(139) Als alle Teilnehmer der Chorprobe anwesend waren, hielt Manfred Krüpper eine kleine Ansprache.

von Alain Fux

Als alle Teilnehmer der Chorprobe anwesend waren, hielt Manfred Krüpper eine kleine Ansprache. Er war Dirigent und Präsident des Tonart Sängerbunds Pforzheim und schon längere Zeit auf der Suche nach Möglichkeiten, frisches Blut in den Männergesangverein zu bringen. Er wusste, dass seine Kollegen nicht alle seine Bestrebungen teilten. Insbesondere Rüdiger Schinköthe war strikt gegen Veränderungen. Krüpper war deswegen frustriert und sah die Chormitglieder in wenigen Jahren schon mit Spinnweben vor den offenen Mündern dastehen. Er hatte einen letzten Versuch gestartet und wenn das nicht funktionierte, wollte er von allen Ämtern zurücktreten.

Objektiv war es ein Knaller, den er präsentieren wollte. Er hatte einen 30jährigen gefunden, der eine umwerfende Stimme hatte, Chorerfahrung besaß und darauf brannte in die Chorgemeinschaft aufgenommen zu werden. Es gab nur einen Haken: Katsumi Watanabe war Japaner.

Nachdem Krüpper erklärt hatte, was er vorschlug, war es erst einmal still. Er überlegte, ob er seinen ansonsten Rücktritt gleich mit ankündigen sollte, entschied sich aber dagegen, um die Situation nicht noch zu verschärfen. Schinköthe stand da mit verschränkten Armen und sagte nur düster: „Das ist das Ende.“ Zustimmendes Raunen kam aus mehreren anderen Kehlen. Norbert Milz, der Konflikte immer übertünchen wollte und damit manchmal die opponierenden Parteien erst recht gegeneinander aufstachelte, meldete sich zu Wort. Er schlug vor, dass Watanabe vorsingen sollte und man sich dadurch ein besseres Bild machen könnte. Weiteres Raunen zeigte, dass dies ein vernünftiger Vorschlag für einige war. Schinköthe schüttelte den Kopf. „Es geht nicht darum, ob das Schlitzauge singen kann. Es geht um mehr!“

Die Diskussion dauerte an. Am Ende hatte sich der Chor zu einer Kompromissmeinung durchgerungen und Watanabe sollte bei der nächsten Chorprobe vorsingen. Allerdings war schon klar, dass man dabei eigentlich nur nach der Begründung suchen würde, um ihn abzulehnen. Für Krüpper bedeutete es, dass er sofort danach zurücktreten würde. Er hatte keine Lust, seinen Kollegen ein Ultimatum zu setzen. Schinköthe würde wahrscheinlich sein Nachfolger werden und irgendwie würde es weitergehen.

Zum Schluss gab es noch eine Auseinandersetzung, ob man dem Japaner ein bestimmtes Lied zum Vorsingen vorgeben wollte oder ihm die freie Auswahl überließ. Da auch in der Wahl des Stückes ein möglicher Ablehnungsgrund liegen konnte, beschloss man, keine Vorgaben zu machen. „Vielleicht gibt er uns ja ein Stück aus der japanischen Volksmusik zum Besten“, schloss Schinköthe hoffnungsvoll.

Nach der Diskussion waren alle so sehr erschöpft, dass sie beschlossen, nur noch einmal gemeinsam „Im Krug zum Grünen Kranze“ zu singen und dann die Chorprobe zu beenden.

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