Tilt Shift Panoptikum

Fiktion. Eine Vielzahl von Geschichten, die miteinander verknüpft sind. Alain Fux.

Monat: Juli, 2017

(167) Henry Samson war vom Kopf her Anwalt, aber sein Herz gehörte dem Amerikanischen Bürgerkrieg.

Henry Samson war vom Kopf her Anwalt, aber sein Herz gehörte dem Amerikanischen Bürgerkrieg. Er kannte alle Schlachten bis ins Detail und konnte sie mithilfe von Tischgeschirr auch einem Laien verständlich nacherzählen. Zu seinem 70. Geburtstag hatte er sich etwas außergewöhnlich Vergnügliches ausgedacht: Er hatte die anderen 19 Seniorpartner seiner Firma für ein Wochenende in sein Haus auf Long Island eingeladen und dabei ein Motto für die gemeinsame Zeit ausgerufen. Alle sollten als Soldaten der Union verkleidet erscheinen. Da Samson Namenspartner war und immer noch das letzte Wort bei wichtigen Entscheidungen trug, mussten sich die Kollegen seinen Wünschen beugen.

Claire Brewster stellte die Einladung vor größere Probleme. Sie war die einzige Frau, die Seniorpartnerin war und sie fragte sich, ob das Motto der Veranstaltung auch als Spitze gegen sie gemeint war. Henry Samson, so hatte sie gehört, war eingangs nicht sehr glücklich darüber gewesen, sie in den exklusiven Kreis aufzunehmen. Nur ihre wirtschaftliche Ertragskraft hatte ihn umgestimmt. Die Partnerkollegen von Claire brauchten sich nur einen General der Nordstaaten auszuwählen, den sie verkörpern wollten. Schon lange vor dem Termin gab es Gespräche darüber, damit nicht plötzlich ein Charakter zweimal auftauchte. Ulysses S. Grant war tabu, denn diese Rolle hatte selbstverständlich Henry Samson für sich auserkoren. Der schneidige Strafrechtler hatte sich William Tecumseh Sherman ausgewählt, der bedächtige Kartellrechtler war Henry Jackson Hunt. Claires Problem war, dass es keine Frauen im Stab der Nordstaaten gab. Sie hatte sich zuerst überlegt, die Rolle des heißblütigen David Glasgow Farragut zu wählen, aber diese Lösung widerstrebte ihr.

Die Firmenbibliothek war bei Literatur zum Bürgerkrieg erwartungsgemäß hervorragend ausgestattet. Neben vielen anderen Vorteilen nutzte Samson auch hier seine herausragende Position. Claire besorgte sich ein recht umfassendes Buch, das sie auf der Suche nach Ideen überflog. Sie stieß auf eine Frau, Frances Clalin, die als Mann verkleidet im Bürgerkrieg kämpfte. Als Mann hieß sie Jack Williams. Sie hatte sich zusammen mit ihrem Mann freiwillig gemeldet und nachdem er gefallen war, weiter gegen die Südstaaten gekämpft. Berichten zufolge wurde sie dreimal verwundet, einmal gefangen genommen und war als Soldat geachtet.

Claire war sich nicht sicher, ob Samson dies für eine gute Idee halten würde. Immerhin war Clalin kein Offizier und es wäre nicht gut, als Frau bei der Veranstaltung als Soldat aufzutreten, wenn die Kollegen ausnahmslos Generäle darstellten. Sie entschied sich am Ende doch für David Glasgow Farragut, der immerhin den Vorteil bot gänzlich bartlos zu sein. Der Spruch, mit dem sich Farragut unsterblich gemacht hatte, lautete: „Zum Teufel mit den Torpedos! Volle Kraft voraus!“ Das sagte Claire sich auch, als sie im Hotelzimmer auf Long Island ein letztes Mal den Sitz ihrer Uniform überprüfte, bevor sie raus zum Bus ging, der die Seniorpartner der Firma zu Samsons Haus brachte.

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(166) ‚Tinker, Samson & Priest‘ stand in großen Metalllettern an der Fassade des schwarzglänzenden Hochhauses…

‚Tinker, Samson & Priest‘ stand in großen Metalllettern an der Fassade des schwarzglänzenden Hochhauses, in dem Claire arbeitete. Niklas war sehr stolz darauf, dass seine Frau es zu einer der zwanzig Senior-Partner der Kanzlei gebracht hatte, noch dazu als einzige Frau. Der Sicherheitsmann am Empfang kannte ihn und ließ ihn durch die Glasschranke. Oben im 23. Stock bedauerte die Assistentin, dass seine Frau sich bei einem Termin außerhalb befände und sie nicht wisse, wann sie zurückkäme. Niklas wollte sie nicht anrufen, denn das empfand sie immer als störend. Pech gehabt, dachte er und nahm wieder den Aufzug nach unten. Das würde ihm mehr Zeit geben, über das Erbe nachzudenken. Mittlerweile fand er die Idee, als gemachter Mann zurück in die Heimat zu gehen, gar nicht mehr so abwegig. Und immerhin hatte er Management studiert, das musste doch auch etwas bedeuten. Vielleicht wäre es für Claire auch einmal die Gelegenheit, eine Auszeit zu nehmen. Und für Arthur wäre ein Auslandsaufenthalt gut für die Entwicklung. Wenn sich seine Mutter etwas um ihn kümmerte, war das bestimmt auch förderlich.

