(165) Niklas Prager hatte gerade seinen Sohn Arthur in die Grundschule gefahren…

von Alain Fux

Niklas Prager hatte gerade seinen Sohn Arthur in die Grundschule gefahren und saß auf halbem Weg zurück nach Hause in einem Starbucks. Er trank einen Latte Macchiato und las die Nachrichten auf seinem Tablet. Sein Mobiltelefon klingelte. Er sah, dass es ein Anruf aus Deutschland war und runzelte die Stirn. Ein Tilo Kaufmann war am Apparat. „Sind Sie der Niklas Prager, der mit Luitfried Buchholz verwandt ist?“ Prager bejahte die Frage, denn auch wenn er keinen Kontakt mehr zu der deutschen Verwandtschaft pflegte, so war es doch seine Familie.

Kaufmann atmete tief ein und erklärte dann, dass sein Onkel leider einem Herzinfarkt erlegen sei. Es sei vor elf Tagen in Südfrankreich im Ferienhaus passiert. Ein ganz schneller Anfall, er habe nicht leiden müssen. Kaufmann bot Prager sein Mitgefühl an. Die Beerdigung habe schon stattgefunden, leider. Es habe etwas gedauert, bis man die Verwandtschaftsverhältnisse übersehen habe und Prager sei der einzige lebende Verwandte.

Prager bedankte sich, führte aber auch an, dass er seit seiner Jugend keinen Kontakt mehr zu Buchholz gehabt hatte. „Was machte er eigentlich? Ich kann mich erinnern, dass er Bauer war, oder so was?“ – „Hmm, nun, das ist der zweite Grund meines Anrufs. Herr Buchholz war der größte Geflügelzüchter in Westeuropa. Er hatte aufgrund der Plötzlichkeit seins Dahinscheidens keine Zeit mehr gehabt, ein Testament zu verfassen. Mit anderen Worten: Sie sind der Alleinerbe der Buchholz Holding mit ihren 109 Untergesellschaften.“ Prager brauchte einen Augenblick, bevor er antworten konnte. „Ein ganzer Konzern?“ – „Ja, und er gehört Ihnen. Bis zum letzten Hahnenkamm.“

Prager sagte, dass er nachdenken musste. Er ließ sich von Kaufmann dessen Telefonnummer geben und bestellte sich erst einmal einen doppelten Espresso mit Haselnussgeschmack.

Der Anruf schien echt zu sein. Onkel Buchholz traute er es auch zu, mit zäher Arbeit einen ganzen Hühnerkonzern auf die Beine gestellt zu haben. Die Frage war, was hatte das mit ihm, Niklas Prager, zu tun? Er hatte Claire Brewster während seines Studiums in den USA kennengelernt, sie geheiratet, obwohl ihre Familie auf ihn herabsah. Sie war zu einer ganz erfolgreichen Anwältin in einer angesehenen Ostküsten-Kanzlei aufgestiegen. Deshalb war es auch normal, dass er sich um Arthur kümmerte, während sie Karriere machte. Deshalb war es ausgeschlossen, dass er das Erbe in Europa antreten würde, um einen Hühnerkonzern zu führen. Noch dazu war Claire Vegetarierin und hatte bestimmt auch noch moralische Bedenken, was Hühnerzucht anging. Er musste das Erbe verkaufen. Wer weiß, wie viel es abzüglich etwaiger Schulden überhaupt wert war. Zumindest konnte er damit ein paar Punkte bei den Verwandten seiner Frau wettmachen. Vorausgesetzt natürlich, dass sie keine Probleme damit hatten, dass das Geld aus der Ausbeutung von Tieren stammte.

Am besten, er sprach direkt mit ihr. Er schaute auf die Uhr. Wenn er in die Stadt fuhr, konnte er sie nach dem Mittagessen sprechen und war immer noch früh genug wieder zu Hause, um Arthur von der Schule abzuholen.

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