(127) Bei dem Gefangenen Milke war Gerald Klupsch immer besonders vorsichtig.

von Alain Fux

Bei dem Gefangenen Milke war Gerald Klupsch immer besonders vorsichtig. Nicht, dass er Milke selbst für besonders gefährlich hielt, aber er wollte es nicht riskieren, dass Milkes Bande plötzlich bei ihm zuhause auftauchte und sich für irgendeine Unachtsamkeit rächte. Deshalb hatte er Milke auch ohne Umschweife zum Anstaltsarzt gebracht, als dieser danach verlangte. Eigentlich hätte Klupsch vorher über die Direktion gehen müssen, aber der Direktor gab bei Milke eh‘ immer grünes Licht.

Danach hatte Klupsch Pause und saß im Gemeinschaftsraum der Gefängniswärter. Als Schutz vor seinen schmerzenden Hämorrhoiden hatte er sich ein Kissen untergelegt. Vor ihm lag die Bild-Zeitung ausgebreitet. Gerade las er einen Artikel mit dem Titel „Wiedergeburt – was ist dran?“ ‚Gar nichts‘, dachte Klupsch. Er war zwar katholisch erzogen worden, aber schon bald nach seinem Eintritt in den Staatsdienst aus der Kirche ausgetreten. Wenn du im Gefängnis arbeitest, verlierst du den Glauben, hatte er einem Cousin mal gesagt. Der ganze religiöse Hokuspokus schien ihm wie eine Maßnahme, um die Menschheit in einer Art Gefängnis zu halten. Feste Regeln, genau wie in der JVA. Natürlich musste es Regeln geben, ganz besonders in der JVA. Aber bei der Religion ging es ja nicht um Bestrafung, sondern, ja worum wohl?

Trotzdem las Klupsch weiter. Der Artikel berichtete über Hindus, für die Wiedergeburt ein zentrales Thema war. Zwei Sätze las er mehrmals: ‚Wie einer handelt, wie einer wandelt, ein solcher wird er. Aus guter Handlung entsteht Gutes, aus schlechter Handlung entsteht Schlechtes.‘ Dem konnte Klupsch folgen, denn das Gefängnis war ja ein lebender Beleg für diese Aussage. Wer gute Taten vollbrachte, wurde im nächsten Leben mit einer höheren Existenz belohnt. Wer schlechte Taten vollbrachte, der wurde als niedere Kreatur wiedergeboren. Als Hund vielleicht, als Fliege oder als Schabe zum Beispiel. Für Klupsch klang das wie das Strafvollzugsgesetz. Bei guter Führung erhielt der Gefangene Vollzugslockerung wie Hafturlaub, Freigang oder eine Außenbeschäftigung. Ansonsten gab es Disziplinarmaßnahmen nach §103 des Strafvollzugsgesetzes, bis hin zu Arrest. Früher gab es bei den Disziplinarmaßnahmen freilich noch andere Möglichkeiten, bei denen so mancher sich gewünscht hätte, als Fliege wiedergeboren zu werden. Aber heute war das ja anders.

Klupsch fragte sich, ob er in einem künftigen Leben eher befördert oder heruntergestuft würde. Für beide Varianten fielen ihm Begründungen ein. Überhaupt, was wäre schon eine höhere Existenz? Klupsch war sich im Klaren, dass Gefängniswärter nicht allgemein als Traumjob anerkannt wurde, aber irgendwie hatten alle Jobs ja ihre Nachteile. Würde er bei guter Führung als Gefängnisdirektor wiedergeboren? War der jetzige Direktor ein wiedergeborener Innenminister?

Diese Fragen beschäftigten Klupsch noch weiter, als seine Lider schwer wurden und sein Kopf leicht nach vorne sackte. Von hinten sah er aus, wie jemand der entspannt die Zeitung las. Von vorne sah er aus wie ein Gefängniswärter, der eingeschlafen war und dessen fülliger Bauch ihn davor bewahrte, den Kopf auf die Tischplatte zu legen.

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