Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Dezember, 2017

(320) Was für eine unglaubliche Zicke!

„Was für eine unglaubliche Zicke“, sagte Predel. „Vorsicht, Herr Predel, reden Sie nicht so über unser Kreativpersonal.“ Beide Männer lachten gedämpft, als sie den Flur hinuntergingen. „Was steht jetzt an?“, fragte Zobel. „Spacko Party“, sagte Predel. „Der Kontrast schlechthin“, entgegnete Zobel.

Spacko Party war der Arbeitstitel einer neuen Show, die Zobel selbst konzipiert hatte und bei der er großes Potenzial sah. Zwei Pilotfolgen waren bereits produziert worden und bei beiden hatte Zobel noch wesentliche Änderungswünsche gehabt. Jetzt wurde der dritte Pilot produziert und dieser sollte sendefähig sein. Aus naheliegenden Gründen war der Titel mittlerweile geändert worden. Die Produktion hieß jetzt ‚Tilt Space Party‘.

Im Grunde bestand die Idee darin, dass der Sender ausgelosten Zuschauern zu Hause eine Party spendierte und dort filmte. Aber natürlich war Zobels Konzept viel raffinierter. Es sollte unmittelbar die Gaffgier der Zuschauer ansprechen. Die Gastgeber der Party wurden nicht wirklich ausgelost. Unter allen Einsendungen wurde eine sehr genaue Selektion vorgenommen. Die Gastgeber sollten, nach Zobels Vorgaben, hedonistisch, exhibitionistisch und nicht allzu intellektuell orientiert sein sowie einen ausgewiesenen schlechten Geschmack besitzen. Auch der Freundeskreis der Gastgeber wurde untersucht, denn daraus kamen die Protagonisten der Show. Je größer die Übereinstimmung der Freunde mit den oben angeführten Kriterien, desto besser die Chance, ausgewählt zu werden. Es gab eine Abfolge von Telefonaten, Interviews und Hausbesuchen bei den Gastgebern im Vorfeld einer Produktion. Natürlich wurden mit allen Kandidaten Verträge abgeschlossen, zur Wahrung der Urheberrechte und um ihnen den Mund zu verbieten.

Es gab keinen Moderator, denn die Fernsehzuschauer sollten den Eindruck haben, dass die Party von den Gastgebern völlig eigenständig organisiert wurde. In Wirklichkeit war natürlich nichts dem Zufall überlassen. So wurde zum Beispiel der Freundeskreis mit Schauspielern ergänzt, um der Handlung mehr ‚gefühlte Spontanität‘, wie Zobel sagte, zu verleihen. Eine Redaktion überlegte sich Handlungselemente wie ‚Schaumparty im Schlafzimmer‘, ‚Sumoringer-Kostüme zum Aufblasen‘, ‚Mittelaltergelage‘ oder Ähnliches. Was davon umgesetzt wurde, hing von den Räumlichkeiten ab sowie von den geladenen und gecasteten Gästen. Zobel hatte die Produktion zuerst im Studio drehen wollen, dann verwarf er die Idee. Alle Folgen sollten wirklich bei den Gastgebern produziert werden. „Es sieht authentischer aus. Außerdem können wir den Leuten als Trostpflaster nachher eine neue Wohnungseinrichtung für drei Euro achtzig kaufen und die sind dann richtig zufrieden“, hatte Zobel seine Umentscheidung begründet. Nur bei einer Sache war Zobel sich nicht sicher: sollte die Produktion so aussehen, als ob Teilnehmer die Bilder selbst mit ihren Handykameras aufgenommen hatten oder sollte man es darstellen, als ob ein Kamerateam überraschend die Party besuchte. „Ich glaube, wir werden es einmal mit dem Überraschungsbesuch versuchen. Das kann man auch variieren“, sagte Zobel und Predel gab ihm recht.

Advertisements

(319) Aber Frau Radtke, jetzt bleiben Sie doch mal sachlich.

