar Fotos von den beiden, wie sie auf der Bank saßen und wie Cliff den Mann ins Auto trug. Zuvor hatte Cliff aber noch den Auslöser gedrückt, bei den Fotos von Kai im Meer. Es war recht schwierig, den Horizont mit der Wasserlinie im Hemd auszurichten, wenn man immer hin und hergehen musste, um es anzupassen. Außerdem war das Meer ziemlich kalt und die Steine glitschig. Mit Cliff ging es viel einfacher.

(349) Früher kam ich oft nach Newport zum Segeln.

„Früher kam ich oft nach Newport zum Segeln.“ Cliff fuhr Eugene mit sehr langsamer Geschwindigkeit durch den Ort, damit der alte Mann seine Erinnerungen auffrischen konnte. „Ich war ein sehr guter Segler. Crazy Gene, nannte man mich, weil ich oft Manöver machte, die für andere zu waghalsig waren. Aber es war alles kalkuliert. Na ja, alles kann man nicht kalkulieren. Aber was soll’s. Da, das da ist Gooseberry Beach. Hier kam ich oft zum Schwimmen, damals. Newport war so etwas wie meine zweite Heimat. Sehen Sie, da rechts. Unglaubliche Sicht aufs Meer, herrschaftliche Häuser. Auf der anderen Seite gibt es die richtig großen Residenzen. Die Vanderbilts haben da unglaubliche Dinger hingesetzt. Ich war in solchen Häusern auch eingeladen damals. Nicht nur zu den großen Empfängen, auch privat. Mal zu einer kleineren Geburtstagsfeier oder so was. Aber das war dann auch schon eine Riesensache. Es gibt einen Spazierweg, der zwischen dem Meer und diesen Villen entlang geht. Lustig, der heißt Cliff Walk, genau wie Sie. Der Spazierweg ist ganz toll, vielleicht können Sie mich da entlang schieben und ich kann Ihnen zeigen, was es da so gibt. Sie müssen da vorne rechts, dann links. Und noch mal rechts. Tolle Häuser sind das. Da ganz hinten, da wo die Straße am Meer endet, da geht der Weg los. Oh, das geht ja nicht.“ Mit dem Blick folgte Cliff dem Schild ‚Cliff Walk‘ und sah, dass der Weg über kleinere Felsbrocken führte und damit für einen Rollstuhl unpassierbar war. „Soll ich Sie tragen?“, fragte Cliff. „Das würden Sie tun? Nein, das geht nicht. Ich bin viel zu schwer und es ist auch gefährlich. Wenn wir ins Rutschen kommen, da wären wir beide tot. Aber setzen Sie mich auf die Bank da vorne. Ich würde gerne aufs Meer hinausschauen.“ Cliff wendete den Wagen und setzte ihn, soweit es ging, zurück vor die Bank. Dann hob er Eugene aus dem Wagen und setzte ihn auf die Bank. Er gab ihm eine Decke für die Beine. „Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir. Sie können auch gerne rauchen, wenn Sie den Rauch nicht in meine Richtung blasen.“

Der Himmel über dem Meer war bewölkt und hatte seine schmutzigblaue Färbung nur durch den Widerschein des Meers. Rechts von der Straße stand ein riesiges schiefergedecktes Haus, das aber unbewohnt schien. Eugene wusste nicht, wer darin wohnte. „Es hat sich so viel geändert seit meiner Zeit. Nur das Meer sieht immer noch genauso aus. Ach könnte ich noch einmal segeln. Ich würde hinausfahren und nie wieder an Land gehen.“ Es klang bitter. Sie starrten beide auf das Meer hinaus. Cliff hatte eine Zigarette angezündet und hielt sie so, dass der Rauch Eugene nicht erreichte.

Plötzlich schreckte Eugene hoch. „Schauen Sie mal, da hinter den Felsen im Meer. Ich beobachte den jungen Mann schon die ganze Zeit. Erst schaute er aufs Meer. Jetzt scheint er hinein zu gehen. Mit Kleidern. Ich glaube, der will sich umbringen… Wir müssen etwas machen. Rennen Sie hin!“ Cliff sah den jungen Mann jetzt auch. Er trug eine braune Cordhose und ein hellblaues Hemd. Er stand schon bis zu den Knien im Wasser und schien nach einem Halt zu suchen, um weiter hinein zu gehen. Cliff sprang auf, warf die Zigarette weg und lief die schmale Felszunge zum Meer hinunter in Richtung des Selbstmörders.

