(176) Zuerst brachten sie Bürgermeister Kurt zu Norma Becker, seiner Geliebten.

von Alain Fux

Zuerst brachten sie Bürgermeister Kurt zu Norma Becker, seiner Geliebten. Kurt drückte Harms einen dicken Umschlag in die Hand und bedankte sich für jahrelange mehr oder weniger treue Dienste. Harms war gerührt. Dann, so war das Verständnis, sollte Harms Peters nach Hause fahren und dann den Wagen am Rathaus abgeben. Zuerst fuhren die beiden bei nächster Gelegenheit in den Wald, löschten die Scheinwerfer und konferierten, was sie mit Rocholz‘ Leiche tun sollten.

„Am Flughafen wird für die neue Landebahn heute Nacht sehr viel Beton verarbeitet“, sagte Harms. „Das fällt auf, wenn wir da aufkreuzen. Was ist mit im Wald vergraben?“ – „In nächster Zeit sind viele Drückjagden. Die Hunde finden ihn dann. Am besten, wir sorgen dafür, dass die Leiche nie wieder auftaucht.“

Sie schwiegen und starrten in das Unterholz, das vom Mond schwach erleuchtet wurde. „Mein Schwager arbeitet im Bergwerk Ibbenbüren. Da gibt es in Dickenberg eine Abraumdeponie, die Rudolfhalde. Da könnten wir ihn unterscharren. Ist recht zugänglich und der Abraum rieselt nach, da sieht man nicht, dass gegraben wurde.“ Peters musste zugeben, dass er keine bessere Idee hatte. Sie beschlossen aber noch etwas zu warten, um das Risiko möglicher Zeugen gering zu halten. Sie stiegen aus und gingen ein paar Meter weiter, um zu rauchen. Als sie sich danach wieder dem Wagen näherten, glaubte Peters etwas zu hören. „Da hat was geknackt.“ Sie hielten inne. „Ich höre nichts“, sagte Harms. „Vielleicht kam es vom Kofferraum?“ Harms brummte skeptisch. „Ich höre nichts. Da war nichts.“ – „Könnten wir zur Sicherheit nicht doch nachschauen?“, fragte Peters. „Da war nichts. Wenn Sie schauen wollen, nur zu, es ist offen.“ Entschlossen presste der Journalist die Lippen zusammen und ging zum Kofferraum. Mit einem Ruck öffnete er den Deckel, das Licht im Kofferraum ging an und er war kurz geblendet. Dann tastete er frenetisch im Kofferraum. „Er ist weg…!“ Harms eilte herzu und musste feststellen, dass die Rolle mit dem Kunstrasen leer war. „Was zum Teufel ist hier los?“, murmelte er. Peters zeigte auf den phosphoreszierenden Hebel am Kofferraumdeckel. Er war nicht tot, hat sich befreit und ist weggelaufen.“ – „Scheiße!“, Harms knallte den Deckel zu. „Er kann noch nicht weit sind. Wir fahren ihm hinterher.“ Sie schwangen sich ins Auto, Harms startete den Motor und legte eine rasante Wende zwischen den Bäumen hin. Er schaltete das Fernlicht ein und sie schauten angestrengt nach rechts und links. Dann erreichten sie die Landstraße wieder. „Links!“, sagten sie gleichzeitig. Nach der nächsten Kurve sahen sie einen schwarzen Wagen mit Warnblinker am Straßenrand stehen. Der Fahrer stand dahinter und beugte sich über ein dunkles Bündel. Sie hielten an und stiegen aus. „Er ist mir einfach vor den Wagen gelaufen. Ich konnte nichts machen“, sagte der Fahrer, ein Mittvierziger mit Bauchansatz und Vollbart. Harms beugte sich über Rocholz und fühlte dessen Schlagader. „Jetzt ist er tot“, stellte er fest. Dann mit Blick auf den Fahrer wiederholte er: „Er ist tot.“

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