„Aber Frau Radtke, jetzt bleiben Sie doch mal sachlich.“ Tillmann Zobel schaute in die Runde, um zu sehen, wer auf seiner Seite war und wer nicht. Seine Leute, alles Angestellte von Tele Sat Plus nickten zustimmend, sogar erleichtert, dass ihr Programmchef endlich eingriff. Die Kollegen von Frau Radtke waren unsicher. Natürlich mussten sie zu ihrer Chefin halten, aber auch ihnen ging Susanne Radtke zu weit. Bei der Besprechung zwischen dem Fernsehsender als Auftraggeber und der Produktionsfirma von Frau Radtke als Auftragnehmer ging es um eine neue Spielfilmproduktion zum Thema „Misshandelte Kindheit“. Die Idee kam nicht von Zobel, denn mit dem Thema war es schwer, Quote zu machen. Als Dokumentarfilm ja, aber als Fiktion unmöglich. Wer sich für das Thema interessierte, hatte an Fiktion immer etwas auszusetzen und wer sich nicht dafür interessierte, schaltete erst gar nicht ein. Das hatte Zobel auch gesagt, als Ingo Laurenz, der Chef des Senders mit der Idee gekommen war. Laurenz wollte sich damit bei den Politikern einschleimen, ohne darüber nachzudenken, dass das Zeug auch gesendet werden musste. Und mit der ganzen Aufmerksamkeit konnte man es nicht mal in der Nachtschiene begraben. Nein, es musste zur Prime Time kommen. Tragisch. Zobel wollte den Schaden begrenzen und der Produzentin ein Happy End aus den Rippen leiern. Und auch dazwischen ein paar heitere Momente. Am besten vor den Werbeblöcken. Das war doch nicht zu viel verlangt. Irgendjemand musste das Zeug ja bezahlen. Aber Frau Radtke schien auf einem Kreuzzug zu sein. Das Letzte, was sie ihm vorhielt, war, dass er auf der Seite der Täter stünde, so wie er sich benehme. Unglaublich. Wenn Zobel gewusst hätte, dass der Film für sie ein persönliches Anliegen sei, hätte er gleich eine andere Firma beauftragt. So wie sie ihn jetzt anschaute, mit weit aufgerissenen Augen, und diesem empörten Ausdruck um den Mund. Nick Predel, Zobels Assistent, deutete auf die Uhr. Die nächste Besprechung würde in fünf Minuten beginnen. Zobel nickte. „Also Frau Radtke. Bekomme ich jetzt mein Happy End? Der Junge kann doch zu einem erfolgreichen Erwachsenen werden. Insgesamt glücklich sein, aber es gibt etwas, was an ihm nagt. Er lässt sich erfolgreich therapieren und tut dann etwas, um misshandelten Kindern zu helfen. Damit kann doch jeder leben.“ Susanne Radtke schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich habe viele Gespräche mit Therapeuten geführt, Herr Zobel, und das was Sie hier zeigen ist pure Verdrängung. Sie wollen eine Misshandlung verdrängen!“ Zobel stand auf, dann auch Predel, Frau Radtke und alle anderen. Die Sitzung war vorbei. Zobel sagte mit ruhiger Stimme: „Sie sollten sich schon entscheiden, Frau Radtke, ob Sie mich lieber als Opfer oder als Täter hätten. Und jetzt muss ich gehen. Man wartet auf mich. Zaubern Sie mir ein Happy End hin. Mit Zuckerguss. Bitteschön.“

(318) Willst du noch ein Bier, Björn?

„Willst du noch ein Bier, Björn?“ Ulrich Mahler hielt seinem Bruder eine Flasche hin. „Danke“, sagte Björn und legte die Grillzange zur Seite, bevor er die Flasche ergriff. Die Hitze des Sommers war jetzt ein wenig abgeklungen, aber man konnte immer noch gut draußen grillen, auch spät am Abend. Ulrich musste sich eingestehen, dass sein älterer Bruder sehr viel besser Grillen konnte als er. Seine Holzfällersteaks waren eine Klasse für sich. Anke brachte eine große Schüssel mit Salat und stellte sie auf den Tisch. „Damit es auch etwas gibt für die, die sich nicht nur von Fleisch ernähren“, sagte sie. „Wo ist Helge?“, fragte Ulrich. Anke seufzte. „Er ist auf seinem Zimmer. Will nicht runterkommen. Kinder sind schon schwierig. Du hast es gut, Björn.“ Björn grunzte zustimmend und nickte. „Er benimmt sich in letzter Zeit recht seltsam“, Ulrich schüttelte den Kopf. „Die Sache mit dem Hüpfball tut mir wirklich leid, Björn. Hatte ich Dir ja schon gesagt. Ich habe ihn noch einmal gefragt, wie das passiert war. Und dann sagte er mir, dass er damit auf einen spitzen Stein gehüpft sei und der Ball sei unter ihm explodiert. Dabei habe ich mir den Rest ja angeschaut. Da war ein Stich drin, wie mit einem Messer. Ganz glatt, nicht wie bei einem Stein. Ich habe dann angeboten, ihn zu flicken, aber das wollte er nicht. Naja, ich habe es trotzdem gemacht, aber er schaut den Ball nicht mehr an.“ Björn nahm jetzt die Steaks vom Feuer und legte sie auf die Teller. Ulrich schlug Ketchup aus der Flasche drauf und nahm sich ein paar Blatt Salat.