Als er aus der Lobby ins helle Sonnenlicht trat, fiel ihm der Geländewagen mit den dunklen Scheiben auf, der direkt am Bürgersteig parkte. Die Beifahrertür war angelehnt. Es war ein Buick Enclave, ein Modell, das Claire erwähnt hatte, als sie sich überlegten, einen neuen Wagen anzuschaffen. Niklas war dagegen gewesen, weil das Auto einen enorm hohen Benzinverbrauch hatte. Jetzt, in natura, sah es auch noch monströs riesig aus. Niklas ging auf den Wagen zu, um ihn sich genauer anzusehen. Dann öffnete die Tür sich weiter und er sah wie seine Frau ausstieg. Dabei verabschiedete sie sich mit einem leidenschaftlichen Kuss vom Fahrer, einem dunkelhaarigen Vollbartträger. Erst als sie sich umwandte, bemerkte sie ihren Mann, der wie angewurzelt dastand. „Starr mich nicht so an“, zischte sie verärgert. „Warum schnüffelst Du mir auch hinterher?“ Sie wartete nicht auf die Antwort, die er sich überlegte, sondern zog ihn hinter sich her in einen Starbucks neben dem Hochhaus von Tinker, Samson & Priest.

Claire eröffnete ihm, dass sie sich von ihm scheiden lassen wollte. Eigentlich hatte sie es ihm schon sagen wollen, aber keinen guten Augenblick dafür gefunden. Sie zuckte mit den Schultern und zog die Scheidungsunterlagen aus dem Aktenkoffer. Es gab einen Ehevertrag, in dem schon alles geregelt war. Sie schaute ihn mit harten Augen an, während er aus Verlegenheit in den Unterlagen blätterte. „Warum?“, fragte er. „Sieh dich doch mal an“, antwortete sie. „Was ist mit Arthur?“ – „Schau im Ehevertrag nach, steht alles drin. Ich muss los.“ Claire stand auf und ging.

Es war an dem Tag bereits das zweite Gespräch in einem Starbucks, das ihn nachdenklich zurückließ. Trotzdem hatte er mit dem zweiten Gespräch eine Antwort auf die Frage aus dem ersten Gespräch erhalten. Er würde sein Erbe in der alten Heimat antreten. Es gab nichts, was ihn zurückhielt.

(165) Niklas Prager hatte gerade seinen Sohn Arthur in die Grundschule gefahren…

Niklas Prager hatte gerade seinen Sohn Arthur in die Grundschule gefahren und saß auf halbem Weg zurück nach Hause in einem Starbucks. Er trank einen Latte Macchiato und las die Nachrichten auf seinem Tablet. Sein Mobiltelefon klingelte. Er sah, dass es ein Anruf aus Deutschland war und runzelte die Stirn. Ein Tilo Kaufmann war am Apparat. „Sind Sie der Niklas Prager, der mit Luitfried Buchholz verwandt ist?“ Prager bejahte die Frage, denn auch wenn er keinen Kontakt mehr zu der deutschen Verwandtschaft pflegte, so war es doch seine Familie.

Kaufmann atmete tief ein und erklärte dann, dass sein Onkel leider einem Herzinfarkt erlegen sei. Es sei vor elf Tagen in Südfrankreich im Ferienhaus passiert. Ein ganz schneller Anfall, er habe nicht leiden müssen. Kaufmann bot Prager sein Mitgefühl an. Die Beerdigung habe schon stattgefunden, leider. Es habe etwas gedauert, bis man die Verwandtschaftsverhältnisse übersehen habe und Prager sei der einzige lebende Verwandte.