(348) Die Selbsthilfegruppe schien keinen positiven Einfluss auf Eugene und Grace gemacht zu haben.

Die Selbsthilfegruppe schien keinen positiven Einfluss auf Eugene und Grace gemacht zu haben. Cliff beobachtete sie im Rückspiegel und sie schienen gedankenverloren, schauten jeder auf seiner Seite zum Fenster hinaus. Andere Paare, die Cliff aus dem Haus kommen sah, schienen freudiger. Am besten drauf schienen die Pfleger, die sich abklatschten, bevor sie mit ihren Sportwagen wegfuhren.

Sie waren schon fast eine Stunde an der Küste entlang gefahren, als Grace plötzlich und unvermittelt sagte: „Ich will nicht mehr.“ Cliff schaute starr nach vorne. Er hörte Eugene einmal tief durchatmen und dann fragte er: „Was willst du nicht mehr?“ – „Alles. Diese Nachmittage sind schrecklich und es vergiftet jeden Moment, den ich mit dir verbringe.“ Eugene schien getroffen. „Aber ich mache das doch wegen dir.“ – „Nein. Du machst es nur für dich. Du machst alles nur für dich. Und wir alle sind nur Figuren auf deinem Schachbrett. Wir schieben dich zwar, aber in Wirklichkeit hast du uns alle in deiner Hand.“ Dann war es einige Zeit still, bis Eugene wieder sagte: „Es tut mir leid, dass du es so siehst. Da es Empfindungen sind, kann ich wohl nicht viel machen, um dich vom Gegenteil zu überzeugen.“ Cliff hätte am liebsten gesagt, dass er etwas sagen sollte, gerade weil es Empfindungen waren, aber da war nicht sein Job. Dann wandte sich Grace direkt an ihn: „Sagen Sie, kommen wir irgendwann an einem Bahnhof vorbei?“ Während Cliff im Navi nachschaute, schwieg Eugene. Entweder er wollte sehen, wie weit sie gehen würde oder er war froh, dass sie aussteigen wollte. „Mystic, in fünf Meilen. Von dort gibt es eine Amtrak-Verbindung nach New York.“ – „Da lassen Sie mich raus, bitte.“ Eugene widersprach nicht und so fuhr Cliff zum Bahnhof in Mystic, Connecticut. Grace stieg aus, nahm ihre Tasche aus dem Kofferraum und verschwand in dem kleinen Bahnhof.

Eugene schaute ihr nach und Cliff sagte solange nichts. „Soll ich jetzt weiter nach New York fahren?“, fragte er schließlich. „Nein“, Eugenes Stimme krächzte etwas. Fahren Sie zurück nach Osten. Newport, Rhode Island. Ich will jetzt nicht nach New York zurück.“ – „Eine bestimmte Adresse?“ – „Kommt. Fahren Sie erst mal los.“ Während Cliff den Wagen wendete, suchte Eugene auf seinem Smartphone. Als er gefunden hatte, wonach er suchte, wählte er eine Nummer. Es war ein Hotel und er fragte, ob es freie Zimmer gab. Dann ließ er sich die Adresse geben und wiederholte sie in Cliffs Richtung. „2 Sunnyside Place. Das Architects Inn.“

Als Cliff die Adresse eingegeben hatte, sagte das Navi, dass sie eine Stunde brauchen würden. „Das ist ein altes Hotel in Newport. Da war ich schon einmal. In besseren Zeiten.“ Etwas später fragte Eugene: „Müssen Sie direkt nach New York zurück oder kann ich Sie für ein paar Tage verlängern? Sie würden mich dann auch etwas mit dem Rollstuhl herumschieben, wenn das ok ist?“ Cliff sagte, dass das kein Problem sei und er seinen Boss informieren würde.

(347) Trotz des Reichtums war ein Leben im Rollstuhl voller Entbehrungen.

