(150) Als junger Mann hätte Wolfdieter Kuhn selbst an der Korkenweitschuss-Weltmeisterschaft teilgenommen.

von Alain Fux

Als junger Mann hätte Wolfdieter Kuhn selbst an der Korkenweitschuss-Weltmeisterschaft teilgenommen. Jetzt mit fünf Kindern und einer Ehefrau in der Verantwortung wäre es nicht mehr passend. Die wilden Jahre waren vorüber, als er Tessa heiratete. Dennoch hatte er sich gefreut, als er drei Karten für die Veranstaltung ergattern konnte. Sein Schwager, der Bruder von Tessa, war Bürgermeister und hatte dafür gesorgt. So waren er, Tessa und ihr zweitältester, Roland, mit der Fähre zu der Insel gefahren. Der Älteste musste sich um den Rest der Brut kümmern, wie Wolfdieter manchmal im Spaß sagte.

Als das Feuer auf der Insel ausbrach, setzte bei Wolfdieter Kuhn ein archaisches Programm ein, bei dem es nur ein Ziel gab: die Familie zu retten. Als einer der Teilnehmer eine Stromleitung abgeschossen hatte und daraufhin in kurzer Entfernung etwas in die Luft flog, scheuchte Kuhn seine Frau und seinen Sohn aus ihren Plätzen in der zweiten Reihe. Seine Nachbarn hatten den Ernst der Lage nicht so schnell erkannt und wollten ihn nicht vorbeilassen. Er musste daher über ihre Beine steigen, Tessa und Roland vor sich herschiebend, denn ohne seine Hilfe hätte der Mob sie nicht durchgelassen. Die panikartige Flucht von Kuhn löst bei den Zuschauern aus den Reihen hinter ihm, Angst und Beklemmung aus. Man stellte sich vor, dass die Gefahr unmittelbar da war. Auch in den Reihen dahinter versuchten die Zuschauer ihre Haut zu retten und es entstand ein Tumult. Vier Ordner waren dazu eingeteilt worden, um Panik zu vermeiden, allerdings hatte man ihnen nicht gesagt, wie man Panik zurückdrängte, wenn sie denn einmal da war.

Nach kurzer Überlegung drängten drei der Ordner gleich am Anfang mit in Richtung Notausgang. Der vierte Ordner wollte die Zuschauer beruhigen, bekam aber von der Frau des Bürgermeisters die Handtasche um den Kopf gehauen, sodass er sich eines Besseren besann.

Jetzt stürmten alle nach hinten zu den Notausgängen. Allen voran Kuhn, der den Arm seines Sohnes gepackt hatte und ihn hinter sich herzerrte. Tessa zog ihre Schuhe aus, um besser voranzukommen. Sie eilten in Richtung der Fähre, die noch immer an der Anlegestelle lag. Kuhn bugsierte Frau und Kind an Bord, vorbei an den verdutzten Gesichtern der Seeleute, die gerade damit angefangen hatten, an Bord zu grillen. Kuhn lief instinktiv ganz nach oben an Deck und ganz nach hinten, weg von der nunmehr an mehreren Stellen lichterloh brennenden Insel. Fasziniert schauten er, seine Frau und ihr Sohn den Flammen zu, wie sie sich durch die Bühnenaufbauten fraßen. Die Scheinwerfer waren schon vorher ausgegangen und jetzt wurde die Szenerie nur mehr von dem gespenstischen Feuer ausgeleuchtet.

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