(170) Joseph hatte das Tretboot gemietet und wartete auf Maria.

von Alain Fux

Joseph hatte das Tretboot gemietet und wartete auf Maria. Als er sie von Weitem sah, zog er das Tretboot ganz nahe an die Anlegestelle heran. Sie küsste ihn auf die Wange und setzte sich hinein. Joseph schwang sich auf den Sitz daneben und gab dem Steg einen Schubs mit dem ausgestreckten Fuß. Zuerst trieben sie etwas auf dem See und dann traten sie so kräftig in die Pedalen, dass das Wasser hinter ihnen nur so spritzte.

Als sie mitten auf dem See waren, hielt Joseph inne und griff nach Marias Hand. Sie entzog ihm die Hand. Er griff wieder danach und sie zog sie wieder zurück. „Was ist los, Maria?“, fragte Joseph. Erst als er die Frage zweimal wiederholt hatte, fasste sich Maria ein Herz und redete zu ihm.

„Ich muss dir etwas sagen, Joseph.“ – „Aha, und was denn?“ – Erst musst du versprechen, dass du nicht böse sein wirst, wenn ich es dir sage.“ – „Aber das kann ich doch nicht wissen, Maria. Du musst erst sprechen und dann sag ich, ob ich böse bin, oder nicht.“ – „Nein Joseph, du musst es sofort sagen, vorher.“ Joseph überlegte und sagte dann: „Na gut, ich werde nicht böse sein.“ Das Tretboot schaukelte im leichten Wellengang. Maria schaute Joseph zehn Sekunden an, bevor sie weitersprach.

„Ich erwarte ein Kind, Joseph.“ – „Häh?“, machte Joseph. Maria war sich nicht sicher, ob er sie nur akustisch nicht verstanden hatte. Sie wiederholte ihren Satz und Joseph sagte noch einmal „Häh?“. Er hatte sie akustisch verstanden, aber er war von dem Inhalt überfordert. „Das kann nicht sein, Maria!“ – „Doch Joseph, so ist es und es sollte so sein.“ – „Aber wir haben doch noch gar nicht… Du weißt schon…“ – „Natürlich weiß ich das, Joseph.“ – „Das heißt, du hast mit einem anderen…?“ – „Nein, Joseph, für mich gibt es nur dich.“ – „Dann kannst du gar nicht schwanger sein, Maria.“ Als sie wieder ansetzen wollte, sagte Joseph nur „Schluss jetzt mit dem Quatsch!“ und trat wieder in die Pedalen. Maria blieb regungslos da sitzen und so trat Joseph für zwei in die Pedalen. Aber sie kamen nicht so schnell vorwärts wie zuvor. „Also gut“, sagte Joseph, „meinetwegen bist du schwanger.“ – „Nein, Joseph, nicht deinetwegen…“ – „Das meinte ich nicht, Maria und das weißt du. Du drehst einem die Worte im Munde um. Ich habe verstanden, dass du schwanger bist. So recht?“ – „Ja, mein liebster Joseph, so ist es richtig. Ich bin schwanger.“ Maria trat wieder mit in die Pedalen. Jetzt kamen sie wieder schneller voran. Nur in Joseph rumorte es immer noch. Schweigsam zogen sie ihre Runden über den See, bis die Mietdauer abgelaufen war. Als Joseph das Tretboot wieder am Steg befestigte, brach es aus ihm heraus. „Du kannst doch gar nicht schwanger sein, wenn du noch Jungfrau bist!“

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