Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: September, 2017

(228) Das pelzige Gefühl im Mund war beim Aufwachen unangenehm.

Das pelzige Gefühl im Mund war beim Aufwachen unangenehm. Enno Piasta versuchte, die Zunge zu bewegen, um es loszuwerden. Aber es gelang ihm nicht. Sein Kopf fühlte sich wie in Watte verpackt an. Dann wurde ihm schlagartig klar, dass er wirklich etwas Pelziges im Mund hatte. Er spuckte es aus und öffnete gleichzeitig die Augen. Mit den Fingern wollte er Flusen aus dem Mund holen, aber er trug ebenfalls pelzige Handschuhe. Oder es waren seine eigenen Hände und über Nacht waren ihm blaue Haare gewachsen.

Sein Gehirn kam in die Gänge und er identifizierte den blauen Pelz an den Händen als Plüschhandschuhe, die er problemlos abstreifen konnte.

Piasta schaute sich um. Sein Blickfeld war eingeengt, so als ob er Drogen genommen hätte. Er war in einem Zimmer mit kahlen, beigegestrichenen Wänden und einem dunkelbraunen Teppichboden. Es gab ein Fenster und durch die heruntergelassenen Rollläden konnte er erkennen, dass es draußen hell war. Er saß auf dem Teppichboden mit dem Rücken gegen die Wand. Dann merkte er, dass er eine Art Plüschhelm trug, der ihm die Sicht einengte. Er konnte ihn ausziehen und stellte fest, dass es eine Krümelmonster-Maske war, die ihn aus großen Tischtennisball-Augen anstarrte. Überhaupt erkannte er jetzt, dass er ein Krümelmonster-Kostüm trug. Er hatte es vorher noch nie gesehen. Neben ihm lag eine leere Flasche Wodka. Das konnte seinen Zustand erklären.

Als Piasta aufstand, bemerkte er, dass zwischen ihm und der Wand noch ein Mann lag. Er trug einen Schottenrock und alles andere, was zu einer schottischen Tracht gehörte. Allerdings war sein Kilt hochgeschlagen und Piasta bemerkte, dass der Mann keine Unterhose trug und ihm seine Morgenlatte entgegenstreckte. Piasta wandte sich angewidert ab. Zwei weitere Männer schliefen im Zimmer. Einer trug ein Goofy-Kostüm, bei dem der Kopf halb abgerissen herunterhing. Er lag quer über einem schmalen Gästebett. Piasta drehte seinen Kopf, um das Gesicht des Mannes besser sehen zu können. Dabei wurde ihm fast schlecht. Den Mann selbst hatte Piasta noch nie zuvor gesehen.

Der vierte Mann im Zimmer trug ein fleischfarbenes Oberteil aus Nylon, in das muskelsimulierende Polster eingenäht waren. Dazu eine Badehose. Der Slawenhaken des Mannes kam Piasta bekannt vor, aber er konnte sich nicht genau erinnern.

Er stand auf und inspizierte den Rest der Wohnung. Insgesamt lagen dort zwölf Männer in ähnlichem Schlafzustand in der Wohnung. Sie alle waren unterschiedlich verkleidet. Manche kamen ihm bekannt vor, andere nicht. Piasta schaute durch die Rollladenschlitze hinaus und sah, dass er in einer ihm unbekannten Vorortstraße war. Er wollte so schnell wie möglich weg.

Im Schlafzimmer öffnete er den Kleiderschrank und musste dafür einen Mann im blauen Super Mario-Overall beiseiteschieben. Der Mann grunzte nur und schlief weiter. Im Schrank fand Piasta eine Jeans und ein weißes Hemd, die glücklicherweise seine Größe hatten. Er stieg aus dem Krümelmonster-Kostüm, zog sich um und verließ, so schnell er konnte, die unbekannte Wohnung.

Advertisements

(227) Gerade als Enno Piasta dachte, dass er nicht mehr weiter Treppen steigen konnte…

Gerade als Enno Piasta dachte, dass er nicht mehr weiter Treppen steigen konnte, hörte er leise Musik. Zuerst dachte er an Halluzinationen, doch dann wurde es lauter. Nach der nächsten Umrundung sah er auf dem Treppenabsatz weiter oben eine Tür, ähnlich wie die, durch die er in das unendliche Treppenhaus gelangt war. Durch diese Tür kam die Musik in den Schacht. Mittels einer Schablone war auf der Tür die Zahl ‚347‘ aufgemalt.

