Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: August, 2017

(198) Dr. Emmel war stets darauf bedacht, seine Triebe im Zaum zu halten.

Dr. Emmel war stets darauf bedacht, seine Triebe im Zaum zu halten. Dafür gab es einige Gründe: seine Frau, die er liebte; sein Berufsstand, den er nicht blamieren wollte und seinen eigenen Ruf. Aber von Zeit zu Zeit waren seine Triebe stärker und er musste nachgeben. Allerdings hatte er sich immer so weit im Griff, dass er auch den Kontrollverlust noch steuern konnte. Er gab seinen Trieben ausschließlich Samstags nach. Dann fuhr seine Frau regelmäßig zu ihrer betagten Mutter und er war ungestört. Er tat es ausschließlich in der Praxis, denn hier zogen sich ständig Frauen an und aus – irgendwelche nachlässigen Spuren wären hier bedeutungslos. Und, vor allem, begab er sich in professionelle Hände. Dr Friedrich Emmel hatte eine Schwäche dafür, Frauen beim Liebesspiel zuzusehen. Lesben-Duetts, wie der Fachbegriff lautete. Nur zuschauen, nicht mitmachen. Er buchte Call Girl-Duos und setzte sich in seinen Arztstuhl, während die Frauen es auf der Untersuchungsliege trieben. Später, nachdem die Frauen gegangen waren, masturbierte er und ging nach Hause. Es war völlig ausgeschlossen, dass Mitarbeiter am Samstag in die Praxis kamen, aber zur Sicherheit deaktivierte Dr. Emmel in der Zeit immer die elektronische Zugangskontrolle.

Nach vielen Versuchen hatte er ein Duo gefunden, das seinen Vorstellungen völlig entsprach. Stella und Regina waren beide blond, Ende Dreißig und immer fröhlich. Ihre Schamhaare waren zwar gestutzt, aber nicht abrasiert. Das war für Dr. Emmel wichtig. Völlig nackte Genitalien verstörten ihn. Beim ersten Mal erklärte er ihnen, wie er sich den Ablauf vorstellte. Als es dann begann, war es gleich perfekt. Sie zogen sich genau in der Reihenfolge aus, wie Dr. Emmel es gewünscht hatte. Ihre Spiele liefen so ab, wie er gesagt hatte. Der Radiologe war begeistert. Von diesem Moment an buchte er immer nur Stella und Regina. Es war ein großer Zugewinn, fand Dr. Emmel, dass das Spiel, ohne weiteres Zutun von ihm genau in dem Moment begann, wenn er die Frauen in die Praxis hineinließ.

Dr. Emmels Bauchspeicheldrüsenkrebs wurde festgestellt, als es für irgendwelche Maßnahmen bereits zu spät war. Es kam zu einem Zeitpunkt, als er sehr zufrieden war mit seinem Leben. Es war ein Schock. Zuerst hatte er keine Gedanken mehr für seine Vergnügungen an manchen Samstagen. Als er alles andere in seinem Leben geregelt hatte, wollte er ein letztes Mal Stella und Regina sehen. Erst nachdem sie ihre Darbietung abgeschlossen hatten, eröffnete ihnen Dr. Emmel, wie es um ihn stand. Es war das erste Mal, dass er etwas Persönliches sagte. Die Frauen waren sehr betroffen und wussten nicht, was sie sagen sollten. Er bat sie um einen letzten Gefallen: Er wollte sie ablichten, damit er in den letzten Tagen, wenn er zu sonst nichts mehr fähig sein würde, ihr Abbild sehen konnte. Die Frauen willigten ein, auch als Dr. Emmel erklärte, dass er mit Ablichten eine Röntgenaufnahme meinte. Und so geschah es dann. Spontan streckten die Frauen während der Aufnahme die Zungen heraus, die sich an der Spitze berührten. Als Dr. Emmel die Aufnahme in Händen hielt, war er verzückt.

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(197) Auf der Röntgenaufnahme sah man zwei menschliche Köpfe, die sich gegenseitig die Zunge herausstreckten.

Auf der Röntgenaufnahme sah man zwei menschliche Köpfe, die sich gegenseitig die Zunge herausstreckten. Die Zungenspitzen mussten sich berühren. Dr. Lennertz hatte das Archiv von Dr. Emmel, einem jüngst verstorbenen Kollegen, übernommen. Darin hatte er einen unbeschrifteten Umschlag mit dieser ungewöhnlichen Aufnahme gefunden. Lennertz hatte die Aufnahme mitgenommen und fand, dass er gerade jetzt die Muße hatte, sie zu studieren. Die Sonne stand zwar schon tief, aber er konnte die Einzelheiten der Aufnahme immer noch gut erkennen.