„Es ist wahrscheinlich nur eine Phase“, warf Anke ein und nahm ihrerseits so viel Salat, dass sie das kleine Steak damit fast verdeckte. „Dafür wird er jetzt so langsam erwachsen. Sein Zimmer ist in letzter Zeit immer sehr gut aufgeräumt. Wenn ich mal etwas nicht genauso einsortiere, wie es sein soll, dann macht er es selbst und ist dabei ganz vorwurfsvoll. Ich hoffe, er wird später nicht so ein Pingel.“ – „Nee, das glaube ich nicht“, antwortete Ulrich kauend. „Das hat dann auch Grenzen. Ich habe ihn gestern gefragt, ob er mir denn auch mal hilft, den Gartenschuppen aufzuräumen. Jetzt, wo er so ordentlich geworden ist, könnte ich seine Hilfe dabei sehr gut gebrauchen. Aber er hat fast einen Wutanfall bekommen. Wollte nicht helfen und wollte nicht mal sehen, ob es noch Zeug gibt, das er behalten wollte und ich nicht.“

Björn räusperte sich und warf ein: „Ja Kinder, das ist wohl alles etwas schwierig.“ Dann trank er den letzten Schluck aus seiner Flasche. Ulrich warf Anke einen kurzen Blick zu und sagte dann. „Naja, es ist ja nicht alles negativ. Anke und ich wollten in zwei Wochen mal ein Wochenende für uns haben. Wir dachten, du könntest vielleicht herkommen und auf Helge aufpassen. Wir wollten dir jetzt nicht zu viele Horrorstorys von dem Jungen erzählen.“ Björn brauchte nicht lange nachzudenken: „Das geht klar. Macht euch keine Sorgen. Wozu hat man Familie?“

(317) Helge liebte den Hüpfball, den ihm sein Onkel Björn geschenkt hatte.

Helge liebte den Hüpfball, den ihm sein Onkel Björn geschenkt hatte. Er war orange und hatte einen blauen Plastikgriff, an dem sich Helge festhalten konnte. Vorne drauf war das Bild eines Stierkopfes. Der Stier sah wild aus, schnaubte und heißer Atem kam ihm aus den Nüstern. Darüber stand in großen Buchstaben ‚Pon-Pon‘. Der Ball war recht groß und ging Helge bis zur Hälfte der Oberschenkel. Er liebte es, auf dem weichen, nachgiebigen Gummi zu sitzen und beim Hüpfen zu spüren, wie der Ball unter seinem Gewicht nachgab und dann zurückfederte. Dieses instabile Gefühl auf dem Ball gefiel ihm.

Seine Mutter hatte ihm verboten, mit dem Ball vor dem Haus zu spielen, auch nicht im Vorgarten. Sie hatte Angst, er könnte die Kontrolle verlieren und dann auf die Straße stürzen, ein Auto käme und dann… Deshalb hüpfte Helge damit im Hinterhof des Elternhauses. Es gab einen kleinen Garten, den sein Vater angelegt hatte und in dem er Tomaten und Salat anpflanzte. Ein Pfad ging um den Garten herum bis zu dem Schuppen, der hinten an der Mauer unter den tief hängenden Ästen einer Tanne versteckt lag. Auf der anderen Seite war ein Rasen, der ziemlich eben war und auf dem man ganz gut im Kreis um die Wäschespinne herum hüpfen konnte. Der Garten war vollständig mit einer hohen Mauer umgeben und deshalb war es immer sehr ruhig dort, bis auf das Geräusch des Hüpfballs, wenn Helge damit seine Runden drehte.

Einmal, da waren seine Eltern zu einem nicht allzu weit entfernten Ort weggefahren. Sie sahen sich eine Schrankwand an, die sie gebraucht kaufen wollten. Es war wohl eine gute Gelegenheit, aber sie waren sich nicht sicher, ob ihnen das Möbelstück auch gefallen würde. Helge blieb alleine zu Hause, aber sein Onkel Björn sollte kurz darauf kommen, um den Rasen zu mähen. Helges Mutter wollte zuerst auf ihn warten, aber sein Vater meinte, man könne sich auf Björn verlassen. Und wirklich, eine Viertelstunde, nachdem die Eltern weg waren, kam Björn. Zuerst alberte er mit Helge herum, wie er es immer tat. Dann holte er den Benzinrasenmäher aus dem Gartenschuppen. Es war heiß und er zog sein Hemd aus. Während Helge mit seinem Hüpfball den Parcours um das Gartenstück herum und bis zum Schuppen abhüpfte, drehte Björn seine Runden mit dem Rasenmäher. Zwischendurch machte er mal Pause und Helge musste ihm eine Flasche Mineralwasser aus dem Haus holen. Björn trank gierig davon und schüttete sich auch ein wenig davon über den Kopf und in den Rücken. „Das ist gut zur Abkühlung“, meinte er und reichte Helge die Flasche wieder zurück. Dann fuhr Björn weiter seine konzentrischen Runden um das Rasenstück, bis der letzte Grashalm auf die richtige Höhe zurechtgeschnitten war.