Prager bedankte sich, führte aber auch an, dass er seit seiner Jugend keinen Kontakt mehr zu Buchholz gehabt hatte. „Was machte er eigentlich? Ich kann mich erinnern, dass er Bauer war, oder so was?“ – „Hmm, nun, das ist der zweite Grund meines Anrufs. Herr Buchholz war der größte Geflügelzüchter in Westeuropa. Er hatte aufgrund der Plötzlichkeit seins Dahinscheidens keine Zeit mehr gehabt, ein Testament zu verfassen. Mit anderen Worten: Sie sind der Alleinerbe der Buchholz Holding mit ihren 109 Untergesellschaften.“ Prager brauchte einen Augenblick, bevor er antworten konnte. „Ein ganzer Konzern?“ – „Ja, und er gehört Ihnen. Bis zum letzten Hahnenkamm.“

Prager sagte, dass er nachdenken musste. Er ließ sich von Kaufmann dessen Telefonnummer geben und bestellte sich erst einmal einen doppelten Espresso mit Haselnussgeschmack.

Der Anruf schien echt zu sein. Onkel Buchholz traute er es auch zu, mit zäher Arbeit einen ganzen Hühnerkonzern auf die Beine gestellt zu haben. Die Frage war, was hatte das mit ihm, Niklas Prager, zu tun? Er hatte Claire Brewster während seines Studiums in den USA kennengelernt, sie geheiratet, obwohl ihre Familie auf ihn herabsah. Sie war zu einer ganz erfolgreichen Anwältin in einer angesehenen Ostküsten-Kanzlei aufgestiegen. Deshalb war es auch normal, dass er sich um Arthur kümmerte, während sie Karriere machte. Deshalb war es ausgeschlossen, dass er das Erbe in Europa antreten würde, um einen Hühnerkonzern zu führen. Noch dazu war Claire Vegetarierin und hatte bestimmt auch noch moralische Bedenken, was Hühnerzucht anging. Er musste das Erbe verkaufen. Wer weiß, wie viel es abzüglich etwaiger Schulden überhaupt wert war. Zumindest konnte er damit ein paar Punkte bei den Verwandten seiner Frau wettmachen. Vorausgesetzt natürlich, dass sie keine Probleme damit hatten, dass das Geld aus der Ausbeutung von Tieren stammte.

Am besten, er sprach direkt mit ihr. Er schaute auf die Uhr. Wenn er in die Stadt fuhr, konnte er sie nach dem Mittagessen sprechen und war immer noch früh genug wieder zu Hause, um Arthur von der Schule abzuholen.

(164) Buchholz war bewusst, dass er seinen Nachlass regeln musste.

Buchholz war bewusst, dass er seinen Nachlass regeln musste. Bliebe er untätig, dann würde mit seinem Tod die Firmengruppe zerfallen. Er war Realist und akzeptierte, dass eine wirtschaftliche Einheit sich ständig im Wandel befand und nichts Bleibendes darstellte. Dennoch wollte er seinen Teil dazu beitragen, dass es auch nach seinem Tod noch Buchholz-Hühnerfarmen geben konnte. Er beschloss, eine Woche in seine Ferienvilla an die Côte d’Azur zu fahren, um dort in Ruhe seine Optionen zu betrachten. Tilo Kaufmann war durchaus eine Möglichkeit, aber es gab da auch noch den Sohn seiner Schwester, Niklas Prager, der in den USA lebte und dort mit einer erfolgreichen Anwältin verheiratet war. Er wollte Niklas, den er leider nur als pubertierenden Jugendlichen in Erinnerung hatte, eine Chance geben. Auf jeden Fall brauchte Buchholz Zeit zum Nachdenken.

Außerdem war es schön, mal wieder aus dem ganzen Hühnerzeug raus zu kommen. Allein die Fahrt durch Frankreich war wie immer ein Genuss für Buchholz. In Lyon übernachtete er und genoss ein exquisites Abendessen in einem erstklassigen Restaurant. Am nächsten Morgen dann den Rest der Strecke.

Als er in seinem Haus in Cavalaire ankam, ließ er den Wagen in der Auffahrt stehen, ging hinein, riss die großen Fenster auf und trat hinaus auf die Terrasse, die auf das Meer schaute. Das machte er jedes Mal, wenn er dort ankam und es gab ihm immer eine Bestätigung, dass die ganze Quälerei in der Firma am Ende, doch zu etwas gut war.

Aber, da wo immer ein kleines Wäldchen zwischen der Terrasse und dem Meer war, breitete sich jetzt ein Strand mit unzähligen Sonnenschirmen und Liegestühlen aus. Und in den Liegestühlen lagen fette Männer und Frauen in den verschiedensten Hauttönen, von alabasterweiß über hummerrot zu lederbraun. Buchholz stand fassungslos auf seiner Terrasse und fühlte sich vergewaltigt. Der Hausverwalter hatte ihm am Telefon über ein paar Veränderungen berichtet, aber er hatte Buchholz nicht über deren Ausmaß aufgeklärt. Das war bestimmt ein Affront des Bürgermeisters, der ihn genauso wenig ausstehen konnte, wie er ihn. Buchholz schaffte es nicht einmal auf das Mittelmeer zu schauen, wie er es sonst immer tat und wobei er immer die besten Einfälle hatte. Es war, als ob dieser vom Pöbel besetzte Strand eine Wand zwischen ihm und dem Meer darstellte.

