(140) Wäre Katsumi Watanabe nicht Japaner gewesen, er wäre kaum aufgefallen…

von Alain Fux

Wäre Katsumi Watanabe nicht Japaner gewesen, er wäre kaum aufgefallen, denn er war ein Ausbund an Diskretion. So aber stand er vor den Männern des Tonart Sängerbunds Pforzheim, die ihn alle anstarrten. Watanabe kannte nur den Dirigenten, den er vorher ein paar Mal getroffen hatte und der ihm von der schwierigen Lage im Chor berichtet hatte. Das machte Watanabe nichts aus. Im Gegenteil, die Ehre, sich für etwas einzusetzen, an das man glaubte, wurde durch die Widrigkeiten, die man dafür erdulden musste, noch erhöht. Und er war bestens vorbereitet. Er hatte sich nicht nur mit Gesang auseinandergesetzt, sondern auch mit Deutschland und seiner Seele. Katsumi Watanabe war bereit.

Lange hatte der Japaner nachgedacht, welches Stück er vorsingen würde. Er hatte sich für Heideröslein entschieden. Die Kombination von Goethe und Schubert schien ihm unübertrefflich und schlicht bestechend.

Natürlich hatte er sich auch überlegt, ob er eine kurze Ansprache halten sollte. Aber das wäre keine gute Idee. Es war besser den Gesang in den Vordergrund zu stellen. Erst, wenn er sie mit seinem Können überzeugt hatte, würde er ein paar erbauende Worte sprechen, die er sich natürlich vorher reiflich überlegt hatte. In einem deutschen traditionsreichen Männerchor mitzusingen, würde ein Höhepunkt seins Lebens sein. Es durfte nicht scheitern.

Watanabe stellte sich auf, nickte dem Pianisten zu, als er bereit war und sang.

Als er geendet hatte, schien es ihm Probenraum ein paar Grad wärmer geworden zu sein. Einige Chormitglieder lächelten selig, einer schien sogar mit Tränen zu kämpfen. Krüpper zwinkerte Watanabe zu. Da wusste der Japaner: Er hatte sie überzeugt. Jetzt war der Moment gekommen, ein paar Worte an seine neuen Freunde zu richten.

Katsumi Watanabe hob seine rechte Hand auf Brusthöhe und sagte „Deutschland“. Dann hielt er seine linke Hand vor und sagte „Japan“. Seine Hände griffen ineinander in einem beherzten Händeschütteln. „Freundschaft“ sagte er und lächelte dabei.

Im Probenraum war eine weihevolle Stimmung. Krüpper dachte sich, dass es doch immer wieder verblüffend sei, was die Musik bei Menschen ausrichten konnte. Sogar Schinköthe schien seine Position zu überdenken. Auf jeden Fall gab auch er kräftig Applaus, gemeinsam mit allen anderen. Norbert Milz hatte eine Träne im Auge. Er wischte sie verstohlen weg, denn es war ihm peinlich, dass er so „nahe am Wasser gebaut war“, wie er fand. Er fühlte, dass er einen wesentlichen Anteil daran hatte, dass Watanabe jetzt in ihrer Gemeinschaft aufgenommen war.

Der Japaner verneigte sich tief. Als er wieder aufrecht stand, lächelte er verlegen und sagte: „Deutschland. Japan. Aber nächstes Mal ohne Italien!“

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