(173) An den meisten Abenden der Woche war Bürgermeister Kurt bei Marcello anzutreffen.

von Alain Fux

An den meisten Abenden der Woche war Bürgermeister Kurt bei Marcello anzutreffen. Ein Tisch im hinteren Bereich war für ihn reserviert. Hier speiste er, traf sich mit Freunden und Bittstellern. Peters hatte Kurt angerufen und gesagt, dass er auf der Suche nach einer neuen Aufgabe sei. Wie erwartet hatte Kurt ihn zum späten Souper bei Marcello eingeladen.

„Das war ja ein Ding“, sagte Kurt, nachdem er Peters begrüßt hatte und ihm ein Glas Pinot Grigio eingeschenkt hatte. „Wegen dieses bizarren Sexmuseums einen so verdienten Mann wie Sie rauszuschmeißen – das hätte ich nicht erwartet.“ – „Wobei ‚bizarr‘ in diesem Zusammenhang sehr irreführend wäre…“ bestätigte Peters und Kurt musste lachen. Er war Mitte Fünfzig und sein Körper kündete von den vielen Abenden bei Marcello. Ihm schien immer heiß zu sein, was aber vielleicht auch nur ein Zeichen seiner überbordenden Energie war. „Ein seltsamer Vogel dieser Schröder. Er hatte mich zur Einladung eingeladen und dann redet dort ein Bettenfabrikant. Aber was soll’s, immerhin verschafft er unsere Stadt Aufmerksamkeit. Aber, was ist mit Ihnen? Was wollen Sie machen?“ Peters erklärte, dass er momentan keine Lust mehr verspürte, als Journalist zu arbeiten. Wenn er schon nicht unabhängig arbeiten konnte, dann wollte er lieber seine Erfahrungen offen und uneingeschränkt in den Dienst einer Sache stellen.

„Kurzum, Herr Kurt, ich biete Ihnen an, alle Erfahrungen die ich in vielen Jahren der Pressearbeit erworben habe, Ihnen zur Verfügung zu stellen, wenn es für sie von Nutzen ist.“ Kurt schaute ihn über den Rand des Weinglases an, als ob er ihn taxieren wollte. „Ich habe Sie immer für einen unpolitischen Menschen gehalten. Sie sind brisanten Themen immer ausgewichen. Ich wüsste nicht einmal, wie Ihre politische Gesinnung ist.“ Peters erklärte, dass er Kurt immer bewundert hatte, aber von der Redaktion, die Kurt ja bekanntlich nicht wohlgesonnen war, immer davon abgehalten wurde, das zu schreiben. Als Folge hatte sich Peters auf wenig brisante Themen konzentriert. „Das heißt nicht, dass ich keine Meinung habe. Und wenn ich hier mit Ihnen rede, dann fassen Sie das bitte auch als Zeichen meiner Gesinnung auf.“ Das schien Kurt zu gefallen. Er fragte den Ex-Journalisten, wie er ihn denn in dem bevorstehenden Wahlkampf positionieren würde.

„Ich glaube, dass Sie in den vergangenen Jahren viel zu sachlich präsentiert wurden, Herr Bürgermeister. Jede Kampagne hatte zum einzigen Inhalt, was Sie alles getan haben, damit es dieser Stadt gut geht. Man kann das auch übertreiben. Die Wähler werden damit wie rationale Wesen behandelt und das sind sie nicht. Genauso wenig wie Zeitungsleser das sind, da gibt es enorme Parallelen und es sind ja auch die gleichen Leute. Auf jeden Fall würde ich mehr Gefühle in eine Wahlkampagne legen. Der Mensch Johann Kurt hinter dem Bild des erfolgreichen Machers und Bürgermeisters. Ich habe auch schon eine konkrete Idee.“ – „Was denn?“, fragte Kurt. Er war angefixt. „Ihr zweiter Vorname ist, wenn ich mich nicht täusche, Friedrich. Richtig?“ – „Ja, nach meinem Großvater. Warum?“ – Weil: Johann Friedrich Kurt. JFK, Jay-Eff-Kay!“ – „Ach das. Ja, ich weiß das natürlich. War aber nie ein Thema, weil es doch zu dick aufgetragen wäre.“ – „Herr Kurt, man kann nicht dick genug auftragen. Sie müssen wie ein Kennedy wahrgenommen werden. Das sollte unser Ziel sein.“ Auf einen Wink von Kurt brachte Marcello eine neue Flasche Pinot Grigio. In der weiteren Diskussion einigten sich Peters und Kurt, künftig von ‚Johann F. Kurt‘ zu sprechen. Und Kurt bot Peters an, seinen Wahlkampf zu managen. Sie reichten sich die Hände und tranken einen Grappa drauf.

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