Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Oktober, 2017

(259) Als George Henderson Sydney erkundete, kam er zu einem Stand an einer Straßenecke.

Als George Henderson Sydney erkundete, kam er zu einem Stand an einer Straßenecke. Der Stand war eine Art Holzkasten und darüber hing ein Banner mit der Aufschrift „Kommen SIE in den Himmel? Nach 2 Fragen wissen Sie die Antwort!“ In dem Kasten saß eine Frau und las ein Buch. Im Gegensatz zu Helen war George kein gläubiger Mensch. Natürlich wäre es schön, Helen noch einmal im Jenseits zu treffen, aber er erwartete es eigentlich nicht. Er ging weiter.

Als er später am Tag auf dem Weg zurück zum Schiff wieder an dem Stand vorbeikam, saß die Frau immer noch in dem Kasten. Auf dem Namensschild auf ihrer Brust stand ‚Alice‘. Er ging zu ihr. Sie schaute auf und lächelte ihn an. „Ich möchte die Antwort wissen“, sagte George. „Aber natürlich“, antwortete Alice. „Sind Sie Christ?“, fragte sie. „Ja. Spielt das eine Rolle?“ – „Nun, für den Test schon. Ich kann nicht für andere Religionen sprechen.“ Sie fragte nach seinem Vornamen, er gab ihn ihr. „Sind Sie bereit, George?“ – „Ja, ja.“

Sie legte ihm ein laminiertes Papier vor, schaute ihn an und drehte dann das Blatt um. „Das ist die erste Frage.“ Auf dem Blatt stand: ‚Das ist die erste Frage: Glauben Sie, dass Sie nach Ihrem Tod in den Himmel kommen?‘ Darunter gab es zur Auswahl ‚Ja‘, ‚Nein‘, ‚Ich hoffe es‘ und ‚Ich weiß es nicht‘. „Nehmen Sie sich Zeit. Was glauben Sie?“ George zuckte mit den Schultern und sagte: „Nein.“ Das schien Alice zu verwirren. „Warum Nein? Wenn Sie es wissen, warum wollen Sie den Test machen?“ – „Nun, ich wollte hören, was Sie glauben.“ – “ So geht das nicht, George. Wenn Sie den Test machen wollen, dann heißt das doch, dass Sie überzeugt sind, dass Sie in den Himmel kommen.“ – „Bin ich aber nicht und ich mache den Test doch gerade. Wie geht es weiter?“ – „So kann ich nicht weitermachen.“ George war etwas verärgert, was ihm aber auch peinlich war. Alice schien ein netter Mensch zu sein. „Also, was müsste ich sagen, damit wir weiterkommen? Ja?“ – „Ja, Sie müssten Ja sagen.“ – „Ja.“ – „Sie sagen Ja?“ – Ja, ja doch.“ – „Also gut, George.“ Alice legte ein zweites laminiertes Blatt vor ihn und drehte es um, als sie sicher war, dass George konzentriert war. Darauf stand: ‚Warum glauben Sie das?‘ Es gab darunter sieben Auswahlmöglichkeiten: ‚Ich habe immer die Zehn Gebote befolgt‘; ‚Ich gehe jede Woche zur Messe‘; ‚Ich glaube an Gott‘; ‚Ich bin ein guter Mensch‘; ‚Ich gab immer mein Bestes‘; ‚Ich habe nie jemanden verletzt‘; ‚Sonstige‘. George überlegte. „Ich gab immer mein Bestes“, sagte er schließlich. Alice schüttelte den Kopf. „Ich komme nicht in den Himmel?“ – „Nein, George, nicht mit der Antwort.“ – „Ich habe es geahnt“, sagte er. „Was wäre denn die richtige Antwort gewesen? Nur so aus Interesse.“ Alice zeigte auf ‚Sonstige‘. „Was, das wäre es gewesen? Das kann nicht Ihr Ernst sein.“ – „Naja, sie hätten noch erklären müssen, was das Sonstige ist.“ – „Sie machen es spannend. Was ist das ‚Sonstige‘ denn?“ Alice schaute ihn prüfend an. „Können Sie es als Christ denn nicht erahnen? Es ist unser Herr Jesus Christus. Nur durch ihn kommen wir in den Himmel.“ – „Verdammt“, sagte George und Alice‘ Miene verdüsterte sich.

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(258) Auckland, das hätte auch Helen gefallen.