Während Helge weiter hüpfte, ging Björn in den Gartenschuppen. Normalerweise holte Helges Vater dann immer den Rechen, um das Gras zusammen zu harken. Aber Björn kam zunächst nicht wieder raus. Dann aber steckte er den Kopf aus der Schuppentür und rief Helge zu: „Kannst du mal kommen, Junge. Du kannst mir bei etwas helfen.“ Helge ließ den Hüpfball liegen und lief zum Schuppen unter den tief hängenden Ästen der Tanne.

(316) Eigentlich mochte Mahler seinen Arzt, Dr. Axel Nergitz, sehr gerne.

Eigentlich mochte Mahler seinen Arzt, Dr. Axel Nergitz, sehr gerne. Er war immer verständnisvoll und schien genau zu wissen, wie Mahler sich fühlte. Schwester Helene hatte ihn beim Doktor verpetzt und jetzt musste er den Arzt sehen, obwohl eigentlich keine Therapiesitzung fällig war. Mahler klopfte wie immer, von innen kam ein angenehmes ‚Herein‘ und er ging in Dr. Nergitz‘ Behandlungszimmer. Der Arzt las ein Papier an seinem weißen Schreibtisch und Mahler setzte sich in den Stuhl gegenüber. Das Zimmer hatte weiße Wände und sogar einen weißen Teppich. Nur ein großes Bild mit einem wilden Farbmuster hing an der Seite. Wenn er hier warten musste, schaute Mahler sich immer das Bild an. Er versuchte, etwas darin zu erkennen, aber es sah immer nur wirr aus.

Dr. Nergitz, ein Mann ohne Alter mit einem grau melierten Vollbart, legte das Papier weg und schaute Mahler an. „Wie geht es Ihnen?“, fragte der Doktor. Mahler erzählte mit ausschweifenden Worten, wie es ihm ging, erwähnte allerdings mit keinem Wort, dass Schwester Helene ihn wieder beim Masturbieren erwischt hatte. Das würde noch früh genug kommen. „Herr Mahler“, unterbrach ihn Dr. Nergitz, „Sie sind ja nicht freiwillig hier. Es ist eine Bewährungsauflage. Und ich muss dem Richter mitteilen, wie Ihr Zustand ist. Das wissen Sie, oder?“ Mahler nickte. Sein Hals war plötzlich trocken, aber Dr. Nergitz würde es nicht gut finden, wenn er jetzt nach einem Glas Wasser fragen würde.

„Möchten Sie ein Glas Wasser?“ Der Arzt schien seine Gedanken lesen zu können. Mahler nickte wieder und Nergitz drehte ein vor ihm stehendes Glas um und befüllte es aus einer Karaffe mit Wasser. Mahler trank fast die Hälfte aus dem Glas. Der Arzt fuhr fort. „Es ist so, als ob Sie den Ernst der Lage noch nicht verstanden hätten, Herr Mahler. Der Rückfall, ich rede davon, dass Sie vor dem Fenster masturbiert haben und vom Inhalt der Plastiktüte… Was kann ich machen? Wollen Sie ins Gefängnis gehen?“ Mahler schüttelte vehement den Kopf. „Aber Sie müssen auch etwas verändern wollen. Sie lassen mir keine Wahl.“ Der letzte Satz erschreckte Mahler. Es klang, als ob der Arzt die Therapie für beendet erklärte und empfahl, ihn gleich ins Gefängnis zu stecken. „Wollen Sie mir etwas sagen?“, fragte Dr. Nergitz, jetzt etwas freundlicher. Mahler sagte, dass es ihm leidtat, auch weil alle sich um ihn bemühten. „In den letzten zwei Wochen habe ich mich an etwas erinnert. Von vor langer Zeit. Das bedrückt mich sehr. Vielleicht ist das auch der Grund…“ – „Wollen Sie jetzt darüber reden?“ Mahler nickte. Dr. Nergitz schaute ihn ganz genau an, als ob er sich versichern wollte, dass Mahler es auch ernst meinte. Dann ging er zur Tür und bat seine Assistentin, seinen nächsten Termin zu verschieben. Er setzte sich mit dem Schreibblock auf dem Knie auf Mahlers Seite des Schreibtisches. „Dann erzählen Sie, Herr Mahler. Wir haben alle Zeit der Welt.“

(315) Mahler wurde mit heruntergelassener Hose erwischt.

