(153) Meine Herren, es ist jetzt Halbzeit der Skisaison.

von Alain Fux

„Meine Herren, es ist jetzt Halbzeit der Skisaison. Wir wollen das heute feiern, aber vorher noch ein ernstes Wort.“

Berndt Schießl, der überkommunale Leiter des Skigebiets Teufelstein Ski Panorama schaute in die Runde der Skilehrer, die im Gemeindesaal vor ihm standen. An den langen Tischen an der Wand standen schon die Gläser mit dem Ehrenwein, aber vorher durfte er das Unangenehme nicht aussparen.

„Die Allermeisten von Euch wissen davon… Wir haben heuer einen Gestörten unter uns. Ein Unbekannter, der insbesondere beim Après-Ski zuschlägt, aber nicht nur. Es gab auch schon Vorfälle in verschiedenen Hütten, wo er am helllichten Tage sein Unwesen getrieben hat.

Der Unbekannte ist etwa 50 Jahre alt, hat graue Haare, eher dünne Gestalt, etwa 1,80 Meter groß. Über die Bekleidung gibt es unterschiedliche Aussagen – wir können davon ausgehen, dass er derart normal gekleidet ist, dass er nicht auffällt.

Seine Vorgehensweise ist so einfach wie perfide. Er gibt sich jovial und nähert sich Gesprächsrunden. Er gibt vielleicht sogar eine Runde aus, was ja durchaus löblich ist. Allerdings kommt irgendwann der Moment, wo der Wolf die Ski… Pardon… die Schafsmaske fallen lässt und zuschlägt. Bei allen 19 Fällen gibt es eine Parallele und sie führt uns zum Auslöser der Taten. Wenn in der Runde ein Witz erzählt wird, scheint der Unbekannte aktiv zu werden. Ich möchte mir kein Urteil über Witze machen, denn es sollte die ureigenste Freiheit eines Jeden sein, Witze in der Qualität zu machen, die er für richtig hält. In allen 19 Fällen hat der Täter einen der Witzeerzähler unmittelbar nach Ende des Witzeerzählens aufgelauert, normalerweise beim WC-Besuch, und dabei übel zugerichtet. Einige konnten am nächsten Tag nicht mehr Skifahren! Allen Opfern haben wir natürlich psychische Betreuung zukommen lassen.

Es ist ein Anschlag auf unseren Lebensstil und unsere Geselligkeit! Jemand, der es uns verleiden will, dass Unbekannte sich bei einem Glas Wein oder einem Bier treffen und dabei zu Freunden werden. Das ist mindestens genauso wichtig als das Skifahren selbst. Und ich sage das nicht, weil ich der Wirt des Goldenen Ochsen bin.

Ich möchte Ihnen daher wärmstens ans Herz legen, dass sie der Polizei auffällige Personen melden. Aber agieren Sie nicht auf eigene Faust. Unsere Gäste sollen sich hier wohlfühlen und eine falsche Verdächtigung ist doppelt so schlimm wie die Tat selbst. Verbieten Sie keine Witze, ganz gleich wie schlecht. Unterbrechen Sie nicht vor der Pointe aus übertriebener Vorsicht. Aber, seien Sie wachsam, sowohl auf der Piste, bei der Jause oder beim Après-Ski.

Und jetzt meine Herren, kommen wir zum angenehmen Teil des Abends, bevor ich Sie wieder zu Ihren Schäfchen entlasse. Nehmen Sie sich ein Glas und lassen Sie uns auf eine erfolgreiche zweite Hälfte der Skisaison am Teufelstein Ski Panorama anstoßen.“ Als alle ihr Glas hatten, hob Schießl das seine und prostete den Skilehrern zu.

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