Auckland, das hätte auch Helen gefallen. George Henderson stand an der Reling und schaute auf die Silhouette der Stadt. Er hatte keine Lust darauf, sich die Akrobaten anzuschauen, die gerade weiter hinten eine Show abzogen. Er wollte die Ruhe genießen und auf die Stadt schauen, so wie er es sonst auch mit Helen gemacht hätte. Ja, es hätte ihr gefallen. Sie hatte die Kreuzfahrt ja auch ausgesucht. 94 Tage von Los Angeles nach Bombay. Sie hatte sich sehr darauf gefreut. Sechs Monate hatte sie sich gefreut und dann vor 127 Tagen der Unfall. Sie war dann einfach weg, wie aufgelöst in einem Zeitwirbel. Die Reise hatte er komplett vergessen, natürlich. Bis er die Erinnerung mit dem Flugschein nach L.A. im Briefkasten hatte. Für eine Stornierung war es zu spät und Helen hätte ihm gesagt, dass er die Reise antreten sollte. Um ihretwegen. Das hatte er dann auch getan. Es war eine Gelegenheit, sich zu fragen, was er mit dem Rest seines Lebens anfangen sollte. Mit 67 Jahren gab es nicht mehr so viele Möglichkeiten. Vielleicht würde er sie ja bald wiedersehen, irgendwo.

Die erste Woche, auf der Fahrt nach Hawaii, hatte er sich ganz gut gefühlt. Der Wind an Deck, das helle Licht… Es hatte seine Lebensgeister wieder geweckt. Nach Hawaii fühlte er sich schuldig, dass er da war und sie nicht. Sie hatte diese Reise gewollt und sie hätte sie auch verdient. Er war da nur reingerutscht. Fast per Zufall. Als die Serendipity den Äquator überquerte, gab es ein kleines Fest, bei dem Neptun, eigentlich der 1. Offizier, die Äquatortaufe vornahm, bei allen, die noch nie den Äquator überquert hatten. George hatte sich verkrümelt und war unter Deck geblieben. Helen hätte natürlich mitgemacht. Hätte sich einsauen lassen und wäre als „Glitzernder Goldfisch“ in den Pool gesprungen. Ihr zuliebe hätte er auch mitgemacht, aber so hatte es keinen Zweck. Danach war die Serendipity durch die unendliche Südsee gefahren, vorbei an dem ganzen Gekröse von französischen Inseln.

Auckland, darauf hatte Helen sich sehr gefreut. Und auf Bali, Hong Kong und Thailand. Würde er jetzt den Rest seines Lebens darauf achten, was Helen Freude gemacht hätte und sich selbst danach ausrichten? In den ersten Wochen nach dem Unfall hatte er den Eindruck, dass sie ihn von irgendwoher beobachtete, ihm zur Seite stand. Aber das war ja nicht die Wirklichkeit. Sie war einfach weg. Nach ihrem Verständnis war sie jetzt im Himmel. Saß auf einer Wolke, spielte Harfe und flatterte mit den Flügeln.

Die Darbietung der Akrobaten schien beendet. Alle strömten von Bord, um sich Auckland anzusehen. Seufzend schulterte er seinen Rucksack und ging hinüber zu den anderen Passagieren, die sich nach unten zum Ausgang bewegten.

(257) Die Affenfäuste hast du ganz toll geknotet

„Die Affenfäuste hast du ganz toll geknotet“, sagte Gene, als er Joshuas Poi-Seile überprüft hatte. Heute war Joshuas großer Tag: Er durfte ein Jonglierkunststück vorführen auf einem Kreuzfahrtschiff, das im Hafen von Auckland anlegte. Gene und die ganze Akrobatentruppe „The Spinning Pois“ hatte er kennengelernt, als sie in seiner Schule eine Vorführung gemacht hatten. Am Ende hatte Gene gefragt, ob eines der Kinder selbst einmal versuchen wollte. Joshua hatte sich gemeldet und unter Genes Anleitung hatte er die dicken Knoten an den Seilenden richtig zum Rotieren gebracht. Gene hatte ihm für den Sommer eine Art Assistenzfunktion angeboten und Joshuas Mutter war einverstanden gewesen, aber erst, nachdem Gene mit einem Blumenstrauß zum Kaffee vorbeigekommen war. In den letzten drei Wochen hatte Joshua sehr viel dazugelernt, sowohl bei den Auftritten der Gruppe als auch beim Training mit Gene. Bei den Auftritten zeigten die Akrobaten verschiedene Kunststücke, vom Jonglieren mit Bällen und Keulen, Einrad fahren, Feuerschlucken und natürlich den Poi-Kunststücken, auch mit Feuerkugeln. Meistens für Touristen und oft auf den großen Schiffen, die im Hafen anlegten. Jetzt hatte Joshua, mit Genes Hilfe, eine eigene Routine entwickelt, die daraus bestand, dass er die Knoten in verschiedenen Mustern herumwirbelte, sie überkreuzte und sich dabei um die eigene Achse drehte. Vor einem Monat hätte er nie geglaubt, dass er das selbst konnte. Auch Gene war beeindruckt und deshalb sollte Joshua zum ersten Mal seine Routine vor Publikum aufführen.

