(141) Rüdiger Schinköthe hatte Watanabe zuerst akustisch nicht verstanden.

von Alain Fux

Rüdiger Schinköthe hatte Watanabe zuerst akustisch nicht verstanden. Als der Japaner den Ausspruch wiederholte, hatte Schinköthe nicht begriffen, was er damit meinte. Er hielt sich zugute, dass er wahrscheinlich früher als andere draufkam, was Watanabe gemeint hatte. Dann überlegte er sich, ob es ein perfider Hohn von Krüpper war, der es Schinköthe übel nahm, dass er ab und an von seinen Kriegserlebnissen erzählte, besonders, wenn er ein paar Bierchen intus hatte. Die anderen Chormitglieder lachten und so war Schinköthe gezwungen, den Spruch des Japaners als harmlosen Witz aufzunehmen. Er wusste, wann man die weiße Fahne zu hissen hatte. Aber das hieß nicht, dass man dem Feind bei Gelegenheit nicht auch danach noch das Messer in den Rücken rammen konnte. „Alles zu seiner Zeit“, murmelte Schinköthe.

Der Japaner wurde erst einmal provisorisch in den Chor aufgenommen. Aus aktuellem Anlass schlug Krüpper vor, dass der Chor gemeinsam das Heideröslein einstudierte. „Na so ein Zufall“, dachte Schinköthe, sagte aber nichts. „Heidenröslein“, verbesserte Watanabe. Krüpper schaute ihn fragend an. „Der Originaltitel von Goethes Gedicht war eigentlich ‚Heidenröslein‘. Mit N in der Mitte.“ Krüpper nickte nachdenklich und konzentrierte dann die Aufmerksamkeit des Chors auf die Spitze seines Taktstocks. Sie sangen das Lied einmal ganz durch ohne Rücksicht auf Verluste. Natürlich gab es Verhaspler und unreine Töne, aber insgesamt, so musste auch Schinköthe zugeben, war das Ergebnis für einen ersten Durchgang fantastisch gut. Norbert Milz standen schon wieder die Tränen in den Augen und er musste sein allzeit bereites Taschentuch bemühen. Besonders die Passage als der ganze Chor donnernd „Musst es eben leiden“ sang, wühlte Milz völlig auf.

Sie bearbeiteten das Lied noch weiter und als sie am Ende der Probe angekommen waren, war das Ergebnis fast schon konzertreif.

Nach der Probe ging es, wie immer, zum Stammtisch in die Kneipe gegenüber. Watanabe wurde eingeladen und ging mit, erfreut, in der illustren Gruppe aufgenommen zu sein. Alle bestellten Bier, außer Watanabe, der Salbeitee orderte. Während sein Teebeutel noch im heißen Wasser zog, begann Watanabe einen Exkurs zu ‚Heideröslein‘ und den Interpretationsmöglichkeiten. Besonders die erotische Doppeldeutigkeit des Gedichts schien ihn zu fesseln. Die anderen Chormitglieder hatten keine Lust auf diese Ausführungen. Sie hatten gesungen und bevor sie wieder nach Hause gingen, wollten sie etwas trinken und sich über alles Mögliche unterhalten, aber nicht über Gedichte von Goethe. Erst taten sie so, als ob sie zuhörten. Als Watanabe aber kein Ende fand und irgendwann auch noch erklärte, dass ‚Heidenröslein‘ eigentlich für Hegedrüse stand, dem altdeutschen Wort für Hoden, da verlor er seine Zuhörer. Sie wandten sich ab und unterhielten sich untereinander oder setzten sich sogar an andere Tische. Als Letzter verblieb Milz, bedauerte es aber, einen günstigen Moment verpasst zu haben.

Advertisements