Bei einem Kopf konnte Lennertz Metallkreolen erkennen, er nahm an, dass es sich um eine Frau handelte. Beide Köpfe besaßen noch alle Zähne, allerdings hatten beide mehrere Amalgamfüllungen. Der Mann, (es war Lennertz‘ Annahme, dass die andere Person ein Mann war), hatte einen implantierten Zahn. Er nahm an, dass die beiden nicht mehr ganz jung sein konnten, denn sonst hätten sie keine Amalgamfüllungen mehr. Warum hatte Dr. Emmel diese Aufnahme aufbewahrt? War er etwa selbst mit auf dem Bild? Dr. Lennertz hatte seinen Kollegen oft getroffen, konnte sich aber nicht erinnern, ob er ein Schraubenimplantat besaß. Die Frau von Dr. Emmel hatte Lennertz ebenfalls getroffen. Sie trug keine Ohrringe und er konnte sich noch daran erinnern, dass Miriam das erwähnt hatte. Miriam hatte ein besseres Auge für so etwas. Seltsam wäre es auch, wenn Dr. Emmel sich mit seiner Frau züngelnd mittels Röntgenstrahlen selbst portraitiert hätte. Vielleicht mit einer Assistentin? Oder einer Geliebten? Oder einer Assistentin, die auch seine Geliebte war? Auf jeden Fall hatte er die Aufnahme aufbewahrt.

Unsinn, dachte Dr. Lennertz. Jetzt keine voreiligen Schlüsse, die nicht auf Fakten beruhten.

Die Aufnahme musste natürlich nichts mit Dr. Emmel zu tun haben. Die Aufnahme könnte auch von einer Assistentin oder einem Assistenten aufgenommen sein. Unwahrscheinlich, dass die Aufnahme dann in den Akten von Dr. Emmel landete. Außer, jemand hatte sie dort versteckt und vergessen mitzunehmen.

Natürlich könnte er den Zahnarzt von Dr. Emmel ausfindig machen und mit ihm Dr. Emmels Zahnstatus mit der Röntgenaufnahme vergleichen. Aber, war es die Mühe wert? Die Hintergründe der Aufnahme und wer die Frau war, würde er nicht herausfinden können.

Mittlerweile war es nicht mehr hell genug, um Einzelheiten des Bildes zu erkennen. Lennertz schaute auf die Uhr und beschloss nach Hause zu fahren. Er würde Miriam die Aufnahme zeigen. Vielleicht hatte sie ja eine Idee. Lustigerweise trug sie immer Kreolen. Das heißt, sie könnte auch die Frau auf der Aufnahme sein. Genau, dachte Dr. Lennertz, für nichts hat sie Zeit und lässt sich dann züngelnd von einem Radiologen röntgen. Ein sehr lustiger Gedanke. Hoffentlich würde es zu Hause ruhig sein, dachte er noch und setzte sich wieder ins Auto.

(196) Die Radiologie war ein stilles Teilgebiet der Medizin.

Die Radiologie war ein stilles Teilgebiet der Medizin. Zumindest war das so, als Dr. Uwe Lennertz sich entschied, Radiologe zu werden. Mit den neuen bildgebenden Verfahren hatte sich das leider grundlegend geändert. Lennertz war froh, dass er eine gut gehende Praxis hatte, mit angestellten Ärzten, und er diese neuen Geräte nicht selbst betätigen musste. Die Ergebnisse der neuen Methoden waren zwar fantastisch, aber der Lärm der rotierenden Röhren und Detektoren war für Lennertz unerträglich. Eines hatte sich in seinem Beruf aber nicht verändert: Er hatte auch jetzt kaum Kontakt zu Patienten und seine Befunde übermittelte er nur Arztkollegen, die ihn nicht nervten, weil sie eh von Radiologie keine Ahnung hatten.