Das Kreuzfahrtschiff hieß Serendipity und war riesig. Als die Akrobaten oben auf Deck angekommen waren, schaute Joshua über die Reling nach unten. Die Mole und die Menschen darauf schienen ihm ganz klein zu sein. Schade, dass er seine Mutter nicht mitbringen konnte.

Die Touristen standen im Halbkreis um die Fläche, auf der die Akrobaten ihre Darbietungen brachten. Viele von ihnen hatten schon Rucksäcke und Jacken dabei, als ob sie gerade im Aufbruch waren. Gene begann mit einer Jongliernummer, die einfach begann und sich dann immer weiter hochschraubte. Dann kamen Jonglagen zu zweit und zu dritt. Joshua bemerkte, dass die Zuschauer zunehmend unruhig wurden und den Akrobaten nicht richtig zuschauten. Immer mehr von ihnen gingen weg. Dann kam ein Mann in einer weißen Uniform und sprach mit Gene. Er gab ihm einen Umschlag.

Kurz darauf, nach dem Feuerschlucken, war der Auftritt beendet. „Es tut mir leid, Joshua. Die Zeit war zu kurz, wir mussten leider abbrechen. Diese Regel hatten wir in deinem Unterricht noch nicht: Wir Artisten dürfen unser Publikum nie langweilen. Das nächste Mal hast du deinen Auftritt. Versprochen!“ Joshua nickte und sah etwas traurig aus. Aber irgendwie war er auch erleichtert. Beim nächsten Mal, da würde er es allen zeigen.

(256) Steffen suchte Zuflucht auf dem Klo.

Steffen suchte Zuflucht auf dem Klo. Wenigstens hier war er vor seiner Familie sicher. Immer diese Fragen, ob er bald einen neuen Job haben würde, warum das denn so schwer sei. Das geheuchelte Mitgefühl, dass es noch nicht geklappt hatte, trotz seines Studiums und seiner ach so hohen Intelligenz. Familienfeiern waren die schlimmste Folter überhaupt und sie hinterließen nicht einmal sichtbare Spuren.

Als Steffen mit heruntergelassener Hose auf der Klobrille saß, bemerkte er, dass er immer noch die Affennase trug. Er nahm sie ab. Er schaute sich die Pappmaske von allen Seiten an. Den Affen machen, fiel ihm dazu ein. Vielleicht hatte er deshalb unbewusst gerade diese Maske ausgewählt. Er machte den Affen hier. Oder hieß es, dass er den dressierten Affen gab. Das wahrscheinlich auch. Aber auch Leute mit Elefantenrüsseln im Gesicht machten sich zum Affen.

Hannes war nicht wirklich eine Stimmungskanone. Wäre wahrscheinlich auch lieber woanders. Warum gehe ich nicht einfach mit ihm einen trinken, dachte er. Sein Schwiegervater war schon in Ordnung. Aber halt, war er das wirklich oder glaubte Steffen das nur, weil Hannes genauso unglücklich wirkte wie er. Beide standen sie rum und hielten Maulaffen feil, während um sie herum der Zirkus in der Stadt war. An Lieselotte schien Hannes auf jeden Fall keinen Affen mehr gefressen zu haben. Das war wahrscheinlich auch die Zukunft, die ihm bei Patricia blühte. Früher war sie ja stolz auf ihn gewesen. Es hatte ihrem Affen Zucker gegeben, mit ihm zusammen zu sein. Damals war auch er noch ein anderer. Und jetzt war sie manchmal wie vom wilden Affen gebissen. Tobte rum und war unzufrieden.

Sehr gut. Die Affenmaske passte wie die Faust aufs Auge. Er war auf dem Planet der Affen. Aber zumindest wusste er, dass er die ganze Zeit über auf dem gleichen Planeten gewesen war.

Was gab es sonst noch mit ‚Affe‘? Mich laust der Affe. Stimmte auch. Seit Jahren schon lauste er Steffen. Die ganze Zeit über dachte er, wann geht es denn endlich los? Wann passiert etwas? Und dann ist schon Halbzeit oder schlimmer. Und manchmal hatte er einen Affen sitzen oder kaufte sich einen. War das nicht der einzige Weg, es auf diesem Affenfelsen auszuhalten? Immer saß jemand über dir und schiss auf dich hinunter. Und irgendwann: Klappe zu, Affe tot. Irgendwann schon, hoffentlich nicht allzu bald.

