(128) Der Löwe Sultan war die Hauptattraktion im Safaripark Metzengerstein.

von Alain Fux

Der Löwe Sultan war die Hauptattraktion im Safaripark Metzengerstein. Seine prächtige Mähne und der schwungvolle Schwanz mit der buschigen Quaste waren ein Hingucker für alle Besucher, die mit ihrem Wagen in den Park hineinfuhren. Sultans rechtes Oberlid hing herunter und gab ihm einen etwas seltsamen Gesichtsausdruck, aber aus der normalen Distanz, aus der Löwen beobachtet werden, nahmen es die Gäste kaum wahr.

Als Sultan etwa 17 Jahre alt war, fing er plötzlich an, sich immer wieder am Darmausgang zu lecken. Der Direktor des Safariparks war darüber nicht begeistert und deshalb wurde Sultan eines Tages mit einem Betäubungspfeil eingeschläfert und von einem Tierarzt untersucht. Dieser fand, dass Sultan unter Hämorrhoiden litt, und verschrieb dem Löwen eine entsprechende Salbe. Der für Sultan zuständige Pfleger war Gerd Korn. Er kümmerte sich schon seit über 10 Jahren um das Tier. Er war es, der vom Tierarzt in der Behandlung der Hämorrhoiden unterwiesen wurde. Die erste Anwendung erfolgte, noch während Sultan betäubt war. Danach sollte der Schließmuskel einmal am Tag mit der Salbe eingeschmiert werden, voraussichtlich für eine Dauer von 14 Tagen.

Korn war ein Mann wie ein normannischer Kleiderschrank. Es gab im Safaripark bestimmt keinen Mitarbeiter, der Tiere mehr liebte als er. Er hatte keine Angst vor Sultan, war aber erst einmal ratlos, als der Veterinär ihm seine künftige Aufgabe erklärte.

Es war Korn sofort klar, dass der Löwe nicht jeden Tag betäubt werden konnte. Zuerst überlegte er, ob er eine mit Salbe bestrichene Bürste an einen langen Stab montieren konnte, um dann Sultan aus einem sicheren Auto heraus einzuschmieren. Ein Versuch ohne Löwe zeigte aber, dass ein genaues Handhaben der Salbe mit dieser Methode nicht funktionierte. Bei einem wachen und um seinen Schließmuskel besorgten Löwen würde es noch schwieriger werden.

Der nächste Tag kam und Korn hatte immer noch keine Idee. Der Löwe war natürlich längst wieder wach und bewegte sich in seinem Revier. Korns Problem hatte sich herumgesprochen und alle warteten gespannt darauf, wie er es lösen würde. Sogar der Direktor ließ sich über Korns Aktionen auf dem Laufenden halten.

Um zwölf Uhr Mittag stand Sultan ganz entspannt im Schatten der großen Eiche. Korn beschloss, den Löwen im wahrsten Sinne des Wortes am Schwanz zu packen. Er fuhr mit dem Jeep bis unter den Baum und stieg aus. Soweit war das kein Problem, denn generell akzeptierte Sultan Korns Präsenz ohne Zeichen der Unruhe. In der rechten Hand hielt der Pfleger den Topf mit der Salbe und schraubte mit der linken den Deckel ab. Er tauchte seine linke Hand in die Salbe und entnahm eine ausreichende Menge, wie ihm der Tierarzt gezeigt hatte. Den Topf samt Deckel stellte er auf den Kotflügel des Jeeps. Korn sprach ganz ruhig mit dem Löwen, während er sich ihm näherte. Sultan war immer noch ruhig. Korn streichelte den Rücken des Tieres, als er neben ihm stand. Nach und nach verlagerte er das Streicheln immer weiter nach hinten, dann bis hin zum Schwanz. Langsam hob er den Schwanz des Löwen und schmierte dann ruhig aber bestimmt die Salbe mit seiner linken Hand auf Sultans Schließmuskel. Der Löwe erschrak, sein Becken zitterte und dann machte er einen Satz nach vorne. Korn blieb ruhig stehen. Der Löwe merkte wie die Kühle der Salbe seine wieder einsetzenden Beschwerden linderte und beruhigte sich wieder.

Nachher sagte Korn, dass es ein Klacks gewesen sei. Aber in Wirklichkeit hatte er großes Herzklopfen, als er Sultan einschmierte. Es war gut gegangen, aber noch keine Garantie, dass die nächsten 13 Mal genauso problemlos verlaufen würden.

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