(151) Die Fähre bewegte sich nicht vom Fleck.

von Alain Fux

Die Fähre bewegte sich nicht vom Fleck. Wolfdieter Kuhn war am Verzweifeln. Jetzt hatte er seine Familie aus dem Feuer gerettet und an Bord gebracht, aber diese halbgare Mannschaft mit dem dösigen Kapitän war nicht in der Lage, auszulaufen. Es konnte doch nicht sein, dass man das Leben der bereits auf der Fähre befindlichen Menschen in Gefahr brachte, bloß damit man noch mehr Passagiere auf die Fähre holen konnte. Kuhn fand, dass wenn er es aus der fast entferntesten Reihe geschafft hatte, zügig an Bord zu gelangen, dann hätten es alle anderen auch schaffen müssen, wenn sie sich denn richtig Mühe gegeben hätten. Er verlangte, den Kapitän zu sprechen, geriet aber nur an einen Untergebenen, der Kuhn nicht verstand. Währenddessen kamen die Flammen immer näher. Es wäre ja nicht ungewöhnlich, dass die Flammen irgendeinen Behälter mit Treib- oder Schmierstoffen erreichten und dann würde die Fähre mit allen Passagieren einfach in die Luft fliegen. Kuhn sagte sich, dass er dafür keine Verantwortung tragen wollte. Er kehrte zu Frau und Kind zurück und sagte ihnen, sie sollten sich bereithalten, denn er würde einen Ausfall versuchen.

Am hinteren Ende der Fähre hingen an Kranen vier orangefarbene Rettungsboote. Entschlossen öffnete Kuhn das Verdeck eines der Boote und schickte Tessa und Roland hinein. Tessa wollte diskutieren, aber dafür war jetzt wirklich keine Zeit. Auch Kuhn stieg hinein und suchte nach der Seilbremse, die er lösen musste, um das Rettungsboot zu Wasser zu lassen. Gerade rechtzeitig fand er sie und betätigte sie, bevor weitere Passagiere das Boot entern konnten. Einen davon musste Kuhn mit der Hand ins Gesicht wegdrücken, bevor endlich das Boot in die Tiefe sank.

Als sie im Wasser dümpelten, stieß Kuhn das Boot vom Rumpf der Fähre ab. Er sagte ihnen, wie sie rudern sollten, aber weder Tessa noch Roland waren dazu imstande. Allerdings hatten die paar Meter schon gereicht, damit das Rettungsboot eine Strömung erreichte, die es wegtrug.

Als Kuhn merkte, dass die Strömung das Rettungsboot wieder zur Insel trieb, in Richtung des hellsten Feuerscheins, konnte er nichts mehr machen. Nach ein paar Minuten hatte sich das Boot am Strand festgefahren. Wenigstens war an der Stelle der Strand etwa zwanzig Meter breit und bildete so eine natürliche Feuerschneise. Jetzt gab es nichts mehr zu tun, als zu warten, bis das Feuer aus war und sie jemand retten kam.

Tessa machte Kuhn Vorwürfe. Kuhn fand, dass sie undankbar war. Er hatte wenigstens nicht tatenlos zugesehen, wie seine Familie lebendigen Leibes verbrannte. Gerade in dem Augenblick legte die Fähre ab und fuhr mit einem lauten Tuten weg von der Insel. Die dadurch ausgelöste Welle hob das Rettungsboot weiter aufs Land, den Flammen ein Stück näher. Ein Baum fiel krachend um und legte sich lichterloh brennend quer über den Strand.

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