Der Hühnerbaron hatte Schwierigkeiten, Luft zu bekommen und es war, als ob diese aufgeblähten Leiber auf ihm drauf lagen. Er regte sich so sehr auf über den Eingriff in sein Leben, dass er die Symptome der Brustschmerzen erst deutete, als ihm schon schwarz vor Augen wurde. Sein Mobiltelefon lag im Wohnzimmer auf dem Tisch, er wollte sich noch dahinschleppen, aber dann verlor er das Bewusstsein. Als der Hausverwalter ihn Stunden später fand, war Buchholz tot. Als die Sonne unterging, holten sie seine Leiche ab. Der Strandpächter rechte die Zigarettenkippen im Sand zusammen und war betroffen. Er hätte den Nachbarn, wie er sich ausdrückte, gerne kennengelernt und mit ihm auf gute Nachbarschaft angestoßen.

(163) Tilo Kaufmann war von dem Hühnerbaron Luitfried Buchholz als Manager zur besonderen Verwendung eingestellt worden.

Tilo Kaufmann war von dem Hühnerbaron Luitfried Buchholz als Manager zur besonderen Verwendung eingestellt worden. Mit anderen Worten: Er sollte den Absatz von Hühnereiern erhöhen, gerne auch mit unorthodoxen Methoden. Zum Beispiel hatte sich Kaufmann mit dem Verband eingetragener Zirkusclowns in Verbindung gesetzt und angeregt, die bei Auftritten so beliebten Tortenschlachten, durch den Wurf roher Eier zu ersetzen. Dazu hatte es zunächst Pilotversuche gegeben, die aber seitens der Clowns nicht positiv verliefen. Man bemäkelte besonders, dass die Restspuren von Eiern sehr viel schwieriger von Clownskostümen zu entfernen waren als Sahnereste. Erst als Kaufmann einen Vertreter der Waschmittelindustrie in die Gespräche einbrachte, fand sich eine Lösung, die allen Beteiligten zusagte.

Zugegebenermaßen war der Eierverbrauch aller angeschlossenen Clowns gering im Vergleich zum Gesamtverbrauch, aber Luitfried Buchholz setzte auch auf den Multiplikatoreffekt. Er dachte in langen Zeiträumen und war daher auch besonders erfreut über die Bezeichnung „Hühnerbaron“, denn diese Nähe zum Adel war ein Sinnbild für die Ausdauer seiner Bestrebungen.

Bei ihrem wöchentlichen Jour fixe tauschten sich Kaufmann und Buchholz über neue Ideen aus.

„Ich glaube“, erklärte Kaufmann, „dass ich gerade ein ganz besonderes Potenzial an der Angel habe.“ Er erklärte, dass er von einem Vertreter der Punk- und Demoszene angesprochen worden war. Der Vertreter mit dem Decknamen Marlon gab zu verstehen, dass bei Demos der Einsatz von faulen Eiern vorteilhaft sei, aber die Planung und Hortung von Hühnereiern über längere Zeiträume gegen den Gedanken einer spontanen Demonstration lief. Die Idee war daher, dass die Buchholz-Gruppe jeweils ein Kontingent an Eiern aufbewahrte und diese nicht dem Verzehr zuführte, sondern bei Bedarf der Punk- und Demoszene für spontane Aktionen verkaufte.

„Das hat etwas“, meinte Buchholz anerkennend. „Die jungen Leute machen sich Gedanken, das gefällt mir. Wir könnten damit Restposten verwerten, anstatt sie kostspielig zu entsorgen. Die Lagerkosten schlagen eigentlich kaum zu Buche, da wir im Zentrallager Überkapazität haben. Hygienisch kein Problem, solange wir alles auseinanderhalten und natürlich keine befruchteten Eier einlagern. Ich denke, wir können diesen jungen Leuten unsere Produkte unter den Umständen mit einem Rabatt von bis zu 50% verkaufen. Versuchen Sie zunächst 25% Rabatt, Kaufmann. Und dann sehen wir, wo wir landen. Gute Arbeit, Kaufmann, ich wusste, dass Sie der richtige sind. Erst die Sache mit den Clowns, jetzt die Punks. So einer wie Sie hat der Eierwirtschaft lange gefehlt. Wenn ich Sie sehe, denke ich an mich, als ich noch jung war.“ Kaufmann strahlte. Er fühlte, dass er einen Lauf hatte. Er musste jetzt weiter dran bleiben, denn Buchholz hatte keine Nachkommen.