Der Druck im Darm ließ nach und Steffen stellte fest, dass er auf der Brille saß, wie der Affe auf dem Schleifstein. Als er fertig war, stand er auf und blickte hinter sich. ‚Scheiße‘, dachte er angeekelt, ‚das sieht ja aus wie eine Affenfaust.‘

(255) Lieselottes 53. Geburtstag sollte lustig werden.

Lieselottes 53. Geburtstag sollte lustig werden. Nicht wieder so eine fade Familienfeier, hatte Patricia, ihre Tochter, gesagt. Deshalb hatte sie mit ihrer Tochter Thea, Lieselottes Enkelin, eine Überraschung ausgeheckt. Eigentlich war es Theas Idee gewesen, sagte Patricia. Auf jeden Fall sollte jeder bei der Party eine Tiernase tragen. Das war schon bei der Fastnachtsfeier der Schule der Renner gewesen. Steffen, Theas Vater, hatte nur den Kopf geschüttelt, aber Patricia meinte, dass das gut sei, wenn Thea selbst Ideen hatte und umsetzte.

Für ihre Großmutter hatte Thea eine süße Schweinsnase ausgewählt. Lieselotte freute sich mit ihrer Enkelin und posierte gut gelaunt mit ihr für Fotos, die Patricia schoss. Thea hatte sich eine Mausnase umgeschnallt. Auf einem Tisch lag die ganze Auswahl davon: Katze, Elefant, Affe, Ente, Hund, Tukan… Jeder durfte sich nehmen, was er wollte oder was noch übrig war. Steffen hatte sich eine Affenschnauze genommen. Irgendwie witzig war es schon, dachte er. Dann nahm ihn Lieselotte in den Arm und nannte ihn ihren affigen Schwiegersohn. Steffen war sich nicht sicher, was sie damit meinte. „Wo ist Hannes?“, fragte er, um das Thema zu wechseln. „Keine Ahnung“, antwortete sie und dann kam gerade Hannes zur Tür herein.

„Wo warst du?“, fragte Lieselotte Hannes, „Man vermisst dich.“ – „Ich musste noch zur Post“, sagte er. „Schon wieder? Wenn du Geburtstag hast, bekommst du von mir einen ganzen Bogen mit Briefmarken.“ – „Du siehst sehr attraktiv aus, mit der Schweinsnase“, antwortete er. „Was hat Vater dir denn zum Geburtstag geschenkt?“, fragte Patricia. „Er hat den Polstersessel, den ich neumachen ließ, abgeholt und bezahlt“, antwortete sie. „Das ist ja ein aufregendes Geschenk“, sagte Patricia.

„Opa, du musst dir auch eine Nase aussuchen“, meldete sich Thea. Sie führte Hannes zu dem Tisch, auf dem sie die Masken ausgelegt hatte. Es war nur noch eine Elefantenrüsselnase übrig. Keiner hatte sie haben wollen. „Du bist ein Elefant“, sagte Thea. Hannes musste in die Knie gehen und dann legte seine Enkelin ihm die Maske um. Patricia schoss ein Foto. Hannes versuchte noch, sein Gesicht zu verstecken, aber es war zu spät. Der Rüssel sah nicht besonders vorteilhaft aus. Er schaute sich im Spiegel und fand, dass der Rüssel wie ein schlaffer, faltiger Penis aussah. „Und ich bin der alte Sack, der dran hängt“, sagte er zu Lieselotte, die sich neben ihn gestellt hatte. Wortlos nahm sie ihm die Maske ab, setzte ihm ihre Schweinchennase auf und sich den Elefantenrüssel. „So besser?“, fragte sie. Aber dann brüllte schon Thea: „Das geht nicht, Oma, das Schwein bist du! Du darfst nicht einfach tauschen!“ – „Nein, nein“, sagte Hannes“, das Schwein bin ich.“ – „Und ich bin dann der Affe“, stellte Steffen fest.

(254) H. Scherbaum Postlagernd 45001 Essen.

H. Scherbaum Postlagernd 45001 Essen. Das war die Adresse, an die Hannes Scherbaum sich Post schicken ließ, die seine Frau nicht sehen sollte. Er hatte nämlich die Testausgabe einer neuen Zeitschrift bestellt: Sappho.