Trotz des Reichtums war ein Leben im Rollstuhl voller Entbehrungen. Neben den Autorennen fehlte Eugene Scott der Sex am meisten. Natürlich war er von der Taille aufwärts immer noch Herr seiner selbst, aber das war nur ein schwacher Trost. Seine Lenden waren verdorrt und damit auch die Lust, selbst aktiv zu werden. Er schaute allerdings gerne zu. Vielleicht aus Masochismus, denn es machte ihm umso schmerzlicher klar, dass er nur ein Krüppel war. Sollten die Psychologen sich doch damit abgeben. Eugene war niemand, der seine Gefühle hinterfragte, er agierte.

Nachdem er sein Problem erkannt hatte, suchte er nach einer Lösung. Und als er eine Lösung hatte, setzte er sie um. Es dauerte einige Zeit, bis er es geschafft hatte. Grace war zuerst gar nicht einverstanden gewesen, aber Eugene war es nicht gewöhnt, dass man seine Wünsche nicht erfüllte. Weder vor dem blöden Unfall mit dem Maserati T61, noch danach.

Seine Lösung sah folgendermaßen aus: Eugene suchte andere Männer, die reich waren und aus diversen Gründen an einen Rollstuhl gefesselt waren. Außerdem sollten sie schöne, junge Ehefrauen haben. Eigentlich suchte er Männer, die seine Situation spiegelten. Er fand elf. Lustig, dachte er, wenn wir nicht alle im Rollstuhl säßen, könnten wir Soccer spielen. Aber das war ja erst die Eintrittshürde. Er musste sie davon überzeugen, bei seinem Plan mitzumachen. Danach blieben fünf übrig. Das war die sogenannte Selbsthilfegruppe. Die Aktivitäten der Gruppe bestanden darin, dass die Herren sich zusammen mit ihren Frauen an wechselnden Orten trafen, sich dazu Callboys mieteten und dabei zusahen, wie ihre Frauen Sex hatten. Abseits von dem sexuellen Teil der Treffen tauschten sich die Männer auch über sonstige Fragen des Alltags oder des Geschäftslebens aus. Dabei entstanden ganz wunderbare Freundschaften. Einer der Männer, ein Viehbaron namens Earl Walker, der etwa 10 Jahre älter war als Eugene, wollte nur bei seiner Frau zusehen und war auch dagegen, dass andere dabei waren. Das war in Ordnung, fand Eugene. Wenn man die Regeln zu streng auslegte, sprangen die Leute ab.

Einmal rollte Eugen auf Earl zu, der traurig vor dem prasselnden Kamin saß. Die anderen schauten gerade bei einer hoch komplizierten Gruppenperformance der Frauen mit den Callboys zu. „Na Earl, was machen die Rinderpreise?“ Earl winkte ab. „Ich bin froh, wenn es hier vorbei ist.“ Eugene war erstaunt über die weinerliche Stimme Earls, ein Mann der im Laufe seiner aktiven Zeit bestimmt Tausenden von Kälbern sein Brandzeichen aufgedrückt hatte und sich währenddessen freute, weil es nach Steak roch. „Es macht mich fertig, wenn sie von diesem Muskelpaket gefickt wird.“ Das Feuer prasselte munter im Kamin und konsumierte die Holzscheite. Eugene hätte am liebsten gesagt, dass er es pervers von Earl fand, zu den Treffen zu kommen und es dann nicht einmal zu genießen. Aber er wollte den alten Mann nicht kränken. Dennoch: wenn Earl seine Meinung nicht änderte, dann sollte er nicht mehr kommen. Ein fauler Apfel verdarb die ganze Ernte.

(346) Und noch ein Wagen, aus dem ein junger, athletisch aussehender Mann ausstieg…

Und noch ein Wagen, aus dem ein junger, athletisch aussehender Mann ausstieg und im Haus verschwand. Cliff Reynolds legte das Magazin weg und schaltete das Autoradio ein. Wahrscheinlich würde er noch einige Stunden auf seine Kunden warten müssen. Aber so war der Job eines Chauffeurs. Bei seinen Kunden, die sich als Eugene und Grace Scott vorgestellt hatten, konnte die Frau wohl nicht fahren. Eugene war gelähmt und Cliff hatte ihm beim Einsteigen aus dem Rollstuhl helfen wollen. Das wollte Eugene aber nicht und dann hatte Grace ihm geholfen. Grace war um die dreißig und, wie Cliff fand, eine ziemlich heiße Nummer. Eugene musste viel Geld haben, denn neben seiner Behinderung war er dreißig Jahre älter als sie und generell recht missmutig. Sie hatten ihm während der Fahrt erzählt, dass sie auf dem Weg zu einem Treffen mit einer Selbsthilfegruppe seien. Cliff, der einen Onkel hatte, der unter Kinderlähmung litt, sagte, dass das bestimmt sehr hilfreich sei.