(162) Wir müssen verhindern, dass dieses Gesetz vom Parlament verabschiedet wird.

„Wir müssen verhindern, dass dieses Gesetz vom Parlament verabschiedet wird.“ Eino Degenhardt schaute den sechs Mitstreitern, die an diesem Abend zum Treffen gekommen waren, nacheinander ins Gesicht. Sie nickten alle. Er wollte gerade fortfahren, um die Möglichkeiten des Protests zu behandeln, als es klingelte. Seitdem ein Treffen von der Polizei ausgehoben worden war, hatte Eino vorübergehend seine Wohnung für Treffen zur Verfügung gestellt. Ein anderes Lokal hatte er nicht finden können. Er schaute durch den Türspion und sah Hardi vor der Tür stehen. Er öffnete ihm. Hardi, den Eino aus vielen Demos kannte, kam rein und setzte sich ohne Umstände zu den anderen, die er anscheinend auch schon alle kannte. Das wunderte Eino, denn er selbst hatte zwei der neuen Typen zuvor noch nie gesehen. Egal. „Wie wollen wir demonstrieren?“, fragte Eino. „Wogegen geht’s?“, wollte Hardi wissen. „Gegen die Gesetze zur Aufweichung der Mieterrechte.“ – „Genau“, sagte Hardi, „wir sind dagegen.“ „Wir alle sind dagegen“, antwortete Eino irritiert, „deshalb sind wir ja hier.“ Er war etwas verärgert, dass Hardi einfach auftauchte und völlig unvorbereitet war. Hardi glaubte wohl, dass er mit seiner zugegeben langen Demoerfahrung alles wettmachen konnte.

„Welche Möglichkeiten sehen wir?“ Einer der neuen, der sich als Marlon vorgestellt hatte, schlug vor, Barrikaden aufzuschichten und ein paar Autos in Brand zu setzen. „Das ist nicht schlecht“, Eino wollte nicht zu negativ sein, um das Interesse des Neulings nicht schon im Keim zu ersticken, bevor er etwas beitragen konnte, „allerdings würde ich das eher in der zweiten Phase der Revolution sehen, wenn uns die Unterstützung von breiten Bevölkerungsmassen sicher ist.“

Der Neuling nickte, Eino lächelte, denn bei manchen Leuten ergaben sich aus ähnlichen Wortwechseln abendlange Diskussionen, weil die Leute einfach nicht einsehen wollten, dass sie unrecht hatten.

Hardi sagte: „Ich denke, wir sollten eine ganz einfache spontane Eier-drauf-und-weg-Aktion daraus machen.“

Für die Neulinge erklärte Eino: „Hardi meint, wir sollten zum Parlamentsgebäude gehen, dort mit rohen Eiern und Flugblättern auf das Wachpersonal werfen und bevor die wissen, wie ihnen geschieht, wieder verschwinden.“ Eino überlegte kurz und sagte, dass er die Idee nicht schlecht fand. An der transparenten Wachkabine vor dem Parlament würden die Schlieren aus Eiweiß und Dotter bestimmt gut aussehen. Wenn er vorher ein paar ausgewählte Journalisten informieren würde, wäre das schon eine Meldung in den Abendnachrichten wert.

Marlon streckte tatsächlich die Hand aus, um seine Wortmeldung anzukündigen. „Hier gibt es keine Wortmeldung, Marlon“, sagte Eino, „du kannst einfach sagen, was du denkst.“ – „Wie wäre es, wenn wir faule Eier nehmen würden? Das stinkt noch dazu.“ Hardi schüttelte den Kopf. „Nein, das ist zu kompliziert. Man bekommt einfach keine faulen Eier. Außerdem soll das ja spontan sein und da kannst du nicht vorher Eier bunkern und faulen lassen.“ Marlon nickte, denn er hatte wieder etwas gelernt. Gleichzeitig musste es doch möglich sein, althergebrachte Demomethoden aufzufrischen. Vielleicht gab es ja eine Möglichkeit, Unterstützer zu finden.

(161) Es war heiß in der Wachkabine, obwohl das Dach kein Sonnenlicht hindurch ließ.

