(125) Bodo Milke lag auf dem obersten Stockbett und blätterte nervös im Hustler.

von Alain Fux

Bodo Milke lag auf dem obersten Stockbett und blätterte nervös im Hustler. Es war ein neues Magazin, das er sich eigentlich für eine besondere Gelegenheit hatte aufheben wollen. Aber jetzt vergeudete er die Attraktivität neuer, ihm noch unbekannter Bilder von entblößten Frauen, um seine Nervosität zu überspielen. Dabei half es ihm nicht einmal. Genauso gut hätte er eine vergilbte Ausgabe des ADAC-Magazins durchblättern können. Er verstand nicht, warum er nicht in den Fernsehraum durfte. Es gab sonst nie irgendetwas in der Vollzugsabteilung, an dem er nicht teilnahm. Was ging da vor sich? Der dicke Gefängnisschließer hatte etwas von einem psychologischen Experiment gemurmelt, aber gerade das war nicht beruhigend für Milke. Ging es darum, seine Stellung innerhalb der Abteilung zu destabilisieren? War das das Experiment? Milke schüttelte seine langen schwarzen Locken aus. In ihnen sah er so etwas wie seine Häuptlingswürde. Die anderen Insassen waren sein Stamm und er kümmerte sich um sie. Er verhandelte die Haftkonditionen. Wenn es sein musste, auch mit dem Gefängnisdirektor, diesem aalglatten Heini, der einem nie einen Satz sagen konnte, in dem er nicht drei Hintertüren eingebaut hatte. Milke befühlte seinen Schnurrbart. Vielleicht sollte er ihn an den Enden etwas trimmen. Das sah entschlossener aus, als wenn die Enden so undefiniert in verschieden langen Einzelhaaren endeten.

Wer sollte denn überhaupt seine Position einnehmen? Es waren doch alle gehemmt. Ohne dass ihnen jemand sagte, wo es lang ging, würden die noch nicht einmal Mittag bei zwölf Uhr finden. Lehmann, der Raubmörder, könnte vielleicht auf falsche Gedanken kommen. Vielleicht war er in letzter Zeit Lehmann gegenüber zu nachsichtig gewesen. Ein psychologisches Experiment. Sie waren doch keine Meerschweinchen! Auf jeden Fall würde er sich vorsorglich Lehmann vorknöpfen, bevor dieser irgendwelche Ansprüche entwickelte. Am besten, er ließ Lehmann ohne Begründung mal tüchtig durchprügeln. Es war nicht notwendig, dass Milke sich dafür einen Grund ausdachte. Irgendetwas war immer und Lehmann würde schon wissen, warum er die Abreibung erhielt. Am besten gleich am nächsten Tag, damit etwaige Effekte des psychologischen Experiments keine Chancen hatten, sich festzusetzen. So würde er es machen. Außerdem sollte er mal wieder mit dem Direktor sprechen. Wenn irgendetwas Seltsames in der JVA vor sich ging, dann wusste der das. Milke sagte sich, dass er sein Netzwerk besser pflegen sollte. Er war in seiner Position auf Verbündete angewiesen und es ging halt nicht, ohne ständig auf der Hut zu sein. Dann befühlte er wieder seinen Schnurrbart. Bevor die anderen Pfeifen aus dem Umschluss zurückkamen, wollte er die Enden noch trimmen. Niemals nachlässig werden, dachte er. Das wäre der Anfang vom Ende.

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