Den ständigen Krach zuhause konnte er leider nicht abstellen. Als er noch mit Miriam alleine war und sie oft noch Überstunden in der Kanzlei machte, herrschte zuhause eine himmlische Ruhe. Mit den Kindern kam zuerst das Babygeschrei, tagsüber und besonders nachts. Danach veränderte sich die Geräuschkulisse entsprechend des Alters der Kinder ständig weiter. Als Lenny ein Schlagzeug wollte, war es für Lennertz so, als ob man ihn aus seinem eigenen Haus hinausekeln wollte. Miriam, die wegen ihrer erfolgreichen Anwaltstätigkeit kaum zuhause war, hatte ihn mit viel Überredung dazu gebracht, seinem Sohn ein Schlagzeug zu kaufen. Allerdings durfte Lenny nur üben, wenn sein Vater nicht zu Hause war. Das ging zwar meistens nicht reibungslos, aber es war besser als gar nichts. Diana machte zum Glück keinen Lärm, außer wenn sie sich mit Lenny, ihrer Mutter oder mit ihm stritt. Das Mädchen war völlig orientierungslos und deshalb kam es ständig zu endlosen Diskussionen. Danach wurde es erst wieder ruhig, nachdem sie sich schmollend auf ihr Zimmer verzogen hatte.

Als Lennertz von der Praxis nach Hause kam, stand er auf der Veranda seines Hauses, den Schlüssel in der Hand und hörte das Geschrei der beiden Kinder, die sich wegen irgendeiner Kleinigkeit fetzten.

Lennertz hatte sich auf einen ruhigen Abend zu Hause gefreut, aber es klang nicht so, als ob ihm das gelingen würde. Er stand da, mit dem Schlüssel in der Hand und fühlte, dass er nicht genug Kraft hatte, jetzt in das Haus hinein zu gehen und für seine Ruhe zu kämpfen.

Als er hörte, wie Lenny die Treppe hochlief und sagte, er werde jetzt üben, ging Lennertz wieder zum Auto zurück und fuhr weg.

Wenn ihm alles zu viel wurde, flüchtete Lennertz in den Wald. Ein Weg, der eigentlich nicht für Autos zugelassen war, brachte ihn zu einem Holzladeplatz an einem Bach. Dort gab es keine weiteren Geräusche als das gurgelnde Wasser, Vogelgezwitscher, ein Specht und den Wind in den Bäumen. Für Lennertz war es ein Paradies. Er nahm seine Aktentasche und setzte sich auf einen Felsen am Bach.

(195) Lenny Lennertz hatte zwei klare Ziele im Leben: Er wollte Schlagzeug spielen und cool sein.

Lenny Lennertz hatte zwei klare Ziele im Leben: Er wollte Schlagzeug spielen und cool sein. Beides fand er bei seinem Idol Christoph Schneider, dem Drummer von Rammstein. Von seinen Freunden wollte Lenny ‚Schneider‘ genannt werden, konnte seinen Wunsch aber nicht komplett durchsetzen. Wenigstens hatte sein Vater nachgegeben und ihm ein Sonor SEF11 Select Force Drum Set gekauft. Die gleiche Marke, wie die von Schneider. Seitdem hatte Lenny immer Drumsticks dabei und wenn er mit dem Bus von der Schule nach Hause fuhr, schlug er Rhythmen auf den Haltestangen. Zusammen mit einem Freund, der Gitarre spielte, wollten sie eine Band gründen. Schneider war erst mit 24 Jahren in einer Band gewesen, das würde Lenny toppen.

Jetzt war er auf dem Weg von der Bushaltestelle nach Hause. Er freute sich darauf, auf dem Drum Throne zu sitzen und auf das Kit einzudreschen. Er hoffte, dass Diana nicht da war. Seit sie nicht mehr zur Schule ging, war sie eigentlich nur noch zu Hause und meckerte, weil es ihr zu laut war.

„Gott weiß ich will kein Engel sein“, sang er, als er ins Haus eintrat. „Gott ist es bestimmt egal, was du bist“, tönte es aus dem Bad heraus. Mist, Diana war zu Hause.

„Na, bewunderst du dich wieder im Spiegel und fragst dich, warum kein Mann dich haben will?“ Lenny ging in die Küche und nahm sich eine Cola aus dem Kühlschrank. „Du kleines Aschloch! Wofür hältst du dich eigentlich?“ Diana war ihm in die Küche gefolgt. Sie hatte irgendeine Pampe im Gesicht, wahrscheinlich verbunden mit einer kosmetischen Absicht. „Du hast da was im Gesicht.“ – „Das kann ich wegwischen. Du heißt dann immer noch Leonhard Lennertz. Genannt Lenny. Man kann unseren Eltern keine Humorlosigkeit unterstellen.“ Damit kam sie immer. Aber seit Lenny sich Schneider nennen ließ, perlte das Argument nur an ihm ab. „Die Pampe geht vielleicht ab, aber nicht die hässliche Fratze dahinter. Gib es doch auf, es wird dir gehen wie Tante Klementine. Ungeöffnet zurück.“ Die Sache mit Rafael hatte Diana geheim gehalten und so sollte es auch bleiben. Lenny war nur unverschämt. Der verwöhnte Zweitgeborene. Ein Paschasohn. Er will ein Schlagzeug und schon erhält er eins, auf das professionelle Musiker wahrscheinlich neidisch wären. „Ungeöffnet zurück!“, wiederholte Lenny, weil er keine Antwort erhielt. Diana wusste keine Antwort. Sie streifte mit einer Hand einen Teil ihrer Magerquarkmaske ab und wollte sie Lenny ins Gesicht schmieren. Er sprang zur Seite und sie ließ Wasser über die Hand laufen um das klebrige Honig-Kamille-Gemisch abzuwaschen.

