(164) Buchholz war bewusst, dass er seinen Nachlass regeln musste.

von Alain Fux

Buchholz war bewusst, dass er seinen Nachlass regeln musste. Bliebe er untätig, dann würde mit seinem Tod die Firmengruppe zerfallen. Er war Realist und akzeptierte, dass eine wirtschaftliche Einheit sich ständig im Wandel befand und nichts Bleibendes darstellte. Dennoch wollte er seinen Teil dazu beitragen, dass es auch nach seinem Tod noch Buchholz-Hühnerfarmen geben konnte. Er beschloss, eine Woche in seine Ferienvilla an die Côte d’Azur zu fahren, um dort in Ruhe seine Optionen zu betrachten. Tilo Kaufmann war durchaus eine Möglichkeit, aber es gab da auch noch den Sohn seiner Schwester, Niklas Prager, der in den USA lebte und dort mit einer erfolgreichen Anwältin verheiratet war. Er wollte Niklas, den er leider nur als pubertierenden Jugendlichen in Erinnerung hatte, eine Chance geben. Auf jeden Fall brauchte Buchholz Zeit zum Nachdenken.

Außerdem war es schön, mal wieder aus dem ganzen Hühnerzeug raus zu kommen. Allein die Fahrt durch Frankreich war wie immer ein Genuss für Buchholz. In Lyon übernachtete er und genoss ein exquisites Abendessen in einem erstklassigen Restaurant. Am nächsten Morgen dann den Rest der Strecke.

Als er in seinem Haus in Cavalaire ankam, ließ er den Wagen in der Auffahrt stehen, ging hinein, riss die großen Fenster auf und trat hinaus auf die Terrasse, die auf das Meer schaute. Das machte er jedes Mal, wenn er dort ankam und es gab ihm immer eine Bestätigung, dass die ganze Quälerei in der Firma am Ende, doch zu etwas gut war.

Aber, da wo immer ein kleines Wäldchen zwischen der Terrasse und dem Meer war, breitete sich jetzt ein Strand mit unzähligen Sonnenschirmen und Liegestühlen aus. Und in den Liegestühlen lagen fette Männer und Frauen in den verschiedensten Hauttönen, von alabasterweiß über hummerrot zu lederbraun. Buchholz stand fassungslos auf seiner Terrasse und fühlte sich vergewaltigt. Der Hausverwalter hatte ihm am Telefon über ein paar Veränderungen berichtet, aber er hatte Buchholz nicht über deren Ausmaß aufgeklärt. Das war bestimmt ein Affront des Bürgermeisters, der ihn genauso wenig ausstehen konnte, wie er ihn. Buchholz schaffte es nicht einmal auf das Mittelmeer zu schauen, wie er es sonst immer tat und wobei er immer die besten Einfälle hatte. Es war, als ob dieser vom Pöbel besetzte Strand eine Wand zwischen ihm und dem Meer darstellte.

Der Hühnerbaron hatte Schwierigkeiten, Luft zu bekommen und es war, als ob diese aufgeblähten Leiber auf ihm drauf lagen. Er regte sich so sehr auf über den Eingriff in sein Leben, dass er die Symptome der Brustschmerzen erst deutete, als ihm schon schwarz vor Augen wurde. Sein Mobiltelefon lag im Wohnzimmer auf dem Tisch, er wollte sich noch dahinschleppen, aber dann verlor er das Bewusstsein. Als der Hausverwalter ihn Stunden später fand, war Buchholz tot. Als die Sonne unterging, holten sie seine Leiche ab. Der Strandpächter rechte die Zigarettenkippen im Sand zusammen und war betroffen. Er hätte den Nachbarn, wie er sich ausdrückte, gerne kennengelernt und mit ihm auf gute Nachbarschaft angestoßen.

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