Aus dem Gespräch seiner Kunden entnahm er, dass Eugene eine Firma gegründet hatte, die sehr erfolgreich war. Nebenbei hatte er eine große Leidenschaft: alte Rennwagen, mit denen er früher Rennen fuhr, die er aber jetzt nur noch anschaute. Cliff fragte sich, ob die Lähmung von einem Autounfall herrührte. Natürlich fragte er nicht, denn es war nicht einmal gestattet, dass er sich anhörte, was seine Kunden erzählten.

Das Treffen fand in einer großen Villa in einem Park statt. Es war offensichtlich kein Treffen von armen Leuten. Wieder half Grace Eugene in den Rollstuhl, den Cliff aus dem Kofferraum genommen hatte. Sie fuhr ihren Ehemann die Rampe hoch ins Haus. „Sie warten hier?“, fragte sie und Cliff nickte.

Zuerst standen nur zwei Autos auf der großen Schotterfläche vor dem Haus und dann kamen noch vier weitere dazu. Die anderen Teilnehmer an dem Treffen waren alle ohne Fahrer gekommen, es war jedes Mal die Frau gewesen, die den Wagen steuerte und dann ihren Mann im Rollstuhl ins Haus schob. Cliff überlegte, dass das Leben seines Onkels bestimmt viel netter wäre, wenn er auch eine so schöne Frau hätte, die ihn zu Selbsthilfegruppen fuhr. Aber sein Onkel vegetierte nur vor sich hin und ging gar nicht mehr aus dem Haus. Es würde schon sehr viel Geld notwendig sein, um seinem Onkel eine Frau zu beschaffen.

Dann wurde es verwirrend für Cliff, als nacheinander sechs weitere Autos ankamen, aus denen die besagten jungen, athletischen Männer stiegen. Ob das Trainer waren, die mit den Krüppeln Übungen machten? War ja alles sehr personalintensiv, dachte Cliff. So was konnten sich nur die Reichen leisten. Er stellte den Sitz etwas nach hinten, machte das Radio aus und stellte seinen Handywecker auf eine Stunde später. So konnte er ein bisschen die Augen schließen und war nachher umso frischer.

(345) Aus dem Wagen stieg Rauch auf, aber die sechs Männer schossen weiter.

Aus dem Wagen stieg Rauch auf, aber die sechs Männer schossen weiter. Als ihre Gewehrmunition zu Ende war, nahmen sie die Schrotflinten. Und als auch die Schrotpatronen alle waren, zogen sie ihre Revolver. Erst, als sie keine Munition mehr hatten, wurde es still. Von der Schießerei waren sie nachher noch längere Zeit wie taub.

Der Wagen war völlig durchlöchert und bevor sie sich näherten, warteten sie zur Sicherheit. Aber es geschah nichts. Als sie an den Wagen herantraten, sahen sie, dass Clyde Barrow, der Fahrer, und seine Beifahrerin Bonnie Parker tot waren. Bonnie lehnte gegen Clyde und ihr Blut vermischte sich beim Herunterlaufen mit seinem. Die Männer hatten ihr Ziel erreicht. Sie trennten sich, vier fuhren nach Gibsland, um ihren Chefs telefonisch Bericht zu erstatten. Die anderen beiden blieben am Ort des Hinterhalts.