Er öffnete die Tür. „..want to go where the people dance, I want some action…“ Laute Discomusik empfing ihn. Hinter ihm fiel die Tür zu. Er ging einen Gang hinunter, an dessen Ende sich ein beleuchteter Durchgang befand, durch den die Musik kam. „I want to live!“

Als er durch die Öffnung durchging, sah Piasta, dass er sich in einer Disco befand, in der Hunderte von Menschen sich auf der Tanzfläche bewegten. Es gab farbige Schweinwerfer, die im Rhythmus der Musik flackerten und kreisten. Oben an der Decke hing eine riesige Discokugel, deren kleine Lichtblitze durch den Raum wanderten.

„Action… I have got so much to give.“ Einige der Leute auf der Tanzpiste kamen Piasta bekannt vor, aber er konnte sie nicht einsortieren. „I want to give it. I want to get some too.“ Jemand tippte Piasta auf die Schulter, er drehte sich erschrocken um. „I love the nightlife!“. Vor Piasta stand ein uniformierter Zugschaffner – derselbe, der vorhin seine Fahrscheine kontrolliert hatte.

„Personalwechsel. Die Fahrscheine, bitte.“ Der Schaffner wedelte mit der Lochzange vor Piastas Gesicht. Auf der Brust hatte er ein Namensschild auf dem ‚Kellermann‘ stand. „Ich… aber… Sie haben die doch schon kontrolliert…“ – „Personalwechsel!“, wiederholte der Schaffner bedrohlich. Seine Augen funkelten. Piasta klopfte seine Taschen ab und sah den Schaffner bedauernd an. „Wenn Sie keinen Fahrschein haben, dann muss ich Sie leider wieder hinausbegleiten.“ Der Schaffner kam auf ihn zu. Er war ein breitschultriger Mann mit einem buschigen Slawenhaken um den Mund herum. „Ich kann ja vielleicht einen neuen Fahrschein kaufen!“ Piasta wollte nach seiner Brieftasche greifen, aber er fand sie nicht. „Tut mir leid, mein Herr. Wir verkaufen keine Fahrscheine hier. Wenn Sie keinen haben, müssen Sie wieder dahin zurückgehen, wo Sie herkamen.“ Der Schaffner bugsierte Piasta mit dem Bauch wieder in den dunklen Gang zurück. Piasta wollte sich wehren, aber der Schaffner war unaufhaltsam. „Please don’t talk about love tonight. Your sweet talking won’t make it right.“ Piasta sprang zur Seite und wollte an der Betonwand entlang am Schaffner vorbeigehen, aber dieser fing ihn ab. Er hob seine Schaffnerzange und griff sich damit Piastas Wangenfleisch im Mundwinkel. Piasta schrie vor Schmerz auf. „Machen Sie keine Schwierigkeiten“, sagte der Schaffner ganz ruhig. „Ich habe noch nicht einmal geknipst!“ Er drückte Piasta gegen die Eisentür, an der sie jetzt angelangt waren. Der Schaffner streckte die Hand aus, um die Klinke zu drücken. Dann wurde es Piasta schwarz vor Augen.

(226) Enno Piasta hatte keine Lust, dem Jammern seines Abteilnachbarn weiter zuzuhören.

Enno Piasta hatte keine Lust, dem Jammern seines Abteilnachbarn weiter zuzuhören. Der Zug stand immer noch im Tunnel und es hatte keine Ansagen gegeben, wann es weiter gehen würde. Man hörte überhaupt kein Geräusch. Linge atmete schwer und es war klar, dass er in Kürze wieder genug Kraft hatte, um weiter seine jämmerliche Geschichte zu erzählen.

Piasta stand auf. „Ich gehe mir etwas im Speisewagen holen. Kann ich Ihnen etwas mitbringen?“ Linge schüttelte den Kopf und hob abwehrend die Hand. Wenigstens wollte er nicht mitkommen. In einem flüssigen Bewegungsablauf schlüpfte Piasta aus dem Abteil und schloss erleichtert die Schiebetür hinter sich zu. Der Seitengang war leer. Ein Schild wies den Weg zum Speisewagen. Die Abteile, an denen Piasta vorbeiging waren ebenfalls leer, dabei hatte er den Zug als gut besetzt in Erinnerung. Der nächste Waggon war ebenfalls menschenleer. Alle Waggons einschließlich des Speisewagens waren völlig verlassen. Piasta war verblüfft und fühlte sich, als ob er in einem Traum sei.

