(134) Prof. Ottmar Waldenbrück war wieder in Kinshasa.

von Alain Fux

Prof. Ottmar Waldenbrück war wieder in Kinshasa. Seine Feldforschungen der vergangenen drei Wochen waren sehr anstrengend gewesen. Erst jetzt, als er wieder im Venus Hotel eingecheckt hatte und frisch geduscht war, fühlte er so etwas wie Zuversicht in sich. Waldenbrück war Käferexperte und sein Spezialgebiet waren die Eudicella gralli, eine grünbraune Käferart, die in Zentralafrika sehr verbreitet war. Normalerweise waren die Tiere nur maximal 4 Zentimeter groß.

Sein Erstaunen war maßlos gewesen, als ihm ein Einheimischer ein Exemplar gezeigt hatte mit einer Größe von 122 Millimetern. Waldenbrück konnte zuerst nicht sprechen, als er den Käfer in Händen gehalten hatte. Als er wieder reden konnte, fragte er, wo das Tier herkam. Der Mann zeigte ihm auf der Karte einen Ort im Osten von Zaire, etwa 200 Kilometer nördlich von Goma.

Noch am gleichen Tag fing Waldenbrück mit den Reisevorbereitungen an, er wollte unbedingt der Erste sein, der über 10 Zentimeter große Eudicella gralli in freier Natur fand. Leider gab es zu dieser Zeit eine Art Bürgerkrieg in dem Teil von Zaire. Das fand Prof. Waldenbrück ärgerlich. Es schien unmöglich zu sein, bis dorthin zu gelangen, zumindest nicht, solange die Kämpfe tobten. Waldenbrück war deprimiert.

Dann traf er im Hotel einen Amerikaner namens Oliver Moller, der ihm erzählte, dass er mit einer ganzen Gruppe auf dem Weg nach Goma sei. Waldenbrück erzählte ihm, von seiner misslichen Lage und es stellte sich heraus, dass sie beide fast auf den Kilometer genau das gleiche Ziel hatten. Waldenbrück fragte, ob er die Gruppe begleiten könnte. Als Moller zögerte, bot Waldenbrück ihm Geld an. Moller nahm an und bereits am nächsten Tag war Waldenbrück mit dem Söldnertrupp in einem Transporthubschrauber unterwegs nach Goma. Die Söldner fragten ihn nicht, was er genau dort machen wollte und Waldenbrück stellte auch keine Fragen. Vom Flughafen in Goma ging es weiter mit Jeeps. Waldenbrück musste jetzt einen Kampfanzug in Flecktarn anziehen, worauf Moller bestanden hatte.

Nach einiger Zeit kamen sie in ein Dorf und trafen sich mit einem älteren Mann, der die Gemeinschaft vertrat. Er erzählte ihnen von großem Unglück. Es gab ein Rodungsprojekt in der Nähe, bei dem alle Männer des Dorfes arbeiteten. Er zeigte den Punkt auf der Karte und Waldenbrücks Herz setzte fast aus, als er erkannte, dass genau dies der Ort war, an dem sich die Eudicella gralli Waldenbrueckensi, so hatte er sie bereits benannt, befanden. Die Käfer würden Geschichte sein, bevor Waldenbrück sie entdeckte. Doch dann fuhr der Mann mit seiner Erzählung fort. Er sagte, dass die Rodung gestoppt sei, weil es einen Ausbruch von Ebola gab und über die Hälfte der Männer bereits gestorben sei. Die restlichen waren voraussichtlich infiziert. Das Wort ‚Ebola‘ machte unter den Söldnern die Runde und so mancher kam dabei ins Schwitzen. Sie waren auf den Krieg geeicht, aber mit einem tödlichen Virus wollten sie den Kampf nicht aufnehmen. Da sie nur im Einsatzfall bezahlt wurden, war der Ebola-Ausbruch keine gute Nachricht für sie. Waldenbrück hingegen frohlockte, denn Ebola hatte keinen Einfluss auf die Eudicella gralli. Seine Käfer waren sicher.

Er fuhr mit den Söldnern wieder zurück nach Kinshasa und beschloss, das Ende der Epidemie abzuwarten. Die Söldner hatten das Gleiche vor und zusammen konnten sie im Venus Hotel einen Sonderpreis für ihre Gruppe aushandeln.

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