Es war heiß in der Wachkabine, obwohl das Dach kein Sonnenlicht hindurch ließ. Aber Derek Horn konnte das Flirren der Hitze über dem Asphalt beobachten und das alleine trieb ihm schon den Schweiß auf die Stirn. Er schaute starr auf die Digitaluhr an der Fassade des Versicherungsunternehmens gegenüber. Noch eine halbe Stunde, dann würde er abgelöst werden. Dann nach einer Stunde noch einmal zwei Stunden Wache. Dann Feierabend, zurück in die Kaserne. Und morgen wieder das gleiche. Einfach nur dastehen vor dem Parlament. Ob darin überhaupt Sitzungen stattfanden oder nicht. Einfach nur dastehen. Es war gar nicht vorgesehen, dass Derek etwas tat. Nur dastehen mit dem Sturmgewehr an der Seite. Wenn etwas passieren würde, er musste einfach da stehen bleiben. Für Einsätze gab es das Krisenteam, das im Hintergrund in Bereitschaft lag. Alles mit Kameras überwacht. Auch er. Kein Zucken entging ihnen. Er durfte nicht einmal eine Fliege aus dem Gesicht wischen. Nur aus den Mundwinkeln pusten, war toleriert. Langsam ging er ein paar Zentimeter in die Knie und spannte seine Muskeln an. Dann wieder langsam hoch, etwas strecken. Wenn er es ganz langsam tat, merkte man es nicht und doch tat es ihm gut. In zwei Wochen durfte er nach Hause gehen. Urlaub, Besuch bei Freunden. Ausschlafen, einfach nur in Jeans abhängen. Mädchen interessierten sich nicht für ihn, wenn sie hörten, dass er kaum Freizeit hatte und das noch für die nächsten 281 Tage. Warum hatte er sich nur freiwillig für die Wache am Parlament gemeldet? Dachte er, Frauen würden auf ihn zukommen und ihm ihre Telefonnummer in die Mündung seines Gewehrs stecken? Der normale Militärdienst war allerdings auch nicht anders, aber vielleicht abwechslungsreicher. Er sah wie auf der Digitaluhr wieder eine Minute vorbei war. Ansonsten gab es nichts, was er hinter der verspiegelten Fassade erkennen konnte. Es gab nichts, was er beobachten konnte. Nur der Fluss der Autos, unaufhörlich und einförmig. Es war, als ob der Standort der Wachkabine so gewählt worden war, dass es keine Ablenkung gab und er seinen Gedanken schutzlos ausgeliefert war. Es war absurd, Wache zu halten, wenn das einzige, was er nicht brauchte, Wachsamkeit war. Nur dastehen und auf die Digitaluhr schauen. Und wenn die Zeit der Ablösung gekommen war, konnte er auch nicht einfach heraustreten und gehen. Wenn sein Nachfolger nicht auftauchte, dann musste er trotzdem in der Kabine stehenbleiben. Theoretisch bis zum Sankt-Nimmerleinstag – etwas anderes war nicht vorgesehen, denn die Wachkabine musste jederzeit besetzt sein. Derek hoffte, dass Ben, mit dem er die Wachschicht teilte, pünktlich sein würde. Genauso wie Derek auch pünktlich Ben ablösen würde. Sie waren aufeinander angewiesen.

Auf der anderen Straßenseite stieg eine junge Frau aus einem dunkelblauen Wagen aus und schmiss die Tür zu. Sie weinte. Ein Streit, dachte Derek. Drama frei Haus. Die Autos dahinter hupten. Flüche und Schmähungen flogen durch die flirrende Luft. Dann fuhr der Wagen weiter. Die Frau stand auf der Verkehrsinsel und weinte immer noch. Derek fragte sich, was passieren würde, wenn er einfach aus der Kabine treten würde, über die Straße zu ihr liefe und sie in den Arm nähme.

(160) Emely Gehrke hatte Angst, wann immer sie hinter dem Lenkrad saß.

Emely Gehrke hatte Angst, wann immer sie hinter dem Lenkrad saß. Das ist ein Problem für eine 19-Jährige, die gerade ihren Führerschein machte. Mittlerweile hatte sie 73 Stunden auf ihrem Fahrschulkonto und es war immer noch kein Ende absehbar. Einmal hatte sie die Prüfung schon geschmissen, weil sie einem LKW die Vorfahrt geraubt hatte und der Fahrlehrer, Herr Schütze, mit beiden Füßen auf die Bremse treten musste. Der Prüfer hatte sich nur einmal geräuspert und sie durfte wieder zurück zur Prüfstation fahren.

Jetzt war sie wieder mit Herrn Schütze unterwegs. Stadtfahrt mit besonderem Augenmerk auf das mehrspurige Linksabbiegen. Dies gehörte zu Emelys besonderen Ängsten. Sie war immer besorgt, irgendetwas nicht zu beachten und während sie mit ihrer Angst beschäftigt war, übersah sie andere Verkehrsteilnehmer. Herr Schütze musste dann wieder bremsen und das war jedes Mal eine Schmach für sie.