Er hatte gelesen, dass es eine Publikumszeitschrift gebe, die sich an lesbische Frauen wandte. Das interessierte Scherbaum ungemein. Daher die Bestellung. Den Vornamen hatte er abgekürzt, weil die Herausgeberinnen (er nahm an, dass es sich um Frauen handelte. Das musste es ja zwangsläufig sein!), vielleicht nicht an Männer verkaufen wollten. Er hatte zuerst Hannelore schreiben wollen, aber das hätte vielleicht zu Nachfragen bei der Post geführt. Bestimmt würde er nach dem Ausweis gefragt werden und Hannes ist nun mal nicht Hannelore. H. war ganz neutral.

Scherbaum fühlte eine große Verbundenheit zu Frauen. Ganz besonders zu Lesben, denn sie hatten ebenfalls eine große Verbundenheit zu Frauen. So hatten Lesben und er etwas gemeinsam. Das verband, fand er. Hätte er die Wahl, wäre er am liebsten selber gerne eine Lesbe. Er stellte sich vor, dass Lesben bestimmt oft, nein ständig Sex mit wechselnden Frauen hatten. Das fand er besonders aufregend. Seine Ehe mit Lieselotte dauerte jetzt schon ewig und aufregend war sie nicht gerade.

Auf jeden Fall freute sich Hannes Scherbaum darauf, die neue Zeitschrift in Händen zu halten. Er sagte sich, dass vier Tage nach der Bestellung die Sendung in der Post angekommen sein dürfte. Schließlich wollten die Frauen von Sappho ja ein Geschäft machen und je eher sie auslieferten, desto eher kamen die Abonnements. Hannes war sich fast sicher, dass er ein Abonnement abschließen würde. Das wäre bestimmt aufregend. Vier Tage hieß zwei Tage bis sein Brief bei Sappho angekommen war und zwei Tage für die Rücksendung. Am fünften Tag ging er zur Postfiliale in der Hachestraße 2. Das war neben dem Hauptbahnhof und dort kam er jeden Tag zweimal vorbei auf dem Weg ins Büro und zurück. Er stellte sich in die Schlange und als er dran war, legte er einen Zettel vor die Schalterbeamtin. Darauf stand ‚H. Scherbaum Postlagernd‘. „Ist etwas für mich angekommen?“, fragte er. Sie nahm den Zettel, ging zu einem Sortiertisch und schaute nach. Kopfschüttelnd kam sie zurück. Scherbaum kam jeden Tag zurück und jedes Mal das gleiche Ergebnis. Er zweifelte, ob das mit der Adressierung klappte und adressierte selbst ein Kuvert mit der gleichen Postlageradresse. Als er zwei Tage später wieder in der Hachestraße war, empfing ihn die Schalterbeamtin, die ihn mittlerweile schon gut kannte, mit einem Lächeln. „Es ist etwas für Sie angekommen, Herr Scherbaum.“ Zuerst hatte sein Herz einen Hüpfer gemacht, weil er dachte, es sei die Zeitschrift, aber dann war es wirklich nur sein eigenes Kuvert. Er bedankte sich und die Schalterbeamtin rätselte noch den ganzen Tag über, warum er sich nicht über den Brief gefreut hatte.

(253) Bisher hatte Rolf Nahmer noch nie eine Fokusgruppe bestehend aus Lesben geleitet.