Schnell machte die Nachricht die Runde in der ländlichen Gegend und es kamen Schaulustige zu dem völlig zerstörten Ford V8. Die beiden Männer, die die Leichen bewachen sollten, waren schnell völlig überfordert. Die Menge begnügte sich aber nicht damit, die Leichen anzugaffen, sondern viele von ihnen wollten Souvenirs mitnehmen. Die meisten begnügten sich damit, Patronenhülsen einzusammeln, die überall herumlagen oder Glassplitter, die weit gestreut hatten. Andere wollten wesentlich mehr. Eine Frau schnitt eine Haarlocke von Bonnies Kopf, an der Blut klebte, das noch nicht einmal eingetrocknet war. Eine andere riss ein Stück von Bonnies Kleid ab. Ein Mann ging so weit und zückte sein Taschenmesser, weil er Clydes Abzugsfinger abschneiden wollte. Erst als die andern Männer mit Verstärkung zurückkamen, konnten sie wieder Ordnung herstellen. Der Leichenbeschauer sprach von einer zirkus-ähnlichen Situation, die er bei seinem Eintreffen vorfand.

Im Kofferraum des Wagens fanden die Gesetzeshüter ein stattliches Waffenarsenal. Automatische Waffen, abgesägte Schrotflinten, Handfeuerwaffen und tausende Schuss Munition. Daneben auch 15 Nummernschilder aus verschiedenen Staaten.

Der Wagen wurde nach Arcadia abgeschleppt, wo es einen Bestatter gab, der sich um die Leichen kümmerte. Innerhalb von Stunden wurde die 2000-Seelen Stadt von über 10.000 Besuchern überrannt. Die Preise für Bier verdoppelten sich im Handumdrehen und jeder wollte in der Situation sein Geschäft machen.

Der 34er Ford V8 wurde Jesse Warren, dem er gestohlen worden war, zurückgegeben. Warren verkaufte den Wagen für 3000 Dollar und danach wurde er auf Jahrmärkten ausgestellt. Schließlich wurde er für 250.000 Dollar vom Primm Valley Resort and Casino in Nevada gekauft, wo er auch heute noch hinter Glas steht.

Nächste Woche in ‚Berühmte Todesfahrzeuge‘: Der 1938er Cadillac, in dem General Patton zu Tode kam.

(344) Mr Reeves, ich habe Kontakt zu den Erben des Imperial Wizard!

„Mr Reeves, ich habe Kontakt zu den Erben des Imperial Wizard!“ Bellows klang sehr erfreut am Telefon. Reeves hatte ihn vergessen. Seit er an dem Elektrischen Stuhl ein Hautstück eines Exekutierten entdeckte, hatte er sich verändert. Er konnte nicht still sitzen und Kopfschmerzen plagten ihn. Reeves sagte Bellows, dass er die Aktion abblies. Es sei etwas dazwischen gekommen. Nachfragen von Bellows wich er aus und legte auf.

Reeves saß in seinem Büro und seine Sammlung war um ihn herum in Vitrinen ausgestellt. Die Vorhänge waren zugezogen, weil viele Dokumente, die in den Vitrinen lagen, lichtempfindlich waren. Es war insgesamt eher dunkel in diesen Räumen. Nur durch kleine, akkurat platzierte Scheinwerfer stachen die Sammlungsstücke heraus und kamen zur Geltung.

Den mit Sicherheit echten Elektrischen Stuhl hatte Reeves nicht gekauft, obwohl der geforderte Preis in Ordnung war. Sein Blick wanderte hin und her. Er fühlte sich nicht mehr wohl in dem Zimmer oder mit seiner Sammlung. In einer Vitrine stand ein Rahmen, der mit rotem Samt ausgeschlagen war. In der Mitte ein schwarzer Smith & Wesson Revolver, mit dem der Feigling Bob Ford 1882 Jesse James abgeknallt hatte. Eine Vitrine weiter hing die gelblich-grüne Totenmaske von Dillinger, einer von mehreren Abgüssen. Ein anderer davon hatte hinter J. Edgar Hoovers Schreibtisch im FBI-Hauptquartier gehangen. Für Hoover musste es die ständige Bestätigung eines großen Triumphs gewesen sein. Reeves schien es, als ob das augenlose Gesicht Dillingers ihn anschaute.

Sein Blick wanderte weiter und blieb an einer Autotür hängen. Es war die Fahrertür des Ford V8 von Bonnie und Clyde, durchlöchert von unzähligen Schüssen. Reeves hatte hinter die Tür eine Lampe anbringen lassen, sodass man das Licht sah, wie es durch die Einschusslöcher schien.

