(157) Dr. Alfred Behmenburg war praktischer Arzt.

von Alain Fux

Dr. Alfred Behmenburg war praktischer Arzt. Er kümmerte sich gerne um die praktischen Krankheiten seiner Patienten. Bei Grippe bis Herzklappenfehler fühlte er sich berufen, Diagnosen zu stellen und, wenn notwendig, seine Patienten zu den dazu am besten geeigneten Fachärzten zu schicken. Was Dr. Behmenburg hingegen überhaupt nicht interessierte, waren psychische Störungen. Wenn ein Patient ein Magengeschwür hatte, dann genügte es, zu sagen, „Sie haben ein Magengeschwür“ und dann konnte man in aller Ruhe vernünftig mit dem Patienten besprechen, was jetzt zu tun war. Wenn der Patient einen an der Waffel hatte, begann das Rumgeeiere. Sogar den Patient an einen Psychiater weiterzugeben, blieb nicht ohne Diskussionen, Rückfragen und anderes unerfreuliche Gehabe.

Allerdings gab es einen weiteren Grund für Dr. Behmenburgs Abneigung, sich mit Psychologie zu beschäftigen. In der Tat litt er selbst an einer solchen Störung: Er war nämlich süchtig nach Pferdewetten. Sogar während des Telefonats mit Herrn Schneider hatte er die Quoten für die letzten Rennen des Tages im Auge behalten und nachdem er aufgelegt hatte, schloss er gleich noch zwei Wetten ab.

Da in seinem Büro die Patienten nicht sahen, was er auf dem Computerbildschirm hatte, konnte er seine Wetten auch dann beobachten, wenn er eine Konsultation durchführte. Er sagte sich, dass er Weiteres in der Lage war, Diagnosen zu stellen und Wetten zu verfolgen. Nur wie gesagt bei psychischen Störungen hatte er eine Blockade. Es war so, als ob er den Weihnachtsmann spielen sollte, dabei aber ein Osterhasenkostüm trug. Es war einfach nicht richtig.

Unterschwellig wusste er, dass er selbst ein Problem hatte. Er ging nur noch ungern unter die Leute, weil er lieber Pferderennen schaute, jederzeit bereit ein paar Nebenwetten abzuschließen. Er schätzte, dass die verlorenen Wetten sich mit den gewonnenen die Waage hielten. Sicherheitshalber unterließ er es aber nachzurechnen. Den sinkenden Saldo seines Bankkontos führte er auf witterungsbedingte Saisonalitäten im Arztgeschäft zurück.

Schon seit längerer Zeit hatte Dr. Behmenburg festgestellt, dass die Quoten der Buchmacher nicht konsistent waren. Vor allem schien es möglich, Wetten nach und nach abzuschließen, um so die zeitliche Entwicklung der Inkonsistenzen zu nutzen. Er hoffte, ein System zu entwickeln, mit dem er diese Erkenntnis ausnutzen konnte.

Das würde ihm helfen, die Unwägbarkeiten des Arztgeschäfts auszugleichen. Den Arztberuf würde er nicht aufgeben, denn seine Patienten brauchten ihn und er brauchte sie. Er war mit Herz und Seele praktischer Arzt.

Advertisements