(177) Der Tod war für Volker Kullmann kein abstrakter Begriff…

von Alain Fux

Der Tod war für Volker Kullmann kein abstrakter Begriff, denn er war Handelsvertreter für Trauerzubehör. Er besuchte Floristen und Bestatter und versorgte sie mit allem, was man zum Grabschmuck brauchte: von grauen Kunststeinengeln, die ein Trauerbuch offenhielten (Art. 257) bis zur Rolle Trauerflor, zwei Meter Gitterband mit eingewebter Blattranke (Art. 283). Aber an seiner gefühlten Schuld an Rocholz‘ Tod zerbrach er.

Kullmann war auf dem Weg nach Hause gewesen und freute sich auf sein eigenes Bett, nach drei Nächten in Hotels. Von Rocholz hatte er zuerst nur einen Schatten am Straßenrand gesehen, der aussah, als ob er ihm aus dem Dunkeln zuwinkte. Seltsamerweise war Rocholz dem herannahenden Wagen nicht ausgewichen, sondern hatte sich genau einen Schritt zu weit nach vorne gewagt. Er knallte an die Seite der Windschutzscheibe, Kullmann trat auf die Bremse. Im roten Schein der Rücklichter sah er eine dunkle Unebenheit hinter seinem Wagen liegen. Er brauchte etwas Zeit, um sich zu sammeln, dann stieg er aus. Rocholz hatte eine Abschürfung an der Wange. Es sah eigentlich ganz harmlos aus, wenn er Kullmann nicht aus weit aufgerissenen Augen angestarrt hätte. Noch nie hatte Kullmann so kalte Augen gesehen. Der Mund stand etwas offen, Kullmann sah die Zähne, aber die Lippen lächelten nicht.

Dann kamen zwei Männer die Straße entlang. Einer beugte sich über den Verunglückten und sagte, dass er tot sei. Er verschloss die Augenlider und jetzt sah es wirklich aus, als ob Rocholz schliefe.

Dann war Kullmann zusammengebrochen und als er wieder zu sich kam, lag er auf einer Krankenbahre, die auf der Straße vor seinem Wagen stand. Da er wieder zu sich kam, ließen ihn die Sanitäter absteigen. Ein Polizist sprach mit ihm und er konnte alle Fragen beantworten. Dann fuhr ihn jemand nach Hause. Am nächsten Tag ließ sich Kullmann krankschreiben. Er wollte mit dem Wagen Einkaufen fahren, aber er schaffte es nicht, den Motor anzulassen. Er saß bestimmt eine Stunde im Auto, das Garagentor stand offen und er war angeschnallt. Aber er brachte es nicht fertig, den Schlüssel umzudrehen.

Frau Lachmann, seine 70jährige Nachbarin, schaute vorbei und half ihm zurück ins Haus. Als er es auch am dritten Tag nicht schaffte, den Wagen zu starten, fand er sich damit ab.

Sein Chef sprach ihm auf die Voicemail, aber Kullmann hörte sie nicht ab. Nach einer Woche kam sein Chef selbst vorbei. Sie setzten sich ins Wohnzimmer. Kullmann machte Kaffee. Sein Chef fragte, wie der Unfall abgelaufen sei und Kullmann konnte alles sehr sachlich erzählen. Als sein Chef fragte, wann er denn wieder seine Vertretertätigkeit aufnehmen würde, brach Kullmann in Tränen aus. Sein Chef trank schnell seinen Kaffee aus und verabschiedete sich.

Irgendwann kam die Kündigung. Man bat ihn um Rücksendung der Warenmuster, die er noch im Wagen hatte. Kullmann öffnete die Koffer und stellte die Engelsfiguren aus grauem Kunststein im Wohnzimmer auf. Mit ernstem Gesicht schauten sie ihn an, während er einfach nur da saß.

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