Mahler wurde mit heruntergelassener Hose erwischt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Schwester Helene stand zur falschen Zeit in der Tür und schaute ihn streng an. Seine Erektion war ihm augenblicklich vergangen und er hob sich halb aus dem Sessel, um die Hose wieder hochzuziehen. „Herr Mahler…“, sagte Schwester Helene mit gespielt müder Stimme. „Was hat der Doktor Ihnen gesagt?“ Mahler wusste nicht, ob er so tun sollte, als ob er nicht wüsste, was sie meinte, oder gleich in Büßerstellung gehen. Er entschied sich, wider besseres Wissen für Ersteres. „Was meinen Sie, Schwester Helene?“, fragte er und seine Stimme überschlug sich etwas. Er musste sich mehrmals räuspern, bevor er die Frage wiederholen konnte. Währenddessen hatte Schwester Helene die Tür geschlossen und hatte sich auf ihn zubewegt. Mahler saß auf einem Stuhl vor dem Fenster, im Erker, weil er sich dort etwas Diskretion erhofft hatte. Aber Schwester Helene ließ sich nicht beirren. Sie hob die Broschüre hoch, die Mahler auf den Boden hatte gleiten lassen. „Was haben wir denn da?“, fragte sie. Es war eine Werbebeilage für Korsagen aus der Tageszeitung. Normalerweise wurden alle Presseerzeugnisse, die Mahler in die Hände bekommen könnte, durchschaut und alles, was ihm beim Masturbieren helfen könnte, wurde entfernt. Diese Werbebeilage, fand Schwester Helene, hatte man sträflicherweise vergessen, denn es war offensichtlich, dass sie Mahler in die Hände spielen würde. Auch das im wahrsten Sinne des Wortes. „Ich glaube, Schwester, das ist eine Reklame“, meinte Mahler. „Wollen Sie sich etwas zum Anziehen kaufen?“, fügte er etwa keck hinzu. Schwester Helene zerriss die Broschüre und stopfte sie in die Tasche ihres Kittels. Mahler senkte die Mundwinkel. Er zuckte zusammen, als er dem Blick der Schwester folgte. Er ruhte auf einem hellblauen Müllsack, der neben dem Kleiderschrank lag. Mahler wollte aufspringen und sich schützend über den Sack werfen, aber das scharfe „Was ist denn das?“ der Schwester nagelte ihn in seinem Stuhl fest. „Ich weiß nicht“, sagte er mit ganz transparenter Stimme. In zwei Schritten stand Schwester Helene über dem Sack. Beherzt griff sie hinein und zog weitere Werbebeilagen heraus, die Mahler über die letzten Wochen mit großem Einsatz angesammelt hatte. Den Müllbeutel hatte er sich aus dem Lager organisiert und er benutzte ihn, um seine Schätze hinter dem Kleiderschrank zu verstecken. Ein alter Trick, den Schwester Helene gut kannte, aber die letzten Zimmervisitationen hatte eine neue Kollegin gemacht, mit der Helene auch ein paar Worte reden musste. Alle Süchtigen versteckten Dinge. Flaschen bei Alkoholikern, Zigaretten bei Rauchern und Pornozeug bei Sexsüchtigen. Nun ja, es war kein explizites Pornozeug, aber der Arzt war sehr klar gewesen. Sie griff wieder in den Beutel und, Mahler musste sich abwenden, brachte seinen größten Schatz zutage: einen Versandkatalog für Automobilzubehör. Mahler schluchzte, als Schwester Helene den Sack mit Inhalt zusammenknüllte und mit ihm das Zimmer verließ.

(314) Während der Abspann von ‚Der Partyschreck lief, wischte sich Helge Mahler die Lachtränen aus den Augen.

Während der Abspann von ‚Der Partyschreck lief, wischte sich Helge Mahler die Lachtränen aus den Augen. Auch Matthias Hohner hatte sich gut amüsiert, wenn auch wohl weniger als Mahler. Sie saßen im Gemeinschaftsraum der Krankenstation. Die anderen Bewohner hatten sich bereits zurückgezogen, weil sie Schwierigkeiten hatten, dem Film zu folgen. „Waren Sie schon mal auf Partys, Hohner?“, fragte Mahler und schaltete den Fernseher auf stumm. Hohner fand die Beiläufigkeit, mit der Mahler alles beherrschte, bemerkenswert. Wahrscheinlich würde Mahler sogar Akkordeon spielen können. Auf dem Bildschirm liefen jetzt die Nachrichten. Männer schüttelten sich gegenseitig die Hände und sprachen vom Bildschirm, aber ohne dass man ihre Worte hören konnte.