Eine Waggontür stand auf. Unterhalb, auf dem Schotter, sah er einen Frauenpumps liegen. So als ob eine Frau in Eile ausgestiegen sei, den Schuh im Schotter verloren und keine Zeit hatte, ihn zu suchen. Im Widerschein der Zugbeleuchtung sah er in der gegenüberliegenden Tunnelwand eine Öffnung. Nach kurzem Zögern stieg er aus und ging hinüber. Ein Windhauch fuhr durch den Tunnel und es klang, als ob ein wildes Tier darin atmete. Piasta beeilte sich und dann fiel schlagartig die Zugbeleuchtung aus. Es war völlig dunkel im Tunnel. Piasta tastete in der Nische umher und fand eine Eisentür, die er nur mit Mühe aufbekam, denn dahinter schien Überdruck zu bestehen. Wenigstens war es dort nicht vollkommen dunkel, eine schwachleuchtende Lampe hing an einer Betonwand. Piasta schien sich in einem Treppenschacht zu befinden. Rechts ging die Treppe hoch, links hinunter. Darüber und Darunter war es dunkel. In der Mitte des Aufgangs war ein Loch und davor ein rostiges Geländer. Er stellte sich ans Geländer, aber es war völlig dunkel. Er spuckte hinunter, aber hörte nichts. Es war kalt und feucht in dem Schacht. Dann sah er einen Kasten an der Wand. Er öffnete ihn und darin war eine Taschenlampe befestigt. Er schaltete sie ein und sie funktionierte, wenn auch nur schwach. Er leuchtete in den Mittelschacht hinunter, aber die Lampe war zu schwach, um die Dunkelheit zu durchbohren.

Piasta beschloss, der Treppe nach oben zu folgen. Der Schacht war quadratisch und an jeder Seite waren zehn Stufen. Es gab keine weiteren Türen an den Wänden und als er nach vielen Umrundungen nach unten schaute, konnte er das Licht vom Einstieg nicht mehr erkennen, wenn es denn überhaupt noch brannte. Durch die Feuchtigkeit und die Anstrengung war Piasta ins Schwitzen geraten. Gleichzeitig wurde ihm kalt, wenn er einen Moment pausierte. Mit den Fingern hatte er zählen wollen, wie oft er eine Umrundung vollendete, aber er hatte irgendwann den Überblick verloren. Es schien auch keinen Sinn zu machen, denn die Treppe war endlos.

(225) Linges Großvater war 1920 als Sohn eines Schlossers in Hamburg geboren worden.

Linges Großvater war 1920 als Sohn eines Schlossers in Hamburg geboren worden. Nach Volksschule samt Hitlerjugend und Landjahr begann er eine Maschinenschlosserlehre. Von 1939 bis 42 war er als unabkömmlich gestellt. Danach Soldatenausbildung in Dänemark und Anfang 1943 Entsendung als MG-Schütze an die Ostfront. Wurde verwundet und kam Ende 1944 nach Lübeck zu einer Genesungskompanie. Dort fiel er Ende April 1945 als einer der letzten, bevor die Stadt von den Briten erobert wurde. „Das scheint mir eine recht typische Lebensgeschichte für diese Zeit zu sein“, warf Piasta ein. „Das stimmt, aber es geht auch noch weiter.“ Linges Großvater hatte eine Schwester, Edeltraud, die geistig zurückgeblieben war. „Sie war nicht verrückt. Nur etwas langsamer. Verträumter. Mein Großvater mochte sie sehr. Als er einmal auf Fronturlaub kam, war Traudl nicht mehr zu Hause. Man hatte sie in ein Heim gebracht. Er ging sie besuchen. Die Umstände im Heim waren katastrophal, aber mein Großvater hatte schon damals so viel Schreckliches an der Ostfront erlebt, dass er nichts tat. Dann kam er noch einmal auf Fronturlaub und Traudl war sehr abgemagert, etwas verwahrlost. Aber er tat nichts und er musste bald auch wieder weg. Beim nächsten Feldurlaub war sie tot. Es gab kein Grab. Sie sei an Grippe gestorben. Und wieder hat er nichts getan.“ Es war sehr still in dem Abteil. Die Luft war stickig und man konnte kein Fenster öffnen. „Was glauben Sie?“, fragte schließlich Piasta. „Jeder wusste es. Sie war ermordet worden. Unwertes Leben. Ich fahre nach Hamburg, um mehr darüber herauszufinden. Ich will wissen, was mit Traudl passiert ist.“ Piasta dachte nach und sagte dann: „Wird wahrscheinlich nicht einfach sein, nach all den Jahren. Aber warum hat Sie das so mitgenommen? Entschuldigen Sie, ich wollte nicht respektlos klingen.“ Linge atmete schwer. „Die Frage ist…“ Seine Stimme stockte, als ob er bald weinen musste. „Die Frage ist berechtigt. Es ist… weil… Ich hatte auch eine Schwester. Gabi. Sie war wie Traudl, auch etwas… verträumt. Als Kind mochte ich sie sehr gerne, weil sie immer gute Laune hatte. Und irgendwann war sie weg. In einem Heim. Ich habe sie… Keiner in der Familie hat sie besucht. Glaube ich. Ich… nicht. Als ich zwanzig war, starb sie. Es war nur ein kleiner Satz. ‚Gabi ist jetzt tot‘. So wie ‚Heute Morgen hat es geregnet‘. Ein Satz, dem man keine Bedeutung beimisst. Gabi war tot und ich hatte nichts getan. Ich hatte sie nicht besucht. Nichts. Und erst als ich die Papiere wegen Traudl wiederfand, kam das alles hoch. Ich war tagelang wie gelähmt. Und jetzt muss ich nach Hamburg. Ich will zumindest aufklären, für mich begreifbar machen, was mit Edeltraud passiert war.“ Piasta nickte verständnisvoll. Dann legt er seine Hand auf Linges Handrücken: „Aber Sie konnten nichts dafür. In beiden Fällen nicht. Sie sollten sich keine Vorwürfe machen.“ Jetzt hatte Linge ganz feuchte Augen. „Edeltraud, ja, da war ich noch nicht geboren. Aber bei Gabi gab es mich schon. Und ich war nicht im Krieg. Ich war da, aber es hat mich nicht gekümmert.“ Linge atmete tief durch und setzte sich wieder auf. „Daran werde ich bis an mein Lebensende zu kauen haben.“

