(123) Im Fernsehraum der JVA roch es nach feuchtem Achselschweiß.

von Alain Fux

Im Fernsehraum der JVA roch es nach feuchtem Achselschweiß. Frau Kübler wertete das heiße Wetter als einen erschwerenden Faktor, da erfahrungsgemäß das Aggressionsniveau an solchen Tagen höher war. Bei der Auswahl der Häftlinge, mit denen Kugelmann und Hiepler am ersten Tag zusammentrafen, hatte sie dies berücksichtigt. Die Alpha- und Betatiere der Abteilung hatte sie fernhalten können und so waren in dem Fernsehraum nur Omegamännchen aus der Abteilung wie Kugelmann und Hiepler selbst.

Der Fernsehraum war mit einer Überwachungskamera ausgestattet, sodass sie die Vorkommnisse vom Sicherheitskontrollraum aus beobachten konnte. Allerdings gab es nur Bild, keinen Ton. „Datenschutz“, hatte der stellvertretende Direktor achselzuckend gemeint. Er sah aus, als ob er auch lieber zum Zelten in die Eifel gefahren wäre. Klupsch, ein etwas übergewichtiger Vollzugsbeamter, mit dem Frau Kübler im Kontrollraum saß, war hingegen fatalistisch unaufgeregt. „Wenn sie sich gegenseitig umbringen, ist es um keinen schade“, sagte er Frau Kübler beruhigend und schaute dabei auf ihren Busen. Sein rechtes Lid hing herab und verdeckte einen Teil des Auges. Sie entschied sich, Aussage und Blick zu ignorieren. Im Zweifel hatte der urlaubende Anstaltsdirektor die gleichen Ansichten und sie konnte es sich nicht mit ihm verderben, sie brauchte seine Unterstützung.

Zuerst passierte nichts. Die Kamera schaute über die Rücken von Kugelmann und Hiepler direkt in die Gesichter der drei Omegamänner, die man nach den zwei Versuchskaninchen in den Fernsehraum gelassen hatte. Auf den schwarz-weißen Bildschirmen sah es aus, als ob die Omegamännchen sich ganz normal mit Kugelmann und Hiepler unterhielten. Der Vollzugsbeamte packte eine Stulle aus und fragte Frau Kübler, ob sie ein Stück abhaben wollte. Etwas angewidert schaute sie auf das hingehaltene Brot und lehnte ab. Er zuckte mit den Schultern und biss hinein. Das Brot war mit Knoblauchsalami belegt. Leider gab es im Kontrollraum kein Fenster. Frau Kübler fühlte, dass sie gestresst wurde. Normalerweise atmete sie dann durch die Nase ein und durch den Mund aus. Angesichts des Knoblaucharomas war dies nicht möglich. Sie würde es durchstehen müssen.

Als sie trotz der Ablenkung wieder auf den Kontrollschirm schaute, hatte sich etwas im Fernsehraum geändert. Kugelmann hatte sich erhoben und schien auf einen der anderen Omegamänner einzuschreien. Hiepler saß da und machte ein paar Gesten, die Frau Kübler so interpretierte, dass er die Gemüter beruhigen wollte. Sie fragte den Beamten mit der Stulle, ob man das Experiment abbrechen sollte. Klupsch zuckte wieder mit den Schultern und sagte mit vollem Mund „Ihr Baby, Frau Doktor.“ Sie war nicht Doktor und normalerweise verbesserte sie die allzu häufig verwendete Anrede. Aber diesmal blieb keine Zeit.

Kugelmann hatte einen Omegamann am Kragen gepackt und schien ihn zu würgen. Dann stand ein anderer Omegamann auf und wollte Kugelmann von hinten packen, bekam aber einen Fußtritt in die Weichteile. Hiepler schaute etwas unbeteiligt weg. Während Frau Kübler wie versteinert auf den Schirm starrte, hatte Klupsch den Alarmknopf gedrückt und per Funk die Kollegen aus der Vollzugsabteilung C3 in das Fernsehzimmer beordert. Zwei Mann traten ein und einer davon schlug Kugelmann den Gummiknüppel übers Kreuz. Geistesabwesend griff Frau Kübler zu der abgelegten Stulle und biss hinein.

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