Hohner schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich kann mich nicht erinnern.“ – „Das ist ja wie ein roter Faden bei Ihnen“, scherzte Mahler und klopfte sich auf den Schenkel. „Und Sie?“, fragte Hohner zurück, eher um zu abzulenken, als dass es ihn wirklich interessierte. „Oh ja, auf Hunderten von Partys war ich schon. Auf allen möglichen Partys: Geburtstagspartys, Cocktailpartys, Tanzpartys, After-Work-Partys, Toga-Partys…“Er wurde leise. „… Sexpartys!“ Er schaute nach, ob das Besagte bei Matthias Hohner etwas bewirkte. Hohner bemerkte es und tat erstaunt. Er hatte nicht richtig hingehört, denn er beobachtete eine Maschine auf dem Bildschirm, die immer die gleichen Löcher in Blech drückte. Bei vielen Worten fragte sich Hohner, ob er sie schon gehört hatte und ob ihm der Zusammenhang noch einfiel. Und wenn er sich dann eingestehen musste, dass er es nicht wusste, war sein Gesprächspartner bereits ein paar Sätze weiter und Hohner hatte den Anschluss verpasst. „Hier auf der Etage müsste man auch mal so etwas organisieren.“ – „Sie meinen eine Geburtstagsparty?“ – „Mensch Hohner, jetzt seien Sie mal nicht so langatmig. Wer redet denn hier von Geburtstagspartys…“ – „Ich dachte, Sie hätten…“ – „Ein bisschen mehr Konzentration, wenn ich bitten darf. Es geht hier um Sexpartys, oder wie man diskreter sagt: ‚Kuschelpartys!“ – „Hier auf dem Stockwerk?“ – „Ja, das wäre doch mal eine angenehme Abwechslung.“ – „Kuscheln mit Schwester Helene?“ Mahler erschrak richtig, als Hohner dies sagte. „Schwester Helene!“ Sofort senkte er seine Stimme wieder. „Hohner, Sie haben ja alles vergessen. Müssen wir bei den Blumen und den Bienen anfangen?“ Hohner schaute ihn fragend an. „Blumen und Bienen? Klapperstorch? Nie gehört? Nein, sagen Sie nichts.“

Mahler überlegte, ob er Hohner in dieses Neuland einführen sollte. Er hatte eh‘ nichts Besseres zu tun. „Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt?“ Hohner dachte nach und zeigte dann auf seine Brust. „Ja, Hohner, das ist doch schon mal ein guter Anfang. Das heißt ’sekundäres Geschlechtsmerkmal‘. Oder, wie wir Experten es nennen, ‚Titten‘.“ – „Titten“, wiederholte Hohner lächelnd, während auf dem Bildschirm eine Militärübung der nordkoreanischen Armee gezeigt wurde.

(313) Als Matthias Hohner wieder auf seinem Zimmer war, unternahm er einen weiteren Versuch.

Als Matthias Hohner wieder auf seinem Zimmer war, unternahm er einen weiteren Versuch. Er öffnete den Akkordeonkoffer, nahm das Instrument heraus und legte sich die Tragriemen an. Er setzte sich auf den Stuhl und nahm das Akkordeon auf den Schoß. Es war ein Hohner Atlantic mit 41 Tasten.

Hohner löste die Haltegurte am Balg und zog das Instrument auseinander. Er griff in die Tasten und Knöpfe und versuchte zu spielen. Aber es kam nur ein klägliches Fauchen aus dem Akkordeon. Er drückte und zog den Balg hin und her, aber es ertönte alles, nur keine Musik. Traurig steckte er den Gurt wieder fest und stellte das Akkordeon zurück in den Koffer. Gerade in dem Augenblick kam Schwester Helene mit dem Essen herein. Sie betreute Hohner, seit er mit seiner Amnesie in das Heim eingeliefert worden war. „Ging es nicht?“ Hohner schüttelte traurig den Kopf. „Das tut mir leid“, sagte Schwester Helene. „Vielleicht ist es ja auch nicht Ihr Instrument. Es wurde bloß in Ihrer Nähe gefunden. Ich glaube, mit dem Akkordeonspielen ist es wie mit dem Radfahren. Wenn man es einmal kann, verlernt man es nicht.“ Sie stellte das Tablett auf den Tisch und ging wieder hinaus.