(224) Der Tobermory-Vorfall war der Strohhalm, der dem Kamel den Rücken brach.

Der Tobermory-Vorfall war der Strohhalm, der dem Kamel den Rücken brach. Nachdem Piasta seinen Chef von der Lage bei der Werbespotproduktion mit Ducky D. informiert hatte, wurde er von einem anderen Kreativen abgelöst. Dieser löste das Problem, indem er beim Dreh scheinbar auf Ducky D.’s Wünsche einging, nachher im Schnitt aber das Ergebnis herstellte, das der Kunde sehen wollte. Der Rapper mochte sich darüber später noch so sehr aufregen, laut Vertrag war es erlaubt. Aber davon bekam Piasta nichts mehr mit. Er wurde ins Büro zitiert und dort gab man ihm seine Papiere. Er war erleichtert. Eigentlich war er bildender Künstler gewesen, aber an der Akademie gescheitert. Der scheinbare Ausweg, in der Werbung Kunst zu schaffen, war nie aufgegangen und so war es eine gute Fügung, dass man ihn wie ein unverdautes Würstchen wieder ausspuckte.

„Ich bin jung und die Welt steht mir offen“, sagte sich der 29jährige. Enno Piasta packte zwei Koffer mit allem, was ihm wichtig war, schmiss den Wohnungsschlüssel ohne weitere Erklärungen in den Briefkasten seines Vermieters und fuhr mit dem Zug nach Hamburg. Es schien ihm erst einmal das richtige Ziel zu sein, für jemand, der die Welt erkunden wollte. Vielleicht würde er auf einem Schiff anheuern und von da aus in die Fremde reisen. Körperliche Arbeit wäre bestimmt das Richtige für ihn nach all den Jahren ausschließlicher Kopfarbeit.

Unterwegs stieg ein 50jähriger Mann zu und setzte sich im Abteil Piasta gegenüber. Der Mann trug ein kariertes Hemd, braune Hosen und eine altmodische Brille. Die beiden Männer waren alleine im Abteil und in ihre Gedanken vertieft. Plötzlich blieb der Zug mit kreischenden Bremsen in einem Tunnel stehen. Die beiden schauten sich fragend an und seufzten. Nach einer Viertelstunde kam eine Ansage, wonach Schafe in den Tunnel gelaufen seien und man auf die Feuerwehr warten müsse, um die Tiere zu finden und aus dem Tunnel zu geleiten. Danach kam erst einmal keine weitere Ansage. Es wurden langsam heiß im Abteil, da die Klimaanlage nicht mehr funktionierte. „Das ist ja blöd“, sagte Piasta. „Kann man sagen“, antwortete der andere Mann. Da sie jetzt eh miteinander redeten, stellten sie sich einander vor. Der Mann mit der Brille hieß Erwin Linge. Als ob ihn vorher der Triebwagen am Sprechen gehindert hätte, war Linge nach dem Stillstand umso mitteilsamer. „Fahren Sie auch nach Hamburg?“ Piasta nickte. „Meine Familie kommt ursprünglich aus Hamburg“, sagte Linge weiter. Er wirkte angespannt, registrierte Piasta. „Ich bin schon seit Langem weg. Ich weiß nicht, ob ich noch Verwandte da oben habe, aber vor vielen Jahren lebte meine Familie dort.“ Es war, als ob Linge seinen inneren Druck nicht mehr aushielt. „Sie fragen sich sicher, warum ich nach Hamburg fahre, wenn ich nicht einmal weiß, ob ich jetzt noch Familie da habe. Es geht um eine alte Geschichte, die ich in den Unterlagen meines Vaters gefunden habe. Briefe und so etwas. Er ist vor Kurzem gestorben, wissen Sie. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich Ihnen die Geschichte gerne erzählen. Sie sind der Erste, der davon hört.“

(223) Das ist der bescheuertste Werbespot, von dem ich je gehört habe.