„Stopf dir doch den Quark in die Ohren. Ich gehe jetzt üben!“ Lenny griff seine Umhängetasche und stapfte die Treppe hoch in sein Zimmer. Als er die Tür zuschlug, war es der erste Paukenschlag, aber lange nicht der lauteste.

(194) Bei dem tragischen Unfall kam der 43jährige Motorradfahrer ums Leben.

„Bei dem tragischen Unfall kam der 43jährige Motorradfahrer ums Leben. Die Gründe des Unglücks sind noch nicht geklärt…“

Diana Lennertz schaltete das Radio aus. Wieder ein Mann weniger, der vielleicht zu ihr gepasst hätte. Zwar schon etwas alt, aber sie konnte wohl nicht wählerisch sein. Außerdem war ein Altersunterschied von 24 Jahren heutzutage kein Problem mehr.

Alle hatten etwas zu tun. Vater und Mutter waren bei der Arbeit, ihr grenzdebiler Bruder Lenny in der Schule, nur sie war alleine zu Hause. Ihr Vater hätte gerne gehabt, wenn sie nach dem Abitur studiert hätte. Ihre Mutter meinte, das sei nur eine Phase. Aber Diana wollte nicht so enden wie ihre Mutter. Immer hetzen, immer vorne dabei sein. Diana wollte einen Mann heiraten und dann als Hausfrau zu Hause bleiben. Dieser Lebensplan schien ihr verlockender zu sein, als alle anderen Vorstellungen ihrer Mutter oder anderer Leute.

Was allerdings noch nicht geklappt hatte, war, den passenden Mann zu finden. Ausschließen konnte sie Gleichaltrige, denn die wussten noch nicht, was sie im Leben wollten. Diana wollte nicht als Beziehungsversuchskaninchen herhalten. Das hatte sie schon hinter sich, als sie vor zwei Jahren mit Rafael liiert war. Das einzig Positive aus dieser Beziehung war, dass er sie nicht geschwängert hatte. Darauf hatte sie geachtet. Außerdem war sie jetzt nicht mehr Jungfrau. Sie hatte quasi ihre wilde Zeit bereits hinter sich gebracht und war jetzt bereit für etwas Ernstes. Und deshalb sollte der Mann, nach dem sie suchte, auch ein paar Jahre reifer sein. Auf jeden Fall jemand, der sich die Hörner abgestoßen hatte und heiraten wollte.

Natürlich hatte Diana in Kontaktbörsen im Internet nach ihrem Mann Ausschau gehalten. Bei ein paar hatte sie sich registriert, aber nur dubiose Angebote erhalten. Es schien, als ob alle nur an kurzfristigem Spaß interessiert waren. Sogar verheiratete Männer kontaktierten sie. Das fand sie einfach nur krank. Sie hatte beschlossen, dass im Internet nur Perverse unterwegs waren.

Sie hatte ihren Vater gefragt, ob sie übergangsweise in seiner Radiologie-Praxis arbeiten könnte. Das wäre, so glaubte sie, doch bestimmt ein guter Ort, um reifere Männer kennenzulernen. Ihr Vater hielt das für eine schwachsinnige Idee. Zur gleichen Zeit ließ er bei Lenny alles durchgehen, was ihm einfiel. Das fand sie nicht gerecht. In arabischen Ländern war das besser geregelt. Da wäre es die Pflicht ihres Vaters, einen Ehepartner für sie zu finden und mit ihr zu verheiraten. Und 19 Jahre waren dafür ein fast schon biblisches Alter.

Sie musste noch einmal mit ihrem Vater reden. Er musste ihr helfen. Sie konnte sich ja nicht an die Autobahn stellen mit einem Schild ‚Ehemann gesucht‘ und darauf warten, dass ein Motorradfahrer sie aufgabelte.

(193) Nichts liebte Andreas Hunold mehr als Motorradfahren.