Hohner setzte sich an den Tisch, goss Kaffee aus der Kanne in die Tasse und biss in das Wurstbrötchen. Eigentlich gefiel ihm der Name ‚Matthias Hohner‘ gut. Er gab ihm Kraft. Es war unglücklich, dass der Grund für diesen Namen anscheinend nichts mit seinem Leben zu tun hatte. Er trat mit dem Fuß nach dem Koffer und er fiel um. Er konnte sich gut vorstellen, dass er in einem früheren Leben, lustvoll auf Veranstaltungen Akkordeon gespielt hatte. Vielleicht sogar in einem Orchester. Zumindest war die Hohner Atlantic, so sagte man ihm, ein beliebtes Orchesterinstrument.

Nachts hatte er öfters einen Albtraum, in dem er mit umgeschnalltem Akkordeon in einem verlassenen Haus war, und man zwang ihn zu spielen. Er ging durch das Haus und musizierte was der Balg hergab. Und irgendwann wachte er auf und es schien ihm, als ob er noch die letzten Noten des gespielten Liedes hörte. Herr Mahler, ein verrückter Zausel, der auch im Heim wohnte, hatte ihn gefragt, was ein Optimist sei. Hohner hatte mit den Schultern gezuckt. „Ein Akkordeonspieler mit einem Pager“, hatte Mahler gesagt und vor Lachen geprustet. Hohner hatte den Witz nicht verstanden. Was war denn ein Pager?

Aber er war definitiv kein Akkordeonspieler. Wer war er nur? Auch die junge Frau, war ihm bekannt vorgekommen. Aber alle anderen mussten wohl recht haben, dass er sie noch nie gesehen hatte. Er konnte ja nicht der Einzige sein, der die Wahrheit kannte und alle anderen irrten sich. Es war wahrscheinlich anders rum. Er sollte das Akkordeon verkaufen. Vielleicht hatte Herr Mahler ja Verwendung dafür. Optimist zu sein, war ja nicht schlecht. Herr Mahler würde bestimmt auch einen Pager finden.

(312) Ich versuche, mich zu erinnern.

„Ich versuche, mich zu erinnern“, antwortete der Unbekannte und ließ Greta Danner, die immer noch am Fenster stand, nicht aus den Augen. „Woran?“, fragte Erik Danner verblüfft. „Genau das will ich ja wissen“, antwortete der Mann. „Aber sie beunruhigen meine Tochter. Wer sind Sie?“ – Der Mann schaute Danner hoffnungsvoll an. „Dann hat sie mich also erkannt?“ – „Naja, Sie stehen ja ständig hier.“ – „Nein, von früher. Wer bin ich?“

Nachdem Danner noch einige Zeit vergeblich auf den Mann einredete, nahm er sein Mobiltelefon und rief die Polizei. Als der Streifenwagen kam und zwei Polizisten ausstiegen, bemerkte der Unbekannte sie nicht einmal. „Aha“, sagte der eine Polizist, „Matthias Hohner. Mal wieder.“ – „Sie kennen den Mann?“, fragte Danner. Er erklärte die Situation noch einmal. Er zeigte nach oben zu seiner Tochter, die immer noch am Fenster stand und nach unten winkte. Wieder winkte Matthias Hohner zurück.

„Herr Hohner, Sie kommen jetzt mit uns mit“, sagte der andere Polizist. „Nein“, sagte Hohner. „Ich will wissen, wer diese Frau ist.“ – „Sie ist meine Tochter“, sagte Danner, „und sie will nichts mit Ihnen zu tun haben.“ – „Aber wer bin ich?“. Danner wandte sich an den ersten Polizist. „Ist er verrückt?“ Der Polizist wog den Kopf hin und her. „Er ist verwirrt. Er ist in dem Krankenhaus da vorne untergebracht, aber von Zeit zu Zeit büxt er aus. Eigentlich harmlos, aber man weiß es nicht.“ Hohner diskutierte mit dem anderen Streifenbeamten und wehrte sich, als dieser seinen Koffer nehmen wollte, um ihn in den Kofferraum zu legen. „Wir haben ihn vor etwa drei Monaten im Park gefunden und er wusste nicht, wer er war. Er hatte keine Papiere dabei und auch sonst nichts. Nur den Koffer mit dem Akkordeon.“ Jetzt erkannte Danner, dass der Rollkoffer die Form eines Akkordeons hatte. „Und weil auf dem Akkordeon die Marke stand, Matthias Hohner, haben wir ihm das Pseudonym gegeben. Nur bis herauskommt, wer er denn eigentlich ist.“ Der andere Polizist hatte einen Schokoriegel aus dem Wagen geholt und hielt ihn Hohner hin. Hohner wollte danach greifen, aber der Polizist zog den Riegel wieder weg. „Wenn Sie mit uns kommen, Herr Hohner, dann bekommen Sie den Riegel. Aber Sie müssen schon nett mit uns sein. Wir bringen Sie wieder in Ihr Zimmer zurück.“ Hohner schaute nach oben, aber Greta war nicht mehr am Fenster. Dann blickte er wieder zum Polizisten, der den Schokoriegel hochhielt. „Na gut“, sagte er und setzte sich auf die Rückbank des Wagens. Der Polizist gab ihm den Riegel und schloss die Tür. Sie legten noch das Akkordeon in den Kofferraum und verabschiedeten sich von Danner. Als der Streifenwagen losfuhr, schaute Hohner aus der Rückscheibe Danner an. Er winkte ihm zu. Danner winkte zurück. Dann war der Wagen weg und Danner ging wieder hoch zu seiner Tochter.