„So Frau Gehrke. Bei der nächsten Ampel, vor dem Parlament, machen wir eine Kehrtwende und kommen dann auf der gleichen Straße zurück. Klar?“ Emely hatte einen trocknen Mund. Sie nickte öfters als notwendig. „Was ist das Erste, das Sie jetzt machen müssen?“ In ihrem Kopf herrschte Leere mit steigender Neigung zu Panik. „Sie müssen sich ganz links einreihen. Spurwechsel mit anderen Worten. Nein, nicht sofort. Erst mal schauen. Ist die Spur frei? Dann Blinker nach links. Dann vorsichtig rüberfahren. Aber nicht vergessen, auch nach vorne zu schauen, Frau Gehrke!“

Sie schaute auf den roten Golf, der sich vor ihr eingereiht hatte, ohne Blinker und vermutlich auch ohne zu schauen. Es hatte keinen Sinn, Herrn Schütze darauf aufmerksam zu machen.

„Schon mal langsam bremsen, Frau Gehrke. Sie sehen doch, dass die Ampel auf Rot ist.“ Das hatte sie nicht gesehen, sie hatte den roten Golf im Auge, aber nicht die Ampel. Sie blieb stehen. Sie schaute hinüber zu dem großen Sandsteingebäude, in dem das Parlament tagte. Davor, unten vor dem Aufgang stand eine Glaskabine, die nach vorne offen war. Darin stand ein Soldat in grüner Uniform mit einem Gewehr an der Seite. Auf dem Gewehr war ein langes, glänzendes Bajonett aufgepflanzt.

„Es ist grü-ün, Frau Gehrke!“ Hastig legte sie den ersten Gang ein, ließ die Kupplung aber zu schnell kommen und der Motor würgte ab. „Der Motor ist aus“, stellte Herr Schütze fest und schaute teilnahmslos nach vorne.

„Ich habe jetzt keine Lust mehr“, schrie es aus Emely heraus. Herr Schütze starrte sie erstaunt an. Bisher hatte sie noch nie die Nerven verloren. Sie riss die Tür auf und stieg aus. Sie blieb auf der Verkehrsinsel stehen und fing an zu weinen. Hinter dem Auto der Fahrschule fingen andere Fahrer an zu hupen. Emely machte keine Anstalten, wieder ins Auto zu steigen. Das Hupen wurde lauter. Kurz entschlossen hob sich Schütze auf den Fahrersitz, startete den Motor, kurbelte das Fenster runter und rief im Weiterfahren hinaus: „Bleiben Sie da stehen, ich stell nur das Auto ab!“ Dann fuhr er die Kehrtwende und suchte nach einer Haltemöglichkeit. Vor dem Parlament war das natürlich gänzlich unmöglich. Er fluchte. So etwas, war ihm noch nicht passiert.

(159) Dr. Behmenburg war klar geworden, dass seine Spielsucht überhandgenommen hatte.

Dr. Behmenburg war klar geworden, dass seine Spielsucht überhandgenommen hatte. Frau Kramer hatte sich nach ihrem Ohnmachtsanfall auf dem Ergometer wieder beruhigt und er war sicher, dass sie nicht herumtratschen würde. Sie hätte natürlich auch einen Herzinfarkt erleiden können oder in seiner Praxis sterben können. Das wäre keine gute Werbung für einen praktischen Arzt und es war auch mit seinem Berufsverständnis nicht vereinbar. Da er selbst seine Begeisterung für Pferdewetten nicht mehr im Griff hatte, brauchte er professionelle Hilfe. Er suchte eine Beratungsstelle aus, die weit genug entfernt war, dass er dort keine Bekannten oder Patienten treffen würde. Natürlich könnte er sagen, dass es ein beruflicher Besuch war, aber besser noch, es würde ihn niemand erkennen.

So kam er an einem Mittwochnachmittag in die Beratungsstelle und das nett lächelnde Mädchen am Empfang hatte ihn gebeten im Wartezimmer Platz zu nehmen. Behmenburg hatte bei der Anmeldung verschwiegen, dass er Arzt war. Im Termin würde er es erwähnen, aber nicht vorher. Aus Diskretionsgründen, aber auch weil er keine Sonderbehandlung wünschte. Er war suchtkrank und wollte genauso behandelt werden wie andere Suchtkranke. Im leeren Wartezimmer griff er sich eine Zeitschrift. Die Titelgeschichte handelte von alkoholabhängigen Frauen. Rasch überblätterte er den Artikel.

Die nächste Reportage handelte von einem Fahrlehrer, der seine Erlebnisse in einem Buch veröffentlich hatte. Behmenburg las interessiert, was Holm Schütze berichtete.

