(146) Zuerst dachte Elfriede Poll, dass der junge Mann sich einfach nur ausruhte.

von Alain Fux

Zuerst dachte Elfriede Poll, dass der junge Mann sich einfach nur ausruhte. Er lag angelehnt an den Sockel des Denkmals für Heinrich den Eroberer. Es war noch früh am Morgen und Frau Poll drehte ihre morgendliche Runde am Strand. Als sie nach einer halben Stunde wieder am Denkmal vorbeikam und der junge Mann noch immer in der gleichen Position dasaß, schaute sie ihn sich näher an. Sie patschte ihm leicht auf die Wangen, aber er reagierte nicht. Auch nicht, als sie ihm eine kräftigere Ohrfeige gab. Da sie nun am Ende ihrer Erste-Hilfe-Maßnahmen angekommen war, rief Frau Poll aus ihrer Wohnung die Polizei an.

Als Gendarm Pauly den Jungen etwas schüttelte, kam er langsam zu sich. „Er kommt zu sich“, bemerkte Frau Poll, die natürlich wieder herausgeeilt gekommen war, als der Gendarm auftauchte. „Ich sehe es“, grummelte der Gendarm, der alte Damen, die sich in alles einmischten, nicht ausstehen konnte. Schließlich kam der Notarzt, dann die Ambulanz und brachte den jungen Mann ins Krankenhaus. Er sprach nicht, obwohl er sichtlich alle Fragen verstand.

Gendarm Pauly hatte bei dem Mann einen Personalausweis auf den Namen Benedikt Arnold gefunden. Über die Kollegen am Wohnort des Mannes fand er heraus, dass der Student in einem Ferienhaus wohnte, und sogar in welchem. Gendarm Pauly fuhr hin, schaute sich das luxuriöse Ferienhaus von allen Seiten an und klingelte dann. Er fragte die junge blonde Frau, die ihm öffnete, wo denn Herr Arnold zu finden sei. Gendarm Pauly fragte am Liebsten zuerst Dinge, bei denen er die Antwort bereits kannte. So wusste man schneller, ob der Zeuge kooperierte oder nicht. Die junge Frau, die sich als Celia Finke auswies, sagte, dass Arnold sich auf der Insel befinde. „Die Pfaueninsel?“, fragte Gendarm Pauly. Die Frau zuckte die Schultern, aber da es keine andere Insel gab, lag die Vermutung nahe. Ein Anruf im Krankenhaus ergab, dass der junge Mann beharrlich schwieg, obwohl er den Ärzten zufolge in der Lage war, zu sprechen. „Auf zur Pfaueninsel“, beschloss Gendarm Pauly und nahm die drei Freunde des Opfers mit.

Unterwegs im Polizeiwagen und dann im Motorboot erzählten sie ihm von ihrer Begegnung mit dem schwarz gekleideten Mann. Gendarm Pauly ließ sie den Mann detailliert beschreiben, konnte sich aber nicht vorstellen, den Unbekannten zu kennen. Da er Arnolds Freunde nicht einschätzen konnte, erzählte er vorerst nicht, dass Arnold im Krankenhaus war.

Pauly kannte die Insel noch aus seiner Jugend, als er mit seinen Freunden an so mancher Sommernacht dort am Strand grillte. Es gab dort nur ein paar verwitterte Gemäuer, die sehr viel früher einmal als Quarantäne-Station bei einer Typhuswelle genutzt worden waren. Eigentlich war das Betreten der Insel seit ein paar Jahren verboten, weil dort ein Vogelschutzgebiet erklärt worden war. Natürlich nicht für Pfauen, die es niemals dort gegeben hatte, sondern wegen irgendwelcher Viecher, deren Namen Gendarm Pauly noch nie gehört hatte.

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