(178) Frau Lachmann machte sich Sorgen wegen Kullmann.

von Alain Fux

Frau Lachmann machte sich Sorgen wegen Kullmann. Er war ein guter Nachbar und wer weiß, wer das Haus sonst übernehmen würde. Außerdem war er immer so einfühlsam, wenn sie mit ihm redete. Das war natürlich bevor die Sache mit dem Verkehrsunfall passierte, durch die er arbeitsunfähig wurde. Sie wünschte sich, dass es wieder so sein würde wie früher, wenn Herr Kullmann von seinen Vertreterreisen nach Hause kam und dann mit Frau Lachmann einen Kaffee trank. Sie berichtete ihm, was alles in seiner Abwesenheit in der Straße vorgefallen war. Er fuhr mit ihr öfters zum Einkaufszentrum, wo sie, jeder für sich, einkauften und sich dann auf eine Pizza trafen, bevor er sie wieder nach Hause fuhr. Frau Lachmann fand, dass sie sich gegenseitig stützten.

Sie überlegte, was sie für Herrn Kullmann machen konnte. Sie ging für ihn mit dem Bus einkaufen, besuchte ihn jeden zweiten Tag, nur um sicher zu gehen, dass alles in Ordnung war und er sich nicht etwa auf dem Speicher erhängt hatte. In Frau Lachmanns Vorstellung gingen Menschen immer auf den Speicher, um sich zu erhängen. Immer fand sie Herrn Kullmann im Wohnzimmer auf seinem Kanapee, angestarrt von den Todesengeln, die er vorher an Friedhofsfloristen verkauft hatte. Mit diesen Engeln im Blick, dachte sie, würde auch sie depressiv werden. Sie konnte ihm die Skulpturen aber auch nicht wegnehmen.

Dann hatte sie eine Idee. Eines Tages fuhr sie mit dem Bus zum Tierheim und holte von dort einen Hund für Herrn Kullmann: einen sehr jungen Dackelrüden namens Xaver. Sie ging zu ihrem Nachbarn ins Wohnzimmer mit dem Kurzhaardackel auf dem Arm und legte ihn Herrn Kullmann auf den Schoß. Der Dackel schaute sein neues Herrchen interessiert an und bevor Kullmann sich versah, kuschelte sich der Hund an ihn. Reflexartig legte Kullmann seine Hand um den Hinterlauf des Tieres. Mit der anderen Hand streichelte er ihm über den Kopf. „Sein Name ist Xaver“, sagte Frau Lachmann. „Er ist für Sie. Die Mutter wurde…“ Frau Lachmann zögerte, weiter zu reden. Sie hatte nicht daran gedacht, was es bei Herrn Kullmann auslösen könnte. Die Wahrheit ist immer richtig, dachte sie. „Xavers Mutter wurde überfahren und sein Herrchen sah sich nicht imstande, den kleinen Kerl zu übernehmen. Stubenrein und etwas stur.“ Kullmann hatte wahrscheinlich zugehört, streichelte aber weiter den Hund und schaute ihn dabei an. Xaver schloss die Augen.

„Ich komme nachher wieder“, sagte Frau Lachmann. Als sie keine Antwort bekam, ging sie nach Hause. Sie hatte ein gutes Gefühl. Jemand, der für einen kleinen traumatisierten Hund sorgen musste, würde sich nicht aufknüpfen. Sie fühlte, dass sie jetzt einen starken Verbündeten hatte, der mit ihr nach Herrn Kullmann schaute.

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