(311) Als Danner bei dem Apartmenthaus ankam, in dem Greta wohnte, schaute er sich um.

Als Danner bei dem Apartmenthaus ankam, in dem Greta wohnte, schaute er sich um. Er sah niemand, der davor oder auf der anderen Straßenseite herumlungerte. Greta war nervös, weil sie im letzten Jahr ihres Studiums war und intensiv das Examen vorbereitete. Englische Literatur war ihr Thema. Da konnte es schon mal vorkommen, dass man überreagierte, dachte Danner, als er sich an der Sprechanlage identifiziert hatte und der Summer ertönte. Oben musste er noch einmal läuten und sagen, wer er war, bevor sie ihn hereinließ. „Ich habe niemand unten gesehen“, sagte Danner. Greta war wirklich sehr aufgeregt. Sie umarmte ihn und sagte, dass sie froh war, dass er sofort gekommen war. „Ja klar“, meinte er beiläufig.

Er und seine Tochter hatten ein Abkommen. Sie fragte ihn nicht nach dem Fortschritt seines neuesten Buches und er fragte sie nicht, wie ihr Studium lief. Jeder erzählte nur dann etwas, wenn er oder sie es für notwendig hielt. „Magst du einen Tee?“ Er nickte und setzte sich im Wohnzimmer auf die Couch. Auf dem niedrigen Tisch lag ein Fotobuch über England vom English Heritage. Er blätterte es auf. „Bist du jetzt in Canterbury fertig oder musst du noch einmal hin?“, rief er in die Küche. „Ich bin fertig. Außer, ich hänge noch ein PhD dran. Aber keine Angst, das habe ich nicht vor.“ – „Ich rede dir da nicht rein, Greta. Wenn du jemand findest, der es dir finanziert…“ – „Nein, ich will jetzt arbeiten. Es reicht jetzt mit der Büffelei.“ Greta kam mit einem Tablett herein und stellte Tassen, Milch und Zucker auf den Tisch. „Warst Du mal in Denge?“, fragte er und zeigte ihr die Seite im Buch. „Nein, wegen dieser Betonschüsseln? Warum? Schreibst du darüber?“ – „Vielleicht kann ich es verwenden, ich weiß es noch nicht.“ – „Da! Da ist er wieder!“ Greta stand am Fenster und deutete nach unten. Danner warf das Buch auf das Sofa und sprang auf. Sie zeigte auf einen Mann mit einem beträchtlichen Bauchumfang, der auf dem Bürgersteig gegenüber stand und heraufschaute. Neben ihm stand ein Rollkoffer. „Das ist der Mann! Er schaut wieder rauf!“ Danner sagte nur „Bleib hier, ich gehe runter“ und stürmte aus der Wohnung. Der Aufzug kam nicht und so lief er, so schnell er konnte, die Treppe hinunter. Aber Danner hätte sich nicht beeilen brauchen, der Mann stand immer noch da und schaute nach oben. Danner überquerte die Straße. Oben konnte er Greta hinter dem Fenster sehen. Er winkte ihr zu. Sie winkte zurück. Dann winkte der fremde Mann ihr ebenfalls zu. Er nahm wohl an, dass der Gruß ihm gegolten hatte. Der Mann war altmodisch und etwas ärmlich gekleidet, allerdings sehr sauber. Er trug eine grüne Strickjacke, die seinen massigen Leib umfasste, darunter ein weißes T-Shirt und an den Beinen eine graue Anzughose. Danner stellte sich vor ihn und fragte: „Was machen Sie hier?“ Er tilgte jegliche Aggressivität, die er durchaus verspürte, aus seiner Stimme, denn er wusste nicht, wie der Unbekannte reagieren würde.