„Das ist der bescheuertste Werbespot, von dem ich je gehört habe.“ Ducky D. war fassungslos. Nach der Entwöhnungskur durfte er keinen Alkohol mehr trinken. Die Leber war kaputt und der Arzt hatte gesagt, dass er zugrunde gehen würde, wenn er nicht damit aufhörte. Als Rapper war das seinem Image nicht zuträglich. Deshalb hatte Ducky D. eingewilligt, für Tobermory Single Peated in einem Werbespot aufzutreten. Die Marke war angesehen und früher hatte er das Zeug gerne getrunken. Flaschenweise, wenn er sich nicht irrte. Aber vieles von damals war für immer im Nebel verschwunden. Aber was ihm der Werbeheini von Tobermory gerade erklärt hatte, war völlig unmöglich. Damit würde er sich lächerlich machen. „Wie heißen Sie noch mal?“, fragte der Rapper. „Enno Piasta“, antwortete der Mann, der eher wie ein Buchhalter aussah, als wie ein Kreativer aus der Werbung. „Enno, ist das ein Bühnenname?“ Piasta schüttelte den Kopf. Er schluckte. „Egal. Enno, habe ich das richtig verstanden, wie Sie sich das vorstellen? Ich komme in eine Bar, weil ich einen Whisky trinken möchte. Soweit ok. Drinnen sind nur Frauen. Auch ok, gefällt mir gut. Die Frauen sind etwas nuttenhaft bekleidet und schauen alle zu mir, wenn ich eintrete. Auch da sage ich: Perfekt, das ist mein Tag. Aber anstatt dass ich mir zuerst einen Whisky reinkippe und mich über die Bräute hermache, schaue ich in die Kamera und sage: ‚Bei so viel Gutem, was einem widerfahren kann, bin ich froh, dass ich nicht alleine bin.‘ Und dann drehe ich mich um und hinter mir stehen 83 schottische Dudelsackpfeifer im Schottenrock? Alle aus Glasfaser? Ja hackt es denn?“ Piasta kratzte sich am Kopf, aber sagte nichts. Ducky D. fuhr fort: „Soll ich Ihnen mal sagen, was daran falsch ist? Ich brauche in einer solchen Situation keine Hilfe. Schon gar nicht von Männern in Röcken. Ist das klar? Ziel verfehlt, Herr Kreativer aus der Werbebranche.“

„Ich weiß, das ist nicht einfach, Ducky“, sagte Piasta schließlich. „Die Vorgabe von Tobermory war, dass die 83 Schotten im Werbespot vorkommen müssen. Die werden nachher an Spirituosenläden ausgeliefert und sollen deshalb vorher bekannt gemacht werden. Es ist nicht einfach, einen Rapper und 83 Schotten in einem Spot für Whisky unterzubringen.“ – „So ein Schwachsinn. Sie sind doch Kreativer. Dann seien Sie mal kreativ.“ – „Ha, das würde ich ja gerne, aber Sie haben keine Vorstellung…“ – „Hören Sie mal zu, ich mache Ihnen einen Vorschlag.“

Ducky D. erklärte, wie er den Spot sah. „Ich komme in die Bar, wie vorher. Die Bräute sind da, ebenfalls wie gehabt. Sie sind heiß auf mich und ich will sie. Geht klar, Mann. Mit einem Whiskyglas in einer Hand vernasche ich die Mädels. Oh yeah! Dann kommt der erste Schotte durch die Tür und will mitmachen. Ich nehme meine Pumpgun und knalle ihn ab. Mit Schwung fällt er hintenüber, dass sein Rock hochflattert. Dann kommt der Zweite: Ich knalle ihn auch ab. Und so weiter. 83 Mal. Am Ende liegt ein Haufen blutiger Schotten da und die Bräute beten mich an. Ich sage dann so etwas wie: ‚Mit Tobermory Single Peated braucht man keine Hilfe.‘ So, mein Freund, geht das. OK?“ Piasta sah skeptisch aus. Er sagte, er müsse das mit der Agentur besprechen.

(222) Dannie Munk sah sich nicht als Künstler, sondern bezeichnete sich als Bildhauer-Handwerker.

