(130) An einem Tag im Mai setzte bei Rudger Ney der Verstand aus und er hielt sich für einen Hund.

von Alain Fux

An einem Tag im Mai setzte bei Rudger Ney der Verstand aus und er hielt sich für einen Hund. Dummerweise geschah es in einem Hotel und er war weder angeleint noch wurde er von einer Aufsichtsperson begleitet. Es geschah im dritten Stock, vor Zimmer 317. Dort stand eine große Vase mit einem Fliederbusch. Im Vorübergehen erhaschte Ney eine Nase voller Blütenduft und dann war es um ihn geschehen. Er riss sich die Kleider vom Leib und drapierte sie in den Fliederstrauß hinein. Dann hockte er sich auf alle viere vor die Vase, schnüffelte an der kühlen Keramikoberfläche, hob das rechte Bein und urinierte dagegen. Er schnüffelte noch einmal und sah dann erstaunt erfreut zu Frau Reimer hoch, die gerade die Tür von Zimmer 317 öffnete, weil sie ihren Mann aus der Fangotherapie abholen wollte. Sie sah den nackten Ney, gab einen spitzen Schrei von sich und schlug die Tür wieder zu. Das Türenschlagen hämmerte in Neys Hirn hin und her und er sagte sich, dass es besser war, jetzt zu gehen. Während Frau Reimer mit zittrigen Händen die Nummer der Rezeption wählte, ging Ney würdevoll auf allen vieren in Richtung Treppe. Weil es ihn amüsierte, setzte er sich mit dem Rücken nach unten auf die Treppe und stieß sich kontrolliert, Absatz für Absatz, die Treppe hinunter, das Hinterteil nach unten, die Beine hinter sich herziehend. So gelangte er zur zweiten Etage, wo ein Paar mittleren Alters ihm mit geöffnetem Mund zuschaute. Er sagte freundlich „Wuff“, sie verharrten aber nur in ihrer Pose, als ob sie aus Gips seien. Erst als Ney auch am Hosenbein des Mannes sein Revier markieren wollte, schlug dieser ihm mit dem Regenschirm in den Rücken. Ney heulte auf, wollte es aber nicht darauf ankommen lassen und bewältigte die nächste Treppe in das erste Stockwerk auf allen Vieren. Dort kam ihm aus der Lobby der Hausdiener entgegen. Der Empfangschef hatte ihn geschickt, um die Beobachtungen von Frau Reimer zu überprüfen. Man war ja an seltsame Gäste gewohnt und so waren zunächst sowohl der nackte Mannshund als auch die geisterhundesehende Frau mögliche Ausprägungen der Wirklichkeit. Der Hausdiener hatte für die Hundevariante eine Leine mit Halsband mitgebracht und für die andere ein Fläschchen Riechsalz, denn das brachte alle Frauen wieder zur Besinnung.

Ney knurrte den Hausdiener an und verkroch sich rückwärts in eine Nische im Treppenhaus. Das war taktisch ganz falsch, denn damit hatte der Hausdiener Ney unter Kontrolle. Er überlegte, was er machen konnte und da ihm nichts Besseres einfiel und er sich unter den Blicken der mittlerweile angesammelten Hausgäste spürte, legte er Ney kurz entschlossen das Halsband um den Hals und klinkte die Leine ein. Ney wollte sich zuerst nicht bewegen und es kostete den Hausdiener ein paar kräftige Züge an der Leine, bis er seine Autorität bewiesen hatte. Ney folgte ihm schließlich. Sie stiegen die Treppe hinunter in die Lobby. Da zumindest an dieser Stelle dem Leinenzwang für Hunde aller Größen im Hotel Folge geleistet war, verlor die Szene für die anderen Hotelgäste nunmehr an Interesse. Der Hausdiener führte Ney durch die Lobby zum Ausgang und dann nach rechts in den kleinen Hotelpark, in den er normalerweise immer Hunde von Hotelgästen ausführte. An dem großen Kastanienbaum ließ er Ney den Hinterlassenschaften anderer Hunde nachschnüffeln, bevor dieser schließlich selbst das Bein hob und seine Marke hinterließ.

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