(126) Nachdem Lehmann seine Strafe erhalten hatte, fühlte sich Milke unwohl.

von Alain Fux

Nachdem Lehmann seine Strafe erhalten hatte, fühlte sich Milke unwohl. Es war, als ob er um den Magen herum mit Luft gefüllt war und diese auf sein Herz drückte. Der Stress, hatte ihm der Anstaltsarzt erklärt. Er versteckte sein Leiden vor den Mitgefangenen, nahm aber wieder nicht am Umschluss teil, diesmal aus freien Stücken. Er wollte alleine sein und ohne Zuschauer und –hörer auf dem Klo sitzen, um sich Erleichterung zu verschaffen. Seltsamerweise war es gerade seine in vier Wochen bevorstehende Entlassung, die ihn stresste. Mehr noch als das psychologische Experiment, das nichts mit ihm zu tun hatte. Nur mit dem Kindsmörder Kugelmann und dem Hosenschisser. Egal was diese Psychoheinis sich alles ausdachten, da kam man einfach nicht mehr mit. Sie sollten sich am besten selbst behandeln. Die Abreibung für Lehmann war aber trotzdem eine gute Idee gewesen.

Nein, was Milke besonders stresste, war der Zwang zur Rache, der auf ihm lastete. Es hatte sich herumgesprochen, dass er von seiner Frau verpfiffen worden war. Milke glaubte nicht, dass Flora es getan hatte, aber das spielte keine Rolle mehr. In der ganzen Bande draußen, das hatten ihm unabhängig voneinander mehrere Besucher erzählt, war es die unumstößliche Erkenntnis, dass Flora ihn an die Bullen ausgeliefert hatte. Dagegen konnte sich Milke nicht stemmen, er musste es akzeptieren. Persönlich glaubte er, dass er selbst einige Fehler gemacht hatte und die Polizei einfach keine andere Wahl hatte, als ihn zu verdächtigen. Der Staatsanwalt hatte ein Leichtes, ihn anzuklagen und Beweise dafür vorzulegen, die dem Richter das Urteil praktisch vorgaben. Eine unglückliche Verkettung von Umständen. Flora hatte damit nichts zu tun. Aber draußen lieferten seine Kumpane gleich auch das Motiv mit: Sie hatte eine Affäre mit einem Bürgerlichen angefangen und wollte ihren Mann daher loswerden. Milke konnte sich vorstellen, dass Flora einen Geliebten hatte. Sie war nicht gerne alleine und er war nun mal nicht da. Dafür war Edgar Jankowski an ihrer Seite. Ein Buchhalter, hatte man ihm gesagt.

Immer wieder war Milke seine Optionen durchgegangen. Er war zu alt, um seinen Beruf zu wechseln, sogar wenn er es wollte. In seinem Job war Selbstachtung die Vorbedingung für jeden Respekt, den er einfordern konnte. Ohne Selbstachtung kein Respekt und ohne Respekt war sein Job nicht möglich. Kurzum, er musste Flora und Jankowski umbringen. Es ging nicht anders. Er konnte es auch nicht in Auftrag geben und von seinen Leuten ausführen lassen, dafür war es zu persönlich. Alle wussten, dass er nach seiner Entlassung zur Tat schreiten würde. Flora schien keine Vorahnung zu haben, zumindest hatte er bei ihren Besuchen nichts davon erkennen können. Es machte auch keinen Sinn, sie zu warnen und zur Flucht aufzufordern, denn dann müsste er sie auch noch suchen, finden und dann ermorden. Das machte es auch nicht besser und kostete dazu noch Kraft. Grimmig stand er auf und zog die Hose hoch. Er würde den Anstaltsarzt aufsuchen müssen und ihn um ein Abführmittel bitten.

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