Bisher hatte Rolf Nahmer noch nie eine Fokusgruppe bestehend aus Lesben geleitet. Er war Entwicklungsredakteur und arbeitete gerade an dem Projekt mit dem Arbeitstitel „Zapfo, das Magazin für die moderne Lesbe“. Mit ihm in der Runde saßen Micha (23), Patty (31) und Sanne (37). Nahmer hatte bei der Einführung herumgedruckst, weil er nicht wusste, wie er das Projekt beschreiben konnte, ohne bei seinen Gruppenmitgliedern ins Fettnäpfchen zu treten. Sanne hatte schließlich die Gruppe in die Hand genommen, indem sie sagte: „Also wenn ich das richtig verstehe, Ihr wollt eine Zeitschrift für Lesben machen, habt aber keine Ahnung davon. Richtig?“ Nahmer musste gestehen, dass das den Nagel auf den Kopf traf. „Prima“, feixte Sanne. „Wir haben zwar keine Ahnung vom Zeitschriftenmachen, aber mit dem Rest kennen wir uns prima aus. Was wollen Sie wissen?“ – „Gut“, sagte Nahmer und räusperte sich. „Schön, dass wir gleich konkreter werden können. Aus meiner Erfahrung braucht das immer ein bisschen bei… Aber lassen wir das. Welchen Themen würden Sie in einer Zeitschrift für… Ihre Zielgruppe finden wollen?“ – „News, die für uns relevant sind, wären mir sehr wichtig“, sagte Patty. „Ja, neue Filme, Ausstellungen, Bücher…“, pflichtete ihr Micha bei. „Natürlich auch Gesetze, Politik. Aus unserer Sicht, klar?“, fügte Sanne hinzu. Nahmer notierte eifrig. Die Fokusgruppe wurde zwar auch von Kameras hinter den Einwegspiegeln aufgezeichnet, aber das Schreiben gab ihm etwas zu tun und es sah aus, als ob er sich interessierte. Er hatte die Aschkarte gezogen mit dem Projekt. Zuerst waren alle Redakteure ganz wild darauf gewesen. Als es dann hieß, dass Sex nicht das wesentliche Thema sein würde, war der Enthusiasmus jäh zurückgegangen. Nahmer hatte das Projekt aufgedrückt bekommen, weil er im Urlaub war und sich nicht wehren konnte. „Was ist mit Mode?“, fragte er. Ablehnende Gesichtsausdrücke. „Dafür gibt es andere Zeitschriften, Lesben ziehen sich nicht wesentlich anders an als andere Frauen“, erklärte Patty. „Es sei denn, es geht um lesbische Designerinnen, das wäre dann schon wieder interessant.“ – „Das stimmt. Eigentlich alles, was Lesben machen interessiert. Ob das Filme sind oder Staudämme. Lebensbilder. Jederzeit gerne.“

„Wie ist es mit Erotik?“, fragte Nahmer und wurde schlagartig rot im Gesicht. Die Frage stand auf der Liste und er konnte sie nicht übergehen. „Gut und bei Ihnen“, antwortete Sanne ganz cool. Micha und Patty mussten lachen. „Nein, ich meine, ist das ein Thema für das Magazin?“ – „Naja, es gehört ja schon zum Leben dazu“, antwortete Patty. „Aber was stellen Sie sich genau vor?“ Nahmer hatte gerade Bilder im Kopf und zusätzlich zum Erröten brach ihm auch noch der Schweiß aus. „Ich weiß nicht. Tests von Sexspielzeug. Und so…“ – „Natürlich“, sagte Sanne. „Testberichte, jederzeit gerne. Wir wollen alle Details wissen!“

(252) Melia lag im Bikini auf der Terrasse ihres Sylter Ferienhauses und sonnte sich.

Melia lag im Bikini auf der Terrasse ihres Sylter Ferienhauses und sonnte sich. Tobias Hüfner stand innen hinter der geschlossenen Tür und betrachtete sie, während er an einer Telefonkonferenz teilnahm. Studien hatten herausgefunden, dass es eine Marktlücke für eine Frauenzeitschrift gab, die sich an lesbische Frauen wendete. Der Arbeitstitel war „Zapfo“, weil das zuständige Vorstandsmitglied Meinold Keitel den Namen ‚Sappho‘ nicht richtig aussprechen konnte. Bei der Telefonkonferenz sollte das weitere Vorgehen besprochen werden. Der Vorstandsvorsitzende war nur dabei, weil es ein, wie Keitel sagte, „sensibles“ Thema war. Hüfner sah sich dabei Melia an.

Sie sah genauso aus, wie er sich eine Frau wünschte. Vielleicht wäre alles einfacher, wenn sie nicht so reich wäre. Es war nicht einfach, zu wissen, dass sein Wohlstand für sie in Wirklichkeit nichts bedeutete. Aus ihrer Sicht war er wahrscheinlich auf der gleichen Ebene wie einer seiner Abteilungsleiter für ihn. Natürlich sagte sie, dass das nicht wichtig sei. Aber am Ende war es das doch. Sie war gewohnt, dass sie ihren Willen durchsetzte. Sie hatte bestimmt, dass sie doch zu der Vernissage des schrecklichen Kurt Kessler fuhren. Und natürlich war Melias Schadenfreude schnell versiegt, als Kessler behauptete, der Einsturz des Moai sei das eigentliche Ziel der Aktion gewesen und daraufhin von allen Besuchern Beifall erhielt. Sie war noch so naiv und auch so lebendig. Wie sie dalag in ihrem gelben Bikini, der zu groß geratenen Sonnenbrille und dem verwitterten Strohhut, den sie nur hier tragen würde…

„Sind Sie auch dieser Meinung, Herr Hüfner?“, fragte einer der anderen Teilnehmer der Telefonkonferenz. Hüfner sagte, dass er noch nicht verstanden hatte, wer denn die Zielgruppe von Zapfo sein sollte. Waren es wirklich lesbische Frauen oder waren es Männer, die gerne Zeitschriften für lesbische Frauen lasen? Das sollte man doch vorher wissen. Darauf entstand eine Diskussion der anderen Teilnehmer, allesamt Männer, wie eine Zeitschrift für Lesben auszusehen hätte.