‚Jeder Fahrschüler hat eine andere Voraussetzung, die er oder sie mitbringt. Das zeigt sich am besten an der Anzahl an Fahrstunden, die notwendig sind. Mein schnellster Schüler hatte den Lappen nach 19 Fahrstunden. Das war wirklich ein Naturtalent, obwohl er mir versicherte, dass er vorher noch nie gefahren sei. Am anderen Ende der Skala eine Frau, die auch nach 211 Fahrstunden noch Schwierigkeiten hatte, die Gänge richtig einzulegen und die Rechts vor Links-Regel anzuwenden.‘

Behmenburg blickte von der Zeitschrift auf. Er hatte eine Idee. Bei einer Führerscheinprüfung kamen nacheinander mehrere Kandidaten an die Reihe. Sie hatten alle unterschiedliche Hintergründe: Für manche war es das erste Mal, andere hatten schon mehrere erfolglose Prüfungen hinter sich. Manche kamen mit wenigen Fahrstunden, andere hatten sehr viele. Auch der Prüfer hatte eine Historie: Vielleicht war er besonders streng, vielleicht auch nicht. Vielleicht hatte er eine Vorliebe für kurzberockte Mädchen, vielleicht fand er das aufdringlich und war daher besonders pingelig mit ihnen. Man könnte diese Informationen zusammenstellen und dann ein Wettbuch aufmachen, wer in dieser Prüfungsrunde bestehen würde und wer nicht. Das wäre eigentlich ein gutes Konzept für eine Fernsehsendung, dachte Behmenburg.

(158) Dr. Behmenburg hatte schon seit einiger Zeit nach dem perfekten Pferderennen gesucht.

Dr. Behmenburg hatte schon seit einiger Zeit nach dem perfekten Pferderennen gesucht. Dann fand er es. Es war das fünfte Rennen des Tages, Rennbeginn um 16:35 Uhr. Am Start waren sieben Pferde: Siesta, Anaconda, Mr. Fuji, Uliana, Texas Star Party, Input und Smart Shuffle.

Behmenburg hatte sich auf dieses Rennen konzentriert, weil alle Pferde noch recht unerfahren waren und daher die Wettquoten bis zum Rennstart stärker schwanken würden, als bei anderen Rennen. Nur Mr. Fuji war ein erfahrenes Pferd, das bereits mehrere Rennen gewonnen hatte und daher als Favorit in das Rennen ging. Da die Quoten von Mr. Fuji stabil waren, hatte Behmenburg für dieses Pferd bereits eine Wette abgeschlossen. Im Laufe des Tages hatte er auch auf Anaconda, Input und Smart Shuffle gewettet, zu Quoten, die in sein System hineinpassten.

Jetzt war es noch eine Viertelstunde bis zum Rennbeginn und Behmenburg schaute gebannt auf die Entwicklung der Quoten der drei restlichen Pferde, auf die er noch wetten musste. Wie erwartet, schwankten sie noch immer sehr stark. Auf einem separaten Bildschirmfenster hatte Behmenburg seine Kalkulationstabelle aufgerufen, die ihm sagte, wie viel er bei bestimmten Quoten wetten musste, um sicher bei der Wette einen Gewinn einzufahren. Seine Einsätze waren nicht besonders hoch, denn er wollte zuerst testen, ob sein System überhaupt funktionierte.

Nacheinander konnte er die Wetten für Siesta und Uliana abschießen. Das sah nicht schlecht aus Jetzt blieb nur noch Texas Star Party, eine zweijährige Stute. Noch zehn Minuten zum Rennbeginn. Er musste auf jeden Fall diese Wette noch abschließen, sonst war seine Position nicht vollständig abgesichert. Dafür musste nur noch die Quote für Texas Star Party steigen. Gebannt starrte Behmenburg auf den Bildschirm. Sein Mund war trocken. Irgendetwas war da noch, woran er denken sollte, aber er wischte es gedanklich weg, dafür war jetzt keine Zeit.

Plötzlich fiel die Quote für Texas Star Party dramatisch. Behmenburg war verwirrt. Dann sah er, was los war: Mr. Fuji wurde als Nichtstarter gelistet. Er kniff die Augen zusammen. Damit kam sein System nicht klar. Natürlich, warum hatte er diese Möglichkeit außer Acht gelassen. Durch den Ausfall von Mr. Fuji waren alle anderen Quoten durcheinandergeraten und damit wurde die Wette zu einem völligen Glücksspiel. Wie ärgerlich.

„Herr Doktor…, Herr Doktor…?“

Behmenburg hörte eine Stimme, die aus dem Untersuchungszimmer nebenan kam. Es war das schwache Rufen von Frau Kramer, seiner Patientin, die auf einem Ergometer saß und bei der er gerade ein Belastungs-EKG durchführte. Er hatte sie völlig vergessen. „Wie lange… muss ich denn noch… Herr Doktor?“