„Es kann so nicht weiter gehen“, sagte Reeves zu sich selbst. Er zog die Vorhänge auf. Durch das helle Tageslicht musste er die Augen zukneifen. Er öffnete das Fenster und ein Windstoß fuhr ins Zimmer, wirbelte einige Papiere auf seinem Schreibtisch auf. Reeves steckte den Kopf nach draußen und schaute abwärts. Aus der Höhe des 29. Stockwerks sahen die Menschen unten auf der Straße unbedeutend aus. Er hob den Blick und sah in der Ferne die Freiheitsstatue. Sie war kleiner als seine Hand, aber unerreichbar weit weg. Er genoss für einige Minuten das Licht, den gedämpften Lärm und das Streicheln des Windes.

Als er sich wieder an den Schreibtisch setzte, nahm er die Karte eines Boardmitglieds der Smithsonian Institution aus einer Schublade. Man hatte schon öfters angefragt, seine Sammlung zu erhalten, und bis jetzt hatte er immer abgelehnt. Er griff zum Telefonhörer.

(343) Reeves hatte gerade Bellows nach Atlanta geschickt, als die Sache mit dem Elektrischen Stuhl reinkam.

Reeves hatte gerade Bellows nach Atlanta geschickt, als die Sache mit dem Elektrischen Stuhl reinkam. Es war nicht das erste Mal, dass ihm ein solches Stück angeboten wurde. Die meisten waren allerdings mehr oder weniger plumpe Fälschungen gewesen. Die richtig bekannten Elektrischen Stühle hatten eigene Spitznamen wie Old Sparky aus Sing Sing, Old Smokey aus New Jersey, Gruesome Gertie aus Louisiana oder Yellow Mama aus Alabama. Diese Stühle wurden, nachdem sie nicht mehr gebraucht wurden, in Museen ausgestellt. Eine Ausnahme war Yellow Mama, die nur eingemottet wurde, weil in Alabama ein Todeskandidat theoretisch, neben der tödlichen Injektion, auch den Tod durch Strom wählen konnte. Die Stücke, die unter der Hand angeboten wurden, kamen, so wurde behauptet, aus kleineren Gefängnissen, bei denen der Stuhl ausgetauscht worden war und ein Gefängniswärter sich den alten Stuhl gesichert hatte.

Natürlich war ein Elektrischer Stuhl für einen Americana-Sammler wie Reeves etwas Besonders und natürlich wollte er sich die Gelegenheit nicht durch die Lappen gehen lassen, ohne den Stuhl vorher zu prüfen. Der Anbieter, ein Mann namens Wyatt Cockburn, sagte, dass er bereits mehrere Angebote habe. Da Bellows nicht verfügbar war, beschloss Reeves, eine Ausnahme zu machen und sich das Teil selbst anzusehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Stuhl eine Fälschung war, erschien ihm hoch.

Reeves besorgte sich einen Mietwagen und fuhr die 300 Meilen nach Punxsutawney in Pennsylvania. Cockburn, ein großer schweigsamer Mann in einem schwarzen glänzenden Jogginganzug traf er vor einer Lagerhalle aus Wellblech. Innen stand eine große Holzkiste, von der Cockburn ein Seitenteil abnahm und das Stück herauszog.

Der Stuhl war aus dicken gehobelten Eichenbrettern zusammengebaut. An den Armlehnen, der Basis und um die Lehne herum gab es Lederriemen. Für den Kopf war oben an der Lehne eine Stütze angebracht. In der Sitzfläche befand sich eine herausnehmbare Holzplatte. Oben an der Lehne kamen zwei Metallbügel heraus, um die Schultern des Gefangenen zu fixieren. Auf den ersten Blick sah der Stuhl echt aus. Er hatte genau die richtige Patina und Abnutzung, wie man es erwarten würde und es gab keine Anzeichen, dass es eine Filmrequisite war. Die Elektroden fehlten, das war aber bei vielen Stühlen der Fall, denn oft waren diese Teile an den Wänden fixiert und nicht am Stuhl. Reeves zückte eine Lupe und sah Cockburn fragend an. Der Verkäufer nickte zustimmend. Mit großer Sorgfalt analysierte Reeves den Stuhl. Er suchte nach Indizien, dass der Stuhl wirklich das war, was Cockburn behauptete. An der in der Sitzfläche eingelassenen Platte sah er Verfärbungen, die auf eine nachlässig entfernte Flüssigkeit schließen ließen. Reeves war auf den Knien und beugte sich ganz tief nach unten, um die Metallschellen zu untersuchen, mit denen die Füße des Gefangenen gehalten wurden. Die Ränder der Bügel sahen recht scharf aus und mussten einem Gefangenen ins Fleisch geschnitten haben, wenn er unter Strom wild um sich zuckte. Dann sah Reeves ein aufgerolltes bräunlich-fleckiges Blatt, das hinter der Schnalle festgeklemmt war. Er berührte es mit dem Zeigefinger und unter seinem Blick durch die Lupe zerbröselte es bei der Berührung in mehrere Teile. Erst dann erkannte Reeves, dass es sich um ein abgerissenes Stück Haut handelte.