„Ich habe jetzt einen Anschlusstermin“, sagte Hüfner ins Telefon. „Schicken Sie mir ein Update, wenn Sie sich geeinigt haben.“

Als er den Anruf beendet hatte, klingelte ihr Telefon. Ballade pour Adeline. Natürlich ironisch. Melia richtete sich auf. Sie lachte herzlich, strich sich durch das Haar. Normalerweise wollte sie von niemand gestört werden, wenn sie auf Sylt war. Es musste jemand sein, der ihr wichtig war. Wahrscheinlich ein Protegé, dachte Hüfner. Jemand, der alles tat, was sie wollte. Wegen des Geldes, wegen der Aura des Geldes. War er auch so? Wäre sie wirklich genauso attraktiv für ihn, wenn sie eine Sekretärin oder Verkäuferin wäre?

In der Ferne kamen Gewitterwolken heran. Heute Abend wollte er mit Melia ins Sansibar gehen. Dort würden sie bestimmt ein paar Leute aus der Branche treffen. Das würde ihm guttun. Melia hatte ihm versprochen, dass er bestimmen konnte.

(251) Der Manager und die Sammlerin.

Der Manager und die Sammlerin. So nannte man sie. Beide bekannt aus TV und Presse, schön und wohlhabend. Nun ja, Melia Janoschek war reicher als er, Tobias Hüfner. Als Konzernchef zählte er zwar zu den Top Ten-Verdienern der Nation, aber er hatte halt kein geerbtes Vermögen hinter sich, nicht so wie Melia. Eigentlich war es kein Thema zwischen ihnen, aber er musste trotzdem immer wieder daran denken.

Melia kam aus ihrem Haus, er stieg aus dem Auto. Sie umarmte ihn, er küsste sie. Natürlich gafften Passanten und einige machten auch Fotos. Er war es schon gewöhnt. Er wollte es genießen, denn er war jetzt auf der Sonnenseite des Lebens angekommen. Die Scheidung von Marieluise war unterwegs und er brauchte sich endlich nicht mehr zu verstellen.

„Wie war dein Tag?“, fragte er. Sie erzählte von ihrem Termin mit Runte. „Sein Projekt sah wirklich gut aus. Ich meine, wenn sich ein Bild einmal so eingebrannt hat, dann ist das schon immer ein gutes Kriterium, um bei mir in die Sammlung aufgenommen zu werden.“ Hüfner nickte. „Wir fahren jetzt zu dieser Skulpturen-Vernissage, ja?“ – „Genau. Cuvrystraße/ Ecke Schlesische Straße. Ein Projekt von Kurt Kessler. Er hat da einen Moai gebaut.“ – „Das ist doch schön, ich wollte schon immer zur Osterinsel, aber es war mir zu weit. Kurt Kessler macht es möglich.“ Sie lachte und erzählte von einem anderen Projekt, an dem sie arbeitete. Hüfner hörte weg. Manchmal nervte sie mit ihrer Art als verwöhntes Gör. Sie hatte sich nie für etwas ins Zeug legen müssen. Andererseits war sich Hüfner nicht mehr so jung vorgekommen, seit er denken konnte. Er war nicht mehr nur der alte Sack, der diesen Medienkonzern leitete und von dem in der Wirtschaftspresse geschrieben wurde. Nein, er war zu einer richtigen Präsenz geworden. Ohne sie wäre das nicht möglich gewesen.

Als sie in die Schlesische Straße einbogen, sahen sie schon von Weitem das Blaulicht an der Cuvrystraße. Autos stauten sich auf und es ging nicht weiter. „Das muss ja eine große Vernissage sein. Kurt Kessler zieht mal wieder ganz extrem“, sagte sie. Irgendwie hatte sie ihm immer noch nicht verziehen, dass er kein Projekt mit ihr machen wollte. Die Vernissage schwänzen ging aber nicht, dafür waren zu viele wichtige Leute da. „Nein, da ist etwas passiert“, sagte Hüfner. Ein Polizist kam ihnen auf dem Motorrad entgegen. Hüfner fragte ihn, was denn los sei. „Dieser Betonklotz ist umjefallen und jetzt müssen alle erst einmal kieken, worauf er druff gefallen ist. Am besten Sie drehen um, hier jeht es erst mal nicht weiter.“ Hüfner schickte sich an, das Auto zu wenden. „Ach, das würde ich mir zu gerne ansehen“, meinte Melia schadenfroh. „Nein“, sagte er, „komm wir gehen ins Grill Royal.“ – „Nein“, sagte sie. „Ich will Kurt Kessler am Boden sehen. Am Wochenende auf Sylt kannst du bestimmen.“ Tobias Hüfner reihte sich trotz Protestgehupe des Hintermannes wieder in die Kolonne ein.

(250) Das war extrem mutig, Herr Runte!

„Das war extrem mutig, Herr Runte!“ Melia Janoschek war begeistert von den 66 Szenen aus Amerika, die Runte ihr gerade über ihre Beameranlage vorgeführt hatte. „Was mich so ein bisschen interessieren würde: Was haben Sie denn noch an weiteren Projekten in Planung?“ Runte wirkte etwas verstört. Er hatte gerade kein neues Projekt, da die Finanzierung von diesem noch völlig in der Luft hing. Er hatte das Projekt abgeschlossen und hoffte darauf, es verkaufen zu können, um seine Schulden zu tilgen. Erst dann würde er sich überhaupt Gedanken über ein neues Projekt machen. Eigentlich ging es ihm gerade ums physische Überleben. Melia Janoschek war ein aufstrebender Stern am Sammlerhimmel und man sagte, dass sie Geld ohne Ende in Kunstprojekte steckte.

Die junge Sammlerin schaute ihn verständnisvoll an, während sie auf seine Antwort wartete. Als er nichts sagte, meinte sie: „Ich wäre natürlich gerne bei dem Projekt von Anfang an dabei gewesen. Andy Warhol ist mein Gott. Es gibt niemand, der über ihm steht. Ich hätte natürlich nichts anders gemacht oder Sie beeinflusst. Aber ich wäre gerne dabei gewesen. Ich möchte mich mit Ihnen zusammensetzen und Ihnen mit allen Mitteln helfen, Ihr Projekt zu realisieren. Schade, dass das Projekt jetzt schon fertig ist. Vielleicht beim nächsten Mal.“ Bei Runte fiel der Groschen. „Nun, ganz fertig ist es noch nicht. Ich glaube, ich werde noch ein bisschen… ziemlich viel austauschen müssen. Mehr Variation oder die Szenen ineinander übergehen lassen… Solche Dinge. Das hier ist nur, wie soll ich sagen, Rohmaterial. Der Steinbruch aus dem ich, ich meine wir, etwas Großes machen können. Also mit Ihrer Hilfe würde das etwas ganz Tolles werden.“ Jetzt strahlte Melia Janoschek. „Das höre ich gerne, Herr Runte. Wenn das so ist, dann können wir, glaube ich, zusammenarbeiten. Was brauchen Sie denn alles, damit Sie das Projekt zu Ende bringen können?“ Runte wollte am liebsten Geld verlangen, aber er hatte Angst, dass das die Sammlerin abschrecken würde. Reiche Leute waren immer abgeschreckt, wenn man von ihnen Geld verlangte. Dabei war es meistens das Einzige, was sie auszeichnete. Er musste also eine Zeit lang noch weiter an den 66 Szenen arbeiten, bis seine Mäzenin den Eindruck hatte, dass es auch ihr Kunstwerk war. Dann konnte er es verkaufen. Aber bis dahin? „Ich brauche Platz“, log er, aber sie sprang sofort darauf an. „Platz? Sehr gut! Davon habe ich mehr als genug. Warum übernehmen Sie nicht eins von den Ateliers hier im Haus? Sie können dann auch gleich hier wohnen. Dann können wir viel leichter an dem Werk arbeiten. Was meinen Sie?“ Runte willigte freudig ein. Das war ein Glücksgriff gewesen, dass er das Gespräch noch so umbiegen konnte. Wenn er sagen konnte, dass er bei der Sammlerin Janoschek eingezogen war, würde sich seine Kreditwürdigkeit um ein Vielfaches erhöhen. Außerdem konnte er Wohnung und Atelier kündigen und Geld sparen. Vielleicht würde seine Mäzenin auch Karla einstellen. Sonst musste er sie gehen lassen, egal wie billig sie war. Es war eine Gelegenheit.

Frau Janoschek schaute auf die Uhr. „Herrje, jetzt muss ich aber gehen, ich werde abgeholt. Überlegen Sie sich das mit dem Einzug noch einmal und wir sprechen dann wieder. Extrem mutig, Herr Runte. Extrem!“ Dann war Runte aus dem Gespräch entlassen. Er fühlte sich etwas hilflos.