(138) Ein alter Leichenwagen fuhr am Hotel vorbei.

von Alain Fux

Ein alter Leichenwagen fuhr am Hotel vorbei. Nachdenklich beobachtete Albrecht Holzhäuser den amerikanischen Schlitten von seinem Balkon aus. Er saß mit aufgestützten Armen am Tisch und trank einen Schluck von dem Cuba Libre, den er sich vorhin selbst gemixt hatte. Etwas Alkohol war beim Schreiben ganz anregend für die Inspiration. Außerdem war jetzt Sonnenuntergang und damit war es offiziell erlaubt, härteren Alkohol zu trinken.

Holzhäuser hatte sich eine Auszeit von seinen sonstigen Aktivitäten genommen und war zum Schreiben nach Funchal in Reid’s Palace gekommen. 14 Tage Halbpension, Zimmer mit Balkon, auf dem er jetzt mit Schreibblock, Bleistift und Cuba Libre saß. Alles war bereit, nur die Inspiration fehlte noch. Aber so schnell ließ sich Holzhäuser nicht entmutigen. Er war Richter am Amtsgericht, zuständig für Mietsachen, unter anderem. Er hatte Geduld ohne Ende und war überzeugt, dass er seine kreativen Kräfte in die gewünschte Richtung steuern konnte. Geschrieben hatte er immer wieder einmal, aber es hatte nie genug Zeit gegeben, etwas Bedeutenderes anzupacken. An seinem 50. Geburtstag hatte er sich entschlossen, mehr Gewicht auf das Schreiben zu legen und im Beruf künftig auch so faul zu sein, wie viele seiner Kollegen. Das würde ihm ausreichend Zeit verschaffen.

Um seiner kreativen Karriere den notwendigen Anschub zu geben, hatte er sich für das Refugium auf Madeira entschieden. Hier hatte schon Churchill genug Muße gefunden, um seine Malerei weiter zu entwickeln. Wenn es gut laufen würde, könnte er seinen Aufenthalt verlängern. Theoretisch auch über die angepeilten drei Monate hinaus, denn es war unwahrscheinlich, dass ein Amtsarzt nach Madeira vorbeikommen würde, um die Rechtmäßigkeit der Krankmeldung zu überprüfen. Aber so weit war er noch nicht. Bisher hatte er nur Ideenfetzen notiert und es war nichts dabei, was es wert schien, weiter ausgearbeitet zu werden.

Der Leichenwagen hatte interessant ausgesehen, dachte Holzhäuser und schmeckte dem Cuba Libre nach. Expats, die in der Ferne starben und dann im verplombten Sarg nach Hause geschickt werden. Kurz streifte seine Fantasie die Implikationen bei Mietverträgen, wenn Mieter vor Vertragsende starben… Er verdrängte den Gedanken erfolgreich mit einem Schluck aus dem hohen Cocktailglas. Allerdings musste Holzhäuser sich gestehen, dass er keine Expats kannte und auch gar nicht wusste, was sie so bewegte. Vielleicht eher etwas Gewöhnliches, das ihm bekannt war und aus dem sich etwas Außergewöhnliches entwickelte. Vor einigen Jahren war Holzhäuser für ein paar Monate einem Männerchor beigetreten. Das war vielleicht ein Aufhänger. Den Chor hatte er wieder verlassen, weil es wirklich sehr gewöhnlich zuging. Vielleicht könnte man aber auch alles miteinanderverbinden. Ein Expat, der zu einem Chor von Einheimischen stößt… Was könnte da passieren? Ein möglicherweise interessanter Ansatz, befand Holzhäuser und goss sich Rum und Cola nach. So ähnlich musste sich Hemingway gefühlt haben, dachte er. Die Sonne verschwand ganz unter der Horizontlinie.

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