(131) Hoffentlich würde sich Charlotte am Vortag ihrer Hochzeit nicht verspäten…

von Alain Fux

Hoffentlich würde sich Charlotte am Vortag ihrer Hochzeit nicht verspäten, dachte Vanessa Olberz, die designierte Brautjungfer. Sie wartete vor dem Hotel, in dem Charlotte zusammen mit ihr noch die Dekoration der Hochzeitstafel besprechen wollte. Wenigstens war es warm draußen und Vanessa genoss es, vor dem Eingang im Schatten zu stehen. Sie hielt Ausschau nach dem Mini ihrer Freundin und bemerkte den Hoteldiener, der einen Hund ausführte, erst, als dieser sie fast anrempelte. Er entschuldigte sich und ging weiter. ‚So eine Rasse habe ich ja noch nie gesehen‘, dachte Vanessa. ‚Ganz ohne Fell, eklig. Wenigstens war das Vieh an der Leine. Was die Hundezüchter sich alles einfallen lassen…‘.

Vanessa war innerlich sehr aufgewühlt. Sie hatte sich Charlotte für diese Besprechung fast aufgedrängt, denn sie hatte etwas auf dem Herzen. Bisher hatte sie sich nicht getraut, es zu sagen. Und es wurde immer schwerer. Sie kannte den Bräutigam, Enrico Schwenk, besser als Charlotte ahnte. Allerdings war es sehr harmlos. Einerseits. Sie hatte Enrico kennengelernt, bevor Charlotte dies tat. Sie waren für ein paar Wochen ein Paar gewesen und dann hatte Vanessa keine Lust mehr gehabt. Enrico und sein bester Freund, Holger Ditzel, den sie auch kennengelernt hatte, waren in Vanessas Augen von schlichtem Gemüt. Außerdem war Enrico, trotz des feurigen Namens, eine Lusche im Bett. Holger wahrscheinlich auch, aber diesen Versuch hatte sie nicht unternommen. Die Beziehung war also aus und dann kam Charlotte mit Enrico um die Ecke, wie ein Knochen, den sie im Hinterhof ausgegraben hatte. Das wäre natürlich der richtige Zeitpunkt gewesen, es ihr zu erzählen. Das wusste auch Vanessa. Aber sie hatte keine Lust gehabt und ehrlich gesagt, war es nicht zu erwarten, dass sie den Rohrkrepierer auch noch heiraten würde. Völlig absurd war das.

Vanessa sah Charlotte schon Weitem. Sie war groß, schlank und hätte, in Vanessas Meinung, jeden Typen haben können. Vanessa winkte, Charlotte winkte zurück.

Die ganze Zeit über hatte Vanessa nichts gesagt. Enrico auch nicht, vielleicht aus ähnlichen Gründen. Mittlerweile wäre es oberfaul, Charlotte davon zu erzählen. Sowohl für Vanessa, als auch für Enrico. Sie hoffte, dass auch Holger die Klappe halten würde. Wenn sie daran dachte, dass es nach der Hochzeit vielleicht noch sehr lange so weitergehen könnte, wurde ihr ganz flau im Magen. Was würde passieren, wenn sie jetzt Charlotte auf einen Kaffee einlud und ihr die Geschichte beichten würde? Ihr würde Charlotte vielleicht verzeihen, denn die Situation war nachvollziehbar. Aber würde sie Enrico verzeihen? Die Situation war Dynamit und konnte die Hochzeit noch zum Platzen bringen.

Vanessa lächelte Charlotte an, die etwas echauffiert vor ihr stand und sich für die Verspätung entschuldigte. „Macht nichts“, sagte Vanessa, „es läuft nichts weg.“

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