Nichts liebte Andreas Hunold mehr als Motorradfahren. Bei langen Ausflugsfahrten, die er alleine unternahm, konnte er vollständig abschalten. Das brauchte er auch, denn sein Beruf als Psychotherapeut war oft sehr hart. Natürlich zog er eine Linie zwischen Arbeit und Freizeit. Aber es gelang ihm oft nicht. Allein die Tatsache, dass er Juliane geheiratet hatte, war ein Beleg dafür, denn Juliane war als Patientin zu ihm gekommen.

Aber wenn Andreas auf seiner Yamaha TDM900A unterwegs war, hatte er den Job hinter sich gelassen. Oft blieb er für ein ganzes Wochenende weg, übernachtete in einer billigen Pension und fuhr am nächsten Tag wieder nach Hause. Juliane verstand es, dass er diese Auszeiten brauchte. Natürlich hatte er ein schlechtes Gewissen, sie alleine zu lassen, denn damit hatte sie besonders Schwierigkeiten. Aber wenn er im Sattel saß, vergaß er es schnell.

An diesem Wochenende war er wieder einmal seine Lieblingsstrecke gefahren, die 56 Kehren der Hochalpenstraße zum Großglockner hinauf. Übernachtet hatte er danach in der Tauernstüberlpension in Zell am See. Jetzt war er auf dem Nachhauseweg.

Was Andreas Hunold zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte, war, dass er sich am Vortag beim Mittagessen in einer Autobahnraststätte einen Norovirus eingefangen hatte. Der heimtückische Virus lauerte in einem Schmierfilm auf einer Ketchup-Flasche, die Hunold anfasste. Nachdem er Pommes mit Fingern gegessen hatte und sich danach diese Finger ableckte, kam der Virus in seinen Mund und richtete sich in Hunolds Körper häuslich ein.

Während Hunold auf der Autobahn mit 191 Stundenkilometern heimwärts unterwegs war, kämpfte sein Körper gegen den Eindringling, ohne dass es Hunold bewusst war. Er genoss das schöne Wetter, den angenehmen Fahrtwind und das geringe Verkehrsaufkommen auf der Autobahn. Als sich sein Zwerchfell kurz verkrampfte, fragte er sich, woher jetzt dieser Schluckauf herkam. Dann fühlte es sich an, als ob sein Magen sich zusammenballte und dann ruckartig expandierte. Der Schließmuskel der Speiseröhre erschlaffte. Der gesamte Mageninhalt von Andreas Hunold wurde unter großem Druck nach oben gepresst und schoss von innen gegen das Visier seines Nolan N71-Motorradhelms.

Hunold bremste, konnte aber nicht mehr erkennen, wie schnell er noch fuhr und wo er hinsteuerte. Er versuchte, das Visier nach oben zu schieben, musste aber wieder beide Hände an den Lenker legen, weil er spürte, dass er das Gleichgewicht verlor. Sein Magen ballte sich wieder zusammen. Das Erbrochene brannte ihm in den Augen.

Er steuerte das Motorrad an die rechte Seite und testete mit dem Fuß, wie schnell er noch war. Allerdings begann an der Stelle eine Brücke und Hunold fuhr genau auf die Stelle zu, hinter der eine Böschung 30 Meter in die Tiefe führte.

Er war auf der Stelle tot.

(192) Hanna Gerlach hatte nicht damit gerechnet, Juliane Starke im Café anzutreffen.

Hanna Gerlach hatte nicht damit gerechnet, Juliane Starke im Café anzutreffen. Und doch saß sie da, alleine an einem Tisch am Fenster und starrte in ihren Kamillentee. Hanna überlegte, ob sie wieder gehen sollte, aber dann hatte Juliane sie auch schon entdeckt und sie musste sich zu ihr an den Tisch setzen.

Augenscheinlich hatte Juliane in der Zwischenzeit etwas aus ihrem Leben gemacht, schloss Hanna aus ihrer Kleidung. Allerdings sah sie gerade sehr verstört aus. ‚Genauso wie ich‘, dachte Hanna.

Juliane war nie ihre Freundin gewesen, dafür war sie zu sehr auf Schwester Maria Theophila fixiert gewesen. Arschkriecherin wurde Juliane vor vielen Jahren in diesem Café genannt von Hanna und ihren Freundinnen, die sich hier trafen, wenn die Klosterschule wieder einmal unerträglich geworden war. Eigentlich hassten alle Juliane. Alleine schon, weil sie sich immer freiwillig meldete bei Aufgaben, für die andere zwangsverpflichtet werden mussten. Zum Beispiel um Maria Theophilas Kräutergarten umzugraben oder zusammen mit der Schwester die Bibliothek neu zu sortieren.