(342) Neal Reeves war ein sehr geduldiger Sammler.

Neal Reeves war ein sehr geduldiger Sammler. Obwohl er selbst schon 71 Jahre alt war, tröstete er sich jedes Mal, wenn ihm ein besonders tolles Stück entgangen war, dass es am Ende doch bei ihm landen würde. Wenn sich eine Gelegenheit bot, überlegte er mit kühlem Kopf, wie viel das Stück ihm wert war. Diese Grenze überschritt er nie und besuchte nie selbst eine Auktion oder führte Verhandlungen. „Bei Auktionen würde ich vor Aufregung sterben und bei Verhandlungen würde die Gier irgendwann siegen, und ich würde zu viel bezahlen.“ Deshalb wählte er sich Mittelsmänner aus, die in seinem Auftrag handelten.

Es gab eine Reihe von besonderen Stücken, die Reeves noch gerne besitzen wollte. Viele davon, wie zum Beispiel der Zylinderhut, den Abraham Lincoln bei seiner Ermordung dabei hatte, waren einfach unerreichbar. Bei anderen Stücken brauchte er Geduld. Highlights seiner Sammlung waren ein Gebiss von George Washington, das aus Walrosszahn gefertigt war; ein Zwicker von Teddy Roosevelt und eine Zigarettenspitze von FDR.

Ein erreichbarer Traum von Neil Reeves war es, eine Robe von Hyram Wesley Evans zu erwerben. Evans war von 1922 bis 1939 als Imperial Wizard der Anführer des Ku Klux Klan. Unter seiner Leitung erreichte der Klan seine größte Bedeutung mit 6 Millionen Mitgliedern in 1924. Gleichzeitig begann der Niedergang, denn am Ende von Evans‘ Amtszeit waren es nur noch weniger als 30.000.

Evans war ein ausgebildeter Zahnarzt, dem Geld aber mehr bedeutete als Zahnmedizin und Rassismus. Er war durch und durch korrupt und nutzte den Klan als Vehikel, um sich selbst reich zu bereichern. Seine letzte Amtshandlung als Imperial Wizard bestand darin, den Hauptsitz der Organisation, den Peachtree Street Palace in Atlanta, an die katholische Kirche zu verkaufen. Diese ließ das Haus abreißen und baute auf dem Grundstück die Kathedrale von Christus König. Danach musste Evans abtreten. Er hatte gute politische Kontakte, die es ihm erlaubten, ohne Ausschreibung Asphalt an den Staat Georgia zu verkaufen. 1966 starb er schließlich.

Reeves war weder Rassist noch Anhänger des Klans. Er sammelte ganz Unikate, die mit der Geschichte der Vereinigten Staaten zusammenhingen.

Bereits mehrere Male hatte Reeves Evans‘ Nachkommen wegen der Robe angeschrieben, aber er bekam keine Antwort. Er war überzeugt, dass es in irgendeinem Lagerraum der Familie noch Artefakte aus der Glanzzeit des Klans geben musste und dass dabei ganz sicher auch eine Robe samt Haube sein musste. Wahrscheinlich wäre es sinnvoll, jemand wie Bellows nach Atlanta zu entsenden. Bellows könnte sich ein bisschen vor Ort umhören, mit Dienstboten reden, Mint Juleps auf der Veranda trinken – diese Art von Dingen.