(124) Sven Lehmann wusste, dass er ein Omegamännchen war.

von Alain Fux

Sven Lehmann wusste, dass er ein Omegamännchen war. Natürlich hätte er diesen Begriff nicht verwendet, eher hätte er hinter dieser Bezeichnung einen Schnaps vermutet. Dass er sich aber in der Vollzugsabteilung C3 in der Hackordnung ganz unten befand, war ihm klar. Hier herrschte uneingeschränkt Bodo Milke. Instinktiv hatte Lehmann schon an seinem ersten Tag in der JVA verstanden, dass es in seinem besten Interesse war, die Wünsche von Milke zu erfüllen, koste es was es wolle. Lehmann sah sich selbst sehr weit unten in der Hierarchie. Kugelmann, der Kindsmörder stand noch tiefer und Hiepler, der Hosenschisser, war außer Konkurrenz, dieser Narr. Da Milke bei allen sozialen Gelegenheiten das Geschehen bestimmte, hatte Lehmann keine Erfahrung mit einer Situation, in der er der Ranghöchste war. Und doch genau das passierte eines Tages, als man ihn und noch zwei andere Omegamänner zusammen mit dem Kindsmörder und dem Hosenschisser in den Fernsehraum brachte. Lehmann war ratlos und immer wenn er ratlos war, wartete er ab. Irgendetwas würde sich ergeben und die Aktionen der Gruppe beeinflussen. Es passierte aber nichts. Die beiden anderen Omegamänner waren wohl in der gleichen Situation und hatten keine Erfahrung, wie sie sich verhalten sollten. Kugelmann war normalerweise nie in irgendwelchen Gruppen, da es in seinem Beisein immer zu Aggressionen kam. Nur Hiepler war sorglos, denn er nahm an den sozialen Interaktionen sowieso nie aktiv teil. Im Fernsehen lief eine Tierdokumentation über ein Murmeltier in den Alpen. Anfangs war es Sommer und der blaue Himmel wölbte sich über sonnenbeschienene Almwiesen. Dann kamen die Herbststürme und graue Wolkenformationen warfen Schatten auf die haarigen Nager. Lehmann fand den Film langweilig. Normalerweise hätte er sich an Milke orientiert, um zu bestimmen, ob ihm der Dokumentarfilm gefiel. Manchmal fand Milke auch in Kleinigkeiten etwas Besonderes. Ohne Milke war die Sendung für Lehmann nur langweilig. Irgendwann sagte er zum Spaß und um die Stimmung aufzulockern, zu Hiepler „Hosenschisser!“ Das machte Milke öfters auch, wenn ihm nichts andere einfiel und er sich bemerkbar machen wollte. Ein salopp dahingeworfenes „Hosenschisser!“ und alle feixten, auch Hiepler. Das tat er auch jetzt, denn es zählte mittlerweile zu seinen Reflexen. Kugelmann sah das anders. Er hatte keine Erfahrung mit diesen gruppendynamischen Ansätzen und hatte in den Tagen mit Hiepler eine Art Zugehörigkeit zu seinem Zellengenossen entwickelt. Wenn man ihn selbst schmähte, dann hatte Kugelmann kein Problem damit, denn er fand selbst, dass er Strafe verdiente, für das, was er angestellt hatte. Aber er wollte nicht, dass man seinen Mithäftling so behandelte. Als Lehmann lächelnd und ohne böse Hinterabsichten noch einmal „Hosenschisser“ sagte, sprang Kugelmann auf und begann Lehmann mit Schimpfworten aus der Fäkalschublade anzuschreien. Dann ging er ihm ohne weitere Vorwarnung an die Gurgel. Den beiden anderen Omegamännern fehlte ebenfalls eine geistig-moralische Führung. In dieser Situation wäre es möglich gewesen, dass Milke die beiden Streithähne weiterprügeln ließ oder sie trennte, um dann beide zu züchtigen. So wussten die Omegamänner zuerst nicht, was sie unternehmen sollten. Einer wollte Kugelmann festhalten, erwischte aber einen Tritt in die Eier. Erst als die Wärter kamen und Kugelmann mit dem Knüppel umnieteten, wurde es ruhig im Fernsehraum. Mit Bodo Milke im Raum wäre so etwas nie passiert.

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