„Was machst Du hier? Warum bist du nicht in der Schule?“ Mehr brauchte es nicht und schon fing Juliane an, zu weinen. Damit hatte Hanna nicht gerechnet. Sie hatte Juliane damals niemals weinen sehen. Auch nicht, wenn Hanna und ihre Freundinnen ihr Streiche spielten: ihre Kleidung nach dem Sportunterricht versteckten oder, das war einmal passiert und hatte mächtig Ärger gegeben, sie ins Klo sperrten. Aber Juliane hatte es ihnen auch heimgezahlt und alle verpetzt, die sich mit ihr anlegten. Geweint hatte sie nie. Hanna griff nach Julianes Hand, um sie zu trösten. Es war einfach das Richtige, jetzt. Juliane drückte ihre Hand und schluchzte.

„Ich habe meine ganze Schulzeit vergeudet. Nichts ist davon übrig geblieben. Du hast deine Freundinnen. Ihr wart immer zusammen. Ich hatte niemanden. Ich war in der Zeit völlig alleine.“ – „Aber du hattest doch eine so gute Beziehung zu Schwester Maria Theophila, oder?“ – „Überhaupt nicht“, Juliane sah entrüstet aus. „Sie war nur die Einzige, die mit mir redete.“

Hanna wusste nicht, was sie sagen sollte. Jeder hatte wohl eine unterschiedliche Sichtweise auf diese Zeit. „Und warum bist du nicht drüben in der Schule?“ – Juliane schluchzte wieder. „Ich konnte nicht. Es hat mir sofort wieder gezeigt, wie alleine ich damals war. Genauso wie jetzt.“ Hanna wollte sie ablenken. „Hast du nie geheiratet?“ – „Doch. Aber Andreas ist tot.“ Hanna entschuldigte sich. „Das tut mir leid. Was ist denn passiert? Wenn du darüber reden willst…“ – „Ist schon in Ordnung“, antwortete Juliane mit erstickter Stimme. „Es war ein tragischer Motorradunfall…“

(191) Hanna Gerlach hatte lange überlegt, was sie anziehen sollte.

Hanna Gerlach hatte lange überlegt, was sie anziehen sollte. Sie entschied sich für Rock und Bluse in der Art der alten Schuluniform. Das fand sie passend für den Tag der Offenen Tür an ihrer alten Schule. Sie hatte die Nonnenschule seit damals nicht mehr besucht. Es waren keine schönen Jahre gewesen. Jetzt hatte ihr Therapeut ihr geraten, die Gelegenheit anzupacken und ihre Ängste zu konfrontieren. Am meisten Angst hatte sie vor Schwester Maria Theophila, ihre Klassenlehrerin, die mehr als einmal mit dem Lineal auf ihre Hände eingedroschen hatte.

Schon als Hanna sich der Pforte näherte, hatte sie Herzklopfen. Als sie erkannte, dass hinter der Tür ein Tisch stand und an diesem Tisch Schwester Maria Theophila saß, brach ihr der Schweiß aus. Vor der Schwester stand eine Sammelbüchse, davor ein Schild mit ‚Spende‘. Natürlich wurde immer noch jede Gelegenheit genutzt, um Geld einzutreiben. Dann stand Hanna vor dem Tisch. Maria Theophila musterte sie. „Guten Tag, Schwester“, sagte Hanna. Maria Theophila schaute sie wortlos an. Um die Zeit zu überbrücken, fummelte Hanna in ihrer Handtasche und suchte nach der Geldbörse, konnte sie aber nicht finden. Sie nahm die Handtasche von der Schulter und suchte. Den Inhalt auf den Tisch auskippen konnte sie ja nicht. Aber auch so: Die Geldbörse war verschwunden. War sie gestohlen? Was würde Maria Theophila sagen? Hanna hatte die Vision, wie die Nonne das Lineal hervorzog und Hanna vor sich knien ließ. „Hanna, Hanna Gerlach!“, sagte die Schwester dann. Ihr Gesicht hatte sich zu einem Lächeln umgeformt. „Jetzt hat es aber lange bei mir gedauert. Wie schön, dich wiederzusehen!“ Hanna war verwirrt. „Meine Geldbörse ist gestohlen worden“, stammelte sie. Aber die Schwester war aufgestanden und hatte sie in die Arme genommen. „Ich habe vor ein paar Tagen noch an dich gedacht und mich gefragt, ob du kommen würdest, Hanna.“

Die ehemalige Schülerin musste erzählen, was sie jetzt so machte und Maria Theophila schien sich wirklich zu freuen, sie zu sehen. Dann kam eine andere Schwester, die so jung war, dass Hanna sie nicht mehr kannte. Sie sagte, dass der Herr Prälat jetzt ein paar Worte sagen würde und dass sie doch bitte in die Aula kommen sollten.

