(155) Bald wird sie merken, worum es dem klugen Delfin in Wirklichkeit geht!

von Alain Fux

„Bald wird sie merken, worum es dem klugen Delfin in Wirklichkeit geht!“ Hansjoseph Schneider saß auf der Veranda im Schatten und beobachtete die Hafenmole unterhalb des Hügels mit dem Feldstecher. Seit er und Marliese in das einfache Holzhaus eingezogen waren, um ihren Lebensabend in der Sonne zu verbringen, gehörte das Beobachten aller Aktivitäten im Hafen zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Marliese stand in der Küche und hielt eine grellgelbe Fliegenklatsche in der erhobenen Hand. Sie lauschte nach dem Summen der Fliege, die sie schon seit ein paar Minuten fast in den Wahnsinn brachte. „Was sagst du!“, rief sie durch den Fransenvorhang nach draußen.

„Da, jetzt kommt der süße Flipper wieder!“ Hansjoseph war ganz aufgeregt. Er hatte den Vorgang schon mehrmals beobachtet und freute sich schon auf den Augenblick, wenn die arglose Touristin, die den lieben Delfin streicheln wollte, merkte, dass das Tier sie nur als Masturbationshilfe missbrauchte. Normalerweise schimpfte Marliese dann mit ihm, wenn er wieder beobachtete, oder spannte, wie sie sagte. Zumindest kam sie raus und schnalzte abwertend mit der Zunge. „Was machst du da drinnen?“, fragte er, ohne den Feldstecher von den Augen zu nehmen. Es kam keine Antwort. Hansjoseph hielt den Atem an. Der Delfin drehte seine Kreise um die Touristin, eine ganz attraktive blonde Frau im Bikini. Es war schon seltsam, dass immer Frauen, sich mit dem Delfin beschäftigten Hansjoseph hatte noch nie gesehen, dass ein Mann derart im Mittelpunkt stand. Er fragte sich, ob es an den Vorlieben der Frauen oder an denen des Delfins lag. Das würde man wahrscheinlich nie klären können. Jetzt schwamm der Delfin ganz nah um die Frau herum. Jetzt, dachte er, jetzt ist der Moment der Wahrheit. Die Frau erstarrte und der Delfin drehte weiter seine Runden. Dann machte die Frau heftige Paddelbewegungen und bewegte sich auf die Leiter zu, die vom Meer auf die Mole führte. Hansjoseph lachte. Gerade als die Frau sich an der Leiter nach oben hievte, kam aus der Küche ein Scheppern, gefolgt von wildem Klatschen. „Jetzt mach ich dich alle, du Aas“, hörte er Marliese mit zusammengepressten Zähnen rufen. Hansjoseph sprang zur Haustür und teilte den Plastikvorhang mit dem Feldstecher, den er noch in der rechten Hand hielt. In der Küche lief Marliese wie von Sinnen durch die Küche und hieb mit der Fliegenklatsche scheinbar wahllos auf Geschirr, Gewürzdöschen, Trockenblumen… Kurzum, sie schlug alles klein, was um sie herum stand.

Zuerst schaute Hansjoseph ihr mit großem Erstaunen zu, dann stellte er den Feldstecher auf den Kühlschrank und packte Marliese mit beiden Armen. Sie wehrte sich und schlug ihn mit der Fliegenklatsche auf die Stirn. Er nahm sie ihr ab und ließ sie auf den Boden fallen. Als er sie ganz fest an sich zog, wurde sie ruhiger. „Alles ist gut, Marliese. Ganz ruhig, mein Schatz. Ganz ruhig.“ Nach und nach entspannte sie sich in seinen Armen. Es war still, bis eine Fliege sich vom Fensterglas erhob und laut summend durch die Küche flog.

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