Dannie Munk sah sich nicht als Künstler, sondern bezeichnete sich als Bildhauer-Handwerker. Man gab ihm einen Auftrag, er erfüllte ihn. Seine Werkstatt war ein Hangar auf einem stillgelegten Flughafen. Im Hangar selbst hatte er sich eine Blockhütte gebaut, in der er auch wohnte. Er hatte zwei feste Mitarbeiter und für Großprojekte stellte er zusätzlich Studenten von der Kunsthochschule ein. Als Albert Lang ihn besuchte, um über die Statue für ‚Königin Gloria‘ mit ihm zu reden, war Munk gerade mitten drin in einem solchen Großauftrag. Der Hangar war offen und Lang ging hinein. Im Inneren wurde er von 31 lebensgroßen schottischen Dudelsackpfeifern empfangen. Gut die Hälfte davon war bereits angemalt und sah lebensecht aus. Bei den restlichen sah man, dass sie aus Fiberglas hergestellt waren. Alle schauten Lang mit aufgeblasenen Backen an, als er erstaunt vor der Kompanie stehen blieb. Dann kam auch schon Munk auf ihn zu. Er hatte weiter hinten mit einer Gruppe von Studenten an den Formen gearbeitet. Alle trugen Gasmasken.

„Hallo Albert“, grüßte Munk, nachdem er seine Maske abgezogen hatte. „Baust du dir eine eigene Armee?“, fragte Lang. „Ja, ich erobere die Welt beim Klang des Dudelsacks. Nein, das ist ein Auftrag für eine Whiskymarke. Die brauchen die Männekens für einen Werbespot und danach zum Aufstellen in Läden. Was soll’s, ist gut bezahlt. Ich bin völlig ausgelastet.“ Lang nickte mit gerunzelter Stirn, als er Munk in sein Büro im Innern des Blockhauses folgte. „Ich kann dich heute leider nicht rumführen, ich habe keine freie Gasmaske mehr.“ Sie setzten sich. „Willst du ein Glas Whisky? Die haben mir Proben geschickt.“ Munk hielt eine Flasche ‚Tobermory Single Peated‘ hoch. Lang wehrte ab. „Ja, ist mir auch zu früh. Was führt dich zu mir, Albert? Irgendetwas mit der Statue nicht in Ordnung? Wenn du hierher kommst, muss es ja etwas Ernstes sein.“

Lang erklärte, in welcher Klemme er steckte. Munk verzog das Gesicht. „In einer Woche kann ich dir keine neue Statue machen. Nicht einmal, wenn ich sonst nichts zu tun hätte. Unmöglich.“ – „Und wenn du nur Gesicht und Brüste austauschen würdest?“, fragte Lang. „Albert, wie stellst du dir das vor? Ich säge das alte Gesicht raus und setze ein neues rein?“ – „So in etwa, ja.“ Munk dachte nach und schüttelte dann den Kopf. „Die Übergänge wären zu sehr sichtbar. Aber mir kommt eine andere Idee. Das Gesicht ist zehn Meter vom Boden weg. Warum passen wir die Proportionen nicht mit ein paar Pinselstrichen an? Ein bisschen Schatten hier, ein bisschen heller da – und fertig ist die Laube.“ Langs Gesicht hellte sich selbst auf. „Stimmt, das könnte gehen. Großaufnahmen wird Zimmer nicht machen wollen, sonst sieht man, dass es kein Marmor ist. Aber was ist mit den Brüsten? Die sind zu groß und ich fürchte, dass wir da mit Farbe wenig ausrichten können.“ – „Kein Problem, Albert. Die Brüste kann ich bei den Schotten dazwischen schieben. Du sägst den Teil aus und ich baue dir einen neuen Busen.“ – „Was ist mit den Übergängen?“ – „Kein Problem, wenn du an der Brustfalte entlang sägst. Da merkt man nachher nichts.“

(221) Wir brauchen zwei Statuen von Gloria, Jeff.

„Wir brauchen zwei Statuen von Gloria, Jeff. Das hatte ich dir von Anfang an gesagt!“ Albert Lang saß im Wohnwagen des Regisseurs, der missmutig einen Baseballschläger von einer Hand in die andere warf, so als ob er sich gerade überlegte, wem er damit das Hirn aus dem Schädel prügeln sollte.

Jeff schwieg und Albert fuhr fort. „Bei einer Größe von zehn Metern hängt es immer von der Kameraperspektive ab, wie die Statue wahrgenommen wird. Denk doch mal an die Verkürzung bei dem Jesusbild von Mantegna, das ich dir gezeigt hatte. Egal, vergiss es… Wichtig ist, dass wir zwei unterschiedliche Statuen bräuchten. Eine für Aufnahmen auf Gesichtshöhe und eine für Aufnahmen von unten. Diese ist natürlich für Aufnahmen auf Gesichtshöhe.“
Jeff ließ den Schläger auf die Schreibtischkante niedersausen. Es knallte laut und Albert zuckte zusammen. „Verdammt, Albert, es wird bei einer 10-Meter-Statue keine Aufnahmen auf Gesichtshöhe geben. Was hast du dir gedacht? Ich habe ja keine Schauspieler, die zehn Meter hoch sind und es steigt auch keiner in einen Helikopter in dem Film.“ Albert zuckte mit den Schultern, war aber etwas kleinlaut. „Weiß ich doch nicht. Hat mir keiner gesagt.“ – „Schwachsinn, Albert. Du musst es ändern lassen. Sie hat schon ihren Abflug gebucht. Ich habe die Massenszene verschoben, aber ich muss ihr sagen, dass wir die Statue ändern. Sonst ist sie weg und wir können den Film vergessen.“

Jeff warf den Baseballschläger in die Ecke, wo er einen Golfball traf, der aufdotzte und gegen eine Gitarre sprang. Die Gitarre fiel mit einem melodischen Klang um und verhedderte sich dabei in dem Ladekabel des iPhone, das Jeff gerade noch auffangen konnte, bevor es auf dem Boden aufprallte. „Gute Reflexe“, lobte Jeff sich selbst.

„Also was jetzt, Albert? Du hast es in der Hand. Willst du diesen Film auf dem Gewissen haben oder kriege ich eine neue Statue?“ Albert hatte den Golfball gestoppt, der über den Boden kullerte und hielt ihn in der Hand. Es sah aus, als ob er die Antwort auf die Frage aus den Grübchen des Balls ablesen wollte. „Ich werde mit Dannie Munk reden. Für die Statue hat er vier Wochen gebraucht. Ich weiß nicht, wie schnell er sie verändern kann.“ – „Vier Wochen ist völlig außer Frage. Eine Woche maximal. Mein Gott, er hat einen Vollkörperscan von Jessica. Da soll er sich mal dahinterklemmen.“ – „Er ist sehr mit Werbeaufträgen beschäftigt… Ich rede mit ihm.“

Albert ging aus dem Wohnwagen hinaus. Als er draußen war, öffnete Jeff auf seinem Laptop den Ordner mit den Fotos, die entstanden waren, als Munk den Ganzkörperscan anfertigte. Eigentlich hätten die hochaufgelösten Fotos gelöscht werden müssen, aber Jeff hatte sich eine Kopie behalten. Sein Lieblingsfoto zeigte Jessicas unbehaarte Scham in Großaufnahme.

(220) Diese Monstrosität sieht mir überhaupt nicht ähnlich!

„Diese Monstrosität sieht mir überhaupt nicht ähnlich!“ Jessica Thomas hatte nur einen Blick auf die zehn Meter hohe Statue geworfen und sich gleich davon abgewendet. Im Drehbuch von „Königin Gloria“ war vorgesehen, dass Gloria, gespielt von Jessica, ihre Untertanen dazu zwang, sie wie eine Heilige zu verehren. Zu diesem Zweck ließ sie auf dem Hauptplatz vor ihrem Schloss eine überdimensionale Marmorstatue von sich selbst errichten. Jeder Untertan musste sie mindestens einmal am Tag grüßen.

Die Statue war nur einen Tag vor dem Dreh der ersten Massenszene angeliefert worden und Jessica hatte jetzt zum ersten Mal das Requisit gesehen. Alles war falsch daran. Das Gesicht sah, von unten gesehen, total verzerrt und feist aus. Die Brüste blähten sich wie Heißluftballons und die Beine ähnelten denen von Elefanten.

Albert Lang, der Bühnenbildner, stand stumm daneben, während der Regisseur Jeff Zimmer versuchte, Jessica zu beruhigen. „Jessica, ich kann verstehen, dass eine so große Statue ein Schock ist. Das ist ja auch der Grund, warum wir sie im Film haben. Sie soll auch nicht ein realistisches Abbild von Königin Gloria sein. Sie soll zeigen, wie Gloria sich ihren Untertanen zeigen will. Es ist sozusagen durch ihre Brille gesehen…“ – „Ich brauche keine Brille. Ich will nicht, dass eine solche Scheußlichkeit von mir existiert. So etwas wird für alle Zeiten als Abbild von mir gezeigt. Das ist mein Ruin.“ Zimmer schaute Lang an, als wollte er ihn auffordern, selbst etwas zu sagen. Lang schüttelte kaum merklich den Kopf. Alles was er sagen konnte, würde die Situation nur noch verschlimmern. Zimmer unternahm noch einen Versuch. „Ich glaube, die Zuschauer, und natürlich auch die Presse, werden das auseinanderhalten. Es ist Teil der Geschichte. Entspann‘ dich bitte.“ In dem Moment, als er den letzten Satz gesagt hatte, wusste er, dass er gerade einen großen Fehler begangen hatte. „Entspann‘ dich? Ist es das, was du deiner wichtigsten Schauspielerin sagst, wenn sie Todesqualen erleidet? Jetzt pass mal auf, Jeff. Entweder es gibt eine andere Statue von mir, oder du kannst dir eine andere Schauspielerin suchen, die aussieht, wie die Statue.“ Damit ließ Jessica Zimmer und Lang stehen und ging mit schnellen Schritten zurück in ihren Wohnwagen. Drinnen kraulte ihre Assistentin den kleinen Hund, der ihr am Vortag zugelaufen war. Der arme Kerl hatte einen Verband und der Set-Arzt hatte gemeint, dass er gerade kastriert worden war. Jessica schickte ihre Assistentin raus. Sie sollte nach Flügen schauen. Es war zwar unwahrscheinlich, dass sie die Dreharbeiten abbrechen würde, aber Jeff zu zeigen, dass sie nicht nur darüber redete, würde ihrer Sache helfen.

Als sie alleine war, kraulte sie auch den Kopf des kleinen Hundes, den sie aus einer Laune heraus ‚Jeff‘ genannt hatte. „Na Jeff“, flüsterte sie dem Hund zu, „wie ist das so, wenn man keine Eier mehr hat?“

(219) Bobbys Kastration war erfolgreich verlaufen.

Bobbys Kastration war erfolgreich verlaufen. Der Hund war zwar noch etwas groggy, als Patrick ihn danach wieder sah, aber die Tierärztin meinte augenzwinkernd, dass er schon in Kürze wieder der alte sein würde. Sie gab Patrick noch ein paar Tipps, wie er mit dem Verband umgehen sollte und dann konnte er Bobby in seinem Körbchen wieder mitnehmen.

Als sie mit dem Wagen nach Hause fuhren, lag Bobby in seinem Körbchen auf dem Beifahrersitz. Er winselte leise. Patrick wollte dem Hund den Kopf tätscheln, zog den Arm aber jäh zurück, als Bobby ihm in die Hand biss. Es war zwar kein starker Biss und es blutete auch nicht, aber er hatte nach Patrick geschnappt. Erschrocken schlug Patrick dem Hund auf die Schnauze. Bobby duckte sich und knurrte. Wenn das eine Vorschau auf das Leben nach der Kastration war, dann würde es ja noch spaßig werden, dachte Patrick.

Auf dem Weg nach Hause kam Patrick an den Studios von Tivoli & Splendid Productions vorbei. Direkt neben dem Gelände bemerkte er vor einer Kurve einen Stau. Ein gutes Dutzend Autos hielten vor ihm. Normalerweise gab es hier nie Verkehrsprobleme, es war ein Schleichweg, den nur Eingeweihte kannten und mit dem man gerade Staus vermied. Die Fahrer aus den Autos vor ihm waren ausgestiegen und standen an der Kurve. Neugierig machte Patrick den Motor aus und stieg ebenfalls aus. Bobby schien wieder zu dösen.

Als er in die Kurve hineinschauen konnte, erkannte Patrick den Grund für den Stau. Ein Sattelschlepper versperrte die Straße und darauf lag die riesige Skulptur einer nackten Frau. Sie war bestimmt zehn Meter hoch und lag bäuchlings auf der Ladefläche, abgestützt durch Holzblöcke und Unmengen an Schaumstoff. Die Skulptur schien aus Marmor zu sein. Über dem Sattelschlepper ragte ein Kran aus dem Studiogelände herüber. Männer standen neben der Frau und wollten die Skulptur an den Haken des Krans hängen. Neben ihr sahen sie aus wie Liliputaner. Gurte waren der Skulptur über Kreuz vor den Brüsten gespannt und im Rücken bildeten sie eine Schlaufe, in die der Haken eingehängt wurde.

Auf ein Kommando eines Arbeiters straffte sich das Seil und die Frau wurde mühelos angehoben. Nachdem sie an allen Stellen den Kontakt mit den Stützblöcken verloren hatte, stoppte der Hubvorgang und die Arbeiter inspizierten die Unterseite. „Das sind Möpse!“, meinte der Fahrer neben Patrick bewundernd. „Aber leider kalt wie Marmor“, kommentierte ein anderer. „Quatsch, das ist Fiberglas, das ist doch Kintopp“, sagte ein dritter. Der Arbeiter gab wieder ein Kommando und jetzt hob die Skulptur recht schnell an. Wie eine Superheldin überflog sie die Bäume, die das Studiogelände hinter der Mauer umsäumten und dann senkte sich die Skulptur wieder und war verschwunden. Der Fahrer des Sattelschleppers machte sich bereit zur Abfahrt und Patrick ging zurück zu seinem Wagen. Erst als er eingestiegen war, bemerkte er, dass Bobbys Körbchen leer war. Er war auch nicht im Wagen. Patrick stieg aus und schaute umher, konnte den Hund aber nicht finden. Ungeduldige Fahrer hupten hinter ihm. Patrick war ratlos, was er jetzt machen sollte.