Hanna sagte, dass sie nur noch schnell ein paar Meter zurückgehen wollte, um zu sehen, ob sie ihre Geldbörse verloren hatte. Sie würde nachkommen.

Als sie wieder vor der Pforte war, ging sie eine Straße weiter, zu einem Café, das sie schon damals verbotenerweise mit Freundinnen besucht hatte. Sie zitterte am ganzen Körper. Maria Theophila war vielleicht altersmilde geworden und hatte alles vergessen, was sie Hanna damals angetan hatte. Aber das machte es für Hanna noch schlimmer. Es war, als ob sie jetzt auch noch wegen ihrer Angst ausgelacht wurde.

(190) Das ‚Taschen-Projekt‘ schleppte Kurt Kessler schon lange mit sich herum.

Das ‚Taschen-Projekt‘ schleppte Kurt Kessler schon lange mit sich herum. Friedrich fand es völlig undiskutabel. Immer wenn Kessler nicht vorankam oder sich vor der Arbeit drücken wollte (was oft genau dasselbe war), fing er mit dem Taschen-Projekt an. Vielleicht machte er es auch nur, weil er damit Friedrich quälen konnte.

Das Taschen-Projekt bestand darin, einen Taschendieb zu verpflichten. Es musste ein sehr guter, erfahrener Taschendieb sein. Zusammen mit dem Künstler, einem Fotografen und einem Träger würde der Taschendieb durch die Straßen einer Großstadt gehen. Der Künstler würde Passanten auswählen und dem Taschendieb zeigen. Als Zusatzinformation wurde dem Dieb ein Aufbewahrungsort genannt, zum Beispiel Hosentasche vorne linke oder Handtasche usw. Der Taschendieb würde dann der Zielperson folgen und etwas aus der betreffenden Tasche entwenden. Alternativ konnte der Taschendieb, sofern möglich, auch die ganze Tasche stehlen. Parallel dazu würde der Fotograf eine Aufnahme der Person vor und nach dem Diebstahl machen. Außerdem war es notwendig, auch den Moment festzuhalten, in dem die Hand des Taschendiebes in der Tasche des Passanten steckte. Jeder Versuch, bei dem der Fotograf dies nicht schaffte, zählte nicht.

Jeder Fund wurde separat in einer Plastiktüte verpackt und dem Träger übergeben. Nach vier Stunden dieser Teamarbeit traf sich das Team an einem sicheren Ort, um die Beute zu sichten. Dafür gab es ein paar Regeln:

  • Alle Gegenstände wurden einzeln auf einer weißen, immer identischen Unterlage fotografiert.
  • Sofern ein Gegenstand aus unterschiedlichen Einzelteilen bestand, wurden diese voneinander getrennt und selbst auch fotografiert. Dies geschah so oft es notwendig war, bis der Gegenstand in seine existenziellen Teile zerlegt war. Allerdings durfte kein Gegenstand dauerhaft zerstört werden.
  • Bargeld wurde zwischen den vier Mitgliedern des Teams verteilt. Es diente, die Zeitaufwendung und die Auslagen zu decken. Gab es allerdings normabweichende Merkmale, zum Beispiel auf Geldscheinen, dann wurden diese genau wie Gegenstände behandelt und dem Kunstwerk integriert.
  • Ausweise, Schmuck, Geld-, Kreditkarten und andere Wertgegenstände wurden aufbewahrt und vom Künstler nach Gutdünken eingesetzt.
  • Alle anderen Gegenstände wurden nach dem Fotografieren zerstört, es sei denn, der Künstler fand eine alternative Verwendung dafür.

Nach Ablauf der Aktion standen dem Künstler für jedes Opfer Fotos vor, während und nach der Tat zur Verfügung sowie Fotos der entwendeten Gegenstände sowie einzelne Gegenstände selbst. Abwechselnd meditierte der Künstler über den so gewonnenen Erkenntnissen und entwickelte eine Geschichte zu jedem Opfer. Jede Geschichte wurde aufgezeichnet, stenografiert, korrigiert und auf große Ausstellungskarten aufgezogen. So hing die Geschichte neben den Fotos und Gegenständen in der Ausstellung.

Es war nicht geplant, die Opfer über den Kunstakt aufzuklären, sie zu entschädigen oder auch nur zu informieren. „Warhol war ein Trottel“, sagte Kessler. „Ich schenke dem Menschen die weitest mögliche Anonymität im Rahmen der Diktatur der Kunst. Man wird mir noch auf Knien danken.“

(189) Moais heißen die bekannten Skulpturen auf der Osterinsel.

Moais heißen die bekannten Skulpturen auf der Osterinsel. Die größte aufgerichtete Statue misst 9,8 Meter. Diese Größe wollte Kurt Kessler mit zehn Metern unbedingt übertreffen. Dreieinhalb Meter unter der Erde, sechseinhalb Meter über der Erde. Allerdings wollte er etwas anders machen: „Ich will den Moai vom Fuß auf den Kopf stellen!“ Deshalb sollte der Kopf des Moai unter die Erde und der Rest über die Erde. Von den Proportionen stimmte es. Allerdings, so hatte Roman Friedrich als Galerist des Künstlers eingewendet, war der Kopf bei den Moais das Ausdrucksvollste und daher sei es doch schade, gerade diesen Teil unter die Erde zu stecken. Kessler meinte daraufhin nur: „Bist du der Künstler oder bin ich es?“ Seit seiner Einzelschau in Bilbao war Kessler noch exzentrischer geworden und Friedrich fragte sich nach jedem Treffen, warum er sich das antat.

Als Standort für sein Moai-Projekt hatte Kessler eine Brache in der Cuvrystraße/ Ecke Schlesische Straße gewählt. Es hatte Roman Friedrich viel Zeit gekostet, Kurt Kessler auszureden, den Moai aus einem einzigen Block Wünschelburger Sandstein heraushämmern zu lassen. Man einigte sich auf Stahlbeton, der günstiger war und sich schneller verarbeiten ließ.

Zuerst wurde ein großes sieben Meter tiefes Loch ausgehoben. Seitdem war Kessler mit je einer Gruppe Stahlbauer und Zimmerleute am Werk. Die Stahlbauer errichteten das Gerippe aus Bewehrungsstahl und die Zimmerleute bauten die Verschalung. Gegossen sollte der Beton am Ende in einem Vorgang, um Kessler die Idee zu lassen, dass der Moai aus einem Stück gebaut sei.

Gert Oldenburg, ein sechzigjähriger Polier, der sich im Namen von Roman Friedrich um die Organisation der künstlerischen Baustelle kümmerte, hatte Friedrich angerufen und ihm gesagt, dass die Arbeit wieder einmal ruhe. Friedrich sagte, dass er im Laufe des Tages nach dem Rechten schauen würde.

Als der Galerist auf der Baustelle ankam, standen die Arbeiter um einen Grill herum und aßen Bratwürste. Oldenburg zeigte auf den gelben Baucontainer am Rande der Grube. Friedrich nickte und ging zum Container. Innen war es fast komplett dunkel, denn die Rollläden waren heruntergelassen. Nur durch die offene Tür kam Licht herein. Kessler saß am Tisch, den Kopf auf der Platte. Er schnarchte. Friedrich setzte sich zu ihm und klopfte auf die Tischplatte. Ruckartig richtete sich Kessler auf und schaute Friedrich verdutzt an. Sabber lief ihm aus dem Mund. „Wie geht’s, Kurt?“

Kessler fing an, sich zu beklagen: Die Arbeiter respektierten ihn nicht; der Moai war zu klein; der Standort war schlecht, man sollte die Straßen sperren; Beton war der falsche Werkstoff, es müsste auf jeden Fall Basaltgestein sein…

Friedrich hörte sich die Klagen seines Künstlers an. Niemals hatte Kessler Selbstzweifel. Immer waren es die Anderen, die seine Kunst erschwerten. Aus Erfahrung wusste Friedrich, dass Kessler immer wieder diese Durchhänger hatte und dass sie Teil des Kunstwerks waren, das daraus entstand. Friedrich hatte vieles versucht, um Kessler in diesen Fällen zu reaktivieren. Nichts half, man musste Geduld haben. Er redete dem Künstler zu wie einem Kind, das entmutigt war. Für sich selbst nannte Friedrich diese Gespräche ‚Blue-Sky-Sessions‘. Gerade als er dachte, Kessler wieder aufgerichtet zu haben, fing dieser mit dem ‚Taschen-Projekt‘ an